Frauen und LGBTI*

Diskussion mit Kristina Hänel in den Münchner Kammerspielen: Weg mit §219a!

Vor 250 Personen diskutierten letzten Freitag drei der prominentesten Figuren der aktuellen Abtreibungsdebatte in Deutschland über die derzeitige Situation. Dabei ergaben sich interessante Einblicke in bisherige Kämpfe, es zeigten sich aber auch die Grenzen der angewandten Praxen.

Diskussion mit Kristina Hänel in den Münchner Kammerspielen: Weg mit §219a!

Auf dem Podi­um in den Münch­n­er Kam­mer­spie­len saßen die wegen §219a, also dem Informieren über Schwanger­schaftsab­brüche, verurteilte Ärztin Dr. Kristi­na Hänel, der Arzt Dr. Friedrich Stapf, der eine große Abtrei­bungsklinik in München leit­et, sowie die Autorin und Aktivistin Sarah Diehl, die sich seit zehn Jahren mit den repro­duk­tiv­en Recht­en von Frauen* beschäftigt und u.a. einen Vere­in gegrün­det hat, der es Schwan­geren aus Polen ermöglicht, sichere Abtrei­bun­gen durch­führen zu lassen. Mod­eriert wurde das Gespräch von unser­er Genossin Pene­lope Kemekenidou.

Im Vor­feld der Podi­ums­diskus­sion zum Para­graphen 219a StGB hat­te es viel Aufre­gung gegeben. Fun­da­men­tal­is­tis­che Abtreibungsgegner*innen wur­den auf die Ver­anstal­tung aufmerk­sam und attack­ierten alle Beteiligten. Für Fundamentalist*innen sind Stapf und Hänel Massenmörder*innen, manche Seit­en wie “Baby­caust” ver­gle­ichen gar Abtrei­bun­gen mit dem Holo­caust. Es gab Het­ze in den sozialen Medi­en und die Ankündi­gung ein­er Demon­stra­tion vor den Kam­mer­spie­len, angemeldet von Klaus Gün­ter Annen, dem Grün­der von “Baby­caust”.

Auf­grund der Wellen, die diese Angriffe schlu­gen, und der Sol­i­dar­ität ver­schieden­er Grup­pierun­gen und Organ­i­sa­tio­nen mit den Veranstalter*innen, wurde die Demon­stra­tion kurz zuvor jedoch abge­sagt. Eine Hand voll Fundamentalist*innen begab sich trotz­dem ins Pub­likum und eine Frau pro­duzierte eine Störung, wurde jedoch recht schnell des voll beset­zten Saals ver­wiesen.

Die Gäste erzählten von ihren Erfahrun­gen, von erlebten Geschicht­en, von Erfol­gen, aber auch von den Schwierigkeit­en, die Schwan­geren, Ärzt*innen und Aktivist*innen in Deutsch­land sowohl durch staatliche Insti­tu­tio­nen als auch durch fun­da­men­tal­is­tis­che Grup­pierun­gen begeg­nen.

Im Zuge der Diskus­sion wur­den trotz einiger Gemein­samkeit­en auch deut­liche Unter­schiede in den Zie­len und Meth­o­d­en der Gäste deut­lich: Während Stapf seine erkämpfte Leis­tung, Schwanger­schaftsab­brüche in Bay­ern und Baden-Würt­tem­berg möglich zu machen, betonte und die Per­spek­tive ver­trat, möglichst Parteien zu wählen, die Abtrei­bung in Deutsch­land legal­isieren wollen, ver­fol­gen Hänel und Diehl andere Ansätze

Hänel konzen­tri­ert sich zwar ein­er­seits auf den juris­tis­chen Kampf, den sie ger­ade zu führen hat, ist jedoch gle­ichzeit­ig uner­müdlich dabei, durch Pub­lika­tio­nen und Vorträge über die des­o­late Lage in Deutsch­land aufzuk­lären und darauf hin zu arbeit­en, eine Verbesserung der Sit­u­a­tion zu erre­ichen. Auch wenn sie nicht öffentlich die Stre­ichung des §218 fordert, so ist aus Aus­sagen wie der, dass sie keine Verän­derung des Par­la­ments will, son­dern eine Änderung der Welt, doch die Forderung nach ein­er radikalen Verän­derung zu erse­hen.

Sarah Diehl ver­wehrt sich gegen die Aufrechter­hal­tung der bürg­er­lichen Kle­in­fam­i­lie, bei der die Frau typ­is­cher­weise als unbezahltes Repro­duk­tion­sper­son­al fungieren muss. Sie betonte den Man­gel an Ver­trauen, den sie in den Staat set­zt und die daraus fol­gende Per­spek­tive der Selb­stor­gan­isierung. Dabei arbeit­et sie nach den Prinzip­i­en ein­er NGO, die zwar einzelne Betrof­fene unter­stützt, let­ztlich aber trotz aller Bemühun­gen keine struk­turelle Verbesserung erre­ichen kann. Im Falle des Aus­bleibens von Geldern oder von Geset­zesver­schär­fun­gen wäre ein solch­es Pro­jekt kaum aufrecht zu erhal­ten, wie beispiel­sweise unter repub­likanis­chen Regierun­gen in den USA ersichtlich ist.

Die Diskus­sion um die Frage von Ras­sis­mus und die Sit­u­a­tion von geflüchteten Frauen in Bezug auf Abtrei­bung zeigte, wie sehr alle Anwe­senden die Prob­leme hier als gravierend ansa­hen. Sarah Diehl erzählte von ein­er geflüchteten Frau, der durch die bürokratis­che Schieflage und ras­sis­tis­che Geset­zge­bung der Weg zur Abtrei­bung ver­wehrt wurde, bis es zu spät war. Hier zeigte sich beson­ders deut­lich, wie sehr die Frage der Abtrei­bung ras­sis­tis­che, sex­ist­siche und kap­i­tal­is­tis­che Kom­po­nen­ten bein­hal­tet, die von bürg­er­lichem Engage­ment, trotz aller Bemühun­gen, nicht aufge­hal­ten wer­den kön­nen.

Deswe­gen wollen wir als Brot und Rosen früher und nach­haltiger anset­zen. Es ist notwendig und wichtig, dass momen­tan Pro­jek­te wie das von Sarah Diehl existieren. Die Frauen* in Polen, die so die benötigte Hil­fe bekom­men, wür­den sie anders nicht oder schw­er­er kriegen. Geschichtlich wird jedoch deut­lich, dass es in dieser Frage keinen Fortschritt in den let­zten Jahrzehn­ten gegeben hat. Frauen* haben schon früher Bus­fahrten nach Hol­land organ­isiert, um Abtrei­bun­gen zu ermöglichen. Herr Stapf hat erkämpft, dass Abtrei­bun­gen in Süd­deutsch­land möglich wur­den, aber es fehlt auf­grund der enor­men Hin­dernisse in vie­len Regio­nen an Ärzt*innen, die fähig und wil­lens sind, Schwanger­schaftsab­brüche durchzuführen. Frau Hänel kämpft seit Jahrzehn­ten dafür, dass Frauen* eine sichere Abtrei­bung durch­führen kön­nen. Dafür hat sie sehr lange am Exis­tenzmin­i­mum gelebt und musste neben­bei als Ret­tungssan­itä­terin arbeit­en, um über­leben zu kön­nen. In ihrem aktuellen Buch “Das Poli­tis­che ist per­sön­lich: Tage­buch ein­er ‘Abtrei­bungsärztin’”, das eben­so wie Andrea D’A­tris “Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kap­i­tal­is­musim Argu­ment Ver­lag erschienen ist, geht sie, trotz aller Danksa­gun­gen, auch darauf ein, dass bish­er alle Parteien ihre Ver­sprechen nicht gehal­ten haben. Sie benen­nt den Staat als die Form, die ger­ade die Unter­drück­ten, und nicht die Unter­drück­er angreift. Ihre Erfahrun­gen zeigen: reformistis­che Politiker*innen haben seit Jahrzehn­ten den Kampf nicht gewin­nen kön­nen.

Wir als Brot und Rosen fordern wie unsere Genoss*innen in Lateinameri­ka Aufk­lärung, um selb­st über unsere Kör­p­er zu entschei­den, kosten­lose Ver­hü­tung, um nicht abzutreiben und legale, sichere und kosten­lose Abtrei­bung, um nicht zu ster­ben. Um diese Forderun­gen durchzuset­zen, bedarf es ein­er starken Frauen­be­we­gung, wie sie über die let­zten Jahre in geduldiger Arbeit zum Beispiel in Argen­tinien aufge­baut wurde. Erst durch die aus­dauernde Arbeit der Genossin­nen in Argen­tinien wurde dort nach jahre­lan­gen Streiks und Demon­stra­tio­nen Abtrei­bung im Kongress besprochen. Außer­dem müssen wir klar­ma­chen, dass wir diesem Sys­tem nicht ver­trauen kön­nen. Lib­erale Abtrei­bungs­ge­set­ze kön­nen willkür­lich wieder ent­zo­gen wer­den, wie an eini­gen Beispie­len in der Geschichte ersichtlich wird, etwa unter Stal­in oder wie es aktuell in den USA ver­sucht wird. In Alaba­ma soll nun Abtrei­bung selb­st nach ein­er Verge­wal­ti­gung nicht mehr erlaubt sein.

Es muss klargemacht wer­den, dass uns dieses Sys­tem Rechte ver­wehrt, und wir uns deswe­gen dem Sys­tem ver­weigern müssen. Dafür braucht es große poli­tis­che (Frauen*-)Streiks, die die Kapitalist*innen dort tre­f­fen, wo es ihnen weh tut — bei ihren Prof­iten — und die das erfol­gre­ich­ste Mit­tel sind, die Rechte von Unter­drück­ten durchzuset­zen. So kön­nen wir unseren Forderun­gen genug Nach­druck ver­lei­hen. Deshalb organ­isieren wir uns gemein­sam mit Arbeiter*innen in Gew­erkschaften, um die Forderung nach poli­tis­chen Streiks durchzuset­zen.

Nach der Ver­anstal­tung macht­en wir noch ein Bild mit Kristi­na Hänel, mit einem inter­na­tion­al­is­tis­chen Gruß an die Frauen­be­we­gung in Argen­tinien um Legal­isierung der Abtrei­bung:

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