Frauen und LGBTI*

Politische Bilanz des Frauen*streiks

Inspiriert vom Frauen*streik 2018 im Spanischen Staat sowie dem Erstarken feministischer Bewegungen weltweit, fand dieses Jahr auch in Deutschland – das erste Mal seit 25 Jahren – ein Frauen*streik statt. Eine politische Bilanz von Brot und Rosen München.

Politische Bilanz des Frauen*streiks

Dieser Beitrag ist aus der Zeitung der marx­is­tis­chen jugend münchen, Aus­gabe 4. Kon­takt: majumuc@gmail.com

Inspiri­ert vom Frauen*streik 2018 im Spanis­chen Staat, bei dem viele Mil­lio­nen Frauen auf der Straße waren, sowie dem Erstarken fem­i­nis­tis­ch­er Bewe­gun­gen weltweit, wie der “Ni Una Menos”-Bewegung (“Nicht eine weniger”, eine Bewe­gung, die vor allem in Lateinameri­ka gegen die Gewalt an Frauen* kämpft), fand dieses Jahr auch in Deutsch­land – das erste Mal seit 25 Jahren – ein Frauen*streik statt. Die Vor­bere­itun­gen began­nen ein knappes halbes Jahr vorher mit einem Ver­net­zungstr­e­f­fen in Göt­tin­gen, zu dem gut 300 Frauen* anreis­ten. Hun­derte Frauen* ver­net­zten sich, bilde­ten Streik-Komi­tees und stell­ten gemein­same Forderun­gen auf – die größte Mobil­isierung seit Jahren set­zte sich in Bewe­gung. In Orts­grup­pen wurde der Streik dann dezen­tral weit­er vor­bere­it­et.

In München nah­men etwa 2500 Men­schen an den ver­schiede­nen Aktio­nen rund um den Frauen*streik teil. Es gab einen Infor­ma­tion­stag in ein­er Kindertagesstätte, einen Info­s­tand vor dem Klinikum Har­lach­ing, bei dem über Arbeit­skämpfe in der Pflege und gew­erkschaftliche Organ­isierung informiert wurde, sowie einen Info­s­tand über sex­u­al­isierte Gewalt am Marien­platz. Die eigentliche 8.März-Demonstration begann mit ein­er vielfälti­gen Kundge­bung: Auf der Bühne sprachen Frauen* über Flucht, Miss­brauch, Aus­beu­tung und Unter­drück­ung, immer wieder wurde die Notwendigkeit eines poli­tis­chen Streiks betont. Die Demon­stra­tion, ange­führt von geflüchteten Frauen aus Ingol­stadt und dem Frauen*streikkomitee München, war laut und kämpferisch. Zwar erre­ichte sie zahlen­mäßig nicht das Aus­maß wie beispiel­sweise in Berlin, doch war sie deut­lich größer und kämpferisch­er als im Vor­jahr.

Ein “echter” Streik war noch nicht umset­zbar.

Grenzen der Bewegung

Der Frauen*streik 2019 war ein guter, wenn auch teils müh­samer Start. Das Bewusst­sein um die Notwendigkeit von Kämpfen gegen geschlechtsspez­i­fis­che Unter­drück­ung ist in Deutsch­land recht niedrig. Sel­biges gilt für das Bewusst­sein um die Notwendigkeit von Arbeit­skämpfen. Der Frauen*streik, der sich in der Schnittmenge dieser Kämpfe befind­et, muss daher in den näch­sten Jahren viel Basis­ar­beit leis­ten. Doch auch in der Bewe­gung selb­st gab es Prob­leme: Der Frauen*streik war 2019 sehr bre­it aufgestellt, Aktivist*innen ver­schieden­ster fem­i­nis­tis­ch­er Strö­mungen waren beteiligt. Dies führte zu teils stark unter­schiedlichen Vorstel­lun­gen von den Zie­len und der Umset­zung des Streiks. Ein weit­eres Prob­lem war, dass die Grup­pen, die einen Frauen*streik eigentlich tra­gen soll­ten, wie prekär beschäftigte Frauen, Haus­frauen, migrantis­che und geflüchtete Frauen, kaum vertreten waren – die Bewe­gung war zu großen Teilen akademisch und weiß. Eben­so fehlten Frauen mit Behin­derung, von Alter­sar­mut betrof­fene Frauen und viele weit­ere Grup­pen. Auch das Streikver­ständ­nis beschränk­te die Bewe­gung: In Deutsch­land haben wir in Bezug auf den poli­tis­chen Streik eine beson­dere Sit­u­a­tion. Er ist zwar nicht ver­boten, wird jedoch von den Gew­erkschaften bis jet­zt nicht mit­ge­tra­gen. Dazu kommt, dass es kein gemein­sam aus­disku­tiertes Streikver­ständ­nis gibt. Statt den Frauen*streik klar zu definieren, seine Gren­zen aufzuzeigen und gemein­sam zu über­legen, wie diese Gren­zen ver­schoben wer­den kön­nten, wur­den die Streik­for­men den Schranken angepasst. Statt zu über­legen, wie beispiel­sweise Beschäftigte im Schicht­di­enst mit­streiken kön­nten (zum Beispiel durch Massen­mo­bil­isierun­gen, denen die Arbeitergeber*innen nachgeben müssen oder größeren Druck auf die Gew­erkschaften), wur­den Streik­for­men gewählt, die nicht oder kaum in das Arbeit­sleben ein­greifen, wie eine ver­längerte “fem­i­nis­tis­che Mit­tagspause” oder der “Glob­al Scream”, bei dem um 17 Uhr alle Beteiligten schrien.

Wie wir weiter kämpfen

Trotz der teils widri­gen Umstände und der Gren­zen betra­cht­en wir es als über­aus pos­i­tiv, dass der Frauen*streik erst­mals seit Jahrzehn­ten the­ma­tisiert und über poli­tis­chen Streik disku­tiert wurde. Der Anfang ist gemacht, doch es war allen Beteiligten von Beginn an klar, dass dies nur der erste Schritt in einem wohl lang­wieri­gen Prozess war. Auf­bauend auf den Erfahrun­gen unser­er Vorkämpfer*innen z.B. in Argen­tinien sowie unter Ein­beziehung der hiesi­gen Gegeben­heit­en wollen wir zur Entwick­lung der Frauen*streik-Bewegung fol­gende Vorschläge machen:

Zunächst braucht es eine eine tiefer­ge­hende Auseinan­der­set­zung mit dem Begriff des poli­tis­chen Streiks. Unsere Posi­tion leg­en wir in dieser Aus­gabe im Artikel “Streik gegen ein krankes Sys­tem” am Beispiel der Pflege dar. Darüber hin­aus muss nicht nur zum 8. März, son­dern das ganze Jahr über darauf hingear­beit­et wer­den, den poli­tis­chen Streik in Deutsch­land als selb­stver­ständlich­es Mit­tel der Arbeiter*innenbewegung zu etablieren. Dazu bedarf es ein­er starken Ver­ankerung von Streikkomi­tees in Schulen, Unis und Betrieben. Es muss ökonomis­ch­er Druck auf die Poli­tik aus­geübt wer­den, die für Aus­beu­tung und Unter­drück­ung ver­ant­wortlich ist, denn das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem reagiert nur dann, wenn Prof­ite in Gefahr sind.

Wir als Brot und Rosen wollen vor allem Anknüp­fungspunk­te in den Sek­toren nutzen, in denen in erster Lin­ie Frauen arbeit­en, und die (deshalb) schlecht bezahlt wer­den, wie z.B. Pflege, Erziehung, Einzel­han­del oder Reini­gung. Unsere Genossin­nen Lisa und Char­lotte entwick­eln dazu in ihrem bere­its erwäh­n­ten Artikel eine poli­tis­che Per­spek­tive für den Pflege- und Hebam­men­bere­ich. Aber auch Streiks im Erziehungswe­sen wur­den in den let­zten Jahren nicht nur häu­figer, son­dern auch kom­pro­miss­los­er geführt. Die Schüler*innen, allen voran junge Frauen, streiken jede Woche für den Kli­maschutz. Sie haben ver­standen, dass ein Streik zur Schulzeit mehr bewe­gen kann als Demon­stra­tio­nen außer­halb der Unter­richt­szeit.

Alle diese fortschrit­tlichen Bewe­gun­gen und Sek­toren müssen in den Kampf für Frauen*rechte mit ein­be­zo­gen wer­den, um zu ein­er Massen­be­we­gung wie im Spanis­chen Staat zu wer­den und die Welt zum Still­stand zu brin­gen. Wir als Brot und Rosen kön­nen und wollen nicht für andere sprechen oder kämpfen, son­dern mit ihnen. Der Anfang ist gemacht, lasst uns gemein­sam daran arbeit­en, die Welt aus den Angeln zu heben!

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