Frauen und LGBTI*

Kristina Hänel stellt ihr politisches Tagebuch vor: “Abtreibung ist ein staatlich verordnetes Tabu”

Die Ärztin Kristina Hänel ist im Kampf für das Informationsrecht der Frauen zur Aktivistin geworden. Diesen Weg beschreibt sie in ihrem bewegenden neuen Buch. Auf der Leipziger Buchmesse hat sie es vor hundert Menschen vorgestellt.

Kristina Hänel stellt ihr politisches Tagebuch vor:

Bild: Kristi­na Hänel bei der Leipziger Buchmesse.

Kristi­na Hänel ist heute eine bekan­nte Fig­ur. Als Ärztin informiert sie auf ihre Web­seite darüber, dass sie Abtrei­bun­gen durch­führt, was ihr mehrere Ermit­tlungsver­fahren einge­bracht hat – wegen des Ver­dachts auf Wer­bung für den Abbruch der Schwanger­schaft. Vor fast zwei Jahren hat sie begonnen, sich gegen diese Krim­i­nal­isierung durch den §219a zu wehren. Seit­dem ste­ht sie stel­lvertre­tend für den Kampf um das Infor­ma­tion­srecht für Frauen und alle Schwan­geren und damit auch für das Recht auf kör­per­liche Selb­st­bes­tim­mung. In ihrem nun im Argu­ment-Ver­lag erschiene­nen poli­tis­chen Tage­buch „Das Poli­tis­che ist per­sön­lich“ schildert sie bewe­gend ihren Weg zur poli­tis­chen Aktivistin, die entschlossen ist, den §219a bis vor das Bun­desver­fas­sungs­gericht zu brin­gen – und wenn nötig, noch darüber hin­aus. Dabei ler­nen wir sie auch als Men­schen ken­nen, der Musik und die Fam­i­lie liebt und sich voll für seine Patient*innen ein­set­zt, vor allem für die Kinder, denen Hänel Reit­ther­a­pie ermöglicht.

Auf der Leipziger Buchmesse stellte sie dieses Tage­buch vor und stellte sich dabei in die Tra­di­tion der Ärztin Else Kien­le, die 1931 auf­grund des §218 im Gefäng­nis saß – und damit Teil ein­er Bewe­gung wurde, die zu Hun­dert­tausenden auf der Straße und bei Kundge­bun­gen für das Recht auf Abtrei­bung protestierte. Auf diese Bewe­gung und die Ärzt*innen, die daran teil­nah­men, zielte 1933 die Ein­führung des §219a ab, der auch heute noch gilt, abgeän­dert nur zulet­zt durch eine Reform der Großen Koali­tion – eine Geset­zge­bung, wie sie in keinem anderen europäis­chen Land existiert.

Und dieser Para­graph hat fatale Fol­gen: Er instal­liert ein öffentlich­es Tabu über das The­ma der Abtrei­bung und schürt Angst unter Ärzt*innen – deshalb veröf­fentlichte Kristi­na Hänel ihr erstes Buch zu dem The­ma vor gut zwanzig Jahren auch unter einem Pseu­do­nym. „Das Tabu ist staatlich verord­net“, kom­men­tierte sie bei ihrer Buchvorstel­lung auf der Bühne der linken Ver­lage. „Aber ich habe ange­fan­gen zu sprechen, das gesproch­ene Wort ist eine Waffe. Ich sehe meine Rolle darin, dass ich für die Frauen spreche.“ Sie tut dies, obwohl selb­st an diesem Tag in Leipzig gilt: „Alles, was ich hier mache, ist ver­boten.“

Auch für die „Reform“ des Para­graphen find­et sie klare Worte: „Die Groko hat die Tür an dieser Stelle zugeschla­gen“, denn kein lib­eraler Richter dürfe nun anders entschei­den. Ihre Web­seite ist auch nach dem neuen Gesetz ille­gal – und zwar nach der neuen Geset­zes­lage ohne die Möglichkeit, das Gesetz anders auszule­gen. Sie ist sich sich­er: „Die Mehrheit der Bevölkerung ist auf mein­er Seite.“ Vor das Bun­desver­fas­sungs­gericht oder den europäis­chen Gericht­shof wolle sie trotz dieser Reform ziehen: „Auch wenn jet­zt ein Gesetz beschlossen wurde, dass mich let­ztlich ins Gefäng­nis brin­gen kann.“ Von den Dro­hun­gen durch die soge­nan­nten Lebenss­chützer und den Alp­träu­men, die sie ihr bere­it­en, wie sie in ihrem Buch beschreibt, will sich Hänel nicht aufhal­ten lassen.

Das Mot­to aus ihrem Buch gilt also weit­er­hin: „Ich bin Ärztin und will das Infor­ma­tion­srecht der Frauen verei­di­gen.“ Und hof­fentlich gibt ihr der Klang von Klar­inet­ten auch weit­er­hin Kraft bei den Ver­hand­lun­gen.

 

Kristi­na Hänel: Das Poli­tis­che ist per­sön­lich. Tage­buch ein­er „Abtrei­bungsärztin“. Argu­ment Ver­lag, Ham­burg 2019. 250 Seit­en, 15 Euro.

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