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Irland: Fast 40.000 Pfleger*innen und Hebammen im Streik

Am Mittwoch erlebte Irland den größten Streik in der Geschichte des Gesundheitssektors für höhere Löhne und mehr Personal. Die Regierung droht indes unverhohlen mit Geldstrafen für Streikende und nutzt den Brexit als Vorwand, um Lohnerhöhungen zu verweigern.

Irland: Fast 40.000 Pfleger*innen und Hebammen im Streik

Ich bin eine bil­lige Arbeit­skraft. Ich mache jeden Tag die Arbeit von zwei Pfleger*innen alleine. Ich küm­mere mich um wütende und ver­störte Patient*innen, weil ich ihnen, viel öfter als mir lieb ist, erzählen muss, dass ihre Sprech­stunde abge­sagt wurde, weil es keine Bet­ten mehr gibt. Das Man­age­ment des Kranken­haus­es kommt nicht ein­mal in die Nähe dieser Patient*innen! Das bin ich! Ich set­ze mich ihrem Ärg­er, ihren Trä­nen und ihrer Frus­tra­tion aus. Das hat seinen Trib­ut gefordert. Ich hab genug davon, die Zustände unseres Gesund­heitssys­tem zu recht­fer­ti­gen und mich bei kranken, verängstigten Men­schen dafür zu entschuldigen, dass das Kranken­haus ihre Sprech­stunde abge­sagt hat, weil ich keine Kon­trolle darüber habe. Es gibt nicht genug Bet­ten, es gibt nicht genug Pfleger*innen. Ich bin hil­f­los dabei ihnen zu helfen. Genug ist genug.

Das ist nur ein Erfahrungs­bericht ein­er Pflegerin, der anonym in der Irish Times veröf­fentlicht wurde. In dem Beitrag find­en sich viele weit­ere Berichte, in denen die Beschäftigten die des­o­lat­en Zustände in irischen Kranken­häusern anprangern. Seit der Krise 2008 und den bru­tal­en Spar­dik­tat­en der Troi­ka wurde Per­son­al abge­baut, die Real­löhne sind gesunken. Viele junge Pfleger*innen haben deshalb das Land ver­lassen. Der so genan­nte Muster­schüler Irland, wie das Land von EU-Ver­ant­wortlichen gerne genan­nt wurde, hat sich diesen Namen teuer auf dem Rück­en der Beschäftigten, der Jugend und der Frauen erkauft.

Doch der Gedulds­faden von zehn­tausenden Pfleger*innen und Hebam­men ist nun schein­bar am Ende. Im Dezem­ber stimmte eine über­wältige Mehrheit der Mit­glieder der Gew­erkschaft irisch­er Pfleger*innen und Hebam­men (INMO) für mehrere Streik­tage im Jan­u­ar und Feb­ru­ar. Der erste Aktion­stag fand am Mittwoch statt, fünf weit­ere fol­gen in den näch­sten zwei Wochen. Der Arbeit­skampf ist dabei nicht nur ein gew­erkschaftlich­er Kampf, son­dern vor allem ein Frauenkampf. Aus der ganzen Welt haben sich Exil-Ir*innen mit den Streiks sol­i­darisiert.

Denn auch in Irland wer­den Berufe, die über­wiegend von Frauen aus­geübt wer­den, schlechter bezahlt als die der Män­ner. Der Per­sonal­man­gel treibt die Beschäftigten dort immer wieder an ihre Gren­zen. Der Anteil an Men­schen, die unter psy­chis­chen Erkrankun­gen lei­den, ist in Irland ger­ade in der Jugend seit 2008 in die Höhe geschossen. Der große Ein­fluss der katholis­chen Kirche im irischen Staat und in Kranken­häusern ver­hin­dert zudem weit­ge­hend, dass das The­ma in der Öffentlichkeit debat­tiert wird und entsprechende Pro­gramme zur Unter­stützung psy­chisch Erkrank­ter finanziert wer­den.

Regierung schiebt Brexit vor und droht mit Geldstrafen

Schon vor Mittwoch hat die Regierung ver­sucht, den Streik gerichtlich ver­bi­eten zu lassen, jedoch ohne Erfolg. Doch die Dro­hun­gen gegen die Streik­enden gehen weit­er. Der irische Gesund­heitsmin­is­ter Simon Har­ris hat öffentlich mit Geld­strafen für Streik­ende gedro­ht.

Zudem schwebt über alle­dem der Brex­it und die möglichen Fol­gen eines ungeregel­ten Ausstiegs des Vere­inigten Kön­i­gre­ichs aus der EU. Fol­gen, die auch die irische Wirtschaft betr­e­f­fen wür­den, ist Großbri­tan­nien doch der wichtig­ste Han­delspart­ner für Irland. Diesen Umstand nutzt die Regierung, um die Forderun­gen der Gew­erkschaft zurück­zuweisen. Der irische Pre­mier­min­is­ter Leo Varad­kar sagte dazu: „Ich bin der Pre­mier­min­is­ter des ganzes Lan­des. Wir wer­den sehr viel Geld brauchen, um Jobs zu ret­ten.“ Er schiebt damit ein­er­seits den Brex­it als Vor­wand vor und ver­sucht ander­er­seits, die gesamte Arbeiter*innenklasse in Irland zu spal­ten. Nach dem Mot­to: Wenn wir euch mehr geben, ist für andere weniger da. Um die Drohkulisse zu ver­stärken, hat das Finanzmin­is­teri­um am sel­ben Tag vorg­erech­net, dass der Brex­it bis 2023 55.000 Jobs kosten kön­nte. Doch die Sol­i­darisierung mit den Kranken­hausstreiks ist enorm. Selb­st Patient*innen, die davon betrof­fen sind, äußerten sich pos­i­tiv über den Arbeit­skampf.


Frauen in Dun­dalk lassen sich von der Regierung nicht beein­druck­en

 

Der Streik ist rich­tungsweisend für die Beschäftigten in Irland und Großbri­tan­nien. Denn ein­er­seits wen­det er sich gegen die miesen Zustände, für die die EU und die Troi­ka durch ihre Spar­dik­tate die Ver­ant­wor­tung tra­gen. Ander­er­seits nehmen es die Kolleg*innen auch nicht ein­fach so hin, dass die Fol­gen des Brex­its auf sie abgewälzt wer­den. Was es braucht, ist eine klassenkämpferische Per­spek­tive im Sinne der Arbeiter*innen in Großbri­tan­nien und Irland, die ver­hin­dert, dass Unternehmen ein­fach vor dem Brex­it fliehen und Massen auf die Straßen geset­zt wer­den. Dafür sind Massen­streiks und Mobil­isierun­gen gegen die Regierung wie aktuell in den Kranken­häusern notwendig.

One thought on “Irland: Fast 40.000 Pfleger*innen und Hebammen im Streik

  1. Gré Stocker-Boon sagt:

    Als aus­ge­bildete Pflegerin hat­te ich damals keinen Wahl hier in der Schweiz etwas anders wer­den zu wollen.Auch ging ich später zur Anmel­dung für eine Aus­bil­dung als Ergotherapeutin,habe dazu viele Fähigkeiten,aber wurde abgewiesen mit der Bemerkung,gehen sie in den Hausdienst,dort braucht es Leute,so wie sie.Das war in Zuerich.Ich konbte den Men­schen nur mehr gerecht werden,indem ich länger als vorgeschrieben arbeitete.Darum sol­i­darisiere ich mir mit diesem The­ma.

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