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„Ich habe meinen Anteil daran, Widerstand gegen die Besatzung zu leisten“ – Interview mit israelischer Wehrdienstverweigerin

Nach der Schule den Wehrdienst abzuleisten ist für die meisten jungen Israelis selbstverständlich. Doch jedes Jahr gibt es eine Handvoll junge Menschen, die sich bewusst dagegen entscheiden in der Armee zu dienen. Die neunzehnjährige Tamar Ze’evi ist eine von ihnen. Am 16. November wurde sie in der Militärbasis, bei der sie sich für den Wehrdienst hätte registrieren müssen, verhaftet und für eine Woche in ein Militärgefängnis geschickt. Seit Montag sitzt sie ihre zweite Haftstrafe ab. Ein Interview .

„Ich habe meinen Anteil daran, Widerstand gegen die Besatzung zu leisten“ – Interview mit israelischer Wehrdienstverweigerin

Tamars offizielle Erklärung, warum sie den Wehrdienst verweigert findet ihr hier. Wir teilen ihre Haltung zum israelischen Staat nicht, aber wir wollen ihre Erfahrungen und Ansichten mit unseren Leser*innen teilen.

Tamar, du wurdest gerade erst aus dem Militärgefängnis entlassen. Wie war es für dich und wie kann ich mir ein israelisches Militärgefängnis vorstellen?

Es war eigentlich gar nicht so schlimm. Die Dinge vor denen ich am meisten Angst hatte, waren gar nicht so ein großes Problem. Im Militärgefängnis gibt es sehr viel Disziplin: Die Kommandanten schreien dich an und du musst schreiend antworten. Du stehst um 5 Uhr morgens auf, um 5:30 musst du schon in deiner Uniform draußen stehen. Es ist etwas seltsam, wir tragen Uniformen vom US-Militär. Ich denke mal, es war eine Spende oder so und jetzt benutzen sie die Uniformen für die Häftlinge.

Das Essen bekommt man stehend, dann kriegt man einen Platz zugeteilt. Während dem Essen ist es nicht erlaubt zu lächeln, zu reden, zu lachen, man darf noch nicht mal nach dem Salz fragen. Danach hat man 15 Minuten Pause. Man muss jeden Morgen die Zelle aufräumen und putzen. In der Zelle ist es nicht erlaubt die Schuhe oder etwas anderes auszuziehen. Man darf sich auch nicht hinlegen, aber man darf lesen und schreiben. Man darf mit den anderen Mädchen in der Zelle reden, aber man darf nicht zusammen auf einem Bett sitzen und sich nicht anfassen, noch nicht mal eine High-Five.

Es fühlt sich wirklich so an, als wäre man ein Hund, der trainiert wird. Am Anfang machen die ganzen Regeln keinen Sinn. Man lernt sie jedoch schnell, denn wenn man sich ihnen anpasst, hat man ein einfaches Leben im Gefängnis. Zum Beispiel beim Aufräumen: Es gibt eine genaue Weise wie man seinen Schlafsack zusammenrollen soll, wie man seine Shampoobehälter von groß nach klein sortieren muss, wie genau man sein Handtuch auf seine Flipflops legen soll. Die Vorschriften sind lächerlich präzise. Wenn du einen Fehler machst, schreien sie dich an.

Wer waren die anderen Mädchen im Militärgefängnis?

Die meisten Mädchen waren dort wegen etwas das wir „Arikud“ nennen, also wenn man mehr als 21 Tage nicht zum Wehrdienst erscheint. Andere haben aufgehört zur Armee zu gehen, weil sie ihre Familie finanzieren mussten. Andere haben sich ihrem Kommandanten gegenüber schlecht benommen, oder haben einen Fehler gemacht. Ein Mädchen war zum Beispiel im Gefängnis weil sie von einem (palästinensischen) Einwohner einen Donut gekauft hat. Tamar und ich (Tamar Allon ist eine andere Wehrdienstverweigerin) waren die einzigen, die aus politischen Gründen im Militärgefängnis waren.

Die Jugendlichen, die den Militärdienst bewusst verweigern, kommen meist aus einem privilegierten sozialen Umfeld. Die anderen Mädchen im Gefängnis kommen eher aus schlechteren sozialen und ökonomischen Verhältnissen. Wenn ich erzählt habe, dass ich es aus ideologischen Gründen mache, war es neu für sie, aber sie hatten Respekt davor.

Warum gibt es nur so wenige, die den Wehrdienst aus politischen Gründen verweigern?

Die meisten Leute, die politische Probleme mit den IDF (Israeli Defense Forces, Israelische Armee) haben, weichen dem Wehrdienst über andere Wege aus. Die meisten gehen zu Psycholog*innen um aus „psychischen Gründen“ vom Wehrdienst befreit zu werden. Man kann auch wegen „Pazifismus“ vom Wehrdienst befreit werden, weil es eine Art universelles Recht ist. Man muss allerdings beweisen, dass man generell sämtliche Gewalt ablehnt. Man darf nicht die Worte Israel, IDF, Palästina oder Besatzung sagen. Aber mir geht es nicht um universellen Pazifismus sondern um die Palästinenser*innen und die Besatzung hier und jetzt. Man kann auch aus religiösen Gründen nicht zu Armee gehen. Man muss nur zum „Rabbanut“ gehen und beweisen, dass man religiös ist.

Es gibt also mehr junge Menschen, die den Wehrdienst aus politischen Gründen verweigern als die fünf bis zehn „Conscientious Objectors“ jedes Jahr. Trotzdem sind diese Leute eine winzige Minderheit. Das Militär ist in Israel der Konsens. Seit der Gründung Israels war die Armee das: das vereinende Moment der ganzen Gesellschaft. Jede*r geht zur Armee, es ist offensichtlich. Ich bin auch der Meinung dass wir eine Armee brauchen. Die Beziehungen zu unseren Nachbarländern sind nicht besonders gut und wir müssen uns verteidigen. Aber ich glaube nicht, dass es bei der Besatzung (Palästinas) um Schutz und Verteidigung geht. Wenn Eltern ihre Kinder zur Armee schicken, sehen sie nicht, dass ihre Kinder an Checkpoints Leute erniedrigen, sondern sie sehen dass sie uns verteidigen. Verweigern ist etwas sehr radikales.

Wie hat sich bei dir die Entscheidung entwickelt, nicht zur Armee zu gehen?

Meine Eltern sind beide relativ links – „links“ ist so ein leeres Wort, aber wir benutzen es die ganze Zeit. Ich bin damit großgeworden, über die Besatzung zu sprechen. Es hat aber lange gedauert, bis ich die Bedeutung davon verstanden habe, und auch die Bedeutung meiner Taten und wie ich die Besatzung unterstütze. Der Abstand von Israel hat auf jeden Fall geholfen. Die Militarisierung beginnt schon in der Schule. Schon seit der siebten Klasse kommen Soldat*innen bei uns in den Unterricht und sprechen darüber, wie wichtig es ist Arabisch zu wählen. Sehr viele Schüler*innen gehen nach der Schule zum Geheimdienst.

Beschlossen, nicht zum Militär zu gehen habe ich vor einem Jahr. Ich war mit meiner Communa (eine Art Jugendgruppe) wandern und habe diesen Typen getroffen, der eine Recherche über Bildung und Psychologie macht und über das Böse recherchiert. Wir hatten eine ziemlich lockere Unterhaltung über die Banalität des Bösen. Als ich weggegangen bin, habe ich verstanden. Zuerst habe ich überlegt wegen psychischen Gründen keinen Wehrdienst abzuleisten. Aber das wäre gelogen, das wäre nicht ehrlich darüber was ich eigentlich denke.

Die Banalität des Bösen, im Sinne von Hannah Arendt’s Definition? Kannst du das näher erklären?

Ja genau. In Indien bin ich ihren Texten mehrere Male begegnet. Das war eine der Sachen, die mich sehr beeinflusst haben. Es ist so einfach, Leute zu verteufeln. Ich habe verstanden, dass große, furchtbare Sachen eigentlich aus normalen Menschen bestehen, die nur ihre kleine Rolle im System erfüllen und nichts Schlechtes tun. Aber all diese Menschen zusammen bilden dieses große, furchtbare Etwas. Ich habe verstanden, dass ich als Teil des Systems Teil von dem großen furchtbaren Etwas bin.

Am Anfang hab ich mich scheiße gefühlt. Ich war so sauer, alle meine Freunde in der Schule waren auch so um die 16 Jahre alt, sie kamen aus Deutschland, Bangladesch, Kanada. Ich war verantwortlich für das Leid von vier Millionen Palästinenser*innen, sie nicht. Und ich habe nichts getan. Ich habe mir nicht ausgesucht, Israeli zu sein, ich habe mir die Besatzung nicht ausgesucht, ich habe nichts getan, aber bin verantwortlich für das ganze Leid. Aber nachdem ich diese Phase von Selbstmitleid hinter mir gelassen habe, wusste ich dass es meine Verantwortung war. Diese Besatzung ist nicht mehr gerechtfertigt. Wir haben die rote Linie schon seit langem überquert in dem was wir tun. Diese banale Realität ist nicht okay. Und ich habe meinen Teil darin, Widerstand zu leisten.

Verstehst du dich selbst als zionistisch?

Naja, keine zwei Leute definieren Zionismus auf dieselbe Weise. Es ist die jüdische Nationalbewegung. Jeder benutzt den Begriff aber es ist nicht klar was damit gemeint ist. Ich bin Zionist*in, du nicht, das ist echter Zionismus, das nicht. Ich weiß noch nicht mal genau was ich dazu denke. Ich fühle eine besondere Verbindung und Liebe zu dem Land Israel, und ich will hier leben, was für mich irgendwie Zionismus ist. Aber das ist eine leere Definition.

Wie viel Zeit wird das alles in Anspruch nehmen? Weißt du was du danach machen willst?

Ich habe keine Ahnung wie lange ich im Militärgefängnis verbringen werde. Der Rekord für die längste Zeit im Gefängnis wegen Wehrdienstverweigerung wurde von Teir Kaminer aufgestellt, sie war 160 Tage oder so im Gefängnis. Ich habe nicht vor den Rekord zu brechen, wahrscheinlich wird es allerdings einige Monate dauern.

Ich sehe das israelisch-palästinensische Projekt aber nicht als mein Lebensprojekt. Mich interessiert eigentlich mehr Nachhaltigkeit und Nahrungsmittelsicherheit. Aber ich musste diese Entscheidung treffen. Nach meinem Zivildienst will ich studieren, entweder Ökologie oder Wirtschaft. Es braucht einen großen Schritt, um Empathie zu fühlen. Die Regierung ist weit von einer Lösung entfernt. Bei jeder Wahl haben wir Hoffnung, und dann gewinnen wieder die faschistischen und die rassistischen Kräfte. Es ist, als würden sie mehr und mehr Nadeln in das Rad von einem Auto stecken. Die Trennung macht den Hass so einfach.

One thought on “„Ich habe meinen Anteil daran, Widerstand gegen die Besatzung zu leisten“ – Interview mit israelischer Wehrdienstverweigerin

  1. Ursa Schymansku sagt:

    Sie ist sehr mutig! Und ich wünsche ihr, dass sie so mutig durchhält. Dass das Gefängnis sie nicht kaputt macht. Ich wünsche ihr und allen anderen VerweigerInnen viel Kraft und alles Gute! Danke!

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