Für Klima-Leninismus: Eine Auseinandersetzung mit Andreas Malm

16.09.2023, Lesezeit 35 Min.
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Foto: @tian.sthr

Der schwedische Ökologe Andreas Malm ruft zum „ökologischen Leninismus“, um die Klimakrise zu bekämpfen. Aber der Leninismus bedeutet viel mehr.

Eine Katastrophe von beispiellosem Ausmaß und eine Hungersnot drohen uns unabwendbar. Davon war schon in allen Zeitungen unzählige Male die Rede. Eine Unmenge von Resolutionen sind von den Parteien und von den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten angenommen worden, Resolutionen, in denen festgestellt wird, daß die Katastrophe unvermeidlich ist, daß sie ganz nahe bevorsteht, daß ein verzweifelter Kampf gegen sie geführt werden muß und daß ‚heroische Anstrengungen‘ des Volkes notwendig sind, um den Untergang abzuwenden, und so weiter.
Alle sagen das. Alle erkennen das an. Für alle steht das fest.
Und nichts geschieht. […]

Dabei genügt ein ganz klein wenig Aufmerksamkeit und Nachdenken, um sich davon zu überzeugen, daß Mittel zur Bekämpfung der Katastrophe und des Hungers vorhanden sind, daß die Kampfmaßnahmen völlig klar und einfach, voll durchführbar, den Volkskräften durchaus angemessen sind und daß diese Maßnahmen nur deshalb, ausschließlich deshalb nicht getroffen werden, weil ihre Verwirklichung die unerhörten Profite eines kleinen Häufleins von Gutsbesitzern und Kapitalisten beeinträchtigen würde.1

Diese Worte schrieb W.I. Lenin im Oktober 1917. Er sprach über die drohende Gefahr einer Hungersnot in Russland. Doch mit ein paar kleinen Auslassungen beschreibt das Zitat auch unsere aktuelle Situation ganz gut. Jeder weiß, dass die Klimakatastrophe in vollem Gange ist. Auf der COP27 im letzten Herbst gab es feierliche Erklärungen von fast allen bürgerlichen Politiker:innen. Dennoch wird nichts unternommen. Die notwendigen Maßnahmen wären einfach – doch sie würden die Profite der Kapitalist:innen schmälern, und deshalb wird nichts getan.

Extinction Rebellion (XR) blockiert in verschiedenen Ländern Straßen. In Deutschland versuchen verschiedene Aktivist:innengruppen mit zivilem Ungehorsam, die Regierung zum Handeln zu zwingen: Ende Gelände hat Kohleminen besetzt; in jüngster Zeit hat sich die Gruppe Letzte Generation auf den Bürgersteig geklebt und den Verkehr blockiert. Beide Gruppen waren schrecklichen Repressionen ausgesetzt. Gegen die Letzte Generation wird als „kriminelle Vereinigung“ ermittelt und sie wurden sogar des „Klima-Terrorismus“ beschuldigt. Erstaunlich ist: Während ihre Taktik radikal erscheint, sind ihre Forderungen äußerst moderat: Sie wollen, dass die Politiker:innen „auf die Wissenschaft hören“, ein Tempolimit auf der Autobahn einführen und andere kleinere Maßnahmen umsetzen.

Der wichtigste Theoretiker dieser Strategie – ziviler Ungehorsam, um die Regierungen zum Handeln zu zwingen – ist der schwedische Akademiker Andreas Malm. Malm wird aufgrund seiner Mitgliedschaft im Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale, das den rechten Flügel der heutigen trotzkistischen Bewegung bildet, manchmal als Trotzkist bezeichnet und steht reformistischen Positionen recht nahe. Sein Pamphlet „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“2 erregte weltweit Aufmerksamkeit und inspirierte die New York Times zu Meinungsbeiträgen und sogar zu einem Spielfilm.3 Ein zweites Pamphlet, „Klima|x“, das während des Covid-Lockdowns geschrieben wurde, forderte einen „Kriegskommunismus“ und einen „ökologischen Leninismus“ zur Bekämpfung der Klimakrise.4

Als Leninisten finden wir das cool – aber Leninismus bedeutet viel mehr als das, was Malm vorschlägt.

Niemand ist Pazifist

Mehr als alles andere ist „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ brillanter Clickbait. Malm schreibt kein einziges Wort darüber, wie die Infrastruktur für fossile Brennstoffe zerstört werden könnte. Stattdessen fragt er sich, warum das nicht schon mehr Menschen getan haben. Wie John Lancaster fragt:

Liegt es daran, dass die Menschen, denen der Klimawandel am Herzen liegt, einfach zu nett und zu gebildet sind, um etwas in dieser Richtung zu tun? […] Oder liegt es daran, dass selbst die Menschen, die sich am stärksten vom Klimawandel betroffen fühlen, sich nicht dazu durchringen können, an ihn zu glauben?5

Für einen Großteil der Klimabewegung ist Pazifismus ein absolutes Muss. Der Umweltschützer Bill McKibben zum Beispiel besteht darauf, dass nur Gewaltlosigkeit im Sinne von Martin Luther King Jr., Gandhi oder Nelson Mandela effektiv sein kann. Er will den Planeten retten – aber nur, wenn man es vermeiden kann, auch nur den geringsten Schaden an irgendjemandes Eigentum anzurichten. Fridays For Future hat den Ruf, die bravste Protestbewegung der Geschichte zu sein. Die Letzte Generation blockiert Straßen in orangefarbenen Warnwesten und reagiert passiv auf Übergriffe von Autofahrer:innen. Den Vorwurf der „Gewalt“ und des „Terrorismus“ aus dem Munde rechter Politiker:innen hat ihnen dieser extreme Pazifismus nicht erspart.

In seinem Buch dekonstruiert Malm die pazifistischen Mythen der bürgerlichen Gesellschaft. Kapitalistische Politiker:innen verurteilen die „Gewalt“ der Unterdrückten, rechtfertigen aber gleichzeitig das enorme Ausmaß an Gewalt durch ihre besonderen Formationen bewaffneter Menschen wie Polizei und Armeen. Bewegungen für eine fortschrittliche Veränderung konnten gewaltsame Auseinandersetzungen mit den herrschenden Mächten nie vermeiden. Nelson Mandela zum Beispiel mag als eine Art heilige Figur in Erinnerung bleiben, die stoisch jahrzehntelange Gefängnisaufenthalte in Kauf nahm. In Wirklichkeit war Mandela der Kopf einer bewaffneten Organisation – Umkhonto we Sizwe, „Der Speer der Nation“ –, die Bombenanschläge gegen das Apartheidregime verübte. Mandelas „Terrorismus“ wurde einst von denselben Regierungen auf der ganzen Welt verurteilt, die ihn heute als pazifistische Ikone hochhalten. Der Mann selbst sagte einmal: „Ich habe so lange zu gewaltlosem Protest aufgerufen, wie er wirksam war.“ Auch King trug immer eine Waffe. Für viele dieser berühmten „Pazifist:innen“ war Gewaltlosigkeit eine taktische Entscheidung in einer bestimmten Situation.

Pazifismus ist nie absolut. Als Beispiel führt Malm den Fall eines norwegischen Nazis an, der mit einer Schrotflinte in eine Moschee eindrang und plante, so viele Menschen wie möglich zu ermorden. Drei Gläubige überwältigten den Schützen, indem sie ihn festhielten und ihm auf den Kopf schlugen. Ein echter Pazifist würde die „Gewalt“ ablehnen, die darin besteht, einem Nazi den Schädel zu zertrümmern. Jeder vernünftige Mensch würde natürlich eine solche Gewalttat als kleinen Preis akzeptieren, um einen Massenmord zu verhindern. Jeder macht also Ausnahmen von seinem Pazifismus. Wie Malm es ausdrückt: „Ein Pazifistin, die Ausnahmen macht, stellt nichts anderes dar als eine Kriegstheoretikerin.“6

Marxist:innen waren noch nie Pazifist:innen. Aber die meisten Menschen haben ein Bauchgefühl dafür, dass nicht alle Gewalt gleich ist – es kommt darauf an, welchem politischen Ziel sie dient und ob sie von den Unterdrückern oder den Unterdrückten ausgeht. Nur wenige lehnen die „Gewalt“ der Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald ab, die sich gegen die Naziwachen erhoben.7 Und wie Malm überzeugend darlegt, können wir es uns nicht leisten, anders über den Klimawandel zu denken. Das kapitalistische System treibt uns auf die Ermordung jedes einzelnen Menschen zu. Sicherlich wäre ein gewisses Maß an Gewalt gerechtfertigt, um dieses Ergebnis zu verhindern.

Diese Art von pragmatischer Einstellung ist die einzige Alternative zur Klimaverzweiflung. Wohlhabende Liberale wie Jonathan Franzen wollen, dass wir die Tatsache akzeptieren, dass wir nichts tun können, um die Zerstörung des Planeten aufzuhalten. Malm ist entsprechend schockiert über diese Vorstellung:

[G]leichermaßen einfacher ist es auch, zumindest für manche, sich das Sterbenlernen vorzustellen als das Kämpfenlernen, sich mit dem Ende von allem, was einer lieb und teuer ist, auszusöhnen, als militanten Widerstand in Betracht zu ziehen.8

Auch wenn die Situation „hoffnungslos“ ist, ist es der Kampf, der uns menschlich macht. Die Aktionen von Nat Turner, den Kämpfern des Warschauer Ghettos usw. waren ebenfalls „hoffnungslos“. Dennoch inspirieren sie uns noch Jahrhunderte später. Wie Bertolt Brecht schrieb: „Wer verloren ist, kämpfe!“9

Kriegskommunismus

Aber was ist das Ziel all dieses zivilen Ungehorsams und der Sabotage, die Malm vorschlägt? Wenn dies die Taktik ist, was ist dann die Strategie?

„Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ geht nicht wirklich auf diesen Schritt 2 ein: Was ist zu tun, nachdem der Sprengstoff explodiert ist? Malm, der einen kommunistischen Hintergrund hat, gibt seine Quellen nur unzureichend an. Sein Pamphlet enthält zwar Zitate des russischen Revolutionärs Leo Trotzki und der deutschen Linksterroristin Ulrike Meinhof, aber ihre Namen stehen in den Endnoten. Im Text werden sie auf eine „Stimme“, die vor der Gefahr des Faschismus warnt, bzw. eine „westdeutschen Kolumnistin“ (!) reduziert.10 Malm hat sich eindeutig zu Beginn der Covid-Pandemie radikalisiert, und in seinem nächsten Pamphlet lässt er die rote Fahne ungeniert wehen. Der Untertitel lautet im englischen Original „Kriegskommunismus im einundzwanzigsten Jahrhundert“ und der Text ist voller Verweise auf Lenin, Trotzki, die Bolschewiki und die Revolution. Malm stellt eine besonders faszinierende Analogie auf. Wenn wir versuchen, uns die kriegsähnliche Mobilisierung vorzustellen, die nötig wäre, um die Menschheit vor der Klimakatastrophe zu bewahren, stellen wir uns oft das US-amerikanische War Production Board aus dem Zweiten Weltkrieg vor.11 Aber es gibt ein besseres historisches Beispiel. Nach der russischen Revolution wurde die junge Sowjetunion von 21 imperialistischen Armeen überfallen. Die Bolschewiki riefen den „Kriegskommunismus“ aus, um die schwache Macht der Arbeiter:innenklasse zu verteidigen. Mit roher Gewalt wurde Getreide von den Bauern:Bäuerinnen beschlagnahmt, da dies die einzige Möglichkeit war, die Rote Armee und die Städte zu versorgen. Es gab keine andere Möglichkeit, die Reaktion und den Faschismus aufzuhalten. In unseren kommenden, verzweifelten Kämpfen um das Überleben auf einem brennenden Planeten werden ähnlich große Opfer erforderlich sein.

Malm macht einen faszinierenden Punkt: Trotzki reiste bekanntlich in einem gepanzerten Zug von Front zu Front. Dieser Zug verbrannte Holz, also erneuerbare Energie. Die Rote Armee war grün!12

Der Kriegskommunismus entfesselt die unvorstellbare Kraft einer echten Volksrevolution, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, von Paris 1789 und Port-au-Prince 1791 über Petrograd und Moskau 1917 bis nach Madrid und Barcelona 1936. Die Rote Armee hat den Bürger:innenkrieg in Russland gewonnen, weil Millionen von Arbeiter:innen, Bäuerinnen und Bauern für ihre eigene Befreiung kämpften. Sie hatten die Bauernhöfe, die Fabriken und die Staatsmacht übernommen – und sie waren bereit, alles zu opfern, um ihre Errungenschaften zu verteidigen. Diese Art der revolutionären Mobilisierung brauchen wir, um radikale und sofortige Veränderungen im globalen Produktionssystem durchzusetzen.

Malms Idee des „Kriegskommunismus“ beinhaltet einige „drakonische Beschränkungen und Einschnitte“13: Dazu gehören der Stopp der Abholzung, die Reduzierung der Emissionen im Verkehr und die Enteignung der Ölkonzerne. Sobald das fossile Kapital unter der Kontrolle der gesamten Gesellschaft steht, könnte der Staat nicht nur die Brennstoffförderung einstellen, sondern auch die neu frei gewordenen Ressourcen nutzen, um Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu entfernen.

Doch Malms „ökologischer Leninismus“ ist begrenzt. Tatsächlich ist es die einzige Art von Leninismus, die in der Zeitschrift Jacobin, die sonst für ihre sozialdemokratische Nostalgie bekannt ist, positiv erwähnt wurde.14

Malm verwendet den Begriff Leninismus als Bezeichnung für eine disziplinierte politische Bewegung. Aber im Laufe der Geschichte haben sich viele Bewegungen einer Sache verschrieben: die Jesuiten, Scientology, die kaiserliche japanische Armee usw. Beim Leninismus geht es um Disziplin im Dienste eines bestimmten Programms: die Zerschlagung des kapitalistischen Staates durch die Arbeiter:innenklasse und die Schaffung einer Arbeiter:innenregierung zum Aufbau des Sozialismus.

Leninismus und der Staat

Lenins bestes Buch wurde während einer kurzen Flaute während der Revolution von 1917 geschrieben. In „Staat und Revolution“ erklärte er, dass der Staat kein neutraler Verwalter der Gesellschaft ist.15 Vielmehr ist der Staat ein Instrument einer Klasse zur Unterdrückung anderer Klassen. Der kapitalistische Staat verteidigt das Privateigentum an Produktionsmitteln und unterdrückt die Arbeiter:innenklasse und die Armen. In diesem Sinne ist selbst die demokratischste Republik eine Diktatur der Bourgeoisie.

Marx und Engels studierten die Erfahrungen des ersten Versuchs der Arbeiter:innenklasse, die politische Macht zu übernehmen, in der Pariser Kommune von 1871, und kamen zu dem Schluss, dass die Arbeiter:innenklasse nicht einfach den bestehenden Staatsapparat übernehmen kann. Stattdessen muss sie den bürgerlichen Staat zerschlagen und durch einen proletarischen Staat ersetzen, der auf Gremien der Selbstorganisierung wie Arbeiter:innenräten basiert. Lenin fügte hinzu, dass ein Arbeiter:innenstaat nur ein halber Staat wäre: Ein Staat, der der Kommune ähnelt, würde sich auf die große Mehrheit der Gesellschaft stützen, und sein Zweck wäre es, die Macht der Arbeiter:innen gegen die ehemaligen Kapitalist:innen zu verteidigen. Daher bräuchte er keinen großen bürokratischen Apparat. Im Laufe der Entwicklung der neuen sozialistischen Gesellschaft würden die Arbeiter:innen zunehmend alle Verwaltungsaufgaben selbst übernehmen, und jede Art von Staat würde überflüssig werden und verkümmern.

In einigen Punkten stimmt Malm mit Lenin überein. Er weist darauf hin, dass die kapitalistischen Staaten sich als „konstitutionell nicht in der Lage zu sein scheinen“16, im Interesse der Menschheit zu handeln, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Ihr einziger Zweck ist es, dafür zu sorgen, dass die Bourgeoisie immer mehr Kapital anhäufen kann, selbst wenn das bedeutet, dass der Planet und alle Menschen darauf dafür verbrannt werden.

Malm weist gleichzeitig anarchistische Fantasien zurück, dass die Staatsmacht von einem Tag auf den anderen abgeschafft werden kann – vor allem angesichts einer existenziellen Krise. „Es macht geradezu den tautologisch wahren Anschein,“ schreibt er, „dass eine tatsächliche Transition eine gewisse Zwangsbefugnis erforderlich macht.“17 Er zitiert Lenin zustimmend: „Wir brauchen eine revolutionäre Staatsmacht, wir brauchen (für eine bestimmte Übergangsperiode) den Staat. Dadurch unterscheiden wir uns von den Anarchisten.“

So viel sollte allen ernsthaften Sozialist:innnen klar sein. Die Arbeiter:innenklasse muss die Macht der Kapitalist:innen und aller Institutionen, die sie schützen, wie die Polizei und das Gefängniswesen, überwinden. Das geht nur mit Gewalt – und diese systematische Anwendung von Gewalt durch eine Klasse gegen eine andere ist genau das, was wir unter einem Arbeiter:innenstaat verstehen.

Bezeichnenderweise lässt Malm jedoch die folgenden Sätze aus Lenins Zitat weg:

Wir brauchen einen Staat, abernichteinen solchen, wie ihn die Bourgeoisie braucht, mit Machtorganen, die vom Volk getrennt sind und dem Volk entgegengestellt werden, wie Polizei, Armee und die Bürokratie (Beamtentum). Alle bürgerlichen Revolutionen habendieseStaatsmaschine lediglich vervollkommnet, lediglich einer Partei genommen und einer anderen übergeben.

Das Proletariat aber muß, wenn es die Errungenschaften der gegenwärtigen Revolution behaupten und weitergehen will, wenn es Frieden, Brot und Freiheit erringen will, diese ‚fertige‘ Staatsmaschine, um Marx’ Worte zu gebrauchen,‚zerbrechen‘und sie durch eine neue ersetzen, bei der Polizei, Armee und Bürokratie mit dembis auf den letzten Mann bewaffneten Volk zu einer Einheit verschmolzensind.19

Ja, der Kampf um das Überleben der Menschheit angesichts der Erderwärmung wird diese Art von revolutionärer Mobilisierung erfordern, bei der sich Milliarden von Menschen organisieren, um jeden letzten Rest der Macht der Kapitalist:innen zu zerstören. Der gesamte Produktionsapparat der Menschheit muss unter demokratische Kontrolle gestellt werden, um sich an eine Welt in Flammen anzupassen und so viel wie möglich zu retten.

Aber Malms „Leninismus“ lässt die Idee der Zerschlagung des Staates absichtlich aus. Er schreibt:

Haben wir soeben nicht eingehend erörtert, dass der kapitalistische Staat konstitutionell nicht in der Lage sei, diese Schritte zu unternehmen? Und doch steht uns kein anderer Staat zur Verfügung. Kein auf Sowjets basierender Arbeiterstaat wird auf wundersame Weise über Nacht das Licht der Welt erblicken. Keine Doppelherrschaft der demokratischen Organe des Proletariats scheint sich in absehbarer Zeit, wenn überhaupt, zu materialisieren. Darauf zu warten, wäre sowohl unsinnig als auch sträflich, und so bleibt uns nichts anderes übrig, als mit diesem desolaten Staat zu arbeiten, der wie eh und je an die Kreisläufe des Kapitals gekettet ist. Die Bevölkerung wird Druck ausüben müssen, um das im Staat verdichtete Kräfteverhältnis zu verlagern, um dessen Apparat dazu zu zwingen, seine Fesseln zu kappen, und sie wird sich […] in Bewegung setzen müssen […]. Dies hieße jedoch eindeutig eine Abkehr vom klassischen Programm der Zerschlagung des Staats zugunsten des Aufbaus eines neuen – eines von mehreren Elementen des Leninismus, die reif (wenn nicht gar überreif) für ihren eigenen Nachruf scheinen.20

Das ist das theoretische Äquivalent zum Hütchenspiel: Malm beruft sich gerne auf das radikale Bild Lenins, aber er lehnt die „Zerstörung des Staates“ ab. Was übrig bleibt, ist der übliche Reformismus. Malm fordert den kapitalistischen Staat auf, einen „Kriegskommunismus“ zu betreiben – und gibt gleichzeitig zu, dass dieser Staat nicht einmal minimale Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen ergreifen kann. Er schreibt, dass ein „auf Sowjets basierender Arbeiterstaat“ nicht „über Nacht das Licht der Welt erblicken“ wird – aber das hat auch noch nie jemand vorgeschlagen. Ganz im Gegenteil: Die zentrale These des Leninismus ist, dass ein solcher Staat nur durch die bewussten Anstrengungen von Millionen und Milliarden von Arbeiter.innen geschaffen werden kann, wobei ihre Energien von einer revolutionären Partei zentralisiert werden. Das ist genau das, wofür Leninist:innen kämpfen!

Mit einer Formulierung zeigt Malm seine Verbundenheit mit dem reformistischen („eurokommunistischen“) Theoretiker Nicos Poulantzas, obwohl sein Name diesmal nicht einmal in den Fußnoten erwähnt wird. Während Marx und Engels argumentierten, dass der Staat ein „ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet,“21 ist, konterte Poulantzas, dass der Staat in Wirklichkeit eine „Verdichtung der Klassenkräfte“ darstellt: „Der Staat ist die materielle Verdichtung des Kräfteverhältnisses zwischen Klassen und Klassenfraktionen.“22 Mit anderen Worten: Für Poulantzas ist der Staatsapparat ein Ort des Kampfes zwischen den verschiedenen Klassen und die Arbeiter:innenklasse könne das Kräftegleichgewicht innerhalb des Staates verschieben und ihn schließlich übernehmen. Letztendlich ist dies nur eine unnötig wortreiche Fassung der alten reformistischen Theorie, dass die Arbeiter:innenklasse die Macht innerhalb des bürgerlichen Staates gewinnen könne.

Diese Position zum Staat ist es, die den „leninistischen“ Theoretiker Malm mit dezidiert nicht-sozialistischen aktivistischen Bewegungen wie XR, Ende Gelände und Letzte Generation verbindet. Sie alle wollen mit zivilem Ungehorsam den Staat zwingen, Notmaßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen. Malm weiß, dass dies unmöglich ist – und argumentiert, dass es keine Alternative gibt. Mit anderen Worten: Unsere einzige Hoffnung ist etwas, das sich in Geschichte und Theorie als völlig unmöglich erwiesen hat. Letzten Endes ist das nur eine „sozialistische“ Version der Klimaverzweiflung.

Liberale mit der Bombe

Wie Leo Trotzki feststellte, ist die Kraft, die die Arbeiterklasse bräuchte, um die Bourgeoisie zu einer Politik im Interesse der Arbeiter zu zwingen, in Wirklichkeit weitaus größer als die, die zur Eroberung der politischen Macht nötig wäre.23 Malm sagt, dass es für die Arbeiter:innenklasse keine Zeit gibt, den bürgerlichen Staat zu zerstören und den Sozialismus aufzubauen. Wir würden genau das Gegenteil behaupten: Es ist keine Zeit, um zuzulassen, dass die kapitalistischen Staaten weiterhin Öl ins Feuer gießen, während wir unsere Anstrengungen in kleine Sabotageakte und die illusorische Hoffnung investieren, dass eine bürgerliche Regierung irgendwie unseren Zielen dienen wird.

In seiner Diskussion über den „Kriegskommunismus“ äußert Malm mehr Unterstützung für Sozialdemokraten als für Leninisten:

Nichts hätte besser für den Planeten sein können, als wenn Jeremy Corbyn 2019 Premierminister von Großbritannien geworden wäre und Bernie Sanders 2016 die Präsidentschaftswahl der USA gewonnen hätte.24

Auf ähnliche Weise lobt er die brasilianische Regierung von Lula. Es ist nicht so, dass Malm glaubt, dass solche reformistischen Regierungen die Menschheit retten werden – er hofft vielmehr, dass eine solche Regierung unter dem Druck der Mobilisierungen „über sich hinauswachsen“ und den Kapitalismus abschaffen müsste. Lula befindet sich jetzt in seiner dritten Amtszeit als brasilianischer Präsident, während die Zerstörung des Amazonas weitergeht. Die Hoffnung, dass eine solche bürgerliche Regierung unter dem Druck der Mobilisierungen plötzlich antikapitalistische Maßnahmen ergreifen würde, ist genau das, was Malm und seine Mitdenker:innen im Vereinigten Sekretariat dazu gebracht hat, Syriza und Podemos zu unterstützen. Statt Sozialismus bekam die Arbeiter:innenklasse nur Verrat und Demoralisierung.25

Der „Leninist“ Malm setzt also seine Hoffnungen auf genau die sozialdemokratischen Politiker:innen, die auch die Zeitschrift Jacobin unterstützt. Für Malm besteht das Ziel direkter Aktionen darin, reformistische Regierungen zu wählen, die sich endlich ernsthaft der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen widmen. Das bestätigt, was Lenin schon vor mehr als einem Jahrhundert festgestellt hat: „Revolutionäre“ wie Malm, die zur Propaganda der Tat aufrufen, sind meistens nichts anderes wie die „Liberalen mit der Bombe“26.

Im Jacobin hat Chris Maisano eine prägnante Antwort auf Malm geschrieben: „Jage keine Pipeline in die Luft.“27 Er argumentiert ziemlich überzeugend: Wenn dein Ziel darin besteht, eine bürgerliche Regierung dazu zu bringen, eine Art Green New Deal umzusetzen, dann musst du dich an bürgerliche Taktiken halten, wie die Unterstützung linker Kandidaten bei den Vorwahlen und Lobbyarbeit bei Kongressmitgliedern. Sozialdemokratische Ziele erfordern sozialdemokratische Mittel – und spektakuläre Sabotageakte wären da nur hinderlich.

Malms Plan, den kapitalistischen Staat den Kriegskommunismus einführen zu lassen, hat etwas Ruchloses an sich. In Russland wurden 1918 bis 1921 von den Arbeiter:innen unvorstellbare Opfer verlangt, um die errungene Macht zu verteidigen. Malm ruft zu ähnlichen Opfern auf – nur ohne die Macht.

Wenn Malm „drakonische Einschränkungen und Kürzungen“ fordert und gleichzeitig den kapitalistischen Staat beibehält, kann das nur bedeuten, dass der Lebensstandard der Arbeiter:innen angegriffen wird, während die Profite der Kapitalist:innen gewahrt werden. Im Grunde ist es genau das, was die bürgerlichen Regierungen bereits tun: „Grüne“ Sparmaßnahmen bedeuten, dass die Reichen ihre Privatjets rund um die Uhr in der Luft lassen können, während die Armen im Namen des „Klimaschutzes“ auf das Fliegen verzichten sollen.

Diese Art von Sparmaßnahmen hat nichts mit Kriegskommunismus zu tun. Tatsächlich ähnelt es mehr den Maßnahmen des deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg. Unter der Diktatur des Kriegsamtes kam es tatsächlich zu einer Mobilisierung der gesamten Gesellschaft: Die Massen wurden gezwungen, in Schützengräben an der Front zu kauern, in Munitionsfabriken hart zu arbeiten oder Schlange zu stehen, um rationierte Rüben zu bekommen. Kinder starben wie die Fliegen an Epidemien. Doch während bürgerliche Politiker ein geteiltes nationales Opfer forderten, tranken Spekulanten Champagner und machten Rekordgewinne. Einige der rechten Stimmen in der SPD glaubten, dass diese staatliche Verwaltung der Wirtschaft ein Schritt in Richtung Sozialismus sei. Sie nannten es „Kriegssozialismus“. Rückblickend ist klar, dass diese zeitweilige Kontrolle der Wirtschaft durch einen kapitalistischen Staat nur noch mehr Barbarei ermöglichte.

Es scheint, dass Malm mit seiner Verteidigung des kapitalistischen Staates dem „Kriegssozialismus“ viel näher steht als dem „Kriegskommunismus“.

Was ist Klima-Leninismus?

Der „ökologische Leninismus“, wie er von Malm formuliert wird, ist erstaunlich moderat. Seine beiden Bücher enthalten keine antikapitalistische Perspektive. Vielmehr ist er der Meinung, dass ein Handeln in der Klimakrise erreicht werden kann, wenn genügend Menschen Sabotage betreiben. Als konkrete Beispiele nennt er das Ablassen von Luft aus den Reifen von SUVs28 oder die vorübergehende Besetzung von Kohlekraftwerken. In jüngerer Zeit haben Aktivist:innen gezielt Großkapitalisten ins Visier genommen, wie zum Beispiel, als sie die Megajacht eines der Walmart-Erben mit orangefarbener Farbe besprühten. Was auch immer man von solchen Aktionen hält – oder sogar von der Sprengung einer Pipeline – sie sind einfach nicht genug. Selbst wenn es der Klimabewegung gelänge, jeden Tag eine Pipeline in die Luft zu jagen, würde die Maschinerie des fossilen Kapitals weiterlaufen.

Ein Reformist wie Chris Maisano von Jacobin sagt: Deshalb brauchen wir politische Macht! Das ist wahr. Aber Maisano geht davon aus, dass ein Corbyn, Sanders oder Lula an der Spitze des bürgerlichen Staates bedeutet, dass die Arbeiter:innenklasse an der Macht ist. Malm scheint dem zuzustimmen, obwohl er radikalere Taktiken befürwortet. Das Problem ist, dass der kapitalistische Staat selbst dann, wenn ein aufrichtiger Reformist auf den Posten des Premierministers gelangt, „konstitutionell nicht in der Lage“ bleibt, die anstehende Katastrophe zu bewältigen.

Was beinhaltet der „ökologische Leninismus“? Malm bietet eine Drei-Punkte-Definition an: 1) „die Krisen der Symptome in Krisen der Ursachen zu verwandeln29; also die vom Kapitalismus verursachten Katastrophen als Chance für Veränderungen nutzen; 2) „Geschwindigkeit als oberste Tugend“30; 3) „jegliche Möglichkeit [zu ergreifen], den Staat in diese Richtung zu drängen, mit dem business as usual so massiv als nötig zu brechen und die auf die Katastrophe hinarbeitenden Wirtschaftsbereiche der direkten öffentlichen Kontrolle zu unterstellen“31

Nichts davon ist falsch, ganz im Gegenteil. Aber Malms Leninismus klingt mehr oder weniger wie sozialdemokratischer Reformismus – nur viel schneller. Das ist eigentlich der Weg von Max Power: „der falsche Weg, aber schneller“. Rosa Luxemburg hingegen wies darauf hin, dass Reform und Revolution zwei gegensätzliche Programme sind:

Wer sich daher für den gesetzlichen Reformweganstattundim Gegensatzzur Eroberung der politischen Macht und zur Umwälzung der Gesellschaft ausspricht, wählt tatsächlich nicht einen ruhigeren, sicheren, langsameren Weg zumgleichenZiel, sondern auch einanderesZiel, nämlich statt der Herbeiführung einer neuen Gesellschaftsordnung bloß unwesentliche Veränderungen in der alten.32

In diesem Sinne wollen wir uns fünf weitere Ideen ansehen, die einen wirklichen Klima-Leninismus ausmachen:

1. Die Zentralität der Arbeiter:innenklasse

Wir müssen die gesamte Weltwirtschaft radikal umgestalten. Aber welches soziale Subjekt kann schon hoffen, alles zu verändern? Aktivist:innen, die sich monatelang im Untergrund verstecken, um einzelne Pipelines in die Luft zu jagen, werden niemals die Macht der Massen besitzen. Der Leninismus erkennt an, dass die Arbeiter:innenklasse – die Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen und den Kapitalismus am Laufen halten – diejenigen sind, die den Kampf für eine andere Gesellschaft anführen können. Das Proletariat kann alle unterdrückten und ausgebeuteten Menschen in einem Bündnis vereinen, um die Bourgeoisie zu zerschlagen.

Nicht wenige Klimaaktivist:innen werden die Arbeiter:innenklasse als Subjekt der radikalen Transformation ablehnen. („Das ist doch nur ein marxistisches Dogma von vor 150 Jahren!“) Sie verweisen auf konkrete Erfahrungen der Klimabewegung in Deutschland, wo die IG BCE die schärfste Gegnerin selbst minimaler Klimaschutzmaßnahmen war. Auch die IG Metall hat die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder in der Autoindustrie verteidigt und sich scheinbar nicht dafür interessiert, dass diese Arbeitsplätze zusammen mit dem Rest der Zivilisation durch den Klimawandel zerstört werden.

Das beweist nur, dass die Arbeiter:innenklasse ohne Organisation ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann. Derzeit werden die meisten Arbeiter:innenorganisationen von millionenschweren Bürokrat:innen geleitet. Diese Bürokrat:innen erhalten ihre Privilegien, indem sie mit den Kapitalist:innen verhandeln. Nur wenn die Arbeiter:innen dafür kämpfen, zu einem unabhängigen politischen Subjekt zu werden, entfalten sie ihre Macht, die Welt zu verändern. Ein konkretes Beispiel dafür sind die Ölarbeiter:innen in der Total-Raffinerie in Grandpuits in Frankreich.33 Ihnen wurde gesagt, dass sie im Rahmen einer „Greenwashing“-Kampagne des multinationalen Konzerns entlassen werden sollten. Sie organisierten Versammlungen der Belegschaft. Sie kämpften nicht dafür, dass weiterhin Öl raffiniert und damit der Planet verbrannt wird – und sie akzeptierten auch nicht, dass sie im Namen des „grünen Kapitalismus“ auf die Straße gesetzt wurden. Sie schlossen sich mit Klimaaktivist:innen zusammen und kämpften für ihre Arbeitsplätze sowie für die Umgestaltung des Energiesektors unter Arbeiter:innenkontrolle. Man stelle sich das vor: Ölarbeiter:innen kämpfen für saubere Energie! Möglich ist das dank der „Magie“ der Selbstorganisation und sozialistischer Ideen.

Die Raffinerie in Grandpuits ist natürlich nur ein kleines Beispiel. Aber es gibt noch andere kleine Beispiele von Arbeiter:innen, die ihre Arbeitsplätze besetzen und erkennen, dass sie die Produktion im Interesse aller umstrukturieren können. Diese Beispiele zeigen, wie die Welt ganz anders regiert werden könnte – nicht zur Gewinnmaximierung für eine Handvoll parasitärer Milliardär:innen, sondern um die Bedürfnisse aller Menschen zu erfüllen. Der Leninismus zeigt, dass die Arbeiter:innenklasse, angeführt von einer revolutionären Partei, die Welt verändern kann.

2. Eine Revolution, um den bürgerlichen Staat zu zerschlagen

Malm argumentiert richtigerweise, dass der kapitalistische Staat „konstitutionell nicht in der Lage“ ist, die Klimakatastrophe zu bewältigen. Wie wir oben dargelegt haben, hat Lenin gezeigt, wie Arbeiter:innen den kapitalistischen Staat zerstören können. Dies ist auf der Grundlage der Selbstorganisation der Arbeiter:innenklasse möglich, wie etwa in den Arbeiter:innenräten, die in jedem revolutionären Prozess auftauchen. Revolutionär:innen müssen heute gegen die Bürokratie in den Gewerkschaften und den sozialen Bewegungen kämpfen und die Selbstorganisation vorantreiben.34

3. Eine revolutionäre Partei

Der Leninismus weiß auch, dass die Arbeiter:innenklasse ihre historische Aufgabe nur durch entschlossenes Handeln erfüllen kann. Dies erfordert eine Partei, die sich aus den bewusstesten und entschlossensten Kämpfer:innen der Arbeiter:innenklasse zusammensetzt – eine Avantgardepartei. Eine solche Partei könnte bei Wahlen antreten, aber ihr Schwerpunkt liegt im Klassenkampf. Der Leninismus zielt darauf ab, eine Partei des Kampfes aufzubauen.35

4. Die Presse als Gerüst

Der Leninismus hat gezeigt, dass das Gerüst für den Aufbau einer revolutionären Partei eine revolutionäre Presse ist.36 Die Arbeiter:innen müssen ihre eigenen Medien schaffen, um ihre Kampferfahrungen zu teilen und Lehren daraus zu ziehen. Vor einem Jahrhundert bedeutete dies eine Zeitung. Heute müssen die revolutionären Medien alle technischen Möglichkeiten nutzen.

5. Internationalismus

Der Leninismus hat verstanden, dass eine sozialistische Transformation nicht in einem einzigen Land stattfinden kann. In Zeiten der Klimakatastrophe sind die stalinistischen Vorstellungen vom „Sozialismus in einem Land“ noch absurder als je zuvor. Malm geht davon aus, dass alle kapitalistischen Nationalstaaten auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben werden. Lenin hingegen sah die Russische Revolution lediglich als einen ersten Schritt zur Gründung einer sozialistischen Weltrepublik. Deshalb organisiert sich der Leninismus international.37

Der Klima-Leninismus fordert, kurz gesagt, nichts Geringeres als die vollständige Zerstörung jedes bürgerlichen Staates. Das ist nicht einfach. Aber es ist die einzige realistische Option, die wir haben, um die Katastrophe aufzuhalten. Deshalb kämpfen wir für den Aufbau einer Partei der Arbeiter:innenklasse für den Sozialismus.

Leninismus gegen die Verzweiflung

In den letzten Jahren hat die Klimabewegung eine gewisse Demoralisierung erfahren. Es ist ein paar Jahre her, dass Fridays for Future Millionen von jungen Menschen auf der ganzen Welt mobilisiert hat. Sie hofften, dass die kapitalistischen Politiker:innen, bewegt durch die verzweifelten Schreie der Jugend, endlich auf die Wissenschaft hören würden. Aber die Regierungen tun weiterhin nichts. Für jeden, der glaubt, dass diese Regierungen demokratisch sind, ist das kaum verständlich – und so ist es leicht, zu verzweifeln.

Der Schlüssel ist, zu verstehen, dass diese Politiker:innen kapitalistische Staaten lenken. Ihre einzige Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass ihre Kapitalist:innen ihr Kapital vermehren und im Wettbewerb mit anderen Kapitalist:innen erfolgreich sind. Wenn der Planet dabei verbrennt, ist das nicht wirklich ihr Problem. Deshalb bauen sie auch weiterhin Autos, Autobahnen und Kohlekraftwerke. Es ist nicht so, dass sie nicht an die Wissenschaft glauben – sie werden wahrscheinlich sogar besser informiert als wir. Das Problem ist, dass die Notmaßnahmen, die wir zur Bewältigung der Krise brauchen, nur „vermittelst despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht“38 (Marx und Engels) geschehen können. Kein kapitalistischer Staat kann das tun. Und kein noch so großer ziviler Ungehorsam kann oder wird daran etwas ändern.

Doch sobald wir verstehen, dass kapitalistische Staaten der Feind sind, erkennen wir, dass sie von der Arbeiter:innenklasse zerstört werden können und müssen. Wir sehen, dass es auf der Welt Milliarden von Arbeiter:innen gibt, die die Maschinen des fossilen Kapitals zum Stillstand bringen können. Um noch einmal Brecht zu zitieren: „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“39 Hier kommt die Strategie ins Spiel – der Leninismus gibt uns theoretische Werkzeuge, um den Kampf gegen den Kapitalismus zu organisieren.

In dem eingangs zitierten Pamphlet forderte Lenin 1917 abschließend einen „rückhaltlos konsequente[n] Bruch mit den Kapitalisten“40. Er argumentierte, dass die einzige Hoffnung in der sozialistischen Revolution liege:

Untergehen oder mit Volldampf vorwärtsstürmen. So wird die Frage von der Geschichte gestellt.41

Entweder wir zerschlagen den kapitalistischen Staat oder wir verbrennen alle – das ist die Alternative.

Fußnoten

1. W.I. Lenin: Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, in: Ders.: Werke, Band 25, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 327-377, hier S. 331f., Hervorhebungen im Original, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/09/katastrophe.html.
2. Andreas Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen, Matthes & Seitz, Berlin 2020, Original: How to Blow Up a Pipeline. Learning to Fight in a World on Fire, London und New York City 2021.
3. Ders.: History May Absolve the Soup Throwers, in: New York Times, 20. Oktober 2022, https://www.nytimes.com/2022/10/20/opinion/just-stop-oil-soup-sunflowers-climate.html,; Daniel Goldhaber: How to Blow Up a Pipeline, USA 2022.
4. Andreas Malm: Klima|x, Matthes & Seitz, Berlin 2020, Original: Corona, Climate, Chronic Emergency. War Communism in the Twenty-First Century, Verso Books, London und New York City 2020.
5. John Lancaster: Warmer, Warmer, in: London Review of Books 29/6 (2007), https://www.lrb.co.uk/the-paper/v29/n06/john-lanchester/warmer-warmer.
6. Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt, S. 33.
7. Nathaniel Flakin: 70 Jahre Befreiung von Buchenwald, in: Klasse Gegen Klasse, 11. April 2015, https://www.klassegegenklasse.org/70-jahre-befreiung-von-buchenwald/.
8. Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt, S. 162.
9. Bertolt Brecht: Lob der Dialektik, in: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Vierte Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 467f., hier S. 468, https://www.deutschelyrik.de/lob-der-dialektik-1934.html.
10. Malm schreibt: „‚Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen‘, gab eine westdeutsche Kolumnistin 1968 die Worte eines Black-Power-Aktivisten wieder.“ Das war tatsächlich Meinhof, die Gründerin der Roten Armee Fraktion. An anderer Stelle schreibt Malm: „Anfang der 1930er-Jahre wurde von Monat zu Monat offensichtlicher, dass sich Deutschland in eine immer heiklere Lage manövrierte, an deren Ende die ‚Machtergreifung‘ der Nazis stünde. ‚Wie viel wertvolle, unwiederbringliche Zeit ist versäumt! Wahrhaftig, es ist ihrer nicht mehr viel geblieben‘, klagte eine jener am eindringlichsten vor der Gefahr warnenden Stimmen und forderte ihre Zuhörerschaft dazu auf, keine Mühen zu scheuen, sie […] zu bekämpfen.“ Das war Leo Trotzki. Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt, S. 80 und 74.
11. Diese Analogie haben auch wir gemacht: „Während des Zweiten Weltkriegs unterlag die US-Wirtschaft der Planwirtschaft durch das War Production Board (WPB). So wurde beispielsweise am 22. Februar 1942 die gesamte Automobilproduktion in den Vereinigten Staaten eingestellt. Fast über Nacht verlagerten sich sämtliche Produktionskapazitäten auf den Bau von Panzern und Flugzeugen. Heute sagen die privaten Automobilhersteller, sie würden Jahrzehnte brauchen, um von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Das sind Jahrzehnte, die wir schlichtweg nicht haben. Die Produktion muss sofort und unter gesellschaftlicher Kontrolle radikal verändert werden.“ Nathaniel Flakin und Roberto Belano: Ein „Green New Deal“ kann uns nicht retten. Eine Planwirtschaft schon, in: Klasse Gegen Klasse, 24. März 2019, https://www.klassegegenklasse.org/ein-green-new-deal-kann-uns-nicht-retten-eine-planwirtschaft-schon/.
12. Leider funktioniert diese wunderbar zitierbare Analogie nicht ganz, denn die Verbrennung von Holz ist nicht erneuerbar: Die Rückgewinnung des Kohlenstoffs durch das Wachstum neuer Bäume könnte Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern. Aber aus literarischen Gründen gefällt uns das trotzdem.
13. Malm: Klima|x, S. 216.
14. „To Halt Climate Change, We Need an Ecological Leninism“. Interview mit Andreas Malm, in: Jacobin, 15. Juni 2020, https://jacobin.com/2020/06/andreas-malm-coronavirus-covid-climate-change.
15. W.I. Lenin: Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution, in: LEW Bd. 25, S. 393-507, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/staatrev/index.htm. „Staat und Revolution“ ist ein ausgezeichnetes Buch – es ist kurz und übersichtlich. Lies es, wenn du noch keine Gelegenheit dazu hattest!
16. Malm: Klima|x, S. 222.
17. Ebd., S. 227.
18. W.I. Lenin: Briefe aus der Ferne. Brief 1. Über die proletarische Miliz, in: Ders.: Werke, Band 23, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 334-347, hier S. 339, Hervorhebung im Original, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/bri-fern/. Siehe: Malm: Klima|x, S. 197.
19. Ebd., S. 340.
20. Malm: Klima|x, S. 227f.
21. Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW Band 4, Dietz Verlag, Berlin 1959, S. 459-493, hier S. 464.
22. The State, Social Movements, Party. Interview with Nicos Poulantzas (1979), in: Viewpoint Magazine, 18. Dezember 2017, https://viewpointmag.com/2017/12/18/state-social-movements-party-interview-nicos-poulantzas-1979/, eigene Übersetzung. Für eine marxistische Kritik an Poulantzas siehe: Stefan Schneider: Den Staat zerstören oder übernehmen?, in: Klasse Gegen Klasse, 17. März 2015, https://www.klassegegenklasse.org/den-staat-zerstoren-oder-ubernehmen/.
23. In einem Beitrag über 1848 bemerkte Trotzki über die Bourgeoisie: „Um diesen Feigling zur Erfüllung seiner Pflichten zu zwingen, hätte das Proletariat auf jeden Fall nicht weniger Kraft und Reife benötigt als für die Organisation einer eigenen provisorischen Arbeiterregierung.“ Leo Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven. Die treibenden Kräfte der Revolution, in: Ders: Permanente Revolution. Ergebnisse und Perspektiven, 2. überarbeitete Auflage, Mehring-Verlag, Essen 2016, S. 15-107, hier S. 46, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1906/erg-pers/3-1789.htm.
24. Malm: Klima|x, S. 182.
25. Diego Lotito und Josefina L. Martínez: Syriza and Podemos. A Necessary Balance Sheet, in: Left Voice, 6. August 2016, https://www.leftvoice.org/syriza-and-podemos-a-necessary-balance-sheet/.
26. W.I. Lenin: Die Laufbahn eines russischen Terroristen, in: Ders.: Werke, Band 17, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 30-32, hier S. 31, https://www.sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/1911/wladimir-i-lenin-die-laufbahn-eines-russischen-terroristen.
27. Chris Maisano: Don’t Blow Up a Pipeline, in: Jacobin, 29. Juli 2023, https://jacobin.com/2023/07/climate-change-mass-politics-democracy-organizing-andreas-malm-bpra.
28. Fairerweise muss man sagen, dass diese Aktion 2007 in Schweden stattfand, als SUVs nur von Wohlhabenden genutzt wurden. Heute sind SUVs vielerorts so weit verbreitet, dass jede Sabotage vor allem die Arbeiter:innenklasse treffen würde.
29. Malm: Klima|x, S. 222, Hervorhebung im Original.
30. Ebd., S. 226.
31. Ebd., S. 227.
32. Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution, in: Dies: Gesammelte Werke, Band. 1.1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 367-466, hier S. 428f, Hervorhebungen im Original, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/.
33. „Wir Arbeiter:innen sind für den ökologischen Übergang, aber nicht in den Händen der Kapitalist:innen“. Interview mit Adrien Cornet, in: Klasse Gegen Klasse, 8. Februar 2021, https://www.klassegegenklasse.org/wir-arbeiterinnen-sind-fuer-den-oekologischen-uebergang-aber-nicht-in-den-haenden-der-kapitalistinnen/.
34. Nathaniel Flakin: Sowjetische Strategie. Eine Einführung, in: Klasse Gegen Klasse, 5. Mai 2020, https://www.klassegegenklasse.org/sowjetische-strategie-eine-einfuehrung/.
35. Marina Garrisi: Die leninistische Konzeption der Partei, in: Klasse Gegen Klasse, 14. Juni 2023, https://www.klassegegenklasse.org/die-leninistische-konzeption-der-partei/.
36. Simon Zinnstein und Joachim Valente: Die Rolle der Zeitung im Aufbau einer revolutionären Partei. Roter Faden Podcast, in: Klasse Gegen Klasse, 11. November 2022, https://www.klassegegenklasse.org/die-rolle-der-zeitung-im-aufbau-einer-revolutionaeren-partei-roter-faden-podcast/.
37. Nathaniel Flakin: Why Socialists Fight for an International Organization, in: Left Voice, 15. Februar 2020, https://www.leftvoice.org/why-socialists-fight-for-an-international-organization/.
38. Marx und Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 481, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/index.htm.
39. Brecht: Lob der Dialektik, S. 468.
40. Lenin: Die drohende Katastrophe, S. 374.
41.  Ebd., S. 375.

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