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„Wir Arbeiter:innen sind für den ökologischen Übergang, aber nicht in den Händen der Kapitalist:innen“

Der harte Streik in der Raffinerie Grandpuits in Frankreich dauert nun schon seit vier Wochen an. Wir interviewten Adrian Cornet, Raffineriearbeiter, CGT-Delegierter und Aktivist von Révolution Permanente in der NPA.

Frankreich befindet sich in einer gesundheitlichen und sozialen Krise riesigen Ausmaßes, mit einer der restriktivsten Ausgangssperren in Europa ab 18 Uhr und mit schwebenden Drohung einer neuen Ausgangssperre für die gesamte Bevölkerung – obwohl die Regierung Macron noch versucht, diese zu vermeiden. Die soziale Krise verschärft sich: Im letzten Jahr haben 800 Unternehmen allgemeine Entlassungspläne angekündigt und jede Woche kündigen im Durchschnitt weitere 20 Unternehmen neue massive Stellenstreichungen an. Die Führungen der wichtigsten Gewerkschaften reagieren nicht, weder mit einem Kampfplan, um den Entlassungen zu stoppen, noch indem sie versuchen, die Reaktionen von unten zu koordinieren. Dadurch herrscht eine Atmosphäre der Unsicherheit über die Zukunft und der Angst vor Arbeitslosigkeit, flankiert von einigen defensiven Kämpfen, um Abfindungen zu kassieren.
In diesem Rahmen sticht der Streik der Arbeiter:innen der Total-Raffinerie Grandpuits in der Region Paris, der bereits seit einem Monat andauert, als ein Fanal des Kampfes in einem konzentrierten Sektor der französischen Arbeiter:innenklasse hervor. Dieser Sektor hat eine wichtige Kampftradition und war in den letzten Jahren bereits Protagonist wichtiger Kämpfe. Bei diesem Streik beschränken die Arbeiter:innen ihre Forderung nicht auf Abfindungen, sondern fordern den Erhalt der Arbeitsplätze.
Total ist das viertgrößte Unternehmen im französischen Börsenindex CAC40 und einer der wichtigsten französischen multinationalen Konzerne auf der Welt. Ende September kündigte er die Schließung der einzigen Erdölraffinerie in der Region Paris an, mit einem Projekt zur Umstellung der Fabrik auf die Produktion von Biokunststoffen und Biokraftstoffen. Dieser Plan, den als Projekt des „ökologischen Übergangs“ gerechtfertigt wird, um der Produktion fossiler Brennstoffe in Frankreich in einigen Jahren ein Ende zu setzen, impliziert die Streichung von 700 Arbeitsplätzen (unter den Festangestellten, die direkt für Total arbeiten, und bei den in Subunternehmen tätigen Beschäftigten). Angesichts eines solchen Angriffs der Bosse kämpfen die Arbeiter:innen von Total seit einem Monat und führen einen sehr harten Kampf, der durch die Politik der Gewerkschaftsbürokratie ziemlich isoliert ist, und jedoch beginnt, eine wichtige Solidaritätswelle zu wecken. Am 3. und 4. Februar begannen alle Total-Raffinerien in Frankreich einen 48-stündigen Streik zur Unterstützung der Arbeiter:innen von Grandpuits und für mehr Arbeitsplätze in allen Total-Werken in Frankreich.

Wir interviewten Adrian Cornet, Arbeiter im Grandpuits, CGT-Delegierter und Aktivist von Révolution Permanente in der NPA.

Bild: Révolution Permanente.

Total will die Entlassungen mit einem Plan des „ökologischen Übergangs“ rechtfertigen, aber die Arbeiter:innen haben angeprangert, dass dies nur „Greenwashing“ sei. Wie ist das?

Die Bosse versuchen, sich als „verantwortungsbewusstes“ Unternehmen mit einem grünen Diskurs darzustellen, aber das ist völlig heuchlerisch. Total baut eine 1500 km lange Ölpipeline in Uganda und Gaspipelines in Mosambik, die zur Abholzung von Naturparks und zur Zwangsvertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen führen werden. Außerdem versichern sie der Presse, dass das Projekt zum Umbau der Fabrik nicht zu direkten Entlassungen führen wird, was eine Lüge ist. Den Festangestellten schlagen sie den freiwilligen vorzeitigen Ruhestand oder Versetzungen in Werke in anderen Städten vor (was nichts anderes als eine Form von verdeckten Entlassungen ist). Aber Hunderte von Leiharbeiter:innen, von denen viele seit Jahren in der Raffinerie arbeiten, werden direkt entlassen. Dies ist auch die Zukunft für diejenigen, die bei Total mit prekären Verträgen arbeiten. Wir schätzen, dass von den 700 Arbeitsplätzen, die Total in Grandpuits abbauen wird, 200 direkt bei Total beschäftigt sind und 500 bei Fremdfirmen arbeiten.

Wir Arbeiter:innen sind absolut für den ökologischen Übergang, aber nicht in den Händen von Kapitalist:innen wie Total. Unsere Kinder baden in den von Total verschmutzten Flüssen und atmen die von Total verschmutzte Luft, wir sind diejenigen, die am meisten an einer ökologischen Wende interessiert sind. Aber die Bosse werden es nicht tun, nur wir Arbeiter:innen können es schaffen, denn wir wissen, wie die Raffinerie funktioniert und wohnen in den umliegenden Vierteln.

Ich sage immer, wenn die Raffinerie verstaatlicht und unter Arbeiter:innenkontrolle wäre, könnten wir zum Beispiel die Produktion stoppen, wenn wir sehen würden, dass es eine konkrete Gefahr für die Umwelt gibt, denn wir kümmern uns mehr um das Leben der Menschen, der Arbeiter:innen und der Jugend, als um die Profite. Das ist das Gegenteil von dem, was ein multinationaler Konzern wie Total tut.

Auch aus diesem Grund haben wir, sobald wir von dem Umstellungsprojekt von Total hörten, Umweltorganisationen wie Les Amis de la Terre (Freunde der Erde) und sogar Greenpeace kontaktiert, die unseren Streik unterstützen und sogar erklärt haben, dass sie bereit sind, den Betreib von Grandpuits als Ölraffinerie zu verteidigen, bis eine echte Alternative zu fossilen Brennstoffen gefunden wird, und dass dieser ökologische Übergang unter keinen Umständen dadurch erfolgen kann, dass Hunderte von Familien auf die Straße gesetzt und Hunderte von Arbeitsplätzen vernichtet werden. Diese unwahrscheinliche Allianz zwischen den Arbeiter:innen einer Ölraffinerie und Umweltorganisationen, im Kontext der Mobilisierungen eines großen Teils der Jugend in den letzten Jahren für die Zukunft des Planeten und die Ökologie, ist für uns sehr wichtig. Wir sind stolz darauf, diese Perspektive aus einem Sektor der konzentrierten Arbeiter:innenbewegung wie dem unseren verteidigen zu können.

Wie hat der Streik begonnen und welche Elemente würdest Du hervorheben?

Der Streik begann am 4. Januar und hatte eine sehr hohe Durchhaltequote, zwischen 90 und 100 Prozent Beteiligung in den Produktionsbereichen. Sofort wurden Streikposten eingerichtet, in der sich die Streikenden 24 Stunden am Tag organisieren, so dass die Arbeiter:innen permanent am Eingang des Werks präsent sind. Diese Dynamik hält bis heute an, nur ein sehr kleiner Sektor hat die Arbeit wieder aufgenommen.

Es haben sich sehr interessante Elemente der Selbstorganisation entwickelt. Und das war möglich, weil der Streik im Vorfeld vorbereitet wurde, mit der Idee, dass der Streik von allen Streikenden in die Hand genommen werden sollte. Seit der Weihnachtszeit schlugen wir vor, jederzeit abwählbare Delegierte zu wählen, um eine neue demokratische Organisation von der Basis aus zu bilden. Und als der Konflikt begann, bildeten diese Delegierten ein Streikkomitee, das sich trifft, um die Versammlungen und die täglichen Aktivitäten des Arbeitskampfes vorzubereiten. Dieses Streikkomitee trifft sich mehrmals pro Woche, definiert jeden Schritt des Konflikts und hat Delegationen in andere Raffinerien und andere Regionen des Landes entsendet, um die Solidarität mit dem Kampf zu erweitern.

Ein weiteres sehr wichtiges Element ist, dass eine Kommission aus Frauen und Familienmitgliedern gebildet wurde, die seit Beginn des Konflikts aktiv ist und sich organisiert, um bei allen logistischen Fragen der Streikposten zu helfen, wie die Belieferung von Lebensmitteln, Feuerholz, um der Kälte zu widerstehen, usw. Für die Arbeiter:innen ist es eine große moralische Unterstützung, in einer sehr schwierigen Situation auf die Solidarität unserer Familien zählen zu können. Das Frauenkomitee hat zum Beispiel bereits am vergangenen Wochenende eine Aktivität mit den Familien der Arbeiter:innen organisiert, bei der die Kinder einen Zirkus- und Malworkshop zur Unterstützung des Streiks nutzen konnten. Und für Sonntag, den 7. Februar, organisiert die Frauenkommission zusammen mit den verschiedenen Sektoren, die den Streik unterstützen, eine Veranstaltung mit einer bekannten militanten Künstlerin, die die Avant-Premiere ihrer neuesten Show auf dem Streikposten präsentieren wird, was diese Veranstaltung zur ersten Theateraufführung in ganz Frankreich seit Beginn der Gesundheitskrise macht.

Und wie verhalten sich die Gewerkschaften in Bezug auf den Kampf, sowohl im Unternehmen als auch im Allgemeinen?

Im Moment halten sowohl die CGT (Mehrheitsgewerkschaft mit 51 Prozent) als auch die FO (Minderheitsgewerkschaft und nicht repräsentativ im Werk) und die CFDT (Minderheitsgewerkschaft im Werk und mit Mitgliedern hauptsächlich im administrativen Bereich) am Streik fest, aber diese letzten beiden Gewerkschaften sind entweder zaghaft bei der Entwicklung der Selbstorganisation der Arbeiter:innen oder sind offen dagegen, dass die streikenden Arbeiter:innen ihre Entscheidungen in Versammlungen selbst treffen.

In der letzten Versammlung begann die CFDT, sich offener gegen die Tatsache zu positionieren, dass die Streikenden diejenigen sind, die entscheiden, wann und wie sie den Streik beenden, ob sie die von den Bossen vorgeschlagenen Vereinbarungen unterschreiben oder nicht, usw. Aber glücklicherweise und zum großen Teil dank der Politik, die wir seit Beginn des Konflikts verfolgen, bilden sich eindeutig echte militante Streikaktivist:innen heraus, ein harter Kern, der eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung der Elemente der Selbstorganisation spielt und damit jeden Versuch verhindert, den Streik zu verraten, indem er fordert, dass die Gewerkschaften sich den Entscheidungen der Versammlung unterordnen und dass sie den Streikenden gegenüber rechenschaftspflichtig sind.

Auf einer allgemeineren Ebene ist die soziale Situation in Frankreich sehr heikel. Wir haben es mit einer Beschleunigung der Wirtschaftskrise zu tun. Hunderte von Unternehmen kündigen hunderte oder sogar tausende von Entlassungen an. Es ist ein echtes soziales Massaker, das die großen Kapitalist:innen mit der Komplizenschaft der Macron-Regierung veranstalten. Angesichts dieser Situation schlagen die Gewerkschaftsführungen keinen ernsthaften Kampfplan vor, sie lassen die bestehenden Kämpfe isoliert, sie geben ihnen kaum Sichtbarkeit und bieten keine Perspektive. In diesem Rahmen versuchen wir, neben der Forderung an die Gewerkschaftsführungen nach einem Kampfplan, der den Angriffen, die die Arbeiter:innenklasse heute in Frankreich erlebt, gerecht wird, mit allen möglichen Mitteln mit anderen Sektoren in Kontakt zu treten und uns mit den verschiedenen Sektoren zu koordinieren, die gegen Entlassungen kämpfen.

Bild: Révolution Permanente

Wie geht der Konflikt in den nächsten Tagen weiter?

Für uns ist es sehr wichtig, zu versuchen, den Konflikt so weit wie möglich auszudehnen. Dies haben wir unter anderem mit den Delegationen gesucht, die zu anderen Raffinerien gereist sind.Am 4. Februar haben wir bei einer spartenübergreifenden Demonstration in Paris einen gemeinsamen Block von kämpfenden Sektoren gefördert. Neben uns nahm auch eine Delegation von Arbeiter:innen aus dem Pharmakonzern Sanofi teil, die gegen einen Entlassungsplan inmitten der Gesundheitskrise kämpfen, sowie eine Delegation von Eisenbahnarbeiter:innen, die die Gleise reparieren, die ebenfalls wegen ihrer Arbeitsbedingungen streiken. Wir wollen, dass der Kampf von Grandpuits wie ein „Pulverfass“ ist, damit andere Sektoren mitmachen.

Sehr wichtig für uns ist auch die Unterstützung, die wir von verschiedenen Sektoren von Arbeiter:innen bekommen, die an die Streikposten kommen, um uns moralische, aber auch finanzielle Solidarität zu bringen, indem sie in unsere Streikkasse einzahlen, wie die Eisenbahner des Transportunternehmens SNCF, die Arbeiter:innen des städtischen Nahverkehrs der RATP, Arbeiter:innen von Automobilunternehmen, von verschiedenen lokalen und regionalen Gewerkschaften, und weitere. Wir erhielten auch Unterstützung von verschiedenen politischen Organisationen wie der NPA (Neuen Antikapitalistischen Partei), Lutte Ouvrière, Jean-Luc Mélenchons La France Insoumise, den Grünen, der Kommunistischen Partei Frankreichs und von verschiedenen Jugendgruppen. Die jungen Leute der NPA zum Beispiel waren von Anfang an hier am Streikposten, haben uns mit den Streikkassen geholfen und schwierige Momente ausgehalten, das hilft sehr.

Bisher haben die Bosse eine sehr harte Linie verfolgt, bis zu dem Punkt, dass sie nicht einmal einem Verhandlungstreffen zustimmen wollen, um über die Arbeitsplätze zu diskutieren. Stattdessen schlagen sie nur Treffen vor, um über Abfindungen für diejenigen zu besprechen, die eine Versetzung in ein anderes Werk oder den freiwilligen Ruhestand akzeptieren. Aber wir werden nicht nachgeben: Wir wollen die Arbeitsplätze erhalten.

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