Jugend

Erneut hunderte Studis bei FFF, diesmal an der FU Berlin — eine neue Studierendenbewegung?

Knapp 500 Menschen nahmen gestern an der studentischen Vollversammlung an der FU Berlin teil. Fridays for Future weitet sich auf immer mehr Universitäten aus. Eine politische Bilanz der Hochschulgruppe organize:strike.

Erneut hunderte Studis bei FFF, diesmal an der FU Berlin - eine neue Studierendenbewegung?

„Das war die größte Vol­lver­samm­lung seit Jahren an dieser Uni­ver­sität“, wie ein Teil­nehmer der gestri­gen Vol­lver­samm­lung (VV) an der Freien Uni­ver­sität Berlin bemerk­te. Der Hör­saal mit eigentlich nur 350 Plätzen war über­füllt mit fast 500 Studieren­den, die die Fri­daysFor­Future-Bewe­gung (FFF) an die Uni­ver­sität brin­gen woll­ten. Als Hochschul­gruppe organize:strike beteiligten wir uns an der VV mit einem Fly­er und eige­nen Forderun­gen.

Die Vol­lver­samm­lung war jedoch nicht die Erste dieser Art in Deutsch­land: In den ver­gan­genen Wochen hat­ten sich bere­its in Leipzig (1400 Men­schen), Köln, an der HU Berlin und an weit­eren Orten eben­falls Hun­derte von Studieren­den ver­sam­melt, um sich der FFF-Bewe­gung anzuschließen.

Die neue inter­na­tionale Klimabe­we­gung, die mit den Aktio­nen von Gre­ta Thun­berg und einzel­nen Schüler*innen anf­ing, weit­ete sich schnell auf andere Sek­toren der Gesellschaft aus, die eben­falls die Notwendigkeit sahen, gegen die Kli­makatas­tro­phe und die Zer­störung des Plan­eten durch die Unternehmen und die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion in Aktion zu treten.

500 Menschen an der FU Berlin – ein großer Erfolg

Die Vor­bere­itung der VV an der FU über­nahm die lokale FFF-Gruppe, die seit eini­gen Monat­en ver­sucht, mehr Studierende zu zen­tralen Aktio­nen in Berlin zu brin­gen und gle­ichzeit­ig die Selb­stor­gan­isierung an der Uni­ver­sität voranzutreiben. In so ein­er kurzen Zeit eine erste Vol­lver­samm­lung mit Hun­derten von Men­schen auf die Beine zu stellen, ist ein riesiger Erfolg. Die FFF-Aktivist*innen an der FU hat­ten zuvor in nur zwei Wochen über 1.500 Unter­schriften für die Ein­beru­fung der VV gesam­melt und mit zahlre­ichen kleinen Aktio­nen auf die VV hingewiesen. Sowohl die hohe Beteili­gung als auch die Dynamik der lokalen FFF-Grup­pen zeigen, dass viele Studierende sich poli­tisieren und nach Antworten suchen, um die Gesellschaft vor dieser ökol­o­gis­chen Katas­tro­phe zu ret­ten.

Die Eröff­nung der VV erfol­gte durch Rede­beiträge von Vertreter*innen unter­schiedlich­er Sta­tus­grup­pen an der Uni­ver­sität: ein Wis­senschaftler der “Sci­en­tists For Future”, eine Vertreterin der FFF-FU-Gruppe, aber auch Claudius Nau­mann von der ver.di-Betriebsgruppe der FU Berlin, die sich bere­its mit ein­er Fotoak­tion im Botanis­chen Garten mit der FFF-Bewe­gung sol­i­darisiert hat­te. Claudius betonte in sein­er Rede, dass eine Ver­net­zung und gemein­same Organ­isierung der Beschäftigten und Studieren­den an der Uni­ver­sität notwendig ist und wir unsere Forderun­gen an die gesamte Gesellschaft richt­en soll­ten.

Auf diese Rede­beiträge fol­gte eine organ­isatorische Phase über For­malia, Abstim­mungsmodal­itäten und Tage­sor­d­nun­gen, die unser­er Mei­n­ung nach zu viel Zeit und Raum ein­genom­men hat, was dafür sorgte, dass die poli­tis­chen Diskus­sio­nen eher kurz gehal­ten wer­den mussten. Im Ver­gle­ich zu den Vol­lver­samm­lun­gen an anderen Berlin­er Uni­ver­sitäten ist pos­i­tiv her­vorzuheben, dass es formell möglich war, zusät­zliche Forderun­gen einzure­ichen, die neben den von der lokalen FFF-Gruppe im Vor­feld vor­bere­it­eten Forderun­gen abges­timmt wer­den soll­ten.

Nach der Sol­i­darisierung mit den offiziellen Forderun­gen der FFF-Bewe­gung kam es zur Abstim­mung der Forderun­gen, die im Vor­feld von der FFF-FU-Gruppe erar­beit­et wur­den. Diese richteten sich vor allem an die Uni­ver­sität­sleitung, die eine nach­haltige Uni­ver­sität forderten und die Uni­ver­sität in die Pflicht nah­men, die dazu notwendi­gen Schritte in kürzester Zeit durchzuset­zen. Dazu zählten Punk­te wie: Aus­ru­fung eines Kli­man­ot­standes seit­ens der FU, mehr Mitbes­tim­mung, kosten­los­er ÖPNV für Studierende, voll­ständi­ger Ein­stieg in nach­haltige Energien und Mehrweg­pro­duk­te.

Viele dieser Forderun­gen waren dur­chaus fortschrit­tlich und wiesen auf den Man­gel an der Uni­ver­sität hin, sich mit Nach­haltigkeit zu beschäfti­gen. Beson­ders her­vorzuheben ist die Forderung nach einem kosten­losen Nahverkehr, der eben­falls von Beschäftigten der BVG während ihres Streiks Anfang 2019 gefordert wurde.

Jedoch kon­nte man fest­stellen, dass die Forderun­gen sich auss­chließlich an die Unileitung richteten und im Kon­trast zu den Forderun­gen der Schüler*innen keinen gesamt­ge­sellschaftlichen Charak­ter hat­ten. Beson­ders an den Uni­ver­sitäten, wo his­torisch eine Tra­di­tion von poli­tis­chen und radikalen Bewe­gun­gen existiert, muss eine Posi­tion­ierung zu den wichtig­sten The­men der Umwelt­frage und der nationalen und inter­na­tionalen Sit­u­a­tion stat­tfind­en. Nur so kann sin­nvoll disku­tiert wer­den, wer die Kosten für die Krise zahlt und welche Strate­gien für die Umset­zung der notwendi­gen Maß­nah­men, um die Kli­makatas­tro­phe zu ver­hin­dern, erforder­lich sind.

Antikapitalistische Perspektiven und Forderungen sind notwendig

Als antikap­i­tal­is­tis­che Hochschul­gruppe organize:strike bracht­en wir fol­gende Forderun­gen in die Vol­lver­samm­lung ein:

„1) Wir fordern, dass Energie- und Indus­triekonz­erne für die Kli­makrise zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den, für ihre Schä­den an Umwelt selb­st zahlen, per­spek­tivisch unter der Ver­wal­tung von Arbeiter*innen und der demokratis­chen Kon­trolle der gesamten Bevölkerung kollek­tiviert wer­den, um die Pro­duk­tion ökol­o­gisch, sozial und nach­haltig zu gestal­ten. Kap­i­tal­is­tis­che, prof­i­to­ri­en­tierte Pro­duk­tion ist mit ökol­o­gis­ch­er Nach­haltigkeit unvere­in­bar.

2) Wir fordern, dass die Gew­erkschaften sich mit den Forderun­gen von Fri­days for Future sol­i­darisieren und am 20. Sep­tem­ber an dem Klim­a­gen­er­al­streik beteili­gen. Wir sol­i­darisieren uns mit den Arbeiter*innen und fordern einen Struk­tur­wan­del ohne Nachteile für die Beschäftigten.

3) Wir fordern offene Gren­zen für Geflüchtete und beto­nen, dass der Kli­mawan­del mit 20 Mil­lio­nen Men­schen aktuell die größte Ursache für Flucht ist.“

Unser­er Per­spek­tive nach müssen wir nicht nur die Symp­tome, son­dern die Ursachen für die Kli­makatas­tro­phe bekämpfen – näm­lich: die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise und die Prof­it­gi­er der Indus­trie- und Energiekonz­erne. Dabei soll­ten diejeni­gen, die diese Krise erst verur­sacht haben, die Kosten der Maß­nah­men gegen den Kli­mawan­del zahlen, und nicht die Jugend und die arbei­t­ende Bevölkerung.

Wir brauchen eine demokratisch gelenk­te Plan­wirtschaft, die sich nach den Bedürfnis­sen der Men­schen und der Natur richtet. Dabei sehen wir die Arbeiter*innenklasse auf­grund ihrer Rolle in der Pro­duk­tion und ihres Poten­zials in Streiks und Massen­mo­bil­isierun­gen als die Kraft, die – im Bünd­nis mit allen Unter­drück­ten, die unter dem kap­i­tal­is­tis­chen, patri­ar­chalen und ras­sis­tis­chen Sys­tem unter­drückt wer­den – fähig ist, die Kli­makatas­tro­phe aufzuhal­ten, den Kap­i­tal­is­mus zu stürzen und let­z­tendlich eine Gesellschaft ohne Aus­beu­tung und Unter­drück­ung aufzubauen.

Eine aus­führliche Ver­sion unser­er Forderun­gen kann man hier nach­le­sen.

Nach­dem sich die – teil­weise sehr klein­teilige und seman­tis­che – Debat­te der Forderun­gen an die Uni­ver­sität­sleitung über 2,5 Stun­den hin­zog, hat die Mod­er­a­tion wegen der Länge der Vol­lver­samm­lung vorgeschla­gen, dass die anderen einge­bracht­en Forderun­gen auf ein­er zukün­fti­gen Vol­lver­samm­lung disku­tiert wer­den, was mit ein­er sehr knap­pen Mehrheit angenom­men wurde.

Obwohl wir es anerken­nen, dass viele nach den klein­teili­gen Diskus­sio­nen erschöpft waren, sind wir der Mei­n­ung, dass die Entschei­dung, welche Forderun­gen disku­tiert wer­den und welche nicht, nicht organ­isatorisch, son­dern poli­tisch getrof­fen wer­den muss. Wenn wir an der Uni­ver­sitäten eine poli­tis­che Bewe­gung auf­bauen wollen, die nicht nur bei Forderun­gen an die Unileitung ste­hen bleibt, son­dern mit ein­er poli­tis­chen Per­spek­tive in die Gesellschaft inter­ve­niert und tat­säch­liche Strate­gien gegen den Kli­mawan­del und zur Durch­set­zung der gesamt­ge­sellschaftlichen Forderun­gen aufwirft, müssen wir den gesamt­ge­sellschaftlichen poli­tis­chen Diskus­sio­nen und Forderun­gen mehr Pri­or­ität und Raum geben.

Anson­sten laufen wir Gefahr, dass die Bewe­gung von Staat, Uni­ver­sität­sleitung und anderen Insti­tu­tio­nen koop­tiert wird. Dieser Prozess kommt schon auf uns zu, wie wir an den Grü­nen oder an der Bun­desregierung selb­st sehen, die Ver­ständ­nis für die konkreten Forderun­gen zeigen, ihre bish­eri­gen Erfolge präsen­tieren oder gar offen ver­suchen uns zu vere­in­nah­men.

Jedoch kann der Kampf gegen die Kli­makatas­tro­phe nicht Hand in Hand mit Unternehmen, bürg­er­lichen Parteien und dem Staat unter­nom­men wer­den. Im Gegen­teil ist es ein Kampf, der gegen sie und ihre kap­i­tal­is­tis­chen Inter­essen gerichtet ist. Dafür ist eine Diskus­sio­nen über die Strate­gie für unsere Forderun­gen zen­tral.

Wie Diego Loti­to argu­men­tiert:

Die Umset­zung erfordert eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie, die die Ver­ant­wortlichen der Katas­tro­phe entschlossen kon­fron­tiert. Die Jugendlichen, die heute auf die Straße gehen, um für „Klim­agerechtigkeit“ zu kämpfen, haben die Her­aus­forderung, die Radikalisierung ihres Pro­gramms voranzutreiben, um die einzige real­is­tis­che Per­spek­tive zur Bewäl­ti­gung der Katas­tro­phe aufzuzeigen: den Klassenkampf voranzutreiben, um dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem ein Ende zu set­zen und alle Triebfed­ern der Weltwirtschaft in die Hände der Arbeiter*innenklasse zu leg­en.

Wie weiter?

Zu Beginn des kom­menden Semes­ters wird es eine weit­ere Vol­lver­samm­lung an der FU geben, bei der über die Forderun­gen abges­timmt wer­den soll, die gestern nicht disku­tiert und abges­timmt wur­den. Bis dahin müssen wir kräftig für weit­ere FFF-Aktio­nen mobil­isieren und eine antikap­i­tal­is­tis­che Ori­en­tierung und Per­spek­tive bekan­nter machen. Dabei müssen wir eine Verbindung zu den Gew­erkschaften und Mil­lio­nen von Arbeiter*innen – beson­ders aus dem Indus­trie- und Energiesek­tor – schaf­fen, die sich für Klim­agerechtigkeit und eine Lösung, die nicht zu Las­ten der Beschäftigten geht, mobil­isieren.

Angesichts des angekündigten Kli­ma-Gen­er­al­streiks am 20. Sep­tem­ber müssen wir die Gew­erkschafts­führun­gen auf­fordern, zu Streiks aufzu­rufen, die tat­säch­lich effek­tive Maß­nah­men gegen die Kli­makatas­tro­phe erzwin­gen kön­nen. Diese Maß­nah­men müssen voll­ständig durch das Ver­mö­gen der Konz­erne und Banken finanziert wer­den, mit Sicherung aller Arbeit­splätze und Arbeit­szeitverkürzung bei vollem Lohn- und Per­son­alaus­gle­ich. Nur wenn wir es als Fri­days for Future-Bewe­gung schaf­fen, bre­it­ere Teile der Gesellschaft und beson­ders die Arbeiter*innen in den Kampf miteinzubeziehen, haben wir die Kraft, unsere Forderun­gen durchzuset­zen. Dafür bietet die #Fair­wan­del-Demon­stra­tion der IG Met­all einen guten Anlass, zu der FFF-Grup­pen aus Uni­ver­sitäten bere­its mobil­isieren.

Für eine antikap­i­tal­is­tis­che Per­spek­tive!

Ter­mine

FFF Del­e­ga­tion zu #Fair­wan­del
Sam­stag, 29. Juni
Tre­ff­punkt: Zubringer-Demo der IG-Met­all-Jugend, 10 Uhr Rotes Rathaus

Offenes Tre­f­fen von organize:strike
16. Juli, 19 Uhr
Wilden­bruch­str. 24, 12045 Berlinn

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