Hintergründe

Kapitalismus, Klimawandel und sozialistische Strategie

Die weltweite Jugendbewegung Fridays for Future hat die Frage des Klimawandels ins Zentrum der politischen Agenda geholt. Wie hängen Kapitalismus und Klimawandel zusammen, und wie sieht eine sozialistische Strategie dagegen aus? Von Diego Lotito aus Madrid.

Kapitalismus, Klimawandel und sozialistische Strategie

Am 15. März gin­gen Hun­dert­tausende Jugendliche in ver­schiede­nen Städten der Welt im Rah­men eines Bil­dungsstreiks gegen den Kli­mawan­del auf die Straße. In Madrid, Berlin, Wien, Rom und anderen Städten waren die Demon­stra­tio­nen gewaltig.

Die Bewe­gung ent­stand am 20. August 2018, als sich die junge schwedis­che Kli­maak­tivistin Gre­ta Thun­berg mit einem Schild mit der Auf­schrift “Schul­streik für das Kli­ma” vor das schwedis­che Par­la­ment set­zte. Inspiri­ert von dieser Aktion hat sei­ther die Bewe­gung “Fri­days for Future” immer mehr Anhänger*innen gefun­den: Woche für Woche bestreiken in europäis­chen Städten Schüler*innen den Unter­richt und demon­stri­eren unter dem Mot­to “There is no plan­et B” gegen die glob­ale Umweltkrise. Vor allem nach Thun­bergs ein­dringlich­er Rede beim let­zten Cli­mate Sum­mit Meet­ing (COP 24) in Katow­ice (Polen) bekam die Bewe­gung Zulauf.

“Unsere Zivil­i­sa­tion wird dafür geopfert, dass eine sehr kleine Anzahl von Men­schen weit­er­hin enorme Geld­sum­men ver­di­enen kön­nen. Unsere Biosphäre wird geopfert, damit reiche Men­schen in Län­dern wie meinem in Luxus leben kön­nen. Es sind die Lei­den der Vie­len, die für den Luxus der Weni­gen zahlen. Wir müssen die fos­silen Brennstoffe im Boden belassen und uns auf Gerechtigkeit konzen­tri­eren. Und wenn Lösun­gen inner­halb des Sys­tems so schw­er zu find­en sind, soll­ten wir vielle­icht das Sys­tem selb­st ändern”, sagte die 15-jährige Schwedin, während die am Gipfel teil­nehmenden poli­tis­chen Vertreter*innen sie her­ablassend anschaut­en.

Das Phänomen, das auch hier im Spanis­chen Staat mit der Plat­tform Juven­tud por el Cli­ma einen Ableger hat, wird ein­deutig von der so genan­nten “Gen­er­a­tion Z”, jun­gen Men­schen zwis­chen 13 und 20 Jahren, sowie den “Mil­len­ni­als” ange­führt. Das Pro­gramm der Bewe­gung ist begren­zt. Sie schlägt lediglich vor, die Behör­den zu verpflicht­en, unverzüglich Maß­nah­men gegen den Kli­mawan­del zu ergreifen (in Deutsch­land wird u.a. der Stopp des Kohleab­baus gefordert, Anm. d. Ü.). Seine sozialen und poli­tis­chen Auswirkun­gen haben jedoch eine bre­ite Debat­te in der Jugend und der europäis­chen und glob­alen Linken aus­gelöst: über die Möglichkeit­en, der glob­alen Umweltkrise, die uns bedro­ht, zu begeg­nen, sowie über ihr Ver­hält­nis zur intrin­sis­chen umweltzer­stören­den Dynamik des Kap­i­tal­is­mus und der kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en und darüber, welche Maß­nah­men notwendig sind, um die Katas­tro­phe zu ver­hin­dern. Und vor allem hat sie die Wahrnehmung gezeigt, die in bre­it­en Schicht­en der neuen Gen­er­a­tio­nen, ins­beson­dere der jün­geren, über die Umweltkrise beste­ht: Ohne eine radikale Trans­for­ma­tion der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise gibt es keine Zukun­ft.

Unter­dessen ist das Estab­lish­ment weltweit ges­pal­ten zwis­chen Leugner*innen des Kli­mawan­dels, Befürworter*innen kos­metis­ch­er Refor­men zur Förderung des “grü­nen Kap­i­tal­is­mus”, die auf den ver­schiede­nen Klimagipfeln ver­ab­schiedet wur­den, und den sozialdemokratis­chen Wet­ten auf einen “Green New Deal” zwis­chen Staat­en und Großkonz­er­nen, um die Umweltzer­störung und die Ver­wüs­tung von Ressourcen zu stop­pen.

In diesem Zusam­men­hang eröffnet die mas­sive Mobil­isierung von Jugendlichen, die dem Kap­i­tal­is­mus nicht als Ungle­ich­heit, Prekar­ität und Zer­störung des Plan­eten zu ver­danken haben, die Möglichkeit, über eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie zu disku­tieren, um die Ursache des Kli­mawan­dels und der Umweltzer­störung zu über­winden: das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem.

I. Ein katastrophales Phänomen namens “Klimawandel”

“Die näch­sten Jahre sind wahrschein­lich die wichtig­sten in unser­er Geschichte.” Das Zitat stammt von Debra Roberts, Co-Vor­sitzende des Inter­gov­ern­men­tal Pan­el on Cli­mate Change (IPCC)[1], nach­dem sie am 8. Okto­ber den Son­der­bericht über die glob­ale Erwär­mung vorgestellt hat­te.

Heute betra­chtet die über­wiegende Mehrheit der Wissenschaftler*innen weltweit den Kli­mawan­del als greif­bar und unver­mei­dlich. Aber was genau ist der Kli­mawan­del und was hat ihn verur­sacht?

Das Erd­kli­ma wird durch einen natür­lichen Prozess namens “Treib­haus­ef­fekt” reg­uliert, bei dem bes­timmte Gase in den unteren Atmo­sphären­schicht­en (Kohlen­diox­id, Methan, Lach­gas, Flu­o­rkohlen­wasser­stoffe usw.) einen Teil der Son­nen­strahlung, die die Erde in Form von Wärme zurück­wirft, absorbieren und ein wahres “glob­ales Treib­haus” bilden. Im Falle des Plan­eten Erde ist es das natür­liche Gle­ichgewicht dieses Phänomens, das die Entwick­lung des Lebens, wie wir es ken­nen, ermöglicht hat. Steigt jedoch die Konzen­tra­tion der Treib­haus­gase in der Atmo­sphäre, verän­dert sich dieses Gle­ichgewicht und es kommt zu dem, was als “Kli­mawan­del” beze­ich­net wird.

Die Mehrheit der Wissenschaftler*innen ist sich einig, dass diese Verän­derung haupt­säch­lich auf den schwindel­er­re­gen­den Anstieg der Emis­sio­nen von “Treib­haus­gasen” in der Atmo­sphäre zurück­zuführen ist, die durch anthro­po­gene Aktiv­itäten, d.h. durch men­schlich­es Han­deln, verur­sacht wer­den. Dies ist jedoch keine abstrake men­schliche Hand­lung “im All­ge­meinen”. Es ist eine Aktiv­ität, die im Rah­men ein­er bes­timmten Pro­duk­tion­sweise, des Kap­i­tal­is­mus, stat­tfind­et.

Tat­säch­lich hat die Konzen­tra­tion dieser Gase in der Atmo­sphäre, ins­beson­dere durch die Ver­bren­nung fos­siler Brennstoffe (Öl, Kohle, Gas), aber auch durch Abholzung (die allmäh­lich enorme Kohlen­stoff­senken beseit­igt hat) und andere kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­stätigkeit­en wie die inten­sive Viehzucht, dazu geführt, dass die durch­schnit­tliche glob­ale Tem­per­atur — die heute etwa 15ºC beträgt — steigt und uner­wartete (und katas­trophale) Fol­gen für Umwelt und biol­o­gis­che Vielfalt entste­hen. Diese Dynamik hat sich mit der Entwick­lung des mod­er­nen Kap­i­tal­is­mus, ins­beson­dere in sein­er let­zten neolib­eralen Phase, expo­nen­tiell erhöht.

Obwohl die ver­schiede­nen Klimagipfel das “Alarm­sig­nal” zum Kli­mawan­del gegeben haben, war­nen wichtige wis­senschaftliche Organ­i­sa­tio­nen seit Jahrzehn­ten vor diesen Verän­derun­gen. Vom IPCC bis hin zu renom­mierten wis­senschaftlichen Zeitschriften wie Sci­ence wur­den Forschun­gen vorgestellt, die echte Katas­tro­phen­szenar­ien aus­malen und argu­men­tieren, dass, wenn sich die derzeit­i­gen CO2-Emis­sio­nen fort­set­zen, “die Welt mit der schnell­sten Rate des Kli­mawan­dels in den let­zten 10.000 Jahren kon­fron­tiert sein wird, was die Zirku­la­tion der Meer­esströ­mungen und die Kli­ma­muster verändert”[2].

IPCC-Prog­nosen deuten darauf hin, dass die glob­ale Durch­schnittstem­per­atur an der Erdober­fläche um 2 bis 5 Grad Cel­sius [3] steigen und der Meer­esspiegel in den kom­menden Jahrzehn­ten um 18 bis 59 Zen­time­ter steigen kön­nte, wobei sie darauf hin­weisen, dass die ver­gan­genen und zukün­fti­gen Kohlen­diox­ide­mis­sio­nen (CO2) noch für mehr als ein Jahrtausend zur Erwär­mung beitra­gen wer­den. Gle­ichzeit­ig ist in jüng­ster Zeit bekan­nt gewor­den, dass der CO2-Gehalt in der Atmo­sphäre 400 Par­tikel pro Mil­lion (ppm) über­schrit­ten hat und in den kom­menden Jahrzehn­ten sog­ar Werte über 500 ppm erre­ichen kann, was in der Men­schheits­geschichte noch nie zuvor erre­icht wurde.

Diese Schätzun­gen mögen für einige irrel­e­vant oder als eine rein sta­tis­tis­che Abstrak­tion erscheinen. Sie nehmen jedoch Gestalt an, wenn ihre Fol­gen bemerkt wer­den: die Aus­bre­itung extremer kli­ma­tis­ch­er Phänomene wie Stürme, tro­pis­che Wirbel­stürme, Tai­fu­ne und Hur­rikane; über­mäßige Hitze, die Ver­schiebung von Kli­ma­zo­nen in Rich­tung der Pole und die Ver­ringerung der Boden­feuchte; sowie der Anstieg des Meer­esspiegels durch das Abschmelzen von Gletsch­ern oder das par­tielle Abschmelzen von polaren Eiskap­pen, mit der Folge von Über­schwem­mungen von Ack­er­land und Ver­salzung des Boden­wassers in Küsten­re­gio­nen.

Seit 1880 ist die Durch­schnittstem­per­atur der Erdober­fläche laut IPCC um 1 °C gestiegen. Ein drastis­ch­er Wan­del, der bere­its ver­heerende Fol­gen hat, wie die Ver­stärkung aller katas­trophalen klimabe­d­ingten Phänomene, ihrer zeitlichen Dauer­haftigkeit und der Beschle­u­ni­gung ihrer Rhyth­men. Dazu gehört das Wieder­auftreten immer vir­u­len­ter wer­den­der Hur­rikane und Tor­na­dos in Mit­te­lameri­ka, wie der­jenige, der vor eini­gen Monat­en Puer­to Rico und andere karibis­che Län­der ver­wüstete, oder der Zyk­lon, der in Mosam­bik mehr als 1.000 Men­schen­leben forderte. Auch die Ver­mehrung unkon­trol­lier­bar­er Brände, die ganze Städte rund um den Globus ver­wüstet haben, die Aus­bre­itung extremer Hitzewellen (die bere­its 30% der Welt­bevölkerung tre­f­fen), mas­sive Über­schwem­mungen — von denen bere­its 41 Mil­lio­nen Men­schen in Südasien betrof­fen sind — oder katas­trophale Dür­ren — wie diejeni­gen, die die Zwangsvertrei­bung von 760.000 Men­schen in Soma­lia verur­sacht haben.

Nach Angaben der Vere­in­ten Natio­nen gibt es derzeit mehr Geflüchtete, die vor Kli­makatas­tro­phen fliehen, als vor Kriegen: mehr als 20 Mil­lio­nen Men­schen. Aber es wird sog­ar von “Kli­makriegen” gesprochen, einem Begriff, den der deutsche Sozialpsy­chologe Her­ald Welz­er geprägt hat, um sich auf bewaffnete Kon­flik­te zu beziehen, die durch Verän­derun­gen in der Umwelt, ins­beson­dere durch die glob­ale Erwär­mung, aus­gelöst wer­den. So zum Beispiel der Krieg in Syrien, wo laut ein­er Studie[4] die Dürre zwis­chen 2006 und 2010 dazu beige­tra­gen hat, die im Früh­jahr 2011 aus­ge­broch­ene Krise auszulösen.

Wie die Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion (WHO) kür­zlich fest­stellte, kön­nten die Fol­gen des Kli­mawan­dels nach ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Schätzung zwis­chen 2030 und 2050 jedes Jahr zu 250.000 zusät­zlichen Todes­fällen führen[5].

Diese Auswirkun­gen betr­e­f­fen vor allem die ärm­sten Men­schen der Welt, die von den impe­ri­al­is­tis­chen Mächt­en aus­ge­plün­dert wur­den. Jedoch bet­rifft es bei Weit­em nicht nur sie. Selb­st im mächti­gen und indus­tri­al­isierten Nor­dameri­ka haben die Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels unkalkulier­bare Katas­tro­phen aus­gelöst, wie die jüng­sten Brände im US-amerikanis­chen West­en, die mas­siv­en Über­schwem­mungen in North und South Car­oli­na oder die Ver­wüs­tun­gen durch Hur­rikane wie Andrew (1992), Kat­ri­na (2004) oder Michael (2018), wobei let­zter­er als “mon­strös” beze­ich­net wurde. In all diesen Fällen haben Umweltkatas­tro­phen vor allem die am stärk­sten aus­ge­beuteten und unter­drück­ten Sek­toren getrof­fen. Die weite Ver­füg­barkeit von “Ressourcen”, Tech­nolo­gie, Maschi­nen, Geld usw., die dem Kap­i­tal und der impe­ri­al­is­tis­chen Acht­losigkeit unter­wor­fen sind, hat nichts genutzt.

Die Notwendigkeit, den Kli­mawan­del mit drastis­chen Maß­nah­men zu bekämpfen, ist unbe­stre­it­bar. Dem jüng­sten IPCC-Bericht zufolge müssten die Emis­sio­nen von Schadgasen bis 2030 — in weniger als 12 Jahren — um 45 % reduziert wer­den, um zu ver­mei­den, dass die kri­tis­che Erwär­mungss­chwelle von 1,5 Grad Cel­sius über­schrit­ten wird, ober­halb der­er der Anstieg des Meer­esspiegels, extreme Wet­ter­ereignisse und Nahrungsmit­telk­nap­pheit weit ver­bre­it­et sein wür­den.

Dies ist ein Szenario, das keinen Raum für par­tielle oder “reformistis­che” Maß­nah­men lässt. Die glob­ale Erwär­mung ist nur ein Aus­druck, vielle­icht der ver­heerend­ste, der destruk­tiv­en Natur des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems.

II. Leugnung des Klimawandels und “grüner Kapitalismus”: von der Farce in Kyoto bis zum Pariser Gipfel

Angesichts der glob­alen Krise des Kli­mawan­dels pen­delt der Kap­i­tal­is­mus zwis­chen zwei Strate­gien: ein­er­seits ein­er Kam­pagne der Leug­nung wis­senschaftlich­er Beweise, die sie eher als “Ide­olo­gie” denn als sach­liche Tat­sache darstellt; ander­er­seits ein­er Strate­gie der Förderung eines “grü­nen” oder “nach­halti­gen” Kap­i­tal­is­mus, der inter­na­tionale Vere­in­barun­gen fördert und für eine par­tielle und begren­zte Umstel­lung der Pro­duk­tion­sweise kämpft, während er das Mod­ell der kap­i­tal­is­tis­chen Akku­mu­la­tion und Aus­beu­tung bewahrt und stärkt.

Das Feld des Denial­is­mus (Leug­nens des Kli­mawan­dels) ist sehr weit gefasst. In seinen Rei­hen kämpfen von Trump, der Repub­likanis­chen Partei und der Tea Par­ty in den Vere­inigten Staat­en bis hin zu Min­der­heit­ensek­toren von Wissenschaftler*innen. Aber sein Kern liegt in den großen Unternehmen. Wie Luciano Andrés Valencia[6] erk­lärt, wird die “Indus­trie der Ver­leug­nung” von Ölkonz­er­nen, Auto­mo­bil- und Met­allindus­trie und Betreiber*innen öffentlich­er Dien­stleis­tun­gen angetrieben, die die Hauptver­ant­wortlichen für die Emis­sio­nen von Schadgasen sind, die den Tem­per­at­u­ranstieg verur­sachen.

Diese Großkonz­erne wie die britis­che Ölge­sellschaft Exxon Mobile oder Koch Indus­tries, die den Brüdern Charles und David Koch gehören, geben jährlich Mil­liar­den von Dol­lar für Kam­pag­nen aus, um den Kli­mawan­del zu leug­nen. Sie haben sog­ar Inter­essens­grup­pen wie die Glob­al Cli­mate Coali­tion gegrün­det und Wissenschaftler*innen und PR-Spezialist*innen eingestellt, um Journalist*innen, Regierun­gen und die Öffentlichkeit davon zu überzeu­gen, dass die War­nun­gen vor dem Kli­mawan­del unge­nau und zu über­trieben sind, um eine Poli­tik der Emis­sion­sreg­ulierung zu recht­fer­ti­gen.

Dies ist die Grund­lage für die Posi­tion­ierung der Trump-Admin­is­tra­tion. Offen­sichtlich ist es nicht ungewöhn­lich, dass die Erfinder*innen der “alter­na­tiv­en Fak­ten” den Kli­mawan­del leug­nen. Kurz gesagt ist ihre Posi­tion, dass “der Kli­mawan­del nicht existiert.… und wenn doch, dann ist es nicht unsere Schuld, son­dern ein Natur­ereig­nis”. Alle wis­senschaftlichen Beweise sowie die katas­trophalen Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels wären reine “Ide­olo­gie”.

Sicher­lich ist “die geol­o­gis­che Geschichte der Erde die Geschichte des Kli­mawan­dels”, wie Gilson Dan­tas behauptet[7]. “Vor mehr als 3 Mil­lio­nen Jahren war die Erde 3°C wärmer als vor unser­er indus­triellen Ära. Und wir hat­ten sicher­lich Eiszeit­en und War­mzeit­en.” Der Unter­schied beste­ht darin, dass die let­zte Zwis­ch­eneiszeit etwa 30.000 Jahre gedauert hat, und wenn sich die Men­schheit in ein­er neuen Zwis­ch­eneiszeit befind­et, dauert sie noch keine 10.000 Jahre. In diesem Zusam­men­hang ist die aktuelle glob­ale Erwär­mung nicht nur nicht zu erwarten, son­dern liegt außer­halb des geol­o­gisch-zeitlichen Musters der Erde. Und es gab keine wesentliche Verän­derung der von außer­halb der Erde kom­menden Strahlen und des Ver­hal­tens der Sonne, bei­des Fak­toren für das Ver­ständ­nis der glob­alen Erwär­mung. Die Verän­derun­gen wur­den von einem anderen Fak­tor verur­sacht: der kap­i­tal­is­tis­chen Indus­trie.

Die Wis­senschaft ist wed­er wirtschaftlichen Inter­essen noch dem Klassenkampf nicht fremd. Unter der Herrschaft des Kap­i­tals und der großen Mono­pole kann es keine neu­trale Wis­senschaft geben. Den­noch stimmt die über­wälti­gende Mehrheit der wis­senschaftlichen Gemein­schaft — und zynis­cher­weise sog­ar ein großer Teil des kap­i­tal­is­tis­chen Estab­lish­ments weltweit — darin übere­in, dass wir, wenn die Tem­per­atur auf der Erde um mehr als 2°C steigt, eine plan­e­tarische Katas­tro­phe erleben wer­den. In diesem Zusam­men­hang ste­ht die Ide­olo­gie — im marx­is­tis­chen Sinne von “falschem Bewusst­sein” — auf der Seite der­jeni­gen, die die ökol­o­gis­chen und sozialen Ver­wüs­tun­gen, die die kap­i­tal­is­tis­che Wirtschaft erzeugt, leug­nen und gle­ichzeit­ig die vul­gäre Behaup­tung fördern, dass der Kli­mawan­del nur zu “heißeren Som­mern” führt.

Als Gegen­stück zum Denial­is­mus ist die Seite des “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” nicht weniger vielfältig. Neben der US-amerikanis­chen Demokratis­chen Partei behaupten Angela Merkel, Emmanuel Macron, über diverse boomende kap­i­tal­is­tis­che Unternehmen, inter­na­tionale Organ­i­sa­tio­nen, sog­ar Umweltschützer*innen und NGOs, das Gegen­teil. In ein­er Übung der Ver­schmelzung zwis­chen Neolib­er­al­is­mus, Neokey­ne­sian­is­mus und “grün­er Wirtschaft” verurteilen sie die glob­ale Erwär­mung und eini­gen sich auf kost­spieli­gen Klimagipfeln auf Umweltschutz­maß­nah­men, Kon­trollen und große Ziele zur Emis­sion­sre­duzierung, die in allen Fällen nichts anderes waren als diplo­ma­tis­che Doku­mente ohne größere prak­tis­che Kon­se­quen­zen.

Obwohl sie den Kli­mawan­del für eine wis­senschaftlich bewiesene Tat­sache hal­ten, ist ihre Strate­gie nicht in der Lage, eine Lösung vorzuschla­gen. Denn um dies zu tun, müssten sie unbe­d­ingt über den Rah­men des kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­ssys­tems hin­aus­ge­hen. Aus diesem Grund wurde die Poli­tik zur Bekämp­fung der Erder­wär­mung vor allem auf die Förderung von “Min­derungs-” und “Anpas­sungs­maß­nah­men” reduziert, d.h. die Ver­ringerung der Emis­sion von Schadgasen und die Eindäm­mung ihrer ver­heeren­den Fol­gen.

Als Teil dieser Maß­nah­men war die her­aus­ra­gend­ste glob­ale Strate­gie das Kyoto-Pro­tokoll, das mehrere Jahre nach sein­er Ver­ab­schiedung im Dezem­ber 2004 in Kraft trat, nach sein­er Rat­i­fizierung durch die Rus­sis­che Föderation[8]. Damals als großer Schritt nach vorne betra­chtet, auch trotz der Poli­tik der USA und der Bush-Regierung, ihre Rat­i­fizierung abzulehnen — wobei die USA damals für 36% der glob­alen Treib­haus­gase­mis­sio­nen ver­ant­wortlich waren -, hat das Kyoto-Pro­tokoll nichts anderes getan, als eine ger­ingfügige Reduzierung der CO2-Emis­sio­nen der 34 Indus­trielän­der zu “empfehlen”.

Den­noch schuf das Pro­tokoll ein Sys­tem, das es ermöglichte, den inkon­se­quenten Reduk­tion­szie­len durch “Flex­i­bil­itätsmech­a­nis­men” auszuwe­ichen, die das Recht ein­räumten, durch den Kauf und Verkauf von “Car­bon Cred­its” noch mehr Kohlen­diox­id auszus­toßen. Ja, der impe­ri­al­is­tis­che Kap­i­tal­is­mus hat es geschafft, einen neuen Markt zu schaf­fen: eine glob­ale Gas­börse von Dutzen­den Mil­liar­den Dol­lar.

Dem Kyoto-Gipfel (COP3, 1997) fol­gten weit­ere, die entwed­er scheit­erten (COP15 Kopen­hagen, 2009) oder nur die Stag­na­tion bewiesen (COP19 Warschau, 2013). Der let­zte große Gipfel war die COP21, die in Paris stat­tfand. Im Jahr 2015 erre­icht­en die Vertreter*innen von 195 Län­dern das, was der dama­lige franzö­sis­che Präsi­dent François Hol­lande den ersten “uni­versellen Pakt in der Geschichte der Kli­maver­hand­lun­gen” nan­nte.

Allerd­ings sind “die Welt­gipfel zur glob­alen Erwär­mung nicht wirk­lich effek­tiv, son­dern Übun­gen in the­atralis­ch­er Diplo­matie”, wie es der Philosoph und Ökologe Jorge Riech­mann beschrieb [9]. Und genau das war der Paris­er Gipfel, eine neue Insze­nierung, die von den größten Ver­schmutzern des Plan­eten organ­isiert wurde.

Die Erk­lärung der Vere­in­barung, in der die Begren­zung des Anstiegs der glob­alen Tem­per­atur um 2°C gegenüber dem vorindus­triellen Niveau angenom­men wurde, lässt die Möglichkeit offen, das Ziel auf 1,5°C zu senken. Die prog­nos­tizierte Reduk­tion der Treib­haus­gase­mis­sio­nen wird jedoch der nationalen Ebene”, d.h. den Staat­en, über­lassen. Die Vere­in­barung bein­hal­tet keine Verpflich­tung, Pla­nung, Über­prü­fungsmech­a­nis­men oder Sank­tio­nen im Falle ein­er Nichtein­hal­tung.

Damit das Abkom­men 2020 in Kraft treten kann, muss es von min­destens 55 Län­dern rat­i­fiziert, akzep­tiert oder genehmigt wer­den, die min­destens 55 % der weltweit­en Treib­haus­gase­mis­sio­nen verur­sachen. Jedes Land kann jedoch auf Mit­teilung “jed­erzeit nach Ablauf von drei Jahren nach Inkraft­treten des Abkom­mens” zurück­treten.

Wie Kyoto bleibt es eine Farce. Der vielle­icht größte Beweis dafür waren die Aus­sagen eines der weltweit führen­den Kli­maforsch­er, des NASA-Wis­senschaftlers James Hansen, der in einem Inter­view mit The Guardian sagte: “Das ist wirk­lich ein Betrug, eine Lüge. Für sie bedeutet es nichts mehr zu sagen: ‘Unsere Ziele sind 2°C Erwär­mung und wir wer­den ver­suchen, es alle 5 Jahre bess­er zu machen’. Es sind wert­lose Worte. Ohne Tat­en sind sie nur Ver­sprechun­gen. Solange die fos­silen Brennstoffe die bil­lig­sten bleiben, wer­den sie weit­er­hin genutzt wer­den.”

Obwohl das Paris­er Abkom­men von Natur aus völ­lig macht­los ist, um CO2-Emis­sion­sre­duk­tio­nen zu erre­ichen, hat die Regierung Don­ald Trumps — wie Bush in Kyoto — nicht ein­mal diese Reduk­tion­srate akzep­tiert. Die Entschei­dung macht jedoch Sinn. Mit einem diplo­ma­tis­chen Doku­ment ver­sucht die COP21, die Treib­haus­gase­mis­sio­nen zu begren­zen, aber die Gren­zw­erte sind abso­lut unvere­in­bar mit dem Funk­tion­ieren des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems.

Die Essenz des Kap­i­tal­is­mus ist die Ausweitung von Prof­it und Akku­mu­la­tion um jeden Preis; selb­st wenn diese Kosten die materielle Zer­störung des Plan­eten bedeuten. Während Chi­na und die Vere­inigten Staat­en zusam­men mit der Europäis­chen Union die meis­ten Treib­haus­gase pro­duzieren, die die Tro­posphäre ver­nicht­en, und die Kapitalist*innen sich zwis­chen Ver­weigerung von Posi­tio­nen oder impo­ten­ten Gipfeln des Umweltkrisen­man­age­ments eini­gen, lei­det der Rest der Welt weit­er­hin unter den Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels.

Deshalb ist die Idee eines “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” eine Chimäre: Er wäre nicht dazu in der Lage, die Ursachen, die an der Wurzel der glob­alen Umweltkatas­tro­phe liegen, die uns bedro­ht, auf inte­grale und effek­tive Weise zu beseit­i­gen und eine “nach­haltige Entwick­lung” der Men­schheit und der Arten, die den Plan­eten bevölk­ern, zu fördern. Die Lösung der glob­alen Kli­makrise kann in keinem Fall aus den Eingewei­den des gle­ichen Sys­tems geboren wer­den, das sie her­vorge­bracht hat.

III. Umweltkrise, “Green New Deal” und “nachhaltiger Kapitalismus”

Karl Marx und Friedrich Engels schrieben im Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest, dass “die bürg­er­lichen Pro­duk­tions- und Verkehrsver­hält­nisse, die bürg­er­lichen Eigen­tumsver­hält­nisse, die mod­erne bürg­er­liche Gesellschaft, die so gewaltige Pro­duk­tions- und Verkehrsmit­tel her­vorgeza­ubert hat, […] dem Hex­en­meis­ter [gle­ichen], der die unterirdis­chen Gewal­ten nicht mehr zu beherrschen ver­mag, die er her­auf­beschwor.” Während diese Worte den Wider­spruch zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit erk­lären sollen und kön­nen, sind sie auch zur Erk­lärung des Wider­spruchs zwis­chen Kap­i­tal und Natur fähig.

Der Kli­mawan­del ist neben anderen schreck­lichen Phänome­nen der glob­alen Umweltkrise ein Beweis der “unterirdis­chen Gewal­ten”, die der Kap­i­tal­is­mus her­vorge­bracht hat und deren erste und ver­heerende Fol­gen heute ein­deutig unver­mei­dlich sind.

Dieses Phänomen ist bei weit­em nicht der einzige Aus­druck der zer­störerischen Kraft des Kap­i­tals. Zur Verän­derung des Kli­mas kom­men viele andere Fak­toren dazu: die Krise des Kohlenstoff‑, Wasser‑, Phos­phor- und Stick­stof­fkreis­laufs, die Ver­sauerung von Flüssen und Ozea­nen, der zunehmende und beschle­u­nigte Ver­lust von Wäldern und Bio­di­ver­sität, das mas­sive Arten­ster­ben, der Ver­lust der Boden­frucht­barkeit und Verän­derun­gen der Land­nutzungsmuster, die chemis­che Ver­schmutzung und die weit ver­bre­it­ete Erschöp­fung der Ressourcen. Diese zer­störerische Dynamik ste­ht in direk­tem Zusam­men­hang mit der sozialen und materiellen Ver­schlechterung der Lebens­be­din­gun­gen von Hun­derten Mil­lio­nen Men­schen, die unter Elend, Arbeit­slosigkeit und prekären Beschäf­ti­gungsver­hält­nis­sen lei­den, durch die der Kap­i­tal­is­mus seine Prof­ite und Repro­duk­tion sichert.

Diese in der Geschichte der Men­schheit völ­lig einzi­gar­tige Sit­u­a­tion ist die logis­che und nicht nur zufäl­lige Folge eines Wirtschaftssys­tems, dessen Motor die Prof­it­gi­er der herrschen­den Klassen ist. Es bedeutet die Zer­störung der Umwelt und der Lebens­grund­lage von Arbeiter*innen und Bäuer*innen auf der ganzen Welt.

Der Kap­i­tal­is­mus hat­te von Anfang an eine ver­ach­t­ende und gierige Hal­tung gegenüber der Natur, als ob die Ressourcen, die sie der Men­schheit zur Ver­fü­gung stellt, unendlich und vor allem kosten­los wären. “Schme­icheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern men­schlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns… Und so wer­den wir bei jedem Schritt daran erin­nert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Erober­er ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur ste­ht — son­dern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr ange­hören und mit­ten in ihr stehn”, schrieb Engels in sein­er Dialek­tik der Natur.

In sein­er The­o­rie des “metabolis­chen Bruchs”[10] in der Beziehung zwis­chen Stadt und Land, zwis­chen Men­sch und Natur, erken­nt Marx die zer­störerische Kraft des Kap­i­tals klar und kri­tisch an und argu­men­tiert, dass der Bruch im uni­versellen Stof­fwech­sel der Natur zwangsläu­fig die Ver­schlechterung der materiellen Voraus­set­zun­gen für eine wirk­lich freie und nach­haltige Entwick­lung des Men­schen mit sich bringt. Wie Kohei Saito, außeror­dentlich­er Pro­fes­sor für Wirtschaft­spoli­tik an der Uni­ver­sität Osa­ka, behauptet: “Marx hat ver­standen, dass es [für den Kap­i­tal­is­mus, Anm.d.Ü.] grund­sät­zlich keine Rolle spielt, ob ein großer Teil des Plan­eten für das Leben ungeeignet wird, solange Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion möglich ist”[11].

Aber was zu Zeit­en der Grün­der des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus noch ein the­o­retis­ch­er Hor­i­zont war, ist in unser­er Zeit zu ein­er unver­hohle­nen Real­ität gewor­den. Die Irra­tional­ität des kap­i­tal­is­tisch-impe­ri­al­is­tis­chen Pro­duk­tion­ssys­tems und sein­er Kon­sum­muster hat den Punkt erre­icht, das natür­liche Gle­ichgewicht des Plan­eten und damit die Exis­tenz riesiger Teile der men­schlichen Spezies und Mil­lio­nen ander­er Arten, die auf dem Plan­eten leben, ern­sthaft zu gefährden.

Die Teilnehmer*innen der “Fri­days for Future”-Bewegung, die sich in Europa und der Welt aus­dehnt, sind sich dieser Real­ität zunehmend bewusst. Deshalb verurteilen sie das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem als Ursache der aktuellen ökol­o­gis­chen Krise. Sie wis­sen sog­ar, dass hin­ter den Erk­lärun­gen der Klimagipfel nichts anderes ste­ht als Dem­a­gogie. Allerd­ings fehlt ihnen noch eine Strate­gie, um den Kli­mawan­del zu über­winden. Ihre Per­spek­tive reduziert sich auf eine ener­gis­che Verurteilung und fordert die poli­tis­chen Vertreter*innen des Kap­i­tals auf, drin­gende Maß­nah­men zu ergreifen. Im besten Fall begrüßen sie die Aus­sicht auf einen “Green New Deal” (GND), so wie es ein großer Teil der Umweltaktivist*innen in den USA und Europa tut.

In den USA wird diese Poli­tik von eini­gen Kandidat*innen für die Präsi­dentschaft der Demokratis­chen Partei ver­fol­gt, wie Bernie Sanders, Eliz­a­beth War­ren oder die selb­ster­nan­nte “demokratis­che Sozial­istin” Alexan­dria Oca­sio-Cortez. Der GND, so let­ztere, würde den Vere­inigten Staat­en inner­halb von 10 Jahren den Über­gang zu 100% erneuer­bar­er Energie ermöglichen und gle­ichzeit­ig ver­sprechen, Mil­lio­nen von Arbeit­splätzen zu schaf­fen, die mit dem Auf­bau eines effizien­ten Strom­net­zes im ganzen Land ver­bun­den sind, das unter anderem auf erneuer­baren Energien basiert.

Diese Per­spek­tive geht jedoch nicht über die Gren­zen des amerikanis­chen Kap­i­tal­is­mus hin­aus. Im Gegen­teil fördert sie, dass die mil­liar­den­schw­eren Konz­erne, die für die aktuelle ökol­o­gis­che Krise ver­ant­wortlich sind, auch diejeni­gen sind, die die Infra­struk­tur entwick­eln, die aus der Katas­tro­phe führen soll. Hier­für wür­den sie über erhe­bliche öffentliche Sub­ven­tio­nen verfügen[12].

Die Idee hin­ter der Per­spek­tive des “New Green Deal” oder ähn­lich­er Ini­tia­tiv­en wie der von den Vere­in­ten Natio­nen geförderten Agen­da 2030 für nach­haltige Entwick­lung ist, dass die Regierun­gen der wichtig­sten Indus­trielän­der der Welt, wenn sie sich der Sit­u­a­tion bewusst wer­den, zusam­men mit den Unternehmen in der Lage wären, drastis­che Maß­nah­men zur Erhal­tung der Umwelt zu ergreifen. Auf diese Weise kön­nte eine echte “nach­haltige Entwick­lung” erre­icht wer­den.

Die wieder­holte Ver­wen­dung dieses Konzepts ist inter­es­sant. Diese Idee ist seit Jahrzehn­ten in der poli­tis­chen, wirtschaftlichen und ökol­o­gis­chen Lit­er­atur ver­ankert. Es wird sog­ar von Sek­toren der Linken benutzt, die sich antikap­i­tal­is­tisch nen­nen. Obwohl es viele Def­i­n­i­tio­nen des Konzepts gibt, wurde die charak­ter­is­tis­chste 1987 zum ersten Mal for­muliert. Sie sagt: “Es ist die Art der Entwick­lung, die die aktuellen Bedürfnisse der Men­schen befriedigt, ohne die Fähigkeit kün­ftiger Gen­er­a­tio­nen zu beein­trächti­gen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen”[13].

Im Kap­i­tal­is­mus wer­den jedoch nicht die “gegen­wär­ti­gen Bedürfnisse” befriedigt. Umso weniger ist zu erwarten, dass dies bei den zukün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen der Fall wird. Sowohl der “Green New Deal” als auch die Agen­da 2030, die heute Ref­eren­zen für viele der “fortschrit­tlichen” poli­tis­chen Kräfte sind, basieren auf der Idee, dass ein “nach­haltiger Kap­i­tal­is­mus” möglich ist und dass die Unternehmen, die die aktuelle Krise aus­gelöst haben, zu den Ret­tern des Plan­eten wer­den kön­nen. Wie man sieht, ist die Idee selb­st ein Wider­spruch in sich selb­st.

Ganz im Gegen­teil kann, nach sein­er eige­nen räu­berischen Logik, das Kap­i­tal sog­ar von der ökol­o­gis­chen Katas­tro­phe prof­i­tieren. Und in der Tat tut es das. Wie Saito aus ökosozial­is­tis­ch­er Sicht argu­men­tiert,

“kann das Kap­i­tal weit­er­hin von der aktuellen Wirtschaft­skrise prof­i­tieren, indem es neue Geschäftsmöglichkeit­en wie Geo-Engi­neer­ing, GMOs, den Kohle­markt und die Naturkatas­tro­phen­ver­sicherung erfind­et. Natür­liche Gren­zen führen also nicht zum Zusam­men­bruch des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems. Es kann sog­ar über diese Gren­zen hin­aus­ge­hen, aber die gegen­wär­tige Zivil­i­sa­tion­sebene kann nicht über bes­timmte Gren­zen hin­aus existieren. Deshalb erfordert ein ern­sthaftes Engage­ment für die glob­ale Erwär­mung gle­ichzeit­ig einen bewussten Kampf gegen den Kapitalismus”[14].

Für Saito “bedeutet der Kli­mawan­del kein Ende des Kap­i­tal­regimes”. Auf jeden Fall “ist der Kap­i­tal­is­mus viel flex­i­bler, dieses Sozial­sys­tem wird wahrschein­lich über­leben und weit­er­hin Kap­i­tal akku­mulieren, auch wenn eine ökol­o­gis­che Krise die Zer­störung des Plan­eten ver­stärkt und eine pro­le­tarische ökol­o­gis­che Masse auf der ganzen Welt pro­duziert. Reiche Men­schen wür­den wahrschein­lich über­leben, während die Armen viel anfäl­liger für den Kli­mawan­del sind, obwohl sie dafür erhe­blich weniger ver­ant­wortlich sind als die Reichen. Die Armen haben nicht die tech­nol­o­gis­chen und finanziellen Mit­tel, um sich vor den katas­trophalen Fol­gen des Kli­mawan­dels zu schützen. Der Kampf für Klim­agerechtigkeit bein­hal­tet ein­deutig eine Klassenkampfkom­po­nente, wie es beim britis­chen Kolo­nial­is­mus in Irland und Indi­en der Fall war.”

IV. Revolutionäre Strategie, Arbeiter*innenhegemonie und sozialistische Perspektive

Angesichts ein­er völ­lig irra­tionalen Per­spek­tive, zu der uns der Kap­i­tal­is­mus führt, ist die Notwendigkeit drastis­ch­er und drin­gen­der Maß­nah­men offen­sichtlich. Aber diese kön­nen wed­er vom guten Willen der Regierun­gen der impe­ri­al­is­tis­chen Mächte abhän­gen, die in erster Lin­ie für die gegen­wär­tige Katas­tro­phe ver­ant­wortlich sind, noch von den “neuen fortschrit­tlichen und grü­nen Agen­den”, die von den großen Unternehmen des “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” gefördert wer­den.

Es ist notwendig, die Gegen­wart und die Zukun­ft durch eine ratio­nale Pla­nung der Weltwirtschaft in unsere Hände zu nehmen. Oder wie Marx sagen würde, durch “die Ein­führung der Ver­nun­ft in den Bere­ich der Wirtschafts­beziehun­gen”. Und das ist nur möglich, wenn die Pla­nung der Wirtschaft in den Hän­den der einzi­gen Klasse liegt, die auf­grund ihrer objek­tiv­en Sit­u­a­tion und ihrer materiellen Inter­essen ein Inter­esse daran hat, eine Katas­tro­phe zu ver­mei­den: der Arbeiter*innenklasse.

Angesichts der Farce der Klimagipfel und der Ver­sprechun­gen eines “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” unter der Führung impe­ri­al­is­tis­ch­er Konz­erne ist es notwendig, ein Über­gang­spro­gramm aufzule­gen, das auf eine voll­ständi­ge ratio­nale und ökol­o­gis­che Reor­gan­i­sa­tion von Pro­duk­tion, Verteilung und Kon­sum abzielt.

Dazu ist es notwendig, den Sek­tor der Energiewirtschaft grundle­gend zu reor­gan­isieren und die großen Konz­erne zu enteignen, um die Unternehmen unter die demokratis­che Leitung der Arbeiter*innen und unter die Auf­sicht von Verbraucher*innenausschüssen zu stellen. Auf diese Weise kön­nte sich der Energiesek­tor voll­ständig umstruk­turi­eren, was einen raschen Über­gang zur auss­chließlichen Nutzung erneuer­bar­er Energiequellen und eine Ori­en­tierung an den Bedürfnis­sen der Bevölkerung ermöglichen würde.

Gle­ichzeit­ig ist es notwendig, alle Verkehrsun­ternehmen sowie die großen Auto­mo­bilun­ternehmen ohne Entschädi­gung und unter Arbeiter*innenkontrolle zu ver­staatlichen, um eine mas­sive Ver­ringerung der Auto­mo­bil­pro­duk­tion und des pri­vat­en Verkehrs zu erre­ichen und gle­ichzeit­ig den öffentlichen Verkehr auf allen Ebe­nen auszubauen.

Die Ver­staatlichung unter direk­ter Leitung der Arbeiter*innen in solchen Sek­toren wäre nur der erste Schritt zur Ver­staatlichung aller strate­gis­chen Wirtschaftssek­toren der Städte und des ländlichen Raums mit dem Ziel, einen wirk­lich nach­halti­gen Gesamt­plan zu erstellen.

Dieses Pro­gramm, zusam­men mit anderen Maß­nah­men von gebi­eter­isch­er Notwendigkeit, ist im Rah­men des Kap­i­tal­is­mus offen­sichtlich unmöglich zu erre­ichen. Die Umset­zung erfordert eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie, die die Ver­ant­wortlichen der Katas­tro­phe entschlossen kon­fron­tiert. Die Jugendlichen, die heute auf die Straße gehen, um für “Klim­agerechtigkeit” zu kämpfen, haben die Her­aus­forderung, die Radikalisierung ihres Pro­gramms voranzutreiben, um die einzige real­is­tis­che Per­spek­tive zur Bewäl­ti­gung der Katas­tro­phe aufzuzeigen: den Klassenkampf voranzutreiben, um dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem ein Ende zu set­zen und alle Triebfed­ern der Weltwirtschaft in die Hände der Arbeiter*innenklasse zu leg­en.

Gle­ichzeit­ig muss sich die Arbeiter*innenklasse als hege­mo­ni­ales Sub­jekt dieses Kampfes posi­tion­ieren und diese Forderun­gen nicht nur als Teil des Kampfes um die Verbesserung ihrer Lebens­be­din­gun­gen, son­dern auch als pro­gres­sive Lösung für die zivil­isatorische Krise, die der Kap­i­tal­is­mus vor­bere­it­et, aufnehmen.

Dies ist die uner­lässliche Voraus­set­zung für die Schaf­fung eines sol­i­darischen Sys­tems, das den natür­lichen Stof­fwech­sel zwis­chen Men­sch und Natur wieder­her­stellt, die soziale Pro­duk­tion unter Beach­tung der natür­lichen Zyklen umstruk­turi­ert, ohne unsere Ressourcen zu erschöpfen, und gle­ichzeit­ig Armut und soziale Ungle­ich­heit­en been­det. Dieses Sys­tem hat keinen anderen Namen als Sozial­is­mus.

Angesichts der Umweltkatas­tro­phe, die uns bedro­ht, gewin­nt das von Rosa Lux­em­burg aufge­wor­fene Dilem­ma “Sozial­is­mus oder Bar­barei” wieder an Bedeu­tung. Am Vor­abend des impe­ri­al­is­tis­chen Gemet­zels des Ersten Weltkriegs, warnte die große pol­nis­che Rev­o­lu­tionärin: “wenn das Pro­le­tari­at nicht seine Klassenpflicht­en erfüllt und den Sozial­is­mus ver­wirk­licht, ste­ht uns allen zusam­men der Unter­gang bevor”. Für Lux­em­burg war der Sozial­is­mus kein von der Geschichte vorgegebenes Schick­sal; das Einzige “Unver­mei­dliche” war der Zusam­men­bruch des Kap­i­tal­is­mus und die Katas­tro­phen, die diesen Prozess begleit­en wür­den, wenn die Arbeiter*innenklasse es nicht ver­hin­dern würde.

In unserem Jahrhun­dert erneuern sich die Bedin­gun­gen für eine Epoche der Krisen, Kriege und Rev­o­lu­tio­nen und kon­fron­tieren die Arbeiter*innenklasse und die Völk­er der Welt nicht nur mit der Bar­barei von Krieg und Elend, son­dern auch mit der möglichen Zer­störung des Plan­eten. Ein wirk­lich ökol­o­gis­ches Pro­jekt, das die Umweltkatas­tro­phe her­auf­beschwört, zu der der Kap­i­tal­is­mus uns führt, kann nur erfol­gre­ich sein, wenn es antikap­i­tal­is­tisch ist und die sich Arbeiter*innenklasse sub­jek­tiv als Avant­garde auf­stellt, dies durch rev­o­lu­tionären Kampf durchzuset­zen.

Fußnoten

1. Das IPCC ist eine Gruppe von Expert*innen, die unter der Schirmherrschaft der UNO seit 1988 damit beauf­tragt ist, die wis­senschaftlichen Erken­nt­nisse zum Kli­mawan­del, seinen Auswirkun­gen und den zukün­fti­gen Risiken, sowie mögliche Antworten zu bew­erten.

2. Thomas Karl und Kevin Tren­berth, Sci­ence, Dezem­ber 2003.

3. Ein Anstieg von 4 oder 5 Grad ist äquiv­a­lent dazu, was in den let­zten 18.000 Jahren passiert ist, jedoch mit ein­er radikal anderen Geschwindigkeit.

4. Seit 2013 haben ver­schiedene Stu­di­en eine enge Verbindung zwis­chen dem Kli­mawan­del und kriegerischen Prozessen belegt. Im Fall Syriens zeigt die Studie “Cli­mate change in the Fer­tile Cres­cent and impli­ca­tions of the recent Syr­i­an drought”, ange­führt von Collin P. Kel­ley, Richard Sea­ger und Shahrzad Mohta­di, und veröf­fentlicht im März 2013 in den Pro­ceed­ings of the Nation­al Acad­e­my of Sci­ences of the Unit­ed States of Amer­i­ca, dass die Erder­wär­mung der “Tropfen” war, “der das Fass zu über­laufen brachte”.

5. “Fact Sheet on Cli­mate Change and Health,” World Health Orga­ni­za­tion, Feb­ru­ary 1, 2018.

6. Luciano Andrés Valen­cia, “Cap­i­tal­is­mo y cam­bio climáti­co”, Izquier­da Diario, 2/12/2015.

7. Gilson Dan­tas, “Calen­tamien­to glob­al, ¿hablam­os de cien­cia o de ide­ología?”, Izquier­da Diario, 5/12/2015.

8. Das Kyoto-Pro­tokoll wurde im Jahr 1997 in Japan angenom­men. Darin wurde das Ziel fest­ge­hal­ten, die Net­to-Emis­sio­nen von Treib­haus­gasen für die wichtig­sten Indus­trielän­der und Schwellen­län­der zu begren­zen. Das Pro­tokoll sollte nach der Rat­i­fizierung von min­destens 55 Län­dern in Kraft treten, dessen Gesamte­mis­sio­nen min­destens 55% der weltweit­en CO2-Emis­sio­nen darstell­ten (gemessen am Niveau von 1990). Das wurde mit der Rat­i­fizierung durch Rus­s­land erre­icht und das Pro­tokoll war bis 2012 in Kraft. Die COP18 rat­i­fizierte die zweite Peri­ode der Gültigkeit des Pro­tokolls vom 1. Jan­u­ar 2013 bis zum 31. Dezem­ber 2020. Jedoch haben die USA, Rus­s­land und Kana­da, neben anderen Län­dern, entsch­ieden, das nicht zu unter­stützen.

9. Jorge Riech­mann, “Entre­vista”, CTXT, 26/09/2017.

10. Zur Ver­tiefung des Marxschen Konzepts des “metabolis­chen Bruchs”, siehe John Bel­lamy Fos­ter, “Marx’s Ecol­o­gy: Mate­ri­al­ism and Nature”, 2000.

11. “Karl Marx: comu­nista, rev­olu­cionario… ¿ecol­o­gista?”

12. Für eine tiefer­ge­hende Kri­tik an der Poli­tik des “Green New Deal”, siehe Ein „Green New Deal“ kann uns nicht ret­ten. Eine Plan­wirtschaft schon, von Wladek Flakin und Robert Belano.

13. Weltkom­mis­sion für Umwelt und Entwick­lung der Vere­in­ten Natio­nen („Brundt­land-Kom­mis­sion“): “Unsere gemein­same Zukun­ft”. Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1987.

14. Kohei Saito, op. cit.

Dieser Artikel erschien zuerst in Con­tra­pun­to, der Son­ntagsaus­gabe von IzquierdaDiario.es.

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