Kohei Saito und die kritische Ökologie von Karl Marx

16.09.2023, Lesezeit 45 Min.
Übersetzung: ,
1
Bild: Shutterstock / Creative_Bird

Der japanische Ökomarxist Kohei Saito will in den Schriften des späten Marx einen neuen, ökologischen Marx entdeckt haben. Was steckt hinter seiner These?

Mit der Veröffentlichung von Natur gegen Kapital: Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus (2016), das in diesen Tagen  von Ediciones IPS (Der Verlag der Partei Sozialistischer Arbeiter:innen (PTS), der Schwesterorganisation von RIO in Argentinien; Anm. d. Ü.) erstmals in Argentinien aufgelegt wird, wurde Kohei Saito schnell zu einer unumgänglichen Referenz in marxistischen Diskussionen über Ökologie und Kapitalismus. In Japan wurde sein Buch Capital in the Anthropocene zu einem Bestseller und alleine im Jahr 2020 eine halbe Million Mal verkauft.

Saito hat in seiner Forschung die Entwicklung des marxschen Denkens über das Verhältnis von gesellschaftlichem und natürlichem Stoffwechsel systematisiert und bei dieser Rekonstruktion erstmals den unveröffentlichten Notizbüchern große Bedeutung beigemessen. Diese Arbeiten werden in den neuen Ausgaben der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe), zu deren Herausgebern Saito gehört, vorerst in der deutschen Originalsprache veröffentlicht. Sie enthalten eine große Anzahl von Notizbüchern mit Entwürfen und Lektürenotizen aus Marx‘ letzten Lebensjahren. In jener Zeit hat der deutsche Revolutionär dem Studium verschiedener Naturwissenschaften zunehmende Bedeutung beigemessen, wie aus den von ihm in seinen Notizbüchern rezensierten Büchern hervorgeht. Marx‘ grundlegendes Interesse in diesen Untersuchungen bestand laut Saito darin, festzustellen, wie die Entwicklung des Kapitalismus das Gleichgewicht des natürlichen Stoffwechsels störte.

Im Jahr 2022 veröffentlichte Saito auf Englisch Marx in the Anthropocene: Towards the Idea of Degrowth Communism, das den Faden seines vorherigen Werks, nämlich des bereits erwähnten Capital in the Anthropocene, wieder aufnimmt. Der Kern seiner Argumentation betrifft dieses Mal jedoch den Charakter des kommunistischen Projekts, das Marx in seinen letzten Lebensjahren (neu) formuliert habe und das Saito als Degrowth-Kommunismus definiert. Im Folgenden werden wir zentrale Aspekte von Saitos Werk betrachten und einige seiner Ansichten über Marx, den Marxismus und den Kommunismus diskutieren.

Der unveröffentlichte Marx

Der neue Aspekt von Saitos Arbeit ist eine gründliche und systematische Untersuchung der unveröffentlichten Notizbücher von Marx. In den Jahren von 1868 bis 1883, in denen Marx nicht weniger als ein Drittel seiner zu Lebzeiten verfassten Notizbücher fertigstellte, überwiegen laut Saito Themen aus der Physiologie und anderen Naturwissenschaften. Dies sei ein Hinweis auf die Bedeutung, die Marx der ökologischen Frage und ihren Auswirkungen auf den Kapitalismus beimaß. Dies schlug sich nicht in veröffentlichten Texten nieder, da Marx in dieser Zeit keine neuen Arbeiten für die Presse fertigstellte, abgesehen von den Änderungen, die er an Übersetzungen oder Nachdrucken des Kapitals vornahm, von denen Saito einige als Frucht dieser neuen theoretischen Anliegen hervorhebt. Saito vermutet, dass die Verzögerung bei der Fertigstellung der Bände II und III des Kapitals, deren Abschluss schließlich Engels überlassen wurde, auf diese tiefgreifende Neubewertung des Platzes der ökologischen Frage in seinem theoretischen Gebäude zurückzuführen ist. Dies habe Marx dazu veranlasste, die Grundzüge seiner Kritik der politischen Ökonomie grundlegend zu überdenken. Wäre Marx in der Lage gewesen, seine neuen Überlegungen in die Praxis umzusetzen, so Saito, hätte er der ökologischen Kritik einen viel prominenteren Platz eingeräumt. Daraus ergibt sich der große Wert der Notizbücher, die seiner Meinung nach eine Annäherung an Marx‘ Vorstellung von der Vollendung des Kapitals ermöglichen, die sich, so der Autor, von Engels‘ Zusammenstellung stark unterscheidet.

Das Konzept des Stoffwechsels

In der Rekonstruktion des marxschen Denkens räumt Saito dem Begriff des Stoffwechsels einen zentralen Platz ein: „Anhand des Stoffwechselbegriffs erfasst Marx eine umfassende übergeschichtliche Naturbedingung der menschlichen Produktion, die jedoch im modernen System zusammen mit der Erweiterung der Sphäre der kapitalistischen Produktion und der Steigerung der Produktivkraft radikaler denn je modifiziert wird“.1 Der Begriff des Stoffwechsels, der aus der Chemie und Physiologie stammt, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert sehr populär. Das Konzept wurde ursprünglich entwickelt, um die physikalischen und chemischen Prozesse von Organismen zu beschreiben, die Energie umwandeln oder nutzen. Diese komplexen, miteinander verknüpften Prozesse sind die Grundlage des Lebens auf molekularer Ebene und ermöglichen die verschiedenen Aktivitäten der Zellen: Wachstum, Fortpflanzung, Aufrechterhaltung ihrer Strukturen und Reaktion auf Reize, um nur einige zu nennen. Vor Marx gab es Vorläufer für die Ausweitung des Stoffwechselkonzepts auf die „Philosophie und Nationalökonomie […], um Umformungen und Wechsel von organischen und anorganischen Substanzen in Produktion, Konsumtion und Verdauung auf individuellem und auf Gattungsniveau zu beschreiben.“2

Ein direkter Bezugspunkt für Marx war Justus von Liebig, ein Chemiker, dessen Studien über den Abbau von Nährstoffen im Boden durch die kapitalistische Landwirtschaft von Marx genau studiert wurden. Saito betont jedoch die „relative Selbstständigkeit gegenüber Liebig“ von Marx bei der Verwendung des Stoffwechselbegriffs, denn obwohl „Liebigs Beitrag zur Entwicklung des Marx’schen Stoffwechselbegriffs unleugbar ist, bestätigen die Grundrisse, dass Marx nicht immer blind Liebig als Autorität der Chemie folgte“.3 Bei Marx lassen sich drei Dimensionen des Konzepts ausmachen, die sowohl in den Grundrissen als auch im Kapital zu beobachten sind: „»Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur«, »Stoffwechsel der Gesellschaft« und »Stoffwechsel der Natur«“.4

Im Anschluss an John Bellamy Foster 5, Paul Burkett und andere Autor:innen artikuliert Saito diese Stoffwechseltheorie mit der Vorstellung, dass die Irrationalität des Kapitals, die durch entfremdete Beziehungen innerhalb der Gesellschaft und in Bezug auf die Natur gekennzeichnet ist, unweigerlich zu einem metabolischen Bruch führt. Dieser Gedanke wird im Kapital zweimal erwähnt, und zwar in beiden Fällen im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Bevölkerungskonzentration in städtischen Gebieten infolge der Entwicklung der Großindustrie und dem Vormarsch des Kapitals in der Landwirtschaft. Marx erörtert in Anlehnung an Liebig, wie der Großgrundbesitz, der durch die kapitalistische Umgestaltung der Landwirtschaft entsteht, ein Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land hervorruft:

Auf der anderen Seite reduziert das große Grundeigentum die agrikole Bevölkerung auf ein beständig sinkendes Minimum und setzt ihr eine beständig wachsende, in großen Städten zusammengedrängte Industriebevölkerung entgegen; es erzeugt dadurch Bedingungen, die einen unheilbaren Riß hervorrufen in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und durch die Naturgesetze des Lebens vorgeschriebnen Stoffwechsels, infolge wovon die Bodenkraft verschleudert und diese Verschleuderung durch den Handel weit über die Grenzen des eignen Landes hinausgetragen wird.6

Foster, und hier stimmt Saito zu, ist der Ansicht, dass Marx eine systematische Sichtweise der Tendenz des Kapitalismus entwickelt hat, auf verschiedenen Ebenen diesen „unheilbaren Riss“ zwischen dem gesellschaftlichen Stoffwechsel und dem natürlichen Stoffwechsel zu erzeugen. Unserer Meinung nach ist die Vorstellung einer systematischen Entwicklung dieses Ansatzes bei Marx fragwürdig. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Marx sich im Rahmen seiner Kritik der politischen Ökonomie zunehmend für das ökologische Problem interessierte, und seine Methode ist die Grundlage für eine gründliche ökologische Kritik, wie sie heute von Foster, Burkett, Saito, Malm und vielen anderen Autor:innen entwickelt wird. Das bedeutet aber nicht, dass eine solche systematische Kritik dieser Dimension im Kapital oder in den unveröffentlichten Werken von Marx zu finden ist.

Für Saito ist der Begriff des Stoffwechsels der Schlüssel zu Marx‘ Methodologie. Er erlaubt ihm, den ontologischen Dualismus zu vermeiden (Natur und Gesellschaft als völlig getrennte Entitäten zu betrachten) und eine ontologisch monistische Position zu verteidigen. „Die grundlegende Einsicht der marxschen Stoffwechseltheorie ist […], dass Menschen immer als Teil der Natur produzieren und dass sich ihre Aktivitäten im Laufe der kapitalistischen Entwicklung zunehmend mit der außermenschlichen Natur verflechten“.7 Monismus bedeutet bei Marx aber nicht, sie als eine undifferenzierte Einheit zu betrachten. „Eine kritische Analyse dieser gesellschaftlichen Macht erfordert zwangsläufig, das Gesellschaftliche und das Natürliche jeweils als eigenständige Untersuchungsfelder zu trennen und danach ihre Verflechtung zu analysieren“.8 Die Unterscheidung ist notwendig, weil „die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse eine fremde Macht in der Wirklichkeit ausüben“.9 Saito kontrastiert diese Methodik von Marx mit dem extremen Monismus ohne Differenzierung, den er bei zeitgenössischen Autoren wie Bruno Latour oder Jason Moore ausmacht, welcher sonst selbst dem Lager des Ökomarxismus zugerechnet wird. Saito argumentiert, dass Marx durch den Begriff des Stoffwechsel einen „methodologischen Dualismus“ entwickeln kann, der von der ontologischen Einheit ausgeht (die Gesellschaft ist Teil der Natur und keine unabhängige Entität), aber die Analyseebenen trennt, um die Wechselwirkungen zwischen den Sphären der Natur und der Gesellschaft zu erfassen, die eine differenzierte Einheit bilden. In seinem Ansatz des ontologischen Monismus und des methodologischen Dualismus folgt Saito Andreas Malm, der diese Position als „substanzmonistischer Eigenschaftsdualismus“ definiert. 10

Obwohl Saitos Überlegungen zum Begriff des Stoffwechsels in Bezug auf die marxsche Methode anregend sein mögen, gibt es in dieser Hinsicht zwei Vorbehalte. Der erste besteht darin, dass die gesamte Diskussion über die marxistische Methode und Erkenntnistheorie auf die Kategorie des Stoffwechsels verlagert werden könnte. Es besteht die Gefahr, dass ein Teil des Reichtums und der Komplexität der gesamten Entwicklung der Kategorien verloren geht, die Marx dadurch herzustellen versuchte, die konkrete Wirklichkeit im Denken abzubilden. Zweitens: Die Kategorie des methodologischen Dualismus ist umstritten. Es mag zutreffender sein — obwohl es sich keineswegs um gegensätzliche Positionen handelt —, dass Marx anstelle eines methodologischen Dualismus einen emergentistischen Materialismus entwickelt hat, wie es auch andere Wissenschaftler:innen beim Versuch der Definition des Verhältnisses von Einheit und Differenzierung betont haben. Das bedeutet zu verstehen, dass die Realität auf verschiedenen Ebenen der Komplexität und Hierarchie artikuliert ist, innerhalb derer spezifische Eigenschaften entstehen können, die verschiedene Subsysteme oder Ebenen der Realität unterscheiden, ohne sie zu trennen.

Der Stoffwechsel nach Marx

Nur wenige Marxist:innen, so Saito, seien in der Lage gewesen, die Bedeutung des Stoffwechsels in der marxschen Theorie zu begreifen. In Marx in the Anthropocene rehabilitiert er István Mészáros, der den Begriff des Soziometabolismus in seiner Lektüre des Kapitals popularisiert hat, und hebt gleichzeitig Marx‘ Analyse der Beziehung zur Natur hervor. In ähnlicher Weise stellt Saito fest, dass auch Luxemburg dem Begriff des Stoffwechsels Bedeutung beimaß, indem sie darauf hinwies, dass  die „Kapitalakkumulation ein Prozeß des Stoffwechsels, der sich zwischen der kapitalistischen und den vorkapitalistischen Produktionsweisen vollzieht.“11

Ein weiteres Schlüsselelement für die Wiederbelebung des Stoffwechselkonzepts findet sich für Saito bei György Lukács. Die Diskussion geht von der ziemlich berühmten Fußnote in Geschichte und Klassenbewusstsein aus, in der der ungarische Schriftsteller behauptet, dass die dialektische Methode nur auf die Gesellschaft angewandt werden könne und ihre Ausweitung auf die Natur nicht angemessen sei. Mit seiner Kritik und seiner scharfen Trennung der Methoden für das Studium der Natur und der Gesellschaft wird der Ansatz von Lukács traditionell als das angesehen, was Saito im Anschluss an andere Autor:innen als charakteristisches Merkmal des „westlichen Marxismus“ betrachtet oder zumindest seines Mainstreams, da Saito ihn als eine breite und heterogene Strömung anerkennt. Dieses Merkmal ist die scharfe Trennung zwischen den Methoden, die für das Studium der Natur und das Studium der Gesellschaft anwendbar seien, wobei der westliche Marxismus eine ausschließliche Konzentration auf letztere vorschlage und das Studium der Natur zurückstelle. In Abgrenzung zum Mechanismus, der den Stalinismus kennzeichnete, strebten die westlichen Marxist:innen oder einige ihrer wichtigsten Vertreter:innen danach, „eine differenziertere Theorie der Gesellschaft zu liefern, ohne in eine mechanistische Weltsicht zu verfallen“.12 Sie taten dies jedoch in einer Weise, die „die Sphäre der Natur und der Naturwissenschaften aus der marxschen Sozialphilosophie gänzlich ausschloss“. 13 Geschichte und Klassenbewusstsein löste heftige Debatten und Kritiken aus. In einem unveröffentlichten Werk, Tailism and Dialectics, soll Lukács seinen Ansatz präzisiert und ihm eine ganz andere Bedeutung gegeben haben, die nichts mit der scharfen Trennung zwischen der Sphäre der Natur und der Sphäre der Gesellschaft zutun hat. Hier taucht der Begriff des Stoffwechsels auf, der in Geschichte und Klassenbewusstsein nicht vorhanden ist.

… Lukács bestand darauf, dass der Begriff des ‚Stoffwechsels‘ für ein korrektes Verständnis des zentralen Themas von Geschichte und Klassenbewusstsein unerlässlich ist, nämlich um den ontologischen Dualismus von Natur und Gesellschaft und den einseitigen Fokus auf die Gesellschaft zu vermeiden. Diese Einseitigkeit ist genau die Konsequenz, in die der westliche Marxismus verfiel, indem er Marx‘ Begriff des ‚Stoffwechsels‘ ignorierte.14 

Engels vs. Marx?

Einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass Marx‘ ökologisches Denken so lange im Verborgenen blieb, ist nach Ansicht von Saito niemand anderes als sein großer Freund, Verleger und Mitautor so vieler klassischer Werke, Friedrich Engels. Obwohl Engels sich schon früh mit dem Studium der Natur beschäftigte und bereits in Die Lage der arbeitenden Klasse in England über die verheerenden Auswirkungen der Kapitalakkumulation auf die Umwelt nachdachte (von denen vor allem die Arbeiter:innenklasse betroffen war), sei seine Sichtweise eine ganz andere gewesen als die, die Marx entwickelte. Letzterer hätte zudem nach Ansicht von Saito in den letzten Jahren seines Lebens in zahlreichen wissenschaftlichen Debatten eine wesentlich sachkundigere Lesart entwickelt als Engels. Obwohl sich Engels dessen bewusst war, so Saito, behauptete er auch nach Marx‘ Tod (1883), dass Marx ihm gegenüber anerkannt habe, dass Engels von den beiden der Experte in diesen Fragen sei. In der zweiten Auflage des Anti-Dühring von 1885 behauptete Engels, Marx habe die rasante Entwicklung der Naturwissenschaften nur unregelmäßig und sporadisch verfolgt, obwohl ihm, wie Saito anmerkt, seine Kenntnis aller Manuskripte, die Marx hinterlassen hatte, aus erster Hand die Fortschritte von Marx auf diesem Gebiet offenbaren musste.15

Zu den Unterschieden in der Herangehensweise, die Saito zwischen den Autoren hervorheben möchte, zählt er, dass man bei Marx nicht die Idee der „Rache der Natur“ findet, die Engels vorbringt. Engels will damit auf die die blinden Kräfte verweisen, die durch Eingriffe in die Natur entfesselt werden und zu unerwarteten Ausbrüchen führen können, die bestimmte Gesellschaftsformationen oder sogar die Menschheit als Ganzes gefährden können. Ungeachtet dieser Warnung von Engels findet Saito in seinem Ansatz, in Dialektik der Natur und in anderen Werken, die Idee, dass die Kenntnis der objektiven Naturgesetze eine praktische Bedeutung hat, die seiner Ansicht nach nichts anderes ist als die Beherrschung und Kontrolle der Natur. Um das „Reich der „Freiheit“ zu erreichen, muss der Mensch zum „wirklichen und bewussten Herrscher“ der Natur werden.16 

Doch wo sich für Saito eine gewaltige Kluft zwischen Marx und Engels auftut, ist der Begriff des Stoffwechsels. Saito stellt fest, dass Engels „Liebigs Theorie des Stoffwechsels nicht schätzte“. Tatsächlich „bezog er sich in Dialektik der Natur auf Liebigs Stoffwechselkonzept, als er ihn als ‚Dilettanten‘ der Biologie kritisierte“.17Engels teilte zwar Liebigs Theorie des Raubbaus der kapitalistischen Landwirtschaft, lehnte aber seine vitalistische Sichtweise ab, „mit ihrer Trennung der Biologie von der Chemie und ihren unerklärlichen Prinzipien, die angeblich nur den Lebewesen eigen sind“.18  Liebig vertrat die Auffassung, dass der Ursprung des organischen Lebens nicht auf eine Evolution aus anorganischer Materie zurückzuführen sein könne, sondern akzeptierte die Hypothese, dass das „ewige Leben“ aus dem universellen Raum auf den Planeten „importiert“ worden sei. 19  Gegen diese Vorstellung „argumentierte Engels richtig“, so Saito, „dass das Leben der Prozess des Stoffwechsels ist, der historisch entstanden ist und sich aus anorganischem Nicht-Leben entwickelt hat“. 20  Saito erkennt, wie wir sehen, an, dass Engels mit seiner Kritik an Liebig Recht hatte. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass diese Kritik einen negativen Einfluss auf Engels‘ Fähigkeit gehabt habe, die Beiträge des Stoffwechselkonzepts zu bewerten und insbesondere Marx‘ Aneignung des Konzepts zu würdigen, die nicht ausschließlich auf Liebig zurückzuführen war.

Diese Ablehnung des liebig’schen Stoffwechselkonzepts durch Engels habe nach Ansicht von Saito wichtige Konsequenzen gehabt. Bei der Rekonstruktion des dritten Bandes des Kapitals aus den Manuskripten von Marx sei Engels nicht in der Lage gewesen, die eigenständige Aneignung des Stoffwechselbegriffs durch Marx zu erfassen, die weit über die enge Bedeutung des deutschen Chemikers hinausging. Seine Ablehnung der liebig’schen Theorie, und nicht nur eine Frage der leichteren Zugänglichkeit des Textes, so Saito, habe Engels dazu veranlasst, Änderungen in den ursprünglichen Text von Marx einzufügen. So zeigt er uns, dass der Originaltext der berühmten, oben zitierten Passage über den Riss im Stoffwechsel ursprünglich wie folgt formuliert war: „[So produziert das Großgrundeigentum] Bedingungen, die einen unheilbaren Riß hervorbringen in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und natürlichen, durch die Naturgesetze des Bodens, vorgeschriebnen Stoffwechsels, in Folge wovon die Bodenkraft verwüstet und durch den Handel diese Verwüstung weit über die Grenzen des eignen Lands hinaus getragen wird.“21 Saito selbst räumt ein, dass Engels‘ Änderung „subtil erscheinen mag“. 22  Aber er macht dennoch eine symptomatische Lesart dieser Änderung. Die angebliche Verheimlichung der Entdeckung des ökologischen Marx, die in Marx‘ späten Notizbüchern zum Vorschein kam, die Schwierigkeit, die neuen Ideen, die Marx zur ökologischen Kritik entwickelte, in seiner Ausgabe des Kapitals zu erfassen und festzuhalten, und die Korrekturentscheidungen, die das Denken von Marx verfälschen sollen, machen Engels laut Saito weitgehend dafür verantwortlich, dass der ökologische Marx während des zwanzigsten Jahrhunderts verborgen blieb.

Saitos Argument über die Verantwortung von Engels für die Verschleierung des ökologischen Denkens von Marx scheint nicht sehr solide zu sein. Obwohl seine Studie der unveröffentlichten Notizbücher und Lesemitschriften dazu beiträgt, neue Aspekte des marxschen Denkens auf dem Gebiet der ökologischen Kritik aufzuzeigen, die bisher unbekannt waren und die mehr oder weniger Nuancen in Bezug auf Engels‘ Ansicht zu diesen Fragen aufweisen, gibt er Engels als posthumem Herausgeber eine übermäßige Fähigkeit, Marx‘ Werk falsch darzustellen. Wir glauben, dass dieser Vorgang untrennbar mit der Entwicklung des marxschen Denkens verbunden ist, die Saito aus den neuen Erkenntnissen der MEGA herauslesen möchte.

Marx vs. Marx

In Natur gegen Kapital hat Saito keinen abrupten Bruch in Marx‘ Denken festgestellt. In seinem jüngsten Werk, Marx in the Anthropocene, argumentiert der japanische Wissenschaftler jedoch, dass es einen ausgeprägten Bruch oder eine Wende in Marx‘ Denken über Geschichte, Entwicklung und Ökologie gab, die nach 1868, also als die erste Ausgabe des Kapitals bereits erschienen war, deutlicher geworden sei. Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten zögert Saito hier nicht, den „ersten Marx“ – eine Periode, die er letztlich fast bis zum Ende seines Lebens ausdehnt, obwohl er verschiedene Instanzen der Entwicklung und Selbstkritik aufzeigt – als „prometheisch“, „eurozentrisch“, „ethnozentrisch“, „produktivistisch“ zu bezeichnen. 23 Er verfällt sogar in den Anachronismus, Marx für einige seiner Vorschläge als Akzelerationisten zu bezeichnen, obwohl es sich dabei um eine Strömung handelt, die erst Ende des 20. Jahrhunderts entstand und im letzten Jahrzehnt an Einfluss gewann. Während er dies behauptet, argumentiert Saito, dass der späte Marx, der in seinen späteren Entwürfen sowie in einigen subtilen Änderungen, die in den Nachdrucken oder Übersetzungen des Kapitals vorgenommen wurden, auftaucht, einen tiefgreifenden Prozess der Selbstkritik durchlaufen hätte. Darüber hinaus habe er nicht nur die Aspekte seines Denkens neu bewertet, in denen Eurozentrismus, Prometheismus und Begeisterung für die Entwicklung der Produktivkräfte deutlich wurden. Er habe auch die Rolle der Entwicklung der Produktivkräfte als Motor der Widersprüche, die zur gesellschaftlichen Transformation führen, und den Platz, den diese Entwicklung im Kommunismus einnehmen sollte, grundlegend neu bewertet – eine Frage, mit der wir uns später noch eingehend beschäftigen werden.

Was hat sich in der kurzen Zeit zwischen Saitos erstem Buch und dem heutigen Tag geändert, um seine Sicht der Entwicklung des Marxschen Denkens so deutlich zu verändern? Der Grund kann nicht einfach darin liegen, dass die MEGA einen unbekannten Marx enthüllen, denn wie wir gesehen haben, hat sich Saitos Sicht auf die bereits veröffentlichten Werke von Marx im Vergleich zu der Bewertung, die er in seinem 2017 (auf deutsch 2016, A.d.Ü.) erschienenen Werk Natur gegen Kapital vorgenommen hat, geändert. Es handelt sich nicht um neue Arbeiten, die etwas anderes offenbaren.

Der Hauptgrund für diese Veränderung in Saitos Sicht auf die Entwicklung der Marx’schen Ideen liegt darin, dass sie es ihm ermöglicht, die Wende, die der deutsche Theoretiker in den letzten Jahren vollzogen hat, kontrastreich hervorzuheben. Saito führt in seiner Lesart die Debatten über die Natur in den Lektüren und Entwürfen der letzten Jahre von Marx‘ Leben oder die Neubewertung der bäuerlichen Kommune und ihre wahrscheinliche Rolle beim Bruch mit dem Kapitalismus in den Ländern, in denen diese weiterhin existierte – insbesondere in seinem Briefwechsel mit russischen Revolutionär:innen, wie die berühmte Antwort an Wera Sassulitsch 24 – als Beispiele an. An diesen zeige sich ein  „erkenntnistheoretischer Bruch“ – der Verweis auf Althusser ist bei Saito explizit –, der Marx dazu gebracht habe, den metabolischen Bruch in den Mittelpunkt seiner Theorie zu stellen, der zum grundlegenden Widerspruch dieser Produktionsweise werden sollte. Bereits in Natur gegen Kapital kritisierte Saito die Forscherin Lucia Pradella, die vor „einer heute einflussreichen Tendenz in den MEGA-Studien, nach einem ’neuen Marx‘ zu suchen“ 25 , warnte. Genau diesen „neuen Marx“ sieht Saito in seinen jüngsten Notizbüchern. In Marx in the Anthropocene bekräftigt er diesen Ansatz noch nachdrücklicher. Er tut dies auf etwas widersprüchliche Weise, denn fast am Ende des Buches räumt er ein, dass „Marx eindeutig weiterhin glaubte, dass die technologische Entwicklung im Kapitalismus die notwendigen materiellen Bedingungen für den Sprung zum Sozialismus liefert“, d. h. er gibt zu, dass die Wende in dieser Hinsicht bei Marx jedenfalls nicht so ausgeprägt war, auch wenn er gleich hinzufügt, dass „seine dialektische Methode ihn dazu brachte, die negative und destruktive Seite der Technologien vehementer zu betonen“.26  Mit letzterem sind wir einverstanden, aber das ist weder neue eine Offenbarung noch eine Wendung des „neuen Marx“. Tatsächlich kritisierte Marx in seiner Jugend den Prometheismus von Autoren wie Proudhon, was von John Bellamy Foster in Marx’s Ecology dokumentiert wird. Wie im Falle von Saitos Ansichten über Engels ist das, was er hier argumentiert, nicht sehr originell. Es wiederholt hauptsächlich das, was oft über die Übertreibung der Brüche im Denken von Marx behauptet wurde, ohne viel Grundlage (und was Saito selbst in einigen Fällen in seinem ersten Buch widerlegt hat).

Damit soll natürlich nicht die Bedeutung von Marx‘ eigener kritischer Betrachtung seiner eigenen Ideen und der Korrektur, der sie in vielen Fällen unterzogen wurden, heruntergespielt werden. Seine Auffassung zu einigen Problemen, wie der Kolonialfrage oder dem Stoffwechsel zwischen Kapital und Natur, blieb nicht sein ganzes Leben lang unverändert. In Natur gegen Kapital zeigt Saito gut auf, wie Marx seine Sicht des Problems der Produktivkräfte allmählich komplexer gestaltet und konkretere Bestimmungen einführt; unter anderem die Spezifizierung der „Produktivkräfte des Kapitals“, die Saito für wichtig hält, um zu betonen, dass die Entwicklung der Technologien niemals neutral ist, oder wichtige Kategorien wie Kooperation und reale Subsumtion, die in den Grundrissen von 1857-58 noch nicht auftauchen. Deutlich wird auch die Neubewertung der asiatischen Gesellschaften durch Marx, die er in seinen frühen Ausarbeitungen auf der Grundlage fehlerhafter Quellen – und vielleicht einiger Vorurteile, von denen er nach und nach abgebracht wurde – als zur Stagnation und mangelnden Entwicklung neigend betrachtet hatte. Diese Neubewertung der Dynamik nicht-kapitalistischer Formationen, gepaart mit einer tieferen Intuition für die „ungleichen und kombinierten“ Effekte, die die Subsumtion des Kapitalismus überall auf dem Planeten hervorrief, indem sie kapitalistische und vorkapitalistische Produktionsverhältnisse miteinander verschmolzen – so wie er im Vorwort zur ersten Auflage des Kapital argumentiert, in Deutschland „leiden [wir] nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten“ 27 – erlaubten Marx, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass einige nicht-kapitalistische soziale Beziehungen wie die russische Kommune („mir“) die Grundlage für einen Übergang zum Sozialismus bilden könnten, ohne den Kapitalismus zu durchlaufen. Diese von Marx gezogenen Schlussfolgerungen stellen eine Veränderung im Vergleich zu früheren Positionen dar. Doch wie unvollständig oder problematisch einige der Formulierungen oder Ansätze von Marx auch sein mögen, die in einigen Fällen noch zu seinen Lebzeiten kritisch überarbeitet und korrigiert wurden, so reichen sie doch nicht aus, um einen „ersten Marx“ zu konstruieren, der mit einer ganzen Reihe von negativen Aspekten belastet ist, die Saito ihm zuschreibt. Marx wurde ab den späten 1850er Jahren zu einem nachdrücklicheren Kritiker des Kolonialismus, als er begann, die ruchlose Rolle Englands in Irland oder Indien schärfer anzusprechen; aber diese Veränderung des Schwerpunkts macht seine früheren Positionen nicht eurozentrisch. All diese zum Teil bedeutenden Änderungen stellen jedoch nicht den radikalen Bruch in Marx‘ Denken dar, der in Marx in the Anthropocene behauptet wird.

Im Gegensatz zu Saito scheint uns eine systematische und konsequente Lektüre von Marx‘ Ausarbeitungen zu zeigen, dass der deutsche Revolutionär sowohl in seiner Jugend als auch in seinen späteren Jahren die von der kapitalistischen Produktionsweise geschaffenen Möglichkeiten erfasste und gleichzeitig in der Lage war, ihre düstereren Auswirkungen zu beobachten — oder in den meisten Fällen eher zu erahnen oder zu antizipieren. Marx‘ immanente Kritik der kapitalistischen Moderne betonte stets die Notwendigkeit, sich die Produktivkräfte des Kapitals wieder anzueignen – was auch bedeutet, sie zu kritisieren und zu rekonstruieren oder neu zu konfigurieren. Weder Prometheismus oder Produktivismus ohne Weiteres, noch völlige Ablehnung. Abgesehen von den Entwicklungen oder Lehren, die wir bei Marx finden können, ist es schwierig zu behaupten, dass er diese Spannung aufgegeben hat. Es ist noch zweifelhafter und auch unzeitgemäßer, zu glauben, dass Marx einen „Degrowth-Kommunismus“ angenommen haben könnte. Betrachten wir diese Frage etwas genauer.

Produktivkräfte, metabolische Brüche und Kommunismus

Bevor er sich mit der Vorstellung des Degrowth-Kommunismus befasst, die Saito in Marx entdeckt haben will, übt er eine Reihe von sachdienlichen Kritiken an dem, was er als ein Wiederaufleben des utopischen Denkens bezeichnet, das in verschiedenen postkapitalistischen Ansätzen von Autoren wie Aaron Bastani, Paul Mason, Nick Srnicek und Alex Williams zum Ausdruck kommt, die sich zwar voneinander unterscheiden, aber allesamt technologische Lösungen für die Widersprüche dieser Produktionsweise betonen.

Die prometheischen Ideen sind auch in der politischen Ökologie sehr einflussreich. In der Tat werden die Ideen der Ökomodernisten mit der Verschärfung der ökologischen Krise hegemonial. Jetzt scheint die Entwicklung und Anwendung gigantischer Technologien und Wissenschaften die einzige Lösung zu sein, die schnell genug und vom Umfang her ausreichend ist, um der ernsten Bedrohung des Klimakollapses zu begegnen.28 

Saito räumt mit mehreren Irrtümern auf, die den postkapitalistischen Ansätzen zugrunde liegen. „Der vollautomatisierte Postkapitalismus propagiert die alternative Hoffnung, dass alle Menschen weiterhin Elektro-SUVs fahren, ihre Smartphones alle zwei Jahre austauschen und Burger aus Zuchtrindfleisch essen werden“, sagt er.29  Saito weist auf ein interessantes Paradoxon hin, das dem ähnelt, was wir auch an anderer Stelle an diesen postkapitalistischen Ansätzen kritisiert haben. Er stellt fest:

hinter dem optimistischen Ton dieser technokratischen Vision verbirgt sich in Wirklichkeit ein pessimistischer ‚kapitalistischer Realismus‘, der davon ausgeht, dass es keinen starken Klassenkampf gibt, der die bestehenden sozialen Beziehungen in Frage stellt und die kapitalistische Lebensweise grundlegend überwindet. Den Menschen wird die Macht genommen, das System zu verändern, und deshalb muss die Technologie eine zentrale Rolle spielen, um das Vakuum zu füllen, das die menschliche Handlungsfähigkeit hinterlässt.30 

Daraus ergibt sich, wie wir in unserer Kritik geschildert haben, eine unergründliche Kluft zwischen dem Zukunftshorizont, den wir uns zu eigen machen sollen, und den Aufgaben der unmittelbaren Gegenwart. Man geht von einem radikalen Blick auf die Möglichkeiten aus, die in der bereits im Gange befindlichen Zerrüttung angelegt sind. Aber der Weg nach vorn liegt in einem verstärkten Engagement für „neoreformistische“ Strategien. Zwischen dem Postkapitalismus und der Gegenwart besteht der einzige klare Fahrplan darin, zu versuchen, die Politik des Wohlfahrtsstaates wiederzubeleben, mit einigen Innovationen wie der Förderung eines bedingungslosen Grundeinkommens und anderer ähnlicher Maßnahmen, aber ohne die Macht des Kapitals in Frage zu stellen. Eine „Erfindung“ der Zukunft, die am Ende eher nostalgisch ist. Saito kommt zu dem Schluss, dass diese produktivistische Vision des Postkapitalismus „am Ende die kapitalistischen Wertmaßstäbe unter dem Deckmantel eines grandiosen emanzipatorischen Projekts für unendliche Produktion und unendlichen Konsum bestätigt“. Sie lehnt „die revolutionäre Subjektivität der Arbeiter:innenklasse ab und akzeptiert die verdinglichte Handlungsfähigkeit der Maschinen als Subjekt der Geschichte“.31 

Welche kommunistische Strategie und Perspektive kann nun diesen auf einem Technikfetischismus basierenden Ansätzen entgegengesetzt werden? Saito behauptet, wie wir schon angemerkt haben, bei Marx einen „Degrowth-Kommunismus“ entdeckt zu haben. Ein wichtiges Bindeglied bei der Etablierung dieser Perspektive sei Marx‘ Studium der vorkapitalistischen Agrarkommunen in den letzten Jahren seines Lebens gewesen.

Die Kommune, deren Geschichte in ganz Europa — und auch in außereuropäischen Formen — Marx in seinen letzten Lebensjahren durch das Studium einer umfangreichen Bibliographie nachzeichnete, habe ihm gezeigt, wie gesellschaftliche Formationen, die auf einem ausgeglichenen, rationalen Stoffwechsel zwischen Natur und Gesellschaft beruhen, im Gegensatz zu dem „unheilbaren Riss“, zu der der Kapitalismus neigt, aufrechterhalten werden können. Was die Agrarkommune kennzeichnete und was Marx in seiner reifen Einschätzung viel positiver bewertete als in früheren Texten, war ihre Tendenz zur stationären Reproduktion. Das heißt, diese Gesellschaften zeichneten sich durch eine Reproduktion in einem immer mehr oder weniger gleichen Maßstab aus, im Gegensatz zum Kapitalismus mit seiner notwendigerweise expandierenden Reproduktion zur Aufrechterhaltung der Kapitalakkumulation. Die stationäre Reproduktion impliziert einen ausgeglichenen Stoffwechsel, da sie die Zyklen der Abfallabsorption — was auch bedeutet, dass es keinen Bruch zwischen dem Land und der Stadt gibt — und der Nährstoffrückgewinnung ermöglicht. Saito weist darauf hin, dass die Entwürfe der Antwort auf Sassulitsch kein isolierter Ausdruck waren, sondern Teil einer umfassenderen Neubewertung der Agrarkommune.

In den 1880er Jahren erkannte Marx, dass die dauerhafte Stabilität von Kommunen ohne wirtschaftliches Wachstum die Grundlage für eine nachhaltige und egalitäre metabolische Interaktion zwischen Mensch und Natur ist. Dies steht in deutlichem Gegensatz zu Marx‘ früheren negativen Äußerungen über die stationäre Wirtschaftsform und die Unveränderlichkeit der asiatischen Kommunen in den 1850er Jahren und sogar in Band I des Kapital.32 

Obwohl wir die Intuition von Marx über die Möglichkeiten, die sich, bedingt durch die fortschreitende kapitalistische Globalisierung, aus einer „ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung“ ergeben könnten, bereits kannten – obwohl er dieses Konzept, das Trotzki einige Jahrzehnte später entwickeln sollte, kaum erahnen konnte –, schreibt Saito es in Russland in einen breiteren und tieferen Rahmen von Überlegungen ein, und das ist neu und interessant. Dasselbe gilt für die Verbindung, die er zwischen der marxschen Forschung über vorkapitalistische Gesellschaften und derjenigen der Naturwissenschaften findet, wobei er Autoren wie Carl Fraas und den bereits erwähnten Liebig anspricht. Das Zusammentreffen beider Agenden bei Marx zeigt nach Ansicht von Saito die Bemühungen, die er unternahm, um über die „Nachhaltigkeit“ einer zukünftigen postkapitalistischen Gesellschaft nachzudenken.

Saito argumentiert, dass der Degrowth-Kommunismus eine Post-Knappheits-Gesellschaft ist, d.h. er ist durch einen Überfluss an Reichtum gekennzeichnet. Dieser Reichtum bedeutet jedoch nicht einfach mehr materielle Güter oder einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch. Saito stützt sich auf eine Diskussion von Marx in den Grundrissen, um einen anderen Begriff von Reichtum zu belegen. In diesem Entwurf von 1857 argumentierte Marx:

In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d. h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert?33 

Der Kapitalismus beruht auf der Entfremdung zwischen der Arbeitskraft und den Produktionsmitteln, wobei die Arbeitskraft nur dann Zugang zum Konsum der Früchte der Produktion erhält, wenn sie sich selbst als Ware gegen einen Lohn verkauft. Das zwingt uns einen eingeschränkten Begriff des Reichtums auf, der jede Möglichkeit dieser vollen Entfaltung der menschlichen Potenziale verneint. Saito stellt fest, dass „Marx diese Tendenz des Kapitals als Verarmung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Anhäufung einer ‚ungeheuren Warensammlung‘ problematisierte.“ 34 Marx bezog auch den Begriff des „natürlichen Reichtums“ ein, der ebenfalls durch die Entwicklung des Kapitalismus bedroht ist. 35 

Saito stellt fest, dass der Kapitalismus, der sich durch die wachsende Warenproduktion auszeichnet (die Form, in der der Reichtum, wie Marx zu Beginn des Kapitals betont, in dieser Produktionsweise „erscheint“) und der von seinen Apologet:innen als Lokomotive der Überflussproduktion dargestellt wird, gleichzeitig durch bestimmte Formen der Knappheitsproduktion gekennzeichnet ist. Die Knappheit im Kapitalismus unterscheidet sich von der in den Gesellschaften, die ihm vorausgingen, in dem Sinne, dass es sich „um eine gesellschaftliche Knappheit handelt“. 36 

Diese gesellschaftliche Knappheit ist auch deshalb ‚künstlich‘, weil die Fülle an gesellschaftlichem und natürlichem Reichtum ursprünglich in dem Sinne im Überfluss vorhanden war, dass er keinen Wert besaß und für die Mitglieder der Gemeinschaft zugänglich war. Knappheit muss durch die totale Zerstörung der Gemeinschaftsgütergeschaffenwerden, auch wenn dies für viele Menschen in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht eine katastrophale Situation darstellt. Lauderdale nannte Fälle, in denen essbare Produkte absichtlich weggeworfen und Ackerland absichtlich verschwendet wurde, damit das Marktangebot begrenzt werden konnte, um die Rohstoffpreise hoch zu halten. Hier manifestiert sich die grundlegende Spannung zwischen Reichtum und Ware, und das ist das ‚Paradox des Reichtums‘, das die historische Besonderheit des kapitalistischen Systems kennzeichnet.37 

Für Saito können Reichtum im Überfluss und Degrowth-Kommunismus miteinander vereinbar sein, weil es sich um eine Negation des Reichtums in dem eingeschränkten Sinne handelt, den der Kapitalismus ermöglicht. Es geht darum, einen Horizont zu eröffnen, der es ermöglicht, gesellschaftlichen und natürlichen Reichtum in einem breiteren Sinne zu erlangen, der durch die kapitalistische Kommodifizierung verweigert wird.

Sobald die künstliche Knappheit des Kapitalismus überwunden ist, hätten die Menschen, die dank des wachsenden gemeinschaftlichen Reichtums nun nicht mehr unter dem ständigen Druck stehen, Geld  zu verdienen, die attraktive Möglichkeit, weniger zu arbeiten, ohne sich um die Verschlechterung ihrer Lebensqualität sorgen zu müssen. […] Ohne Marktkonkurrenz und endlosen Druck zur Kapitalakkumulation könnten freie Arbeit und kooperative Produktion den Arbeitstag möglicherweise auf nur drei bis sechs Stunden reduzieren. Nur dann haben die Menschen genug Zeit für nicht konsumorientierte Aktivitäten wie Freizeit, Bewegung, Studium und Liebe. Mit anderen Worten, es ist möglich, den Umfang der Bedürfnisse nicht durch die Steigerung der Produktivkräfte zu verringern, sondern durch die Rehabilitierung des gemeinschaftlichen Luxus, der es den Menschen ermöglicht, stabiler zu leben, ohne dem Druck der Unterwerfung unter das Lohnarbeitssystem unterworfen zu sein. 38 

Saito hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass ein zentraler Punkt der Marxschen Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise in der Verarmung liegt, die sie der Arbeitskraft auferlegt, indem sie ein entfremdetes Verhältnis zu ihr als Ware herstellt und sie in den Dienst des Kapitals zwingt, um das ständige Rad der Akkumulation in Gang zu halten. Die Dynamik der Produktion um der Produktion willen, die auf die maximal mögliche oder gesellschaftlich erträgliche Ausdehnung der Arbeitszeit zum Zwecke der Verwertung abzielt, verweigert jede Möglichkeit der Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums in dem weiten Sinne, wie er in dem obigen Zitat aus den Grundrissen beschrieben wird. In gleicher Weise vernichtet diese Dynamik den Reichtum der Natur. Die Schaffung der Grundlagen für die Wiederherstellung eines umfassenderen Reichtumsbegriffs, der erst durch die „Expropriation der Expropriateure“ beginnen kann, um eine Reorganisation der gesellschaftlichen Produktion nach anderen Kriterien einzuleiten, ist ein Knotenpunkt des marxschen Ansatzes.

Richtig ist auch, dass Marx auf die Herstellung eines ausgewogenen Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur abzielte, wie im Kapital zu sehen ist:

Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den, ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.39 

Obwohl Marx die kommunistische Gesellschaft als solche nicht zu weit vorweggenommen hat – abgesehen von Skizzen, wie er sich die Anfänge des Übergangs zu ihr vorstellte –, können wir Saito zustimmen, dass er sie als eine Formation verstand, die durch eine eher stationäre Reproduktion gekennzeichnet ist. Das heißt, im Gegensatz zu der systematischen erweiterten Reproduktion, die den Kapitalismus kennzeichnet. Die Verringerung der Arbeitszeit, die für die gesellschaftliche Reproduktion aufgewendet wird, um die freie Zeit zu erobern, und nicht die Steigerung der Produktion, wäre seine Richtschnur.

Kann man also behaupten, dass all das oben Gesagte ausreicht, um die Existenz eines Begriffs des Degrowth-Kommunismus bei Marx zu bestätigen? Wie bei dem „erkenntnistheoretischen Bruch“, den Saito in den unveröffentlichten Texten ab 1868 zu finden behauptet, reichen auch hier die vorgelegten Beweise nicht aus, um den Fall zu stützen. Was Saito mit seinen Untersuchungen untermauert, ist, dass die kommunistische Vision von Marx weder produktivistisch noch ein „automatisierter Luxuskommunismus“ war, wie einige Postkapitalist:innen sie heute interpretieren. Etwas, das bereits von anderen Autor:innen aufgezeigt wurde, das es aber wert ist, bekräftigt zu werden.

Aber Marx als Degrowth-Kommunisten zu verstehen, bedeutet, seine Ideen im Lichte der Diskussionen des 21. Jahrhunderts und in Übereinstimmung mit den Ideen, die heute „in Mode“ sind, umschreiben zu wollen. Während heute einerseits die von Saito kritisierten Positionen des Technikfetischismus dominieren, hat sich andererseits die Vorstellung durchgesetzt, dass Degrowth der einzige Ausweg aus der Klimakrise sei. Wie der Name schon sagt, argumentiert Degrowth, dass die einzige Möglichkeit, die Emissionsreduktionsziele zu erfüllen und eine nachhaltige Perspektive zu erreichen, darin besteht, den Umfang der Produktion durch eine drastische Änderung der Produktions- und Konsummuster zu verringern. Problematisch ist, dass der Schwerpunkt auf einem technischen Aspekt oder einem wirtschaftlichen Ziel liegt und nicht auf den gesellschaftlichen Beziehungen, so dass es sich um einen abstrakten Ansatz handelt. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die Debatten über Degrowth zusammenzufassen, aber zum jetzigen Zeitpunkt scheint es uns, dass Degrowth – obwohl sein Ansatz unweigerlich dazu neigt, mit den Imperativen des Kapitalismus zu kollidieren und in diesem Sinne mit dieser Produktionsweise unvereinbar ist – dennoch ein Ansatz ist, der es vermeidet, Strategien für einen Ausweg aus diesem System in den Mittelpunkt zu stellen. Viele seiner Vertreter:innen sind nicht einmal antikapitalistisch, geschweige denn sozialistisch. Es gibt sogar Sektoren, die „Degrowth“-Argumente im neo-malthusianischen Sinne verwenden, indem sie behaupten, dass die ökologische Notlage die Arbeiter:innenklasse und die Massen zwingt, ihre eigenen Ansprüche herunterzuschrauben, als ob der übermäßige Konsum dieser Sektoren die Wurzel des Problems wäre, ohne die Privilegien der herrschenden Klasse zu beeinträchtigen.

Saito spricht nicht nur von Degrowth, sondern von Kommunismus und verbindet ihn mit einer von der Arbeiter:innenklasse geführten Liquidierung des kapitalistischen Regimes, was seine Position von der vieler zeitgenössischer Degrowthist:innen unterscheidet. Die Idee eines Kommunismus ohne Wachstum ist nicht neu; sie wurde bereits von Autor:innen wie Wolfgang Harich in den 1970er Jahren vorgebracht. Das Neue an Saito ist, dass er sich nicht darauf beschränkt, diese Position für sich zu beanspruchen, sondern „entdeckt“, dass Marx in seinen späteren Jahren ein Degrowth-Kommunist gewesen sei.

Dies ist nicht nur anachronistisch, sondern scheint uns auch ein verzerrtes Bild von den Problemen des Übergangs zum Kommunismus zu vermitteln, wie Marx sie sah. Saito kann nicht nachweisen, dass Marx‘ Hinweise, die er in seinen Texten hinterlassen hat, ihn zu einem grundlegenden Überdenken seiner Position geführt hätte. Es wäre erstaunlich, dass der „neue Marx“, den Saito in den unveröffentlichten Texten gefunden zu haben behauptet, nicht deutlicher bemerkt hätte, dass er eine solch tiefgreifende Neubetrachtung solch grundlegender Probleme vornahm, wenn dies tatsächlich geschehen wäre. Die Voraussetzung für die Verwirklichung des Kommunismus ist die Überwindung der Schwelle der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung, die der Kapitalismus hinterlässt. Das bedeutet, dass, selbst wenn die Arbeiter:innenklasse an der Macht in der Lage ist, einen Teil der dieses System kennzeichnenden, völlig verschwenderischen Produktionen sofort und schnell zu dezimieren, und wenn maximale Anstrengungen unternommen werden, um die vom Kapitalismus im Stoffwechsel mit der Natur geschaffenen Ungleichgewichte zu bremsen, um ein Gleichgewicht zu erreichen, werden sich im Übergang auf zahlreichen Gebieten Anstrengungen für Investitionen in notwendige und vernachlässigte gesellschaftliche Infrastrukturen aufdrängen. Wenn wir dies auf einer planetarischen Ebene betrachten – mit den Ungleichheiten und Deformationen, die durch das imperialistische System aufgezwungen werden –, können wir eine Vorstellung von den Herausforderungen dieses Übergangs bekommen.

Während Saito, wie gesagt, in vielen seiner Kritiken an den Fetischist:innen technologischer Lösungen Recht hat, ist er einseitig, wenn er die Rolle entschieden ablehnt, die die Weiterentwicklung der Produktivkräfte in einer kommunistischen Gesellschaft spielen kann, in der ein ausgeglichener Stoffwechsel mit der Natur ein zentrales Ziel ist. Saito neigt dazu, jede Produktivitätssteigerung mit einer Steigerung des Produktionsvolumens gleichzusetzen, und lehnt sie als solche ab, indem er betont, dass Überfluss auch durch eine Senkung der Produktivität erreicht werden kann. Saito lässt jedoch eine wichtige Möglichkeit außer Acht, nämlich die, dass in einer kommunistischen Gesellschaft auch dann neue und produktivere Technologien entwickelt werden können, wenn sie nicht – wie im Kapitalismus – immer mehr produzieren will, sondern mit dem Ziel, die Arbeitsleistung zu steigern, um Arbeit einzusparen. Das heißt, bestimmte technologische Entwicklungen können Verbündete einer Gesellschaft sein, die versucht, die notwendige Arbeit zu reduzieren, solange das Ziel, ein rationales oder ausgewogenes Verhältnis zum natürlichen Stoffwechsel aufrechtzuerhalten, immer im Auge behalten wird. In diesem Sinne geht auch das oben wiedergegebene Zitat von Engels über das Kennen und Anwenden der Naturgesetze, das Saito negativ erwähnt, weil es seiner Meinung nach eine Idee der „Herrschaft“ über die natürliche Welt enthält.

Die „technologischen Lösungen“ für die Umweltprobleme, die der Kapitalismus seiner Nachfolgegesellschaft als Erbe hinterlässt, können uns auf eine falsche Fährte bringen, wenn sie als Linderungsstrategie des  grünen Kapitalismus zur Fortsetzung des unbegrenzten Wachstums gemeint sind oder wenn sie in der Art und Weise der Postkapitalist:innen mit ihrem Technologiefetischismus angegangen werden. Sie können jedoch auch Teil des notwendigen Arsenals einer Gesellschaft im Übergang zum Kommunismus sein. Man kann sich nicht allein auf die Technik verlassen, um die Verwerfungen der kapitalistischen Entwicklung zu lösen; die Technik ist niemals neutral, sondern ihre Entwicklungen hängen von der Gesellschaft ab, in die sie eingebettet ist. Aber wir können auch nicht auf die Möglichkeit verzichten, unter der Vorherrschaft anderer gesellschaftlicher Verhältnisse, die auf der vollen Entfaltung des Menschen und der Suche nach einem Gleichgewicht mit dem natürlichen Stoffwechsel beruhen, technologische Verbesserungen einzuführen, die zur Erreichung dieser Ziele beitragen, oder die vom Kapitalismus hinterlassenen Belastungen rückgängig zu machen.

Aus all diesen Gründen lassen sich weder der Kommunismus noch der Übergang zu ihm, wie Marx ihn dachte und wie wir ihn heute denken sollten, auf das Problem oder das Ziel des „Degrowth“ reduzieren.

Abschließend sei gesagt, dass trotz Saitos Kritik an den postkapitalistischen Strömungen wegen ihres „kapitalistischen Realismus“ der von ihm vorgeschlagene politische Fahrplan in Wirklichkeit nicht viel anders ist. In Capital in the Anthropocene rechtfertigt Saito die Erfahrung des Kommunalismus der Regierung von Ada Colau Ballano, die seit 2015 das Bürgermeisteramt von Barcelona innehat, das sie durch die Bildung der Koalition Barcelona en Comú (BC) mit dem Zusammenschluss von Iniciativa per Catalunya Verds, Esquerra Unida i Alternativa, Equo, Procés Constituent, Podemos und der Plattform Guanyem erreichte. Für Saito ist die Klima-Notfallkommission beispielhaft, weil zahlreiche Organisationen an den Beratungen und der Entwicklung von Vorschlägen beteiligt sind. Mit anderen Worten: eines der oben erwähnten neoreformistischen Projekte. Saito erwähnt in diesem Buch die Notwendigkeit, „die Demokratie außerhalb der Parlamente zu erweitern, indem man den Geltungsbereich der Gemeingüter auf die Dimension der Produktion ausdehnt“; letzteres würde nicht durch „Expropriation der Expropriateure“ erreicht, sondern durch „Genossenschaften, gesellschaftliches Eigentum oder Verstaatsbürgerschaftlichung“ 40 , die alle als die Schaffung „gemeinschaftlicher“ Räume ohne einen Bruch mit dem kapitalistischen Regime und seinem Staat erscheinen, sondern als Prozesse, die innerhalb des Rahmens des kapitalistischen Regimes stattfinden. Obwohl erwähnt wird, wie wichtig es ist, das Terrain der Produktion zu erreichen, scheint dies nicht mit einer Hegemoniestrategie für die Arbeiter:innenklasse in einer Perspektive tiefgreifender Veränderungen verbunden zu sein, sondern der Schwerpunkt scheint auf Bürger:innenversammlungen und anderen ähnlichen Initiativen zur „Erneuerung“ der parlamentarischen Demokratie in Kombination mit dem Munizipalismus zu liegen, der durch Beispiele wie Barcelona en Comú verkörpert wird. Mit anderen Worten, der gleiche „kapitalistische Realismus“, den er kritisiert hat, scheint Saitos Perspektive zu durchdringen.

Über die von uns angesprochene Polemik hinaus enthält Saito neue Elemente zu Marx‘ Sicht des Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur im Kapitalismus und auch zur Neuformulierung des Begriffs des gesellschaftlichen und natürlichen Reichtums in seiner kommunistischen Perspektive. Auch wenn er bei seiner Suche nach einem „neuen Marx“ einige fragwürdige Lesarten anstellt und einige Erkenntnisse übertreibt, ist es ein anregendes Werk, das zu brennenden Fragen für die Diskussion über eine ökosozialistische Perspektive heute beiträgt.

 

1. Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx‘ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus, Campus Verlag, Frankfurt am Main und New York 2016: S. 15.
2. ebd. S. 67.
3. ebd. S. 101.
4. ebd. S. 86.
5. Unter anderem: John Bellamy Foster: Marx’s ecology: materialism and nature, New York, Monthly Review Press, 2000.
6. Karl Marx: Das Kapital, Band III, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke MEW, Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 33-923, hier S. 821.
7. Kohei Saito, Marx in the Anthropocene. Towards the Idea of Degrowth Communism, Cambridge, Cambridge University Press, 2022, S. 119. Alle Zitate aus diesem Buch werden mit eigener Übersetzung wiedergegeben.
8. Ebd. S. 123.
9. Ebd.
10. Andreas Malm: Der Fortschritt dieses Sturms. Natur und Gesellschaft in einer sich erwärmenden Welt. Matthes & Seitz, Berlin 2021: S. 77.
11. Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, in: Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 364, nach Saito (2022): S. 35.
12. Saito: Marx, S. 47.
13. Ebd. S. 48.
14. Ebd. S. 82.
15. Ebd. S. 49.
16. Ebd. S. 55.
17. Ebd. S. 56.
18. Ebd. S. 57.
19. Liebig nach Saito (2022): S. 56-57.
20. Ebd. 57.
21. Karl Marx: Das Kapital, Ökonomisches Manuskript 1863-65 in: Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), II/4.2., S. 753, online abgerufen unter: http://telota.bbaw.de/mega/, nach Saito (2022): S. 53.
22. Ebd. 56.
23. Siehe dafür insbesondere Kapitel 6 von Marx in The Anthropocene.
24. 1881 schrieb Marx einen Entwurf für eine Antwort an Wera Sassulitsch, damals Mitglied der Gruppe Narodnaia Volia (Der Wille des Volkes), die ihn nach seiner Meinung zur Rolle der Bauernkommune in einer russischen Revolution fragte. In den Entwürfen, die Marx letztlich nicht abschickte, vertrat er die Ansicht, dass die russische Kommune im Zusammenspiel mit der sozialistischen Arbeiter:innenrevolution in Europa eine Möglichkeit für das Zarenreich darstellen könnte, um direkt zum Sozialismus zu gelangen, ohne den Weg durch die primitive kapitalistische Akkumulation durchlaufen zu müssen, wie die Staaten Westeuropas.
25. Saito: Natur, S. 307. Eigene Übersetzung.
26. Saito: Marx, S. 138.
27. Karl Marx: Vorwort zur ersten Auflage, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke MEW, Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 11-17, hier S. 15.
28. Saito: Marx, S. 137.
29. Ebd. S. 160.
30. Ebd.
31. Ebd.
32. Ebd. 208.
33. Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke MEW, Band 42. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 19-875, hier S. 396-96.
34. Saito: Marx, S.222.
35. Ebd.
36. Ebd. 226.
37. Ebd. Hervorhebung im Original.
38. Ebd. 234-35.
39. Karl Marx: Das Kapital, Band III, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke MEW, Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 33-923, hier S. 828.
40. Kohei Saito, El capital en el antropoceno, Barcelona, Penguin Random House Grupo Editorial, 2022, p. 302. Eigene Übersetzung.

Mehr zum Thema