Frauen und LGBTI*

Die Errungenschaften der Frauen nach der Russischen Revolution – und unsere Situation heute

Bei einer Veranstaltung in Berlin am 18.3. wurde über die aktuelle Frauenbewegung, die Frauen in der Russischen Revolution und Lehren für heute diskutiert. Im zweiten Teil des Vortrags geht es um die Errungenschaften der Revolution für die Frauen, ökonomische Widersprüche, die Rolle des Stalinismus – und die Situation der Frauen heute.

Die Errungenschaften der Frauen nach der Russischen Revolution – und unsere Situation heute

Im ersten Teil des Vor­trags wurde beschrieben, wie die Vision der Bolschewi­ki aus­sah. Sie woll­ten Beziehun­gen ohne Zwänge schaf­fen und die voll­ständi­ge Befreiung der Frauen erre­ichen. Dafür musste die Fam­i­lie beseit­igt wer­den. Auf dem Weg dahin war ihrem Ver­ständ­nis nach eine bewusste kul­turelle Entwick­lung nötig, aber auch eine Verän­derung der materiellen Grund­la­gen.

Hausarbeit vergesellschaften!

Die materielle Grund­lage für die Befreiung sollte vor allem durch die Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit gelegt wer­den. Denn wie Trotz­ki es sagte: „Man kann die Fam­i­lie nicht ‚abschaf­fen‘, man muss sie erset­zen.“ Es musste für die sozialen Funk­tio­nen, die die Fam­i­lie noch hat­te, Alter­na­tiv­en geschaf­fen wer­den. Das waren vor allem Alter­na­tiv­en dafür, wie Hausar­beit organ­isiert wurde.

Hausar­beit sollte also verge­sellschaftet wer­den, damit keine Abhängigkeit­en von der Fam­i­lie mehr existierten. Außer­dem soll­ten so die Frauen von dieser dop­pel­ten Arbeits­be­las­tung – neben der Arbeit in der Pro­duk­tion! — befre­it wer­den. Es soll­ten für alle öffentliche Wäschereien, Kan­ti­nen und Kindertagesstät­ten errichtet wer­den. Die Men­schen, die dort arbeit­eten, soll­ten gute Arbeits­be­din­gun­gen haben und die Ein­rich­tun­gen soll­ten unter demokratis­ch­er Kon­trolle der Arbeiter*innen und Nutzer*innen ste­hen.

Und tat­säch­lich wur­den nach der Okto­ber­rev­o­lu­tion in den Städten viele solch­er Ange­bote aufge­baut.

Hausarbeit: Auch heute noch ein Kampffeld

Wie visionär das war, zeigt ein Blick nach heute: In Deutsch­land ist für einige wenige bürg­er­liche Fam­i­lien auch die Verge­sellschaf­tung erre­icht – aber sie funk­tion­iert über den kap­i­tal­is­tis­chen Markt, indem reiche Men­schen für Restau­rants und teure pri­vate Kinder­be­treu­ung bezahlen kön­nen. Die Men­schen, die dort arbeit­en, tun dies unter schlecht­en Bedin­gun­gen. Die meis­ten von ihnen sind Frauen, viele von ihnen auch Migran­tinnen.

In der großen Mehrheit der Fam­i­lien machen heute aber trotz­dem noch Frauen einen Großteil der Hausar­beit: 2013 arbeit­eten Frauen im Schnitt jede Woche 10 Stun­den mehr im Haushalt als Män­ner. Der Frauen­streik am 8. März richtete sich auch gegen diese Ungerechtigkeit. Oft beschränken sich die Forderun­gen lei­der aber nur auf die gerechtere Verteilung im Haushalt.

Dabei wis­sen wir: Im Kap­i­tal­is­mus prof­i­tieren die Bosse von der unbezahlten Hausar­beit, es ist nicht nur eine Frage des guten Wil­lens, diese Ungerechtigkeit zu ändern. Nein, es gibt Struk­turen, die der Staat schafft, um die Arbeit­steilung zwis­chen Män­nern und Frauen so zu erhal­ten.

Die Vision der Bolschewi­ki war viel radikaler. Sie schloss alle Men­schen mit ein, denn von ein­er gerechteren Aufteilung prof­i­tieren Allein­erziehende beispiel­sweise kaum. Sie war eben vor allem auf die Befreiung von allen Zwän­gen aus­gerichtet, auch dem materiellen Zwang, einen roman­tis­chen Part­ner haben zu müssen, um die Auf­gaben des All­t­ags leis­ten zu kön­nen. Das war alles nur möglich auf der Grund­lage der Aufhe­bung der Herrschaft der Chefs.

Ein neues Familienrecht und Rechte für LGBTI*

Par­al­lel wurde auch die Zivil­rechtliche Ehe und die ganz ein­fache Schei­dung einge­führt. Um sich schei­den zu lassen, musste man nur auf ein Papi­er schreiben, dass man es so wollte! Mit der zivil­rechtlichen Ehe sollte vor allem der Macht der Kirche etwas ent­ge­genge­set­zt wer­den. Män­ner hat­ten nun auch keine Vor­mund­schaft mehr über Frauen und Kinder. Une­he­liche und ehe­liche Kinder wur­den gle­ichgestellt. Das heißt, Allein­erziehende hat­ten für bei­de einen Anspruch auf Unter­halt.
Die Geset­ze zu Ehe und Unter­halt waren dabei nur für den Über­gang gedacht, bis die Ver­sorgung aller durch den Staat möglich war. Dann soll­ten die Men­schen wirk­lich frei miteinan­der zusam­men­leben kön­nen.

In der BRD mussten diese Dinge in den 1970er Jahren hart erkämpft wer­den. Die Schei­dung ist immer noch nicht so leicht – und so bil­lig – wie in der frühen Sow­je­tu­nion. Verge­wal­ti­gung in der Ehe war noch bis 1997 legal.

Auch für LGBTI* Men­schen gab es erhe­bliche Verbesserun­gen. Homo­sex­u­al­ität wurde legal­isiert. Es gab erste Oper­a­tio­nen für trans Men­schen und eine Akzep­tanz von Seit­en des Staates.

Um nicht zu sterben – das Recht auf freie, kostenlose und sichere Abtreibung

1920 wurde die freie und kosten­lose Abtrei­bung für rus­sis­che Frauen einge­führt, nach­dem sich Bolschewi­ki wie Alexan­dra Kol­lon­tai dafür einge­set­zt hat­ten.

Das Recht auf kosten­lose und freie Abtrei­bung ist auf der Welt heute noch umkämpft. In Polen wehren sich zur Zeit Frauen gegen Angriffe auf das eh schon restrik­tive Abtrei­bungsrecht. In Deutsch­land mobil­isiert die AfD mit anderen Recht­en gegen Abtrei­bung. Dabei existiert hier immer noch kein Recht darauf, es wird nur in bes­timmten Fällen nicht strafrechtlich ver­fol­gt.

In Län­dern wie Argen­tinien oder Chile sind Abtrei­bun­gen auch heute noch vol­lkom­men ille­gal­isiert. Dort zeigt sich auch, dass das Recht auf Abtrei­bung eine Klassen­frage bleibt: Tausende arme Frauen ster­ben weltweit an unsicheren, ille­gal­isierten Abtrei­bun­gen, wohlhabende Frauen kön­nen gegen viel Geld immer irgend­wo Abbrüche bekom­men, zum Beispiel dafür ins Aus­land gehen.

Heute und damals: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!

Beson­ders wur­den nach der Rev­o­lu­tion Verbesserun­gen für Arbei­t­erin­nen einge­führt. So gab es zum Beispiel bezahlte Auszeit­en bei ein­er Geburt. Vor allem wurde aber das Prinzip „Gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit“ einge­führt!

Die Bosse prof­i­tieren von der Spal­tung und den Gewin­nen, die es ihnen bringt, Frauen für ihre Arbeit weniger zu bezahlen. Sie vertei­di­gen das Recht zu diskri­m­inieren deshalb bis aufs Blut. Mit ihrem Sturz war erst­mals die Grund­lage gelegt, gegen die niedri­gen Löhne der Frauen zu kämpfen!

Heute, im ach so fortschrit­tlichen Kap­i­tal­is­mus ver­di­enen Frauen immer noch 21 Prozent weniger! Es gab in den let­zten Jahrzehn­ten dabei kaum Verbesserun­gen. Das heißt, dass Frauen fast drei Monate im Jahr kosten­los für die Bosse arbeit­en!

Die Ökonomischen Widersprüche…

Hört sich alles super an, oder? Ja! Aber es gab ein paar Prob­leme

Die Wirtschaft in der Sow­je­tu­nion lag nach dem Krieg am Boden. Die Indus­trie war einge­brochen von der Kriegsanstren­gung. Auf die Rev­o­lu­tion fol­gte der Bürg­erkrieg. Die junge Sow­je­tu­nion musste sich gegen Angriffe der bürg­er­lichen Kon­ter­rev­o­lu­tionäre wehren. Das ver­langte große Anstren­gun­gen.

Es kam zu Man­gel und Hunger­snöten. Zwar war die Ver­sorgung verge­sellschaftet wor­den, aber die Notwendigkeit­en stiegen schneller als das Ange­bot. Und auch eine öffentliche Kan­tine hil­ft nicht, wenn es dort nichts zu essen gibt. Es gab massen­haft Straßenkinder und ger­ade Frauen lit­ten darunter, von ihren Ehemän­nern ver­lassen zu sein und sich und ihre Kindern irgend­wie durch­brin­gen zu müssen. Die Ide­ale der Rev­o­lu­tion stießen an die harten Tat­sachen der ökonomis­chen Rück­ständigkeit.

Dazu kam, dass die Bolschewi­ki nicht homogen waren. Wenn es auch ein gemein­sames Ziel der Frauen­e­manzi­pa­tion gab, so waren sich nicht alle einig, wie dahin zu gelan­gen ist und welche Pri­or­ität sie hat­te.

Die Hoff­nung der Revolutionär*innen war auf die Rev­o­lu­tio­nen in anderen Län­dern gerichtet, vor allem auf eine Rev­o­lu­tion in Deutsch­land. Denn wenn die Arbeiter*innen die Macht in dem reichen Land erobert hät­ten, hät­ten sie die Sow­je­tu­nion unter­stützen kön­nen.

…und der Stalinismus

Durch das Scheit­ern der Rev­o­lu­tion in anderen Län­dern war erst ein­mal keine Aus­sicht auf Hil­fe von außen. In dieser Sit­u­a­tion etablierte sich der Stal­in­is­mus; Es fes­tigte sich eine Bürokratie, die ihre Priv­i­legien gegen die Mehrheit vertei­digte. Die Grund­lage dafür war der Man­gel. Die bürokratis­che Kaste unter­drück­te die innere Demokratie und behauptete, es sei möglich den Sozial­is­mus in einem Land aufzubauen.

Im Stal­in­is­mus wur­den viele der Rechte wieder zurückgenom­men: Die Gle­ich­stel­lung der ver­heirateten mit den unver­heirateten Frauen in Bezug auf Unter­halt wurde abgeschafft. Homo­sex­u­al­ität und Abtrei­bung wur­den wieder ver­boten. Das Frauensekre­tari­at der Partei wurde aufgelöst. Schei­dung wurde wieder erhe­blich erschw­ert. Den Frauen, für die ein Kind oft eine echte Belas­tung war, wurde wieder ein Lied auf die „Mut­ter­freuden“ gesun­gen.

Gle­ichzeit­ig wurde dies nicht mit der ökonomis­chen Notwendigkeit begrün­det, also damit, dass der Staat noch nicht reich genug war, bes­timmte Auf­gaben zu übernehmen. Die Begrün­dung war eine ide­ol­o­gis­che. Die Fam­i­lie wurde zur „kle­in­sten Zelle der sozial­is­tis­chen Gesellschaft“ erk­lärt. Ein Grund war sicher­lich auch, dass die Fam­i­lie dabei hil­ft, sta­bile soziale Hier­ar­chien zu etablieren und zu kon­servieren.

Die Frauen der Bürokratie indessen hat­ten sel­ber Hau­sangestellte und musste sich so nicht zurück an den heimis­chen Herd begeben.

Diese Rückschritte gin­gen weit über die ökonomis­chen Notwendigkeit­en hin­aus. Sie waren nur möglich durch die gewalt­same Zer­schla­gung des Wider­standes gegen die Bürokratisierung. Eine ganze Gen­er­a­tion von Rev­o­lu­tionärin­nen und Rev­o­lu­tionären musste dafür umge­bracht oder jahre­lang einges­per­rt wer­den. Darunter auch Frauen, wie Euge­nia Bosch, Nade­j­da Joffe oder Tatiana Miagko­va.

Im drit­ten und let­zten Teil soll es um die Lehren dieser Erfahrun­gen für die Frauen­be­we­gung heute gehen.

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