Frauen und LGBTI*

1917 und 2017: Frauen im Kampf

Bei einer Veranstaltung in Berlin am 18.3. wurde über die aktuelle Frauenbewegung, die Frauen in der Russischen Revolution und Lehren für heute diskutiert. Den Vortrag veröffentlichen wir hier in drei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Vision der Bolschewiki, die Eroberung der Macht und den internationalen Frauenkampftag dieses Jahr.

1917 und 2017: Frauen im Kampf

Vor zehn Tagen wurden wir Zeug*innen des größten internationalen Frauenkampftags seit langer Zeit. Eine kleine Bilanz: Millionen von Frauen und mit ihnen solidarische Menschen gingen in über 50 Ländern auf die Straße. In Berlin waren 10.000 Menschen auf der Straße. Neu und besonders fortschrittlich war dabei, dass auch gestreikt wurde! In Uruguay hatten die Gewerkschaftszentralen zu einem Generalstreik aufgerufen, ebenso große Gewerkschaften in Frankreich. In anderen Ländern streikten vor allem bestimmte Sektoren und Betriebe. Beschlossen wurde dies oft an der Basis, womit auch Druck auf die Gewerkschaftsapparate aufgebaut wurde. So zum Beispiel in Argentinien und den USA, dort streikten vor allem Lehrer*innen. Auch in Mexiko, Chile, Polen, Italien, dem Spanischen Staat, Irland und Brasilien gab es große Proteste. In der Türkei war auch der Widerstand gegen Erdogan auf der Straße sichtbar.

Frauenbefreiung – noch lange nicht erreicht

Die Frauen und ihre Unterstützenden hatten viele Forderungen: Sie demonstrierten unter anderem für das Recht auf Abtreibung, für ein Ende von Gewalt gegen Frauen, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, für das Ende von rassistischen Gesetzen und der Unterdrückung migrantischer und nicht-weißer Frauen. Auch der Widerstand gegen Rechts war ein großes Thema – vor allem gegen Donald Trump und seine rassistische, sexistische und arbeiter*innenfeindliche Politik.

Eines wurde sichtbar: Anders als oft behauptet, sind wir noch weit entfernt von echter Gleichberechtigung! Gerade seit der Finanzkrise, den mit ihr einhergehenden Kürzungsprogrammen und dem Aufstieg der Rechten weltweit wird das immer klarer. Angesichts dessen etabliert sich eine Frauenbewegung. Sie ist derzeit international die dynamischste soziale Bewegung. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn es doch so viel zu verteidigen und zu erkämpfen gibt.

Frauen waren schon immer Subjekte ihres Kampfes

Dass Frauen in Massen kämpfen ist nichts neues. Denn wir haben schon immer gekämpft! Oft soll das unsichtbar gemacht werden und aus unserer Erinnerung gelöscht werden. Damit soll uns die Vorstellung genommen werden, dass auch wir kämpfen können. Beispiele sind unter anderem die Kämpfe der Frauen in den 1970er Jahren für das Recht auf Abtreibung oder der Widerstand sozialistischer Frauen gegen den imperialistischen Krieg während des ersten Weltkriegs, angeführt von Revolutionärinnen wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin.

Erwähnenswert ist auch der „Brot und Rosen“-Streik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bei dem Textilarbeiterinnen in den USA einen monatelangen Arbeitskampf führten und harter Repression trotzten. Oder auch der Aktivismus und der Kampf der Frauen der Pariser Kommune, die wie selbstverständlich die erste Arbeiter*innenregierung der Geschichte auf den Barrikaden verteidigten.

Es gibt also vieles, was uns inspirieren kann. Heute wollen wir vor allem einen Blick in das Jahr 1917 werfen. Welche Rolle spielten dort Frauen und was konnten sie gewinnen?

Frauen bringen die Revolution ins Rollen

Russland, 1917. Es herrschte seit bald drei Jahren der erste Weltkrieg. Dieser hatte krasse Konsequenzen: Die Menschen in den Städten litten unter schrecklichem Hunger und Kälte. Die Frauen hatten Angst um ihre Ehemänner, Brüder, Söhne, Freunde oder Väter, die an der Front kämpfen mussten. Die Arbeiter*innenklasse war gleichzeitig viel weiblicher geworden, denn die Männer kämpften ja an der Front. In St. Petersburg machten Frauen fast die Hälfte der Industriearbeiter*innen aus.

Am internationalen Frauenkampftag 1917 – am 8. März nach unserem Kalender, dem 23. Februar nach dem Russischen – gingen Textilarbeiterinnen in St. Petersburg auf die Straße und streikten. Sie forderten eine Ende des Krieges und Brot. Bald kam auch die Forderung nach dem Ende des Zarenregimes dazu. Sie mobilisierten die Arbeiter aus den angrenzenden Fabriken. Am Abend waren 90.000 im Streik.

Damit lösten sie Mobilisierungen aus, die zwei Tage später im Generalstreik münden sollten. Kurz darauf wird der Zar gestürzt. Es wird eine provisorische Regierung gebildet, gleichzeitig organisieren sich die Arbeiter*innen und die Soldaten in Räten – auf russisch Sowjets genannt. Die Übergangsregierung will den Krieg nicht beenden und schützt das Privateigentum. Im Oktober wird sie deshalb von den Räten unter der Führung der Partei der Bolschewiki gestürzt, die Kapitalisten werden enteignet.

Nach der Machtübernahme durch die Arbeiter*innen als organisierte Klasse stand für die Frauen eine Menge von großen Errungenschaften. Sie wurden nur einen Monat später vollkommen rechtlich mit den Männern gleichgestellt! Dazu kamen noch weitere wichtige Schritte, um die es später gehen wird.

Frauenemanzipation: Die Vision der Bolschewiki

Eine der Teilnehmerinnen an den großen Mobilisierungen erinnert sich etwas später daran, was ihr in dem Moment durch den Kopf ging. Sie heißt Aleksandra Rodionova, ist 22 Jahre alt und Straßenbahnfahrerin:

Ich erinnere mich, wie wir durch die Stadt marschierten. Die Straßen waren voller Leute. Die Straßenbahnen fuhren nicht mehr, Waggons lagen umgekehrt auf den Schienen. Ich wusste damals nicht, ich verstand nicht was passierte. Aber ich schrie mit allen anderen: „Nieder mit dem Zaren“. Ich spürte, wie mein ganzes Familienleben zerbröckelte und ich freute mich über seine Zerstörung.

Sie beschreibt damit etwas, was viel mit der Vision der Bolschewiki zu tun hat. Denn sie wollten die menschliche Beziehungen von allen Zwängen befreien. Menschen sollten miteinander leben und sich lieben können, ohne durch ökonomische oder soziale Abhängigkeiten aneinander gebunden zu sein. Dafür musste in ihrer Vision die Familie absterben und an deren Stelle neue, freiere Formen des Zusammenlebens treten.

Die Emanzipation der Frauen war für die Revolutionäre und Revolutionärinnen eine zentrale Aufgabe der Revolution. Sie war aber für sie nicht schon mit der Revolution auf einen Schlag erreicht. Denn den Bolschewiki war klar, dass gleiche Rechte noch nicht gleiche Stellung im Leben bedeuteten. Gleichheit vor dem Gesetz ist zwar wichtig, löst aber nicht das Problem, dass Frauen oft noch ökonomisch abhängig waren und sich um Haushalt und Kinder kümmern mussten.

Um das zu ändern bedurfte es einer bewussten Anstrengung, zum Beispiel durch eine andere Erziehung und Diskussionen mit allen, die noch frauenfeindliche Einstellungen hatten. Aber vor allem die materielle Grundlage für die Befreiung musste geschaffen werden.

Wie das geschehen sollte, beschreiben wir im zweiten Teil des Vortrags. Außerdem geht es dort um die Widersprüche nach der Revolution, die Rolle des Stalinismus und die Situation heute.

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