Deutschland

Das Märchen von 500 verletzten Cops

"476 verletzte Polizist*innen!", heißt es. "Gute Genesung" wünscht man den Cops. Die Bild-Zeitung sammelt sogar Spenden. Das einzige Problem? Die Zahl ist frei erfunden.

Das Märchen von 500 verletzten Cops

Woran denke ich, wenn ich das Wort “ver­let­zt” höre? Eine Ban­dage um den Kopf, ein Gips am Bein – sowas halt. Aber die Polizei hat eine völ­lig andere Def­i­n­i­tion. Ein Cop gilt als ver­let­zt, sobald er*sie das eigene Trä­nen­gas atmet und hus­ten muss. Ich musste auch in Ham­burg hus­ten – bin ich nun auch ein “Ver­let­zter”?

Gegenüber der taz sagte die Berlin­er Polizei: 133 Berlin­er Polizist*innen seien in Ham­burg “ver­let­zt” wor­den – aber davon kon­nten 126 ohne Unter­brechung ihren Dienst fort­set­zen. Das heißt: Ger­ade mal sieben Bullen (weniger als fünf Prozent!) hat­ten im herkömm­lichen Sinne des Wortes irgen­deine Ver­let­zung.

Wenn wir diese Zahlen hochrech­nen, heißt das, dass ins­ge­samt weniger als 25 Polizist*innen in Ham­burg irgend­wie ver­let­zt wur­den. Es ist auch stark zu ver­muten, dass kein einziger Cop sta­tionär im Kranken­haus behan­delt wer­den musste.

Wie kamen diese Ver­let­zun­gen zu Stande? Wir sollen an hero­is­che Krieger*innen denken, die mit­ten in der Schlacht mit Terrorist*innen von einem Stein oder einem Molo­tow-Cock­tail getrof­fen wur­den.

Aber nein. 130 Polizist*innen haben ihr eigenes Trä­nen­gas eingeat­met. Teil­weise baut­en sie Verkehrsun­fälle. Manche beka­men nach Stun­den in der Sonne – unter schw­er­er Panzerung und schwarzen Masken – einen Son­nen­stich.

Buz­zFeed hat als einziges Medi­um in Deutsch­land diese Zahlen ern­sthaft unter­sucht. Da stellt sich her­aus: Mehr als die Hälfte der “Ver­let­zun­gen” passierte schon vor den Protesten! Nur 231 Ein­satzkräfte wurde in der “heißen Phase” ver­let­zt. Und jede*r Polizist*in, der*die sich eine Woche vor dem Gipfel erkäl­tete, wurde in diese absurde Sta­tis­tik aufgenom­men.

Es kommt noch schlim­mer. Laut der taz kam es bei der antikap­i­tal­is­tis­chen Demon­stra­tion am Don­ner­stag zu ein­er “Häu­fung der Ver­let­zun­gen” unter den Cops. Jede*r Men­sch mit einem Inter­net­zu­gang kann sehen, wie ein Heer von Polizist*innen bru­tal auf die 10.000 Teilnehmer*innen dieser Demo ein­prügelt, bevor sie über­haupt einen Schritt laufen durfte.

Das heißt in Klar­text: Selb­st die weni­gen Polizist*innen, die sich tat­säch­lich ver­let­zt haben, haben sich bei ihren gewalt­samen Über­grif­f­en auf friedliche Demonstrant*innen selb­st ver­let­zt. Denkbar wäre etwa, das ein*e Schläger*in in Uni­form einen Fin­ger­bruch erlit­ten hat, während er*sie wie ein*e Berserker*in mit dem Schlag­stock wedelte. Und für solche “ver­let­zten Polizist*innen” soll­ten wir noch Mitleid haben?!?

Dieses Märchen wird von den Parteien von AfD bis zur SPD trotz­dem fleißig ver­bre­it­et. Und lei­der fall­en auch manche Linke darauf ein. Die sozialchau­vin­is­tis­che Spitzenkan­di­datin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, war bere­its voller Lob für die gefährlichen Hooli­gans des Staates.

Aber auch die Linkspartei in Ham­burg, die eher zum linken Flügel der Partei zählt, schrieb in ein­er beschä­menden Pressemit­teilung:

Die Polizei hat­te einen schw­eren und gefährlichen Ein­satz. Wir wün­schen allen Ver­let­zten eine schnelle und voll­ständi­ge Gene­sung.

Kein Wort über die Demonstrant*innen, die teil­weise wirk­lich schw­er ver­let­zt wur­den. Man möchte fast glauben, dass diese reformistis­chen Politiker*innen naiv sind. Aber nein, sie wis­sen genau, welche Lügen sie hier mit ver­bre­it­en. Ihnen geht es darum, gegenüber der herrschen­den Klasse zu sig­nal­isieren, dass sie jede Scheiße mit­tra­gen, wenn sie bloß an der Regierung teil­nehmen dür­fen.

Wir als rev­o­lu­tionäre Marxist*innen glauben nicht, dass es ansatzweise so viele ver­let­zte Cops gab, wie die Boule­vard­presse behauptet. Und falls irgendwelche wirk­lich ver­let­zt sind: Dann kön­nen sie kündi­gen und anständi­ge Arbeit suchen. Dann wür­den sie sog­ar unsere Sol­i­dar­ität bekom­men.

Doch Schläger*innen, die für ihren Leben­sun­ter­halt Arbeiter*innen, Jugendliche und Geflüchtete ver­prügeln, ver­di­enen kein biss­chen Sym­pa­thie. Wir glauben, im Sinne W.I. Lenins, dass die Polizei nur das Eigen­tum und die Macht der herrschen­den Klasse schützt. Die einzige linke Hal­tung dazu ist: Wir wollen die Herrschen­den enteignen und ihre Polizei zer­schla­gen.

One thought on “Das Märchen von 500 verletzten Cops

  1. Karlheinz Boden sagt:

    Die Zer­schla­gung der Her­schen­den wird ohne Krieg nie gelin­gen und jet­zt auf­strebende Staat­en ren­nen dem kap­i­tal hinterher,leider!

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