Deutschland

Willkommen im ersten Kreis der Hölle des G20-Gipfels!

Die Demonstration unter dem Motto “Welcome to Hell” wird brutal beim Start von der Polizei angegriffen. Bis in die Elbe hinein werden die Aktivist*innen gejagt; es gab mehrere Verletzte. Ein Erfahrungsbericht direkt von dem Geschehen.

Willkommen im ersten Kreis der Hölle des G20-Gipfels!

Wir standen uns unver­söhn­lich gegenüber. Schon bevor die Demo begin­nen sollte, standen sich die Demon­stri­eren­den und Polizist*innen unver­söhn­lich gegenüber, eine Atmo­sphäre des Klassen­has­s­es lag in der Luft. Zur Demo am Fis­chmarkt waren über 20.000 gekom­men. Der Platz war voll und vorne und hin­ten mit brachialer Polizeipräsenz „begleit­et”. Etwa eine Stunde standen die Blöcke schon, par­al­lel zur Elbe, mit wenig Auswe­ich­möglichkeit­en.

Wir waren oben auf der Balustrade am Rande der Straßen­schlucht, par­al­lel zum vorderen Teil des Demon­stra­tionszuges. Dann begann das Unfass­bare: Die Polizei griff frontal den ersten Block an, set­zte Schlagstöcke, Pfef­fer­spray und Trä­nen­gas ein. Ihr einziges Ziel war es, die bis dato friedlichen Demon­stri­eren­den zu vertreiben, zu ver­let­zten, zu verängsti­gen. Eine Panik brach in der eng gedrängten Menge aus und es fol­gten drama­tis­che Szenen: Aktivist*innen mussten über die Mauer klet­tern, um Schutz zu find­en vor den end­losen Angrif­f­en der Polizei, die weit­er auf die zusam­menge­quetschte Menge ein­schlug und vor sich her trieb. Die schmale Ufer­bal­lustrade war über­säumt von Men­schen, die in Panik ger­at­en waren. Die Angriffe fol­gten per­ma­nent, es gab keine Pausen. Zusam­menge­quetscht fan­den einige fast keine Luft mehr, Atem­not trat ein. Doch nicht genug, mit­ten in die dicht gedrängten Men­gen feuerten die Bullen eine Trä­nen­gas­granate nach der anderen…

In voller Verzwei­flung began­nen die ersten, von der höher gele­ge­nen Balustrade Rich­tung Elbe zu sprin­gen, weil sie keinen anderen Ausweg sahen. Die Polizei nahm damit Schw­erver­let­zte, Knochen­brüche oder gar Tote in Kauf. Die Lage war vol­lkom­men unüber­sichtlich gewor­den; die Bullen prügel­ten unaufhör­lich weit­er, es blieb dann keine andere Möglichkeit, als selb­st zu sprin­gen und auf der Elbprom­e­nade zu lan­den. Viele der Men­schen dort hat­ten diese Erfahrung wohl noch nie gemacht: Gejagt von Trä­nen­gas und Schlagstöck­en sprangen immer mehr Aktivist*innen ab, viele in schier­er Angst. Während ich einen Aktivis­ten ermunterte zu sprin­gen und ihm helfen wollte, wurde er von den Polizist*innen an den Beinen fest­ge­hal­ten und von der Polizei daran gehin­dert zu sprin­gen.

Wir halfen uns so gut es ging beim Lan­den und während einige wohl dacht­en, sie seien wohl sich­er … set­zte die Polizei ihre Angriffe fort. Der erste Polizist fiel unbe­holfen herunter, aber die anderen fol­gten sodann und beka­men von mehrere Dutzen­den Ein­satzkräften Ver­stärkung. Von den Straßen her kamen die Wasser­w­er­fer auf die Elbprom­e­nade und trieben durch ihren Ein­satz die Leute weit­er auseinan­der. Ein Trupp von cir­ca 15 Bullen ging in For­ma­tion ger­adeaus nahe an der Mauer der Prom­e­nade ent­lang und ohne jede Vor­war­nung lösten sie sich aus der For­ma­tion, spurteten los und schlu­gen auf völ­lig unvor­bere­it­ete und ver­streute Demon­stri­erende und drängten sie an die Wand.

An eine Demo war nun längst nicht mehr zu denken. Die Straßen um den Fis­chmarkt glichen einem Schlacht­feld voller zer­split­tert­er Flaschen, die Luft noch leicht umhüllt vom dicht­en Trä­nen­gas­geruch. Während wir uns zeitweise ver­loren hat­ten, hat­ten die Bullen die Vorherrschaft über die Straßen noch weit­er ver­stärkt. Über­all waren die Polizei­wa­gen, über­all hochgerüstete und toll­wütige Bullen, die hier und da weit­er­hin die Aktivist*innen trak­tierten und fes­t­nah­men.

Kampf und Widerstand

Dieser erste Tag mit dieser ver­hin­derten Demon­stra­tion zeigte die volle Eskala­tions­bere­itschaft des Staates. Sie ver­fol­gten uns, grif­f­en uns an, scheuten sich nicht, dass wir teils schwere Kör­per­ver­let­zun­gen erlit­ten. Einige der Bullen provozierten gar, wohl wis­send, dass der Staat sie mit allen Waf­fen und son­sti­gen Mit­teln aus­ges­tat­tet hat, um sich wie die Her­ren der Stadt zu fühlen. Dieser erste Tag zeigte, dass die Polizei die Aktivist*innen ter­ror­isierte und danach quer über die Stadt jagte. Doch die Demon­stra­tio­nen fol­gten auf den Fuß, der Großteil der Bevölkerung ist erfüllt vom Hass auf die Bullen, die Angst und Schreck­en ver­bre­it­en.

Es hätte nicht zu solch ein­er kom­plet­ten Zer­mür­bung und Zer­streu­ung der Demon­stri­eren­den kom­men müssen, wenn es eine Organ­i­sa­tion gegeben hätte, die den aufgescheucht­en Massen eine Ori­en­tierung gegeben und den Weg in eine erneute Kanal­isierung des Protestes gewiesen hätte. Doch alleine sich auf solch eine Route einzu­lassen, die gle­ich zu Beginn den zehn­tausenden Demon­stri­eren­den in ein­er direk­ten Gegenüber­stel­lung mit den Bullen kein­er­lei Ausweg und Aus­flucht bietet, ist ein Skan­dal für sich und eine grobe Fahrläs­sigkeit von den ver­ant­wortlichen Organisator*innen des autonomen Bünd­niss­es “Wel­come to Hell”, die im Nach­hinein ern­sthaft aus­gew­ertet wer­den muss.

Wir wer­den uns von diesem Schlag nicht beein­druck­en lassen. Je stärk­er die Angriffe, desto größer wird unser Wider­stand wer­den. Dieser erste Tag zeigte, dass dieser ver­dammte Gipfel wenn nötig über Men­schen­leben geht. Die Staats­macht hat es trotz dieses skan­dalösen Debakels nicht geschafft unseren Kampfeswillen zu brechen, son­dern nur noch weit­er unseren Klassen­hass geschürt, den sie in den kom­menden Tagen zu spüren bekom­men wird. Die eigentlichen Ver­ant­wortlichen, die Kapitalist*innen und ihre Scher­gen, wer­den wir noch das Fürcht­en lehren, wenn wir ihr Karten­haus zum Ein­stürzen brin­gen.

2 thoughts on “Willkommen im ersten Kreis der Hölle des G20-Gipfels!

  1. Amanda sagt:

    “Doch alleine sich auf solch eine Route einzu­lassen, die gle­ich zu Beginn den zehn­tausenden Demon­stri­eren­den in ein­er direk­ten Gegenüber­stel­lung mit den Bullen kein­er­lei Ausweg und Aus­flucht bietet, ist ein Skan­dal für sich und eine grobe Fahrläs­sigkeit von den ver­ant­wortlichen Organisator*innen des autonomen Bünd­niss­es “Wel­come to Hell”, die im Nach­hinein ern­sthaft aus­gew­ertet wer­den muss.”

    Das darf nicht die einzige Kri­tik an der Orga bleiben; dass die Bullen einen Vor­wand sucht­en ist klar. Ich gehe auch mit der hier präsen­tierten Analyse mit. Dass men­sch ihnen aber diesen Vor­wand nun fast wie auf einem Servierteller präsen­tiert hat (mehrere Hun­dert Ver­mummter) ist vol­lkom­men fahrläs­sig.

    In der bürg­er­lichen Berichter­stat­tung ver­s­tum­men die klassenkämpferischen Protestieren­den von gestern kom­plett.

    Vielle­icht kön­nt ihr mit Hamburger*innen und Arbeiter*innen Inter­views machen?

  2. Hovhannes Gevorkian sagt:

    Hi, sor­ry für die ver­spätete Antwort, aber ja: Wir haben auch mit Hamburger*innen und Arbeiter*innen Inter­views gemacht, die in den näch­sten Tagen aus­gew­ertet wer­den.

    Eine Sache noch zur Demo vom Don­ner­stag: Fast alle Leute beim Front­tran­spi waren nicht ver­mummt und die Bullen haben es trotz­dem ange­grif­f­en.

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