Jugend

Das lief 2020 an den Schulen falsch

Nach den Weihnachtsferien geht die Schule wieder los. Das heißt auch: das Chaos geht wieder los. Online, Präsenz und die ganzen Ungerechtigkeiten dazwischen.

Das lief 2020 an den Schulen falsch
Bild: Oksana Kuzmina und Andrey Aboltin / Shutterstock.com

Die Corona-Pandemie hat unfassbar viele Probleme in der deutschen Gesellschaft offenbart, allen voran die Absurdität der Privatisierung des Gesundheitssystems und dessen Ausrichtung nach Profiten. Auch bereits bestehende Ungerechtigkeiten im Schul- und Bildungswesen haben sich verschärft.

Unfaire Bedingungen von Anfang an

Es beginnt damit, dass Schulen je nach Standort sehr große Unterschiede aufweisen, beispielsweise bei Personal und technischer Ausstattung. Schulen, die abwertend als “Brennpunktschulen” bezeichnet werden, befinden sich in sozial benachteiligten Vierteln oder Gegenden, in denen viele Bewohner:innen Sozialleistungen beziehen. Diese Schulen haben meistens noch mehr mit Lehrer:innen-mangel und damit einhergehender Überlastung zu kämpfen, als andere.

Und was passiert beim Umstieg auf Distanzunterricht? Viele Eltern können nicht im Home-Office arbeiten und müssen Betreuung für ihre Kinder finden, die nicht mehr in die Schule gehen dürfen.

Auf der anderen Seite müssen Eltern, die von zu Hause arbeiten, zur gleichen Zeit Lohnarbeit stemmen und ihre Kinder betreuen. Aber was ist denn mit “betreuen” überhaupt gemeint? Es macht einen sehr großen Unterschied, ob auf Kinder beim Lernen “nur” aufgepasst wird oder sie aktiv unterstützt werden können. Zweiteres ist viel zeitaufwendiger und kaum mit anderer Lohnarbeit zu vereinen. Nicht umsonst ist das Ausbilden von Kindern und Jugendlichen ein Vollzeitjob: Lehrer:in.

Nun stellt sich auch die Frage: Wie sieht es mit den materiellen Kapazitäten unterschiedlicher Familien aus? Was ist nun mit Haushalten, die nicht über mehrere Computer, Laptops, Tablets oder eine gute Internetverbindung verfügen?  Die Regierung setzt das alles voraus und bietet keinerlei Unterstützung um (finanziell) benachteiligten Familien zu helfen.

Aber nicht nur die materiellen Voraussetzungen sind hoch: psychische Erkrankungen erschweren vielen Kindern und Jugendlichen das selbstständige Lernen. Jedes vierte Kind in Deutschland hat mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Leider ist auch der Präsenzunterricht für solche Schüler:innen oft nicht gut geeignet, weil  Lehrer:innen kaum Zeit haben, individuell auf die Bedürfnisse ihrer Schüler:innen einzugehen. Die Klassen sind meistens zu groß und nicht selten werden Vor- und Nachbereitungsstunden sowie Überstunden nicht bezahlt.

„[Es bräuchte] eine bessere Einzelfallbetreuung und Standards, die nicht am Durchschnitt gemessen werden, sondern sich an den Voraussetzungen der Schüler:innen mit den geringsten Startchancen richten. Im Endeffekt also eine echte Inklusion.” – Katharina, Förderbetreuung in Bayern

Zusätzlich wurden viele Lehrer:innen nicht ausreichend darin geschult, gleichzeitig Schüler:innen in Distanz und Präsenz zu betreuen.

“[…] Es [gab] manchmal Probleme, zum Beispiel war beim geteilten Unterricht die Gruppe, die Zuhause war, benachteiligt, weil ihnen der Unterrichtsstoff nicht von allen Lehrer:innen mitgeteilt oder geschickt wurde…” – Pietro, 10. Klasse in Bayern

Das Ungleichgewicht zwischen Online und Präsenz

Es ist sicherlich alles andere als einfach über die Funktionsweise von Schulen in Krisenzeiten zu entscheiden. Aber die ständig wechselnden unklaren Schritte der Regierung haben vielen Schüler:innen und Lehrer:innen die letzte Zeit unfassbar erschwert.

“Schwierig waren auch die wechselnden Angaben zur Vorgehensweise. Mal wurde dies gesagt, mal wurde das gesagt und wir mussten ständig umdenken.” – Berufsschullehrerin in Bayern

Wir brauchen einen regulären Präsenzunterricht, solange das Infektionsgeschehen das zulässt. Denn die Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Lehrinhalte vermittelt werden, sondern ein Ort der sozialen Kontakte, die für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle spielen. Wenn die Ansteckungsgefahr in den Schulen zu hoch ist, dann sollen alle Lehrer:innen und Schüler:innen mit dem notwendigen (technischen) Materialien ausgestattet werden. Aber auch bei hohen Inzidenzraten muss es Notbetreuungen geben, für all diejenigen Schüler:innen, für die das Lernen zu Hause nicht möglich ist.

Außerdem müssen Lehrer:innen ausreichend kostenlose Fortbildungsmöglichkeiten erhalten. Ihnen muss genug Zeit zur Verfügung gestellt werden, um die online Lehre gut vorzubereiten. Diese Zeit muss genauso wie alle anderen Vor- und Nachbereitungsstunden bezahlt werden. All das hätte schon längst im Sommer stattfinden sollen, anstatt so verfrüht in einen nicht ausreichend gesicherten Präsenzunterricht zurückzukehren.

„Bildung in der digitalisierten Welt ist zunächst keine Frage der Technik, sondern bedeutet, grundsätzlich umzudenken“, sagt Uta Hauck-Thum, Pädagogikprofessorin der LMU München

“Man redet immer, dass die Schüler es schwer haben, aber ich denke, dass die Lehrer auch sehr viel Druck haben. Eine Sache ist Unterricht zu halten und eine andere ist Unterricht zu schreiben, da fühle ich mich nicht so unterstützt, vor allem von der Fachleitung. Aber dies ist vielleicht nur in meinem Fall so, ich bin Migrantin und beherrsche die deutsche Sprache nicht 100 Prozent.” – Berufsschullehrerin in Bayern

Hauptsache gespart – Geld für Bildung oder Militär?

Seit dem Jahr 2013 wurden ganze 131,2 Milliarden Euro in die Bildung investiert! Das mag zwar wie eine große Zahl wirken, aber im Vergleich zu den knapp 250 Milliarden (knapp doppelt so viel), die in dem gleichen Zeitraum für das Bundesministerium der Verteidigung (das heißt militärische Beschaffungen, Materialerhaltung der Bundeswehr, Unterbringung etc. …) ausgegeben wurden, stellt sich sicherlich die Frage nach den Prioritäten für die Zukunft.

Diese Knappheit bei den Investitionen in Bildung hat jetzt ihre Folgen gezeigt: Keine einzige Schule oder Universität hat die letzten Monate überstanden, ohne dass ihre Systeme mindestens einmal zusammengebrochen sind. Alle Lernplattformen waren maßlos überlastet. Eine einzige Google-Suche nach “Lernplattformen Überlastung” führt in sekundenschnelle zu mehreren dutzenden Berichten aus unterschiedlichen Bundesländern.

… oder doch lieber für Lufthansa?

Die oben aufgeführten Punkte zeigen auf, wie Fehlerhaft die Regierung an das Thema Schulen herangegangen ist. Dabei gibt es viele Möglichkeiten die Lebensumstände von Eltern, Schüler:innen und Lehrer:innen zu erleichtern. Die Regierung ist bereit, Hilfspakete in Höhe von neun Milliarden Euro an die Lufthansa zu verteilen. Wäre dieses Geld Schulen zur Verfügung gestellt werden worden, hätten mühelos alle nötigen Klassenräume 45 mal mit guten Belüftungssystemen ausstatten werden können. Präsenzunterricht wäre so noch länger möglich gewesen.

Kein Leistungsdruck während einer Pandemie!

Nehmen wir einmal an, alle nötigen Maßnahmen zur Verbesserung der jetzigen Schulsituation würden umgesetzt werden; trotz allem bleibt dennoch ein Ausnahmezustand, der das Leben und Lernen von tausenden Kindern und Jugendlichen stark beeinflusst. Viele Unterrichtseinheiten sind weggefallen, manche Schulhalbjahre wurden durch längere Ferien verkürzt, und wir sprechen noch gar nicht über die zusätzlichen psychischen Belastung durch das Wegfallen sozialer Kontakte. Es wäre absurd zu erwarten, dass Schüler:innen in einem Jahr der Pandemie dieselben schulischen Leistung erbringen wie in jedem anderen Jahr.

“Ich schreibe im Mai Abitur und fühl mich extrem unsicher, weil wir mit dem Stoff seit Corona nicht hinterher kommen und ich gehe davon aus, dass dieser Lockdown länger gehen wird, sodass wir keine Zeit für eine intensive Abivorbereitung haben. Meine Schule ist null digital, d.h. nur klassische Arbeitsaufträge” – Kenza, 12. Klasse in Baden-Württemberg

Durch einen geänderten Lehrplan, angepasste Noten oder die Verschiebung von Prüfungen und MSA oder Abitur würde erheblicher Druck von Schüler:innen und Lehrer:innen genommen werden. Das ist ein erster Schritt in Richtung einer besseren Schule. Eine Schule, die nicht mehr eine psychischen Belastung ist und in der das Lernen Spaß macht.

Die Stimmen der Betroffenen

Es wurde und wird weiterhin sehr viel über die Schulen und Schüler:innen geredet. Aber auch sie selbst haben in den letzten Monaten gesprochen: Beispielsweise in Frankfurt am Main, in Bochum, in Essen und bis nach Griechenland und einigen polnischen Städten haben Schüler:innen in den letzten zwei Monaten Schulstreiks organisiert. Sie haben dagegen protestiert, wie ihre Schulen mit der Pandemie umgegangen sind.

“Ich hab mich total unsicher gefühlt und einfach gehofft, dass die Schulen geschlossen werden.” – Melina, 12. Klasse in Niedersachsen

Leider waren sie nicht alle erfolgreich mit ihren Protesten. Wir schlagen vor, die Streiks schulübergreifend zu organisieren und gemeinsam zu streiken, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. So kann ein viel höherer gesellschaftlicher Druck erzeugt werden.

Die Streiks sollten von den Lehrer:innen unterstützt werden, die dort auch ihre Forderungen aufstellen können.

“Die Studierenden zu mahnen, wenn sie zu nah aneinander sind und auch sich die Hände am Anfang der Stunde nicht waschen oder die Tische nicht wischen ist sehr anstrengend. Ständig wie ein Polizist da zu sein und an Lüften, oder sonstiges zu denken.” – Berufsschullehrerin in Bayern

“Ich hätte mir gewünscht, dass mindestens die Lehrer, die keinen Frontalunterricht machen, also Kunst, Musik und Bewegung, FFP2 Masken umsonst bekommen hätten. Ich kaufe jede Woche 5 Masken und das wird am Ende dieser Pandemie ziemlich teuer sein.” – Berufsschullehrerin in Bayern

“Ich bin Tarifbeschäftigte ohne eine feste Anstellung, ich warte auf die pädagogische Eignungsprüfung und hoffe, dass ich bestehe. Dies ist auch für mich eine zusätzliche Belastung. Ich habe das Gefühl, dass ich meine ehrliche Meinung nicht sagen darf, weil dies Einfluss auf meinem Job haben könnte.” – Berufsschullehrerin in Bayern

“Das schlimmste ist die Maske. Man muss die ganze Zeit mit der Maske reden und ich muss an vier Wochentagen mindestens acht Stunde die Maske tragen. Ich arbeite an der Schule 20 Stunden in der Woche, fünf Stunden am Tag, aber bin normalerweise pro Tag zwei Stunden mehr an der Schule, um vorzubereiten. […] Ich arbeite auch noch in einem Papierladen auf 450 Euro Basis und muss die Maske auch noch dort tragen. Dies führte zu eine Gesichtsnervenentzündung.” – Berufsschullehrerin in Bayern

Schüler:innen und Lehrer:innen sollten nicht getrennt voneinander versuchen ihre Probleme zu lösen. Durch einen Zusammenschluss können sie weitaus mehr erreichen! Um zu sehen, wie das ausschauen kann, reicht es einen Blick nach Bremen zu werfen.

Schüler:innen zeigen wie’s geht

Die Öffnung der Schulen geschah mit vielen Auflagen und Regeln. Dass viele von diesen Regeln nicht realistisch durchsetzbar sind, wurde schnell klar. Oft lassen sich die Fenster nicht richtig öffnen oder die Schüler:innen frieren im Winter mit Mantel und Handschuhen im Unterricht.

“Unverantwortungsvoll, Maßnahmen nicht einhaltbar…” – Finn, 10. Klasse in Nordrhein-Westfalen

“[Es] wurden Regelungen eingeführt, die auf dem Papier zwar sinnvoll waren in der Realität aber so nicht umgesetzt werden konnten (konstant offene Fenster, Abstandsregelungen zwischen den Schüler:innen).” – Katharina, Förderbetreuung in Bayern

Die Ängste und Sorgen der Schüler:innen sind berechtigt und oft geht damit ein Gefühl der Machtlosigkeit einher. Die Schüler:innen von der Schule an der Kurt-Schuhmacher-Allee aus Bremen haben das Gegenteil bewiesen und zeigen wie viel erreicht werden kann, wenn Lehrer:innen und Schüler:innen zusammen arbeiten. Als der Präsenzunterricht trotz hoher Infektionsgefahr wieder eingeführt wurde, fühlten sich viele damit unwohl und forderten Halbgruppen Unterricht, also immer eine halbe Klasse anwesend ist. Der Direktor lehnte das strikt ab. Die Schüler:innen ließen sich davon nicht abbringen und führten den Wechselunterricht gemeinsam mit ihren Lehrer:innen selbständig ein. Sie entwickelten ein Konzept zur Gruppenaufteilung, bei dem Leistungsstärkere und -schwächere gemischt sind. Außerdem nahmen sie Rücksicht auf die häuslichen Umstände der Schüler:innen. Die Folge: Schüler:innen und Lehrer:innen stehen in viel besserem Kontakt und einzelne Personen können besser unterstützt werden.Kurz darauf gab es zwei Corona Fälle an der Schule, allerdings nicht in den Jahrgängen, die den Wechselunterricht organisiert hatten. Trotzdem nutze die Bildungsbehörde das als Vorwand, um zu sagen, dass die Anforderungen für den Hybridunterricht nun erfüllt seien. So konnten sie sich sich sparen, öffentlich eingestehen zu müssen, dass ein selbstorganisiertes Projekt von Schüler:innen ihnen um Meilen voraus war.Während also die Regierung daran scheitert ihre Aufgaben zu erfüllen und Merkel den Schüler:innen empfiehlt, gegen die Kälte während dem Unterricht Kniebeugen zu machen und in die Hände zu klatschen, haben die Bremer Schüler:innen Eigeninitiative ergriffen und den Unterricht so angepasst, dass ein gutes Lernverhältnis für alle entstehen konnte.

Wer soll die Schulen kontrollieren?

Am Beispiel der Bremer Schüler:innen können wir eines klar sehen: Diejenigen, die selbst jeden Tag an den Schulen (oder auch Universitäten) verbringen, wissen am besten was ihre Bedürfnisse sind. Sie sind auch diejenigen, die diese Bedürfnisse am besten erfüllen können.

Die Hochschulreform, die in Bayern umgesetzt werden soll, ist ein Beispiel des genau gleichen Problems: Das Leben von tausenden Studierenden und Beschäftigten soll fundamental verändert werden. Und zwar durch die Entscheidungen von Menschen, die schon lange nicht mehr an den Orten sind, über die sie gerade Kontrolle ausüben!

Das ist keine Welt in der wir leben und lernen wollen. Wir wollen die Orte, an denen wir studieren, lernen und so viel Zeit verbringen, selber kontrollieren!

Was sind deine Erfahrungen mit der Schule während Corona? Schick uns einen Bericht!

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E-Mail: info@klassegegenklasse.org

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