Hintergründe

Anderson und eine kritische Landkarte des Marxismus

Zuerst war es die Polemik. Das Buch, welches wir heute als „Über den Westlichen Marxismus“ kennen, war eigentlich als Einleitung zu einer Zusammenstellung gedacht, die von der Redaktion des bekannten britischen Magazins New Left Review (NLR) vorbereitet wurde, damals unter der Leitung von Perry Anderson. Das Projekt konnte nicht abgeschlossen werden und der 1974 verfasste Text wurde 1976 als Buch mit einem Nachwort veröffentlicht, das die offenen Diskussionen in diesem intellektuellen Kollektiv widerspiegelte.1

Anderson und eine kritische Landkarte des Marxismus

A hard day’s night

Die Hypothesen des Buches hatten viel mit der Bilanz seiner Zeitschrift zu tun. Es gibt einige Beweggründe, die er dort nicht erwähnt, die ihn aber motivierten: Andersons Bilanz des britischen Marxismus war nicht besonders schmeichelhaft. Dieser war für ihn von einer Intellektualität geprägt, die in einer konservativen und empiristischen nationalen Kultur stecken geblieben war, und keine systematische Soziologie oder eine marxistische Tradition aufgebaut hatte.2 Die Aspekte dessen, was er „kontinentalen Marxismus“ nannte, ermöglichten eine umfassende Analyse, die in der britischen Sozialtheorie fehlte. Die Zeitschrift hatte bereits damit begonnen, Texte aus der französischen, italienischen und deutschen marxistischen Tradition zu veröffentlichen; ab 1966 erschienen u.a. Sartre, Lukács, Adorno, Benjamin, Althusser und Gramsci. Bis zum Ende der 70er hatte der Verlag der NLR mehr als die Hälfte seines Katalogs diesen Autoren gewidmet.3 Mit anderen Worten, war es die von Anderson geführte NLR, die die Autoren, die er jetzt kritisieren würde, auf die Insel gebracht hatte.

Die Zeitschrift hatte in den sechziger Jahren als Haupttendenzen des zeitgenössischen Marxismus – wo die Differenzen zum Stalinismus einen zentralen Platz einnahmen – den westlichen Marxismus, Maoismus und Trotzkismus betrachtet. Dies hing mit dem neuen Zeitgeist zusammen, der mit dem Aufstieg des Klassenkampfes eröffnet wurde, beginnend mit dem Pariser Mai. Somit war für Anderson der Moment der politischen Abrechnung gekommen. Der westliche Marxismus war bereits in einem seiner Artikel als „esoterisch“ charakterisiert worden; der Maoismus schien ihm auf die europäischen Verhältnisse nicht anwendbar zu sein und befand sich damals dazu in einem deutlichen Rechtsruck. Stattdessen würde Anderson für die Wiederbelebung einer Tradition plädieren, die durch den Einfluss von Deutscher und Mandel in der NLR an Gewicht gewonnen hatte.4 „Über den Westlichen Marxismus“ ist Teil einer Etappe, die wir bis zur Veröffentlichung von „In the Tracks of Historical Materialism“ im Jahr 1983 ausdehnen könnten, in der Anderson den Trotzkismus als eine Alternative für die strategische Debatte, die die neue Situation aufwarf, betrachtete. Dies wurde jedoch von seinen Kollegen nicht unbedingt geteilt, was eine Reihe interner Debatten eröffnete, die Anderson auf seine eigene Weise im Epilog zu beantworten versuchen wird, den er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Buches hinzufügte.

Let it be

Anderson definiert die Hauptmerkmale dessen, was er „westlichen Marxismus“ nennen wird, im Gegensatz zu dem, was er als „klassischen Marxismus“ betrachtet, wie folgt:

„Entstanden aus der Niederlage der proletarischen Revolutionen in den fortgeschrittenen Gebieten des europäischen Kapitalismus nach dem Ersten Weltkrieg, entwickelte er sich im Zuge einer immer tiefer werdenden Spaltung zwischen der sozialistischen Theorie und der Praxis der Arbeiterklasse. Die Kluft zwischen diesen beiden, die sich zunächst durch die imperialistische Isolation des Sowjetstaates aufgetan hatte, wurde durch die Bürokratisierung der UdSSR und der Komintern unter Stalin institutionell erweitert und zementiert. […] Das Ergebnis war die Isolierung der Theoretiker in die Universitäten fernab vom Leben des Proletariats ihrer jeweiligen Länder und ein Rückzug der Theorie von Ökonomie und Politik hin zur Philosophie. […] Hinzu kam ein Rückgang des internationalen Austauschs und der Verbindungen zwischen den Theoretikern verschiedener Länder. […] Zugleich löste die Konzentration der Theoretiker auf die Fachphilosophie zusammen mit der Entdeckung von Marx’ Frühschriften eine allgemeine nach rückwärts gewandte Suche nach den geistigen Vorfahren des Marxismus im früheren europäischen Denken aus und führte zu einer Neuinterpretation des historischen Materialismus in deren Licht. […] Methode als Ohnmacht, Kunst als Trost und Pessimismus und Regungslosigkeit – es fällt nicht schwer, all dieses Elemente in der Physiognomie des westlichen Marxismus wahrzunehmen. Denn was diese Theorie vor allem geprägt hat, war ihre Entstehung aus einer Niederlage.“5

Die Definition des „klassischen Marxismus“ und die Kritik an der Trennung zwischen Theorie und Praxis scheinen von Isaac Deutscher übernommen worden zu sein, obwohl Trotzkis Biograph sie im Gegensatz zum „vulgären Marxismus“, den der Stalinismus verkörpert, formuliert hatte.6 Die Definition des „westlichen Marxismus“ war dagegen von Merleau-Ponty verwendet worden, um einen Marxismus hervorzuheben, der weit entfernt war vom mechanischen Ökonomismus, der in der Sozialdemokratie und der stalinisierten Dritten Internationalen an Gewicht gewonnen hatte. Merleau-Ponty hob die Figuren von Korsch und Lukács und eine Rechtfertigung des hegelianischen Erbes hervor.7

Die von Anderson vorgeschlagene Einordnung ist deshalb mutig, weil sie als Teil der gleichen Tendenz die Tradition einschließt, die von Merleu-Ponty und anderen hervorgehoben wurde, die sich dieser Lesart von Marx eher widersetzt hatten: Althusser und Colletti betonten zum Beispiel die Notwendigkeit, die Anbiederung an den hegelschen Idealismus durch den Marxismus zu beenden. Die Kritiken verschärften sich somit auf allen Seiten.
Auch die Abwesenheit von Marxisten, die die Horizonte des Marxismus in Bereichen wie Kunst, Philosophie und Psychologie erweitert haben, wurde in Frage gestellt: Jay weist darauf hin, dass Anderson Reich, Bloch und Kosik ignoriert.8 Russell Jacoby hebt im gleichen Sinne Lefort und Castoriadis hervor.9

Allerdings waren einige derer, die in der Kategorisierung vorkommen, insbesondere Gramsci, noch umstrittener: Anderson selbst weist so oft auf diese Ausnahme hin, dass es nach Fertigstellung des Buches schwer zu erkennen ist, warum er ihn an erster Stelle überhaupt dort eingeordnet hat.

Gramscis eigene Definitionen hätten es verdient, ihn in den klassischen Marxismus einzuorden, sowie auch seine Teilnahme an den Aufständen der 1920er Jahre in Italien und der Einfluss, welcher er durch seine Ausführungen über die Hegemonie für die strategische Debatte hatte.10 Seine Einbeziehung scheint durch Gramscis Ausarbeitungen zu den Fragen der Philosophie und Kultur motiviert zu sein. Anderson argumentiert, dass die Wahl dieser Themen eine Möglichkeit für westliche Marxisten – die sich mit den Kommunistischen Parteien nicht wohl fühlten – war, eine direkte Konfrontation mit dem Stalinismus zu vermeiden.11 Aber von dieser korrekten Beobachtung aus nimmt er eine schlechte Verallgemeinerung vor: Es ist nicht so, dass er ideologische und kulturelle Fragen missachtet – tatsächlich erkennt er viele der dort produzierten Neuerungen an -, aber er scheint nicht zu berücksichtigen, dass diese auch Anliegen der Klassiker“ waren; ohne weiter zu gehen, hebt er Trotzkis Militärische Schriften und Literatur und Revolution hervor.

Ähnliche Einwände wurden gegen Lukács erhoben, der an den Erfahrungen der ungarischen Räte in den 1920er Jahren und an der strategischen Debatte in der Dritten Internationale teilnahm. Zweifellos kann er zu jenen Marxisten gezählt werden, die unter dem Einfluss der Jungschriften von Marx eine Reihe von Aspekten entwickelt haben, die mit der Entfremdung und den Formen des Klassenbewusstseins, zusammenhängen. Wenn das ausreichend wäre, würde Althusser jedoch nicht mehr als Teil dieser Gruppe gezählt werden können. Es trifft auch nicht auf ihn zu, einen Weg „von der Wirtschaft oder Politik zur Philosophie“ eingeschlagen zu haben, denn Lukács wurde für den Marxismus gewonnen, als er bereits als Intellektueller mit diesen Themen beschäftigt war. Das thematische Kriterium schwankt daher sehr oft.

Auf der Ebene der politischen Positionen erwähnt Anderson nur ein Merkmal der „ersten Generation“ westlicher Marxisten: Ihre theoretischen Positionen wurden mit einer Kritik am wachsenden Reformismus der Sozialdemokratie geschmiedet, wodurch sie sich an der Dritten Internationale orientierten (obwohl sie Lenin oder Trotzki gegenüberstanden). Tatsache ist, dass es zwar wahr ist, dass es eine Einheit zwischen sozialdemokratischer Theorie und Praxis gab, aber es wäre schwierig, sie als eine tugendhafte Einheit zu klassifizieren. Wenn wir außerdem über die Distanz zum Stalinismus sprechen, sollten wir erwähnen, sagt Jay, dass Althusser, der vom Maoismus beeinflusst war, nicht gerade als ein Anti-Stalinist zu verstehen ist.12

Help!

Andersons Sicht der klassischen Tradition stand im Mittelpunkt der Kritik seiner Kollegen in der NLR, die er laut ihnen als homogen und ohne offene Fragen präsentierte. Dies wird eine der Lücken sein, die er in seinem Epilog zu füllen versuchen wird, indem er sich selbst für einen gewissen „unverantwortlichen Aktivismus“ kritisiert und eine Reihe ungelöster Fragen hinzufügt, die er in der Tradition von Marx, Lenin und Trotzki sieht,13 wobei er diese zweifelsohne als notwendige Grundlage für die Entwicklung eines revolutionären Marxismus hervorhebt.

Andererseits könnte man Andersons eigene politische Praxis bis dahin durchaus in Frage stellen: Die Trennung zwischen Theorie und Praxis, die die Zeitschrift selbst betraf, ist nicht problematisiert, obwohl sie bereits von ehemaligen Kollegen als Vorwurf erhoben wurde. Der Bruch mit dem ersten Herausgebergremium Anfang der 1960er Jahre, als Anderson die Publikation übernahm, hatte auch eine Abkehr von der Organisierung von Studierenden- und Arbeiter:innen bedeutet, die die NLR damals gefördert hatte. Darauffolgend hatte sich die Zeitschrift ausschließlich auf die theoretische Debatte spezialisiert, was ihnen den Spitznamen „Olympioniken“14 eingebracht hatte, da sie wie Bewohner eines Pantheons fernab der irdischen Politik handelten. Es geht weder darum, zu beurteilen, inwieweit sie sich bei dieser Entscheidung geirrt haben, noch geht es darum, Andersons aufrichtiger Hoffnung zu misstrauen, dass sie selbst Teil einer Wiederbelebung des Marxismus sein könnten, die diese Scheidung zwischen Theorie und Praxis überwinden könne. Schwer zu rechtfertigen ist allerdings die Tat, dass Anderson, der so geschickt, ein zentrales Problem für den Marxismus aufwirft, so unvorsichtig ist, den Balken in seinem eigenen Auge zu sehen. Die Auslassung des englischen Marxismus scheint auch ein Weg zu sein, um eine Diskussion zu vermeiden, die ihn besonders einbeziehen würde.

Don’t let me down

Anderson ist der Ansicht, dass die Ohnmächtigkeit des westlichen Marxismus auf dem Gebiet der Wirtschaft und Politik damit zu tun hatte, dass die Nachkriegszeit in den wichtigsten kapitalistischen Ländern eine Konsolidierung des Kapitals und der repräsentativen Demokratie mit sich brachte, die einigen der bis dahin verwendeten Thesen zu widersprechen schien und neue Konzeptualisierungen15 erzwang, die trotz einiger Versuche kein zeitgenössischer Marxist erreicht hatte.

Aber wenn die von Anderson aufgezeigten Charakteristika eine harsche Kritik an dieser Tradition darstellen, dann scheint es weniger ein Vorwurf zu sein als vielmehr die Anerkennung jener „versteckten“ Eigenschaft, die sie abgrenzte: Das „Produkt einer Niederlage“ zu sein.

Der Kern der Interpretation ist also eine politisch-soziologische Lesart des Verhältnisses zwischen historischem Kontext und theoretischer Entwicklung. Der gleichen Logik folgend, wird „Über den Westlichen Marxismus“ von Andersons Hoffnung auf einen neuen Aufschwung des Klassenkampfes als Voraussetzung für die Überwindung dieser Sackgasse motiviert. Die Realität sollte ihn bald jedoch enttäuschen, wie es in seinem kurz darauf erschienenen Buch „In the Tracks of Historical Materialism“ zum Ausdruck kommt. Dort stellt er fest, dass trotz der von ihm erwarteten Wiederbelebung der ökonomischen, politischen und historischen Fragen – verlagert aus dem lateinischen Europa ins angelsächsische – die Trennung zwischen Theorie und Praxis weiterhin vorherrschte, ebenso wie die „Misere“ eines strategischen Denkens, das es dem Marxismus als systematischer Theorie erlaubt hätte, eine Alternative zum Vormarsch des Strukturalismus und Poststrukturalismus zu sein.

Die Beziehung zwischen den Niederlagen im Klassenkampf und den Veränderungen der marxistischen Theorie ist nicht neu. Lenin stellte fest, dass ebenso wie aus der Niederlage Lehren für neue Schlachten gezogen werden könnten, auch die Versuche erscheinen, den Marxismus eklektisch mit Theorien zu kombinieren, die ihn schließlich verleugnen. Er erklärte, dass zum Beispiel ein Bogdanow nach der Niederlage der Revolution von 1905 versuchte, die Erkenntnistheorie des Marxismus mit der Kantianischen zu verbinden. Obwohl er es nicht explizit erwähnt, scheint Anderson etwas Ähnliches im Sinn zu haben, wenn er auf den Abdruck einer ebenso tiefen wie tragischen Skepsis im westlichen Marxismus hinweist.16

De te fabula narratur, im Gefolge des gescheiterten Aufstiegs der 1970er Jahre und des Aufkommens des Thatcherismus konnte Anderson dasselbe Merkmal zugeschrieben werden. In einem NLR-Artikel von 1990 gibt er zu, dass seine Lektüre des westlichen Marxismus von einer „theoretischen Siegesicherheit“ durchdrungen war. Ein Jahrzehnt später hatte der Skeptizismus in einer neuen Phase der NLR Fuß gefasst, die nun verkündete: „Es gibt in der Welt des westlichen Denkens keine signifikanten Gegensätze, d.h. systematisch entgegengesetzte Perspektiven, mehr“ zu einem Neoliberalismus, der „als eine Reihe von Prinzipien den ganzen Globus beherrscht: die erfolgreichste Ideologie der Weltgeschichte.“17 Keucheyan, der eine Typologie zeitgenössischer „kritischer Theoretiker:innen“ erstellte, ordnet ihn unter der Überschrift „Pessimisten“ ein, obwohl er zugibt, dass der NLR-Führer auch seinen kapitalismuskritischen Geist beibehalten hat18 (so wie Anderson gegenüber den westlichen Marxisten eingeräumt hatte, dass der Skeptizismus sie vor dem Versuch bewahrt habe, in das Lager der Bourgeoisie zu ziehen, auch wenn einige von ihnen dies taten).

Come together

Es bleibt die Frage, warum Andersons Hypothesen, die so häufig kritisiert wurden, nicht vergessen wurden, sondern sowohl für die Verteidiger:innen als auch für die Kritiker:innen so einflussreich waren. Wahrscheinlich ist dem der Fall, weil er, obwohl in vielen Fällen einseitig, die produktive Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis aufwarf, die für einen Marxismus, der nicht vorgibt, eine einfache Analysemethode zu sein, immer relevant ist.

Revolutionäre Marxist:innen haben in vielen Fällen an eine Definition von Theorie als „Handlungsanleitung“ appelliert, nicht im Sinne eines politischen Pragmatismus, der für jede Definition eine Theorie anbietet, sondern im gleichen Sinne wie Clausewitz: Die Theorie nicht als Rezepte, die auf jede Situation anwendbar sind, sondern als eine Entwicklung, die als „Brücke“ zwischen der bisherigen Praxis, der gegenwärtigen und zukünftigen Praxis dienen kann.

Dies ist eine Frage, die heute noch zu lösen bleibt. Keucheyan weist darauf hin, dass der westliche Marxismus sehr wenig „clausewitzianisch“ war – weit entfernt von der strategischen Debatte – und dass die aktuellen kritischen Theorien, die seine Erben sind, dieser Orientierung folgen.19 In der bürgerlichen Restaurationsphase der letzten 30 Jahre20 standen dieser Tendenz nur schwache Fäden der Kontinuität gegenüber.

Das 21. Jahrhundert begann verbunden mit der reaktionären Ideologie des Neoliberalismus, ohne dass ein offensichtlicher Rivale in Sicht war, sich dennoch in einer Krise befand. Das Aufkommen neuer politischer Phänomene ermöglichte die Skizzierung neuer theoretischer Ansätze als Alternative, wie die verschiedenen Varianten des Autonomismus oder die sogenannten „Linken Populismen“, die sich in verschiedenen Regionen entwickelten: in den zentralen Ländern parallel zu den Antiglobalisierungsbewegungen ; in Lateinamerika zu den aufeinanderfolgenden Krisen der neoliberalen Regime; und in Afrika zum Arabischen Frühling. Aber selbst bei der Vielfalt der Kombinationen, die sie hervorbrachten und kennzeichneten, kann als gemeinsames Merkmal hervorgehoben werden, dass es in keinem dieser Prozesse bisher eine Entwicklung einer revolutionären Arbeiter:innenbewegung gab, auf deren Grundlage eine neue Entfaltung des Marxismus aufbauen konnte. Die Aufgabe, eine Theorie zu schmieden, die die Einheit zwischen Theorie und Praxis des klassischen Marxismus wiederherstellt, die die Bedingungen, unter denen neue Kämpfe zwischen den Klassen stattfinden werden, berücksichtigen kann und die die reformistischen Varianten überwindet, die versuchen, einen Kapitalismus in einer historischen Krise zu flicken, wurde vorerst kleinen revolutionären marxistischen Gruppen überlassen, die noch die Grundlage für jenen Moment vorbereiten müssen, in dem, wie Marx sagte, „die Theorie zur materiellen Gewalt wird.“21

Die kapitalistische Krise und der Bankrott des Neoliberalismus sowie das Fehlen großer reformistischer und bürokratischer Apparate wie der Sozialdemokratie oder des Stalinismus können diese Bedingungen jedoch ändern.

So wie Niederlagen ihre Spuren in der Theorie hinterlassen, so verändert auch der Aufstieg des Klassenkampfes, oft abrupt, die Subjektivität von Millionen von Menschen und damit die Koordinaten der politischen und theoretischen Debatte.

Trotzki sagte, dass sich das höchste theoretische Bewusstsein einer Epoche zu einem bestimmten Zeitpunkt mit der direkten Aktion der tiefsten Schichten der Massen fernab der Theorie fusioniert: „Die schöpferische Verschmelzung des Bewussten mit dem Unbewussten ist das, was gemeinhin als Inspiration bezeichnet wird. Revolution ist ein Moment der ungestümen Inspiration in der Geschichte.“ Aber jede historische „Inspiration“ erfordert eine vorbereitende Arbeit der Gruppierung von Kräften, der Suche nach einer Verbindung mit der Arbeiter:innenbewegung und der Umwandlung von Erfahrungen in Theorie; jene Aufgaben, die Lenin und Trotzki als Parteiaufbau verstanden. Eine Aufgabe, die laut Trotzki „eine gigantische Fähigkeit der schöpferischen Vorstellungskraft“22 erforderte. Es wird an den neuen Generationen von Marxist:innen liegen, diese Debatte neu auszurichten und ihre theoretische Vorstellungskraft zu entfalten.

Zuerst erschienen auf La Izquierda Diario am 22.12.2016
Fußnoten

1. Die Zusammenstellung wird schließlich 1977 als „Western Marxism. A critical reader“ veröffentlicht werden.
2. siehe Anderson in NLR 23, 1964; NLR 29, 1965; NLR 35, 1966; NLR 50, 1968.
3. Gregory Elliot, Perry Anderson. The Merciless Laboratory of History, Minneapolis-London, Minesotta University Press, 1998, S. 54.
4. Duncan Thompson, Pessimism of the intellect?, Monmouth, Merlin Press, 2007, S. 60-67.
5. zitiert nach: Anderson, Über den Westlichen Marxismus, Frankfurt am Main, Syndikat, 1978, S. 135ff.
6. Elliot, 1998, S.102.
7. Martin Jay, Marxism and Totality, Berkeley, University of California Press, 1984, S.1-2.
8. Ebd., S. 4-5.
9. Russel Jacoby, Dialectic of Defeat, Cambridge, Cambridge University Press, 1981, S. 108.
10. Anderson, 1998, S. 59 und 99.
11. Ebd., S. 53.
12. Jay,1984, S. 192.
13. Anderson, Consideraciones of Western marxism, México, Siglo XXI, 1998, S. 132 Hobsbawm sagte dann, dass Anderson mit diesem Epilog 90 Prozent des Buches zurückgenommen habe (Elliot, 1998, S. 105). Es gab auch Kritiken des englischen Trotzkismus: Callinicos zum Beispiel würde behaupten, dass die von Anderson angebotenen Vertreter des Trotzkismus (Deutscher, Rosdolsky, Mandel) auch weiterer Kritik bedürften (International Socialism 99, 1977).
14. Duncan Thompson, 2007, S. 11.
15. Anderson, 1998, S. 57 und 61.
16. Ebd., S. 110.
17. „A culture in contraflow”, NLR 180 und 182, 1990 und „Renewals“, NLR II-1, 2000.
18. Razmig Keucheyan, The Left Hemisphere, London, Verso, 2014, S. 56.
19. Ebd., S. 23-4.
20. Matías Maiello und Emilio Albamonte, „En los límites de la ‚Restauración burguesa'“, Estrategia Internacional 27, 2011.
21. „Zur Kritik der Hegel‘schen Rechtsphilosophie“, Karl Marx Friedrich Engels Gesammelte Werke, Köln, Anaconda Verlag GmbH, 2016, S. 497.
22. eigene Übersetzung, León Trotzki, Mi vida, Bs. As., IPS-CEIP, 2012, S. 349 und 358.

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