Frauen und LGBTI*

1.400 Menschen beim Feminist Futures Festival

In einer Phase des Wiedererstarkens der weltweiten Frauen*bewegung und des von Frauen* angeführten Widerstands gegen den Rechtsruck fand vom 12. bis 15. September 2019 in der Essener Zeche Zollverein das sehr groß und breit angelegte Feminist Futures Festival statt.

1.400 Menschen beim Feminist Futures Festival

Es kamen mehr als 1.400 Teilnehmer*innen aller Geschlechter, Gen­er­a­tio­nen und poli­tis­ch­er Strö­mungen. Das Fes­ti­val hat­te einen inter­na­tionalen Charak­ter: Aus mehr als 40 Län­dern waren Men­schen angereist. Es gab vielfältige the­o­retis­che Podi­en und Work­shops, aber auch prax­is­be­zo­gene Ver­anstal­tun­gen und Pan­els. Das Pro­gramm war eben­so voll von unter­schiedlichen kün­st­lerischen, kul­turellen und päd­a­gogis­chen Beiträ­gen, Fil­men, Musik, The­ater und Per­for­mances. In mehreren Ver­anstal­tun­gen wurde über die Erfahrun­gen und Kämpfe von Frauen* in anderen Län­dern berichtet. Organ­isiert wurde das Fes­ti­val von der Rosa-Lux­em­burg-Stiftung, dem Net­zw­erk Care Rev­o­lu­tion und dem Leipziger Konzeptwerk Neue Ökonomie.

Ein Tummelplatz von Ideen der neuen feministischen Welle

Die neue Frauen­be­we­gung hat in den let­zten Jahren, aus­ge­hend von der argen­tinis­chen Ni Una Menos Bewe­gung 2015 über den inter­na­tionalen Frauen­streik, an Kraft gewon­nen. In ihr agieren zahllose Strö­mungen und Kräfte: Der bürg­er­liche Fem­i­nis­mus, der indi­vidu­elles Empow­er­ment inner­halb des patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus für eine Min­der­heit von Frauen propagiert, ist mit Vertreter*innen wie Chris­tine Lagarde und Hillary Clin­ton eine rel­e­vante Kraft. Doch in dieser Bewe­gung gewan­nen dur­chaus Strö­mungen an Kraft, die sich gegen den Neolib­er­al­is­mus und kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung stellen.

In Deutsch­land grün­dete sich bere­its 2012 das Net­zw­erk Care Rev­o­lu­tion als Zusam­men­schluss von Grup­pen und Aktivist*innen, die sich die Aufw­er­tung der Sorgear­beit und ein Ende der Krise im Sorge- und Gesund­heitssys­tem als Ziel set­zten. Gle­ichzeit­ig find­en seit eini­gen Jahren ver­mehrt Arbeit­skämpfe im prekären Gesund­heitssek­tor statt, in dem Frauen eine zen­trale Rolle spie­len.

Auch der inter­sek­tionale Fem­i­nis­mus und ver­schiedene post­struk­tu­ral­is­tis­che Strö­mungen erhiel­ten durch das Erstarken der Frauen­be­we­gung wieder einen gewis­sen Aufwind.

Jedoch existiert in der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung bei Weit­em keine Homogen­ität. Das Ziel des Fes­ti­vals, so die Beschrei­bung, war daher das Vorankom­men in der Ein­heit der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung, zwis­chen „fem­i­nis­tis­chen und queer-fem­i­nis­tis­chen Anliegen mit kon­se­quenter Kap­i­tal­is­muskri­tik und Klassen­poli­tik“.

Das Pro­gramm spiegelte den inter­na­tionalen Anspruch des Fes­ti­vals dadurch wider, dass es ver­schiedene Work­shops zu Frauen*kämpfen in anderen Län­dern gab. Auch die The­men Pflege- und Sorgear­beit nah­men einen promi­nen­ten Platz ein, eben­so wie kör­per­liche und sex­uelle Selb­st­bes­tim­mung, sowie die Frage der Ökolo­gie.

Strategische Leerstellen

Lei­der hat­ten migrantis­che und geflüchtete Aktivist*innen durch fehlende Über­set­zun­gen – die manch­mal nicht ins Deutsche getätigt wur­den — zum Teil Schwierigkeit­en, das ras­sis­tis­che Regime in Deutsch­land angemessen the­ma­tisieren zu kön­nen. Das­selbe gilt z.B. für Arbeiter*innen oder Men­schen mit Behin­derung, die ein Schlaglicht auf die struk­turellen Benachteili­gun­gen hät­ten wer­fen kön­nen.

Obwohl Frauen* aus über 40 Län­dern anwe­send waren, was den inter­na­tionalen Charak­ter der Bewe­gung wider­spiegelt, wurde unseres Eracht­ens den zen­tralen The­men Ras­sis­mus und Impe­ri­al­is­mus nicht genü­gend Raum gewährt. obwohl diese zwei der wichtig­sten Ursachen für die Frauen*unterdrückung darstellen. Dies wird auch dadurch deut­lich, dass auf die Geschichte des his­torischen Tagung­sortes, der haupt­säch­lich von Migrant*innen (den soge­nan­nten Gastarbeiter*innen, in diesem Fall meist Män­nern) aufge­baut und betrieben wurde, nicht genug Beach­tung fand. Es zeigte sich ins­ge­samt eine sehr starke Dom­i­nanz weißer, akademisch gebilde­ter Frauen* auf dem Fes­ti­val, was sich auch in ein­er Hege­monie gewiss­er The­o­rieströ­mungen erken­nen ließ.

In vie­len Work­shops und Gesprächen zeigte sich, dass der inter­sek­tionale Fem­i­nis­mus vol­lkom­men selb­stver­ständlich als Prämisse und Basis angenom­men wurde. Dieser Ansatz ist in eini­gen Län­dern momen­tan dom­i­nant, wird jedoch auch von vie­len klassenkämpferischen und rev­o­lu­tionären Feminist*innen kri­tisiert. Wie wir an ander­er Stelle aus­ge­führt haben, missver­ste­hen inter­sek­tionale Ansätze, dass Klasse in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft eine beson­dere Rolle spielt und Klassen­ver­hält­nisse anders funk­tion­ieren als andere Unter­drück­ungsmech­a­nis­men. Während der inter­sek­tionale Fem­i­nis­mus die Wirkung viel­er (gle­ich­w­er­tig wirk­enden) Unter­drück­ungsmech­a­nis­men beschreiben kann, bietet er jedoch keine Strate­gien, die den Kom­plex von Aus­beu­tungs- und Unter­drück­ungsmech­a­nis­men im Kap­i­tal­is­mus tat­säch­lich über­winden kön­nten.

Eines der High­lights des Fes­ti­vals war die Anwe­sen­heit von Cinzia Arruz­za, ein­er der Autorin­nen des Man­i­fests „Fem­i­nis­mus für die 99%“. Das Buch, das nun auch auf Deutsch erschienen ist, kri­tisiert den vorherrschen­den indi­vid­u­al­isierten Fem­i­nis­mus der let­zten Jahrzehnte, der zusam­men mit dem Neolib­er­al­is­mus zur Zer­split­terung der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung geführt hat. Auf dem Eröff­nungsplenum stellte Arruz­za die Notwendigkeit dar, diese Frag­men­tierung zu über­winden und die Per­spek­tive eines klassenkämpferischen, antichau­vin­is­tis­chen Fem­i­nis­mus neu zu beleben. Auch wenn wir eine stärkere Fokussierung auf die Kampf­per­spek­tive der Arbeiter*innenklasse und strate­gis­ches Han­deln für notwendig eracht­en, stellt das Man­i­fest einen der pro­gres­sivsten Ansätze im heuti­gen Fem­i­nis­mus dar und eröffnet neue Diskus­sio­nen. Unsere Übere­in­stim­mungen, aber auch unsere strate­gis­chen Dif­feren­zen mit dem Man­i­fest haben wir an ander­er Stelle fest­ge­hal­ten.

Lei­der fand über diesen Punkt und im All­ge­meinen zu wenig strate­gis­che Diskus­sion statt, was unter anderem am vollen Pro­gramm und an dem Konzept der Work­shops lag, die oft als Pan­els organ­isiert wur­den und dies dem Pub­likum wenig Möglichkeit­en gab, zu inter­ve­nieren.

Brot und Rosen auf dem Festival

Als sozial­is­tis­che Frauenor­gan­i­sa­tion Brot und Rosen nah­men wir am Fes­ti­val teil, und waren gemein­sam mit Schüler*innen aus der Redak­tion des DRUCK-Mag­a­zins bei ins­ge­samt drei Work­shops auf dem Podi­um vertreten. Zwei davon haben wir als Organ­i­sa­tio­nen selb­st ange­boten, auf denen wir unsere Pro­jek­te, Poli­tik und Ziele vorstell­ten. Bei einem Work­shop zu der Sit­u­a­tion von Streiks in Kranken­häusern stellte Char­lotte, Hebamme an ein­er städtis­chen Klinik und Mit­glied von Brot und Rosen, den Bezug zwis­chen Kranken­haus- und Frauen*streik her und forderte den poli­tis­chen Streik.

Die Redak­teurin­nen des DRUCK-Mag­a­zins gaben im Rah­men eines eige­nen Work­shops ihr Wis­sen über die Erstel­lung und Ver­bre­itung ein­er Schülerzeitung weit­er. Außer­dem disku­tierten sie mit den Teilnehmer*innen die Gren­zen und Poten­tiale ein­er solchen Zeitung und vor allem die Inhalte der bish­eri­gen zwei Aus­gaben.

Den Work­shop „Für Brot und Rosen! Ein Fem­i­nis­mus der Arbeiter*innen“ gestal­teten wir in Koop­er­a­tion mit der indis­chen Aktivistin Maya John, die ihre Arbeit bei der Organ­isierung von prekären Frauen* in Indi­en vorstellte und eine the­o­retis­che Kri­tik an den Schwächen des inter­sek­tionalen Fem­i­nis­mus vor­nahm. Anhand des inter­na­tionalen Man­i­fests von Brot und Rosen, dessen deutsche Aus­gabe wir ger­ade über­ar­beit­en, stell­ten wir die Hin­ter­gründe unseres Ansatzes dar und kamen mit den Teilnehmer*innen über diesen ins Gespräch.

Gruß­worte für diesen Work­shop schick­te uns Andrea D‘Atri, Grün­derin von Brot und Rosen in Argen­tinien, sowie Fer­nande, Arbei­t­erin beim Reini­gung­sun­ternehmen ONET in Paris und Pro­tag­o­nistin der dort siegre­ichen Streiks.

Wir beziehen uns auf die Erfahrun­gen aus Frauen*- und Klassenkämpfen und ziehen daraus Lehren für die heutige Poli­tik. Wir sehen es als eine Notwendigkeit an, über Strate­gien zu sprechen, da unser Ziel die Mobil­isierung der Massen ist. Wir wollen eine kämpferische Arbeiter*innenklasse, die gemein­sam mit allen Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten den patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus stürzt und eine neue, befre­ite Gesellschaft her­vor­bringt, die frei von Ras­sis­mus, Sex­is­mus, Homo- und Trans­feindlichkeit, sowie allen anderen For­men der Unter­drück­ung ist. Die Rolle der Arbeiter*innenklasse sehen wir als zen­tral für die Emanzi­pa­tion aller Geschlechter an, da sie als einzige eine Stel­lung im kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sprozess innehat, durch die das Sys­tem zum Erliegen gebracht wer­den kann. Um dies zu erre­ichen, dür­fen wir nicht über Arbeiter*innen und Migrant*innen reden, son­dern müssen dies mit ihnen tun. Deswe­gen set­zen wir uns in der Frauen*bewegung für eine klassenkämpferische Per­spek­tive ein und kämpfen zugle­ich in der Arbeiter*innenbewegung dafür, dass sie sich fem­i­nis­tis­che Forderun­gen zueigen macht.

Unsere Grup­pierung beste­ht daher auch aus Schü­lerin­nen*, Stu­dentin­nen*, Auszu­bilden­den, Geflüchteten und Arbei­t­erin­nen*. Diese Zusam­menset­zung ist essen­tiell für eine umfassende fem­i­nis­tis­che Per­spek­tive, die sich nicht nur für nationale Prob­leme inter­essiert, son­dern einen inter­na­tion­al­is­tis­chen Charak­ter aufweist, der eine bre­ite Mobil­isierung und schließlich den Auf­bau ein­er neuen Gesellschaft ermöglicht.

Fazit

Für uns war das Fes­ti­val eine wichtige und lehrre­iche Erfahrung für die Teilnehmer*innen. Es ist ein hoff­nungsvoller Aus­druck dessen, dass es in den let­zten Jahren eine starke Poli­tisierung von Frauen* gab und dass viele davon überzeugt sind, dass eine gut ver­net­zte und organ­isierte fem­i­nis­tis­che Bewe­gung die Ver­hält­nisse ändern kann und muss.

Zur Entwick­lung dahin braucht es aber nicht nur eine Poli­tisierung, son­dern auch Selb­stor­gan­isierung, unab­hängig vom Staat und seinen Insti­tu­tio­nen. Denn der Staat ist nicht Teil der Lösung, son­dern hält das patri­ar­chale Sys­tem aufrecht. Deswe­gen ist unsere Per­spek­tive eines pro­le­tarischen, anti­ras­sis­tis­chen und anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus die strate­gis­che Antwort auf Kap­i­tal­is­mus, Patri­ar­chat und Recht­sruck.

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