Frauen und LGBTI*

Feminismus für die 99 Prozent: Strategien im Widerstreit

Anfang 2018 riefen Intellektuelle aus New York dazu auf, einen „Feminismus für die 99%“ aufzubauen. Ausgehend von dieser Idee, die von der „Occupy Wall Street“-Bewegung von 2011 inspiriert wurde, schrieben Nancy Fraser, Cinzia Arruzza und Tithi Bhattacharya ein Manifest, das am 8. März dieses Jahres erschien. In diesen Tagen erscheint die deutsche Übersetzung des Manifests. Zu diesem Anlass wollen wir hier einige Überlegungen über die neue feministische Welle und die von den Autorinnen vorgeschlagene antikapitalistische Perspektive teilen.1

Feminismus für die 99 Prozent: Strategien im Widerstreit

Der Ursprung­sort des Man­i­fests für einen Fem­i­nis­mus für die 99% [for­t­an: Man­i­fest]2 ist kein Zufall: Die USA waren 2017 mit dem Women’s March eines der Epizen­tren des Wieder­au­flebens des Fem­i­nis­mus.3 Dieser brachte Mil­lio­nen von Men­schen auf die Straße, um Präsi­dent Don­ald Trump am ersten Tag sein­er Amt­szeit ent­ge­gen­zutrete. Es ist auch kein Zufall, dass das Man­i­fest zu einem Zeit­punkt erscheint, an dem sich die Debat­ten über Per­spek­tiv­en und Strate­gien inner­halb des Fem­i­nis­mus vervielfachen. Denn die Bewe­gung ste­ht an ein­er “Weg­ga­belung”, wie es auch die Autorin­nen des Man­i­fests beto­nen.

Das Man­i­fest erscheint im Kon­text der begin­nen­den Infragestel­lung der Hege­monie des lib­eralen Fem­i­nis­mus, der jahrzehn­te­lang den Diskurs über die Geschlechter­gle­ich­heit monop­o­lisiert hat, ohne die Aus­beu­tung in der Lohnar­beit oder die vielfälti­gen For­men der Unter­drück­ung in Frage zu stellen, die die Exis­tenz der Mehrheit der Frauen prä­gen.


Auf den Seit­en des Man­i­fests find­en wir die Spuren der aktuellen Epoche wieder, die vom Wieder­au­fleben des Fem­i­nis­mus und der Frauen­be­we­gun­gen geze­ich­net ist. Ihre Proteste wur­den weltweit auch zum Sprachrohr, mit dem sich die wach­sende soziale Unzufrieden­heit in den kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaften aus­drückt.

Aus unser­er Sicht liegt die Wurzel dieses Unbe­ha­gens – ins­beson­dere unter Frauen – in einem tiefen Wider­spruch in den kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaften. Dieser beste­ht zwis­chen der rel­a­tiv­en Gle­ich­heit vor dem Gesetz, die zumin­d­est bes­timmte Sek­toren erre­icht haben, und den damit ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen, die dies in der bre­it­en Masse aus­löste, ein­er­seits, und der anhal­tenden Ungle­ich­heit vor dem Leben, die sich ver­tieft und mit neuen For­men der “Ille­gal­ität” verbindet, zu der eine Vielzahl von Men­schen verurteilt ist, ander­er­seits. Dies ist beson­ders irri­tierend für eine Gen­er­a­tion von Men­schen aus den großen Metropolen, die mit der Ausweitung von Recht­en und ein­er wach­senden Anzahl von Maß­nah­men, die die Gle­ich­stel­lung der Geschlechter erre­ichen soll­ten, aufgewach­sen sind.

Dies ist ein Wider­spruch, der schon in den Jahrzehn­ten des Neolib­er­al­is­mus ent­standen ist, den aber erst die Wirtschaft­skrise, die 2008 aus­brach, ans Licht zer­rte. Die Krise erre­ichte zwar nie ein so krass­es Niveau wie der Crash von 1929, dauert dafür aber seit mehr als einem Jahrzehnt an. Durch die Wirtschaft­skrise entwick­el­ten sich Ele­mente der sozialen Krise, während zugle­ich die poli­tis­chen Regime selb­st immer mehr an Legit­im­ität ver­loren. Diese Sit­u­a­tion trieb die neue Welle des Fem­i­nis­mus an, die ein Unwohl­sein aus­drückt, welch­es über die jew­eili­gen kon­junk­turellen Forderun­gen hin­aus geht.

Antineoliberal sind wir (fast) alle. Aber wer ist antikapitalistisch?

Diese organ­is­che Krise stellte die Hege­monie der neolib­eralen Erzäh­lung in Frage. Sie legte offen, dass eine Min­der­heit im obszö­nen Reich­tum lebt, auf Kosten von immer mehr Mil­lio­nen von Men­schen, die ins Elend gestoßen wer­den. Im Jahr 2011 lösten erst die spanis­che 15M-Bewe­gung mit ihrem Slo­gan „Wir sind keine Waren in den Hän­den der Politiker*innen und Bankiers“ und dann die „Occu­py Wall Street“-Bewegung, die rief „Wir sind die 99%, ihr seid die 1%“, die ersten poli­tis­chen Demon­stra­tio­nen ein­er Gen­er­a­tion aus, die sich der Tat­sache bewusst wurde, dass sie schlechter leben würde als ihre Eltern.

Seit 2015 mobil­isierten sich massen­haft Frauen, unter denen eine – zunehmend aktive – Min­der­heit zu erken­nen begin­nt, dass die Geschlechterun­gle­ich­heit nicht getren­nt von der glob­alen Ungle­ich­heit, die durch den Kap­i­tal­is­mus entste­ht, ver­standen wer­den kann. Diese Idee wird immer ein­flussre­ich­er, auch wenn noch keine ein­heitlichen Def­i­n­i­tio­nen existieren. Meis­tens zie­len die Fem­i­nis­men, die sich selb­st als “antikap­i­tal­is­tisch” beze­ich­nen, ger­ade so gegen die schlimm­sten Fol­gen neolib­eraler Poli­tik, aber sie nehmen sich nicht vor, das Sys­tem als Ganzes zu stürzen. Was immer offen­sichtlich­er wird, ist die Ohn­macht des lib­eralen Fem­i­nis­mus, Antworten auf die Prob­leme und Ansprüche der Mehrheit der Frauen zu geben. Umso mehr zeigt sich seine Kom­plizen­schaft mit dem Sys­tem darin, zu legit­imieren, dass Frauen Macht­po­si­tio­nen inner­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien beset­zen und somit sie es wer­den, die die Aus­beu­tung mitver­wal­ten.4

Auf diese Analyse stützt sich das Man­i­fest und schreibt: „Ein antikap­i­tal­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus ist heute denkbar gewor­den, unter anderem weil die poli­tis­chen Eliten weltweit ihre Glaub­würdigkeit ver­lieren.“5 Und sie schla­gen vor, diesen Fem­i­nis­mus, verkör­pert von Hillary Clin­ton, von links her­auszu­fordern: „Das vom Nieder­gang des Lib­er­al­is­mus hin­ter­lassene Vaku­um bietet uns die Möglichkeit, einen neuen Fem­i­nis­mus zu entwick­eln…“6 [Die Her­vorhe­bung ist unsere, später wer­den wir auf dieses Wort zurück­kom­men]. Sie nehmen sich vor, „den Weg zu kartieren, dem es zu fol­gen gilt, um eine gerechte Gesellschaft her­beizuführen“ und zu erk­lären, „weshalb unsere Bewe­gung die eines Fem­i­nis­mus für die 99 Prozent wer­den muss”7.

Übereinstimmungen, Differenzen und das, was nicht benannt wird

Das Man­i­fest entwick­elt in seinen ver­schiede­nen, als The­sen geord­neten Kapiteln Def­i­n­i­tio­nen, die wir teilen: über die kap­i­tal­is­tis­che Krise; über die Wurzeln der geschlechtsspez­i­fis­chen Gewalt und gegen puni­tivis­tis­che – also strafende – Lösun­gen; über die Nor­mal­isierung und Reg­ulierung der Sex­u­al­ität im Kap­i­tal­is­mus und die Notwendigkeit, sie zu befreien. Wir teilen auch die Kri­tik an der ras­sis­tis­chen und kolo­nialen Gewalt, die schon im Ursprung des Kap­i­tal­is­mus zu find­en ist, sowie die Per­spek­tive, dass dieser zur Zer­störung des Plan­eten führt. Angesichts dessen schlägt das Man­i­fest einen anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen, ökosozial­is­tis­chen und inter­na­tion­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus vor.

Der Wider­hall, den das Man­i­fest auf inter­na­tionaler Ebene aus­gelöst hat, ist von großer Bedeu­tung für diejeni­gen von uns, die seit Jahrzehn­ten eine antikap­i­tal­is­tis­che, sozial­is­tis­che und rev­o­lu­tionäre fem­i­nis­tis­che Strö­mung auf­bauen, die sich gegen die hege­mo­ni­ale Posi­tion des lib­eralen tech­nokratis­chen Fem­i­nis­mus richtet. Denn dieser deutete die emanzi­pa­torischen Kämpfe um zu einem schrit­tweisen Weg zu mehr rechtlich­er Gle­ich­heit. Der lib­erale Fem­i­nis­mus beschränkt sich auf den Ein­satz für die Ausweitung von Recht­en inner­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Demokratie und ermöglicht so nur die mer­i­tokratis­che und indi­vidu­elle Entwick­lung einiger weniger. Und der Wider­hall ist auch wichtig für diejeni­gen von uns, die aus ein­er Min­der­heit­en­po­si­tion her­aus in der Lage waren, sich gegen die macht­lose Antwort des Post­fem­i­nis­mus zu stellen. Dieser räumte der Dekon­struk­tion, d.h. der Infragestel­lung der eige­nen Priv­i­legien, Pri­or­ität ein, als ob die struk­turelle und sys­tem­a­tis­che Unter­drück­ung bes­timmter Grup­pen durch eine (indi­vidu­elle) Änderung des eige­nen Bewusst­seins grundle­gend bekämpft wer­den kön­nte.

Das Man­i­fest stellt demge­genüber in den Mit­telpunkt, dass die Unter­drück­ung der Frauen im kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem struk­turell ist und dass der Ausweg daher nur eine radikale und kollek­tive Trans­for­ma­tion sein kann. Es ist vielver­sprechend, dass ger­ade dieses Man­i­fest eine große Beach­tung auf weltweit­er Ebene gefun­den hat.

Aber wie wollen die Autorin­nen diese Trans­for­ma­tion in Gang brin­gen? Um die Sit­u­a­tion an der Wurzel zu ändern, sagt das Man­i­fest, dass „der Fem­i­nis­mus für die 99 Prozent darauf ab[zielt], beste­hende und zukün­ftige Bewe­gun­gen zu einem bre­it angelegten, glob­alen Auf­s­tand zu einen“.8

Das ist alles, es wird nicht viel mehr darüber gesagt. Das lässt uns glauben, dass die Autorin­nen ein unbe­gren­ztes Ver­trauen in die Macht der sozialen Bewe­gun­gen set­zen. Als ob es nicht notwendig wäre, die Kon­fronta­tion mit dem (kap­i­tal­is­tis­chen) Staat vorzu­bere­it­en – was im Man­i­fest eine große Leer­stelle ist –, welch­er nicht nur das Gewalt­monopol besitzt, son­dern auch über die ver­schieden­sten Mech­a­nis­men zur Koop­tierung und Assim­i­lierung dieser Bewe­gun­gen ver­fügt.

Dies ist keine Kleinigkeit: Während einige sich soziale Verän­derun­gen nur als Folge der Ver­wal­tung staatlich­er Ressourcen oder der par­la­men­tarischen Arbeit, d.h. als Refor­men, vorstellen kön­nen, gibt es andere, die das Soziale ide­al­isieren und den poli­tis­chen Kampf für unwichtig hal­ten. Aber immer wenn die radikalen sozialen Bewe­gun­gen, die sich eine gesellschaftliche Trans­for­ma­tion vorgenom­men haben, den Kampf in der poli­tis­chen Are­na ger­ingschätzten, ließen sie es lei­der am Ende immer zu, dass reak­tionäre und reformistis­che Sek­toren diesen Raum monop­o­lisierten.

Was sind also die vor­bere­i­t­en­den Auf­gaben eines Fem­i­nis­mus für die 99%, damit er sein Ziel auch tat­säch­lich erre­ichen kann? Die Autorin­nen deuten in ihrer elften These eine Antwort an: „Wir müssen uns vor allem auch mit den linken, antikap­i­tal­is­tis­chen Strö­mungen jen­er Bewe­gun­gen ver­bün­den, die eben­falls für die 99 Prozent ein­treten. Durch diese Herange­hensweise stellen wir uns offen gegen die bei­den poli­tis­chen Haup­top­tio­nen, die das Kap­i­tal heute bietet. Wir lehnen nicht nur den reak­tionären Pop­ulis­mus ab, son­dern auch den fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus.9 [Die Her­vorhe­bung ist unsere.]

Anders als die Autorin­nen sind wir nicht der Ansicht, dass es in der Poli­tik ein Vaku­um gibt, wie sie es auf den ersten Seit­en dar­legen. Die Real­ität zeigt, dass sich angesichts der Krise der neolib­eralen Hege­monie nicht nur der reak­tionäre Pop­ulis­mus als Alter­na­tive präsen­tiert, son­dern auch andere poli­tis­che Optio­nen ent­standen sind, die eben­so die kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien stützen und die selt­samer­weise im Man­i­fest nicht erwäh­nt wer­den. Wir beziehen uns hier auf den Linkspop­ulis­mus oder den Neo­re­formis­mus, wie beispiel­weise Syriza in Griechen­land, die – ein­mal an der Macht – die Kürzungspläne der Europäis­chen Union gegen das griechis­che Volk durch­set­zten, oder Podemos im Spanis­chen Staat, die ein­mal Hoff­nungsträger der “Empörten” waren und dann zu ein­er Stütze des Regimes wur­den und die sozialimpe­ri­al­is­tis­che PSOE (die Par­tido Social­ista Obrero Español, spanis­che sozialdemokratis­che Partei, A.d.Ü.) anfle­ht­en, eine Koali­tion­sregierung zu bilden.

Das sind keine Einzel­beispiele: Angesichts des Recht­spop­ulis­mus von Trump und Co. und der Wieder­be­waffnung des „fortschrit­tlichen“ Neolib­er­al­is­mus, wird derzeit eine dritte Option aus­pro­biert, die sich bei all ihren Unter­schieden in fast allen Bre­it­en­graden als Linkspop­ulis­mus oder als die „Wahl des kleineren Übels“ darstellt.

Die Autorin­nen des Man­i­fests fra­gen in These 4: „Wird es den Prof­itjägern gelin­gen, die gesellschaftlichen Wider­sprüche des Kap­i­tal­is­mus in neue Gele­gen­heit­en zur Akku­mu­la­tion pri­vat­en Wohl­stands umzumünzen? Wer­den sie bedeu­tende Strö­mungen der fem­i­nis­tis­chen Rebel­lion für sich vere­in­nah­men, wer­den sie die Geschlechter­hier­ar­chie neu organ­isieren? Oder wird ein Masse­nauf­s­tand gegen das Kap­i­tal endlich zum ‘Griff des [im Zug] reisenden Men­schengeschlechts nach der Not­bremse’?“10

Die Antworten kön­nen wir nicht vorherse­hen, denn nichts davon wird durch die ein­fache Entwick­lung der Ereignisse entste­hen, son­dern durch den Kampf von lebendi­gen Kräften. Es han­delt sich um den Kampf der Bewe­gun­gen, den Klassenkampf; aber auch um den poli­tis­chen Kampf, den wir heute führen müssen, indem wir diejeni­gen ent­lar­ven, die sich als kleinere Übel darstellen. Sie repräsen­tieren das fre­undlich­ste Gesicht der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien angesichts der Dele­git­imierung der tra­di­tionellen Vari­anten der kap­i­tal­is­tis­chen Regime. Es ist eine Auf­gabe des Augen­blicks, darauf hinzuweisen, dass sie sich darauf vor­bere­it­en, „bedeu­tende Strö­mungen der fem­i­nis­tis­chen Rebel­lion für sich [zu] vere­in­nah­men“, um zu ver­mei­den, dass wirk­lich eine Rebel­lion und noch weniger ein „Masse­nauf­s­tand gegen das Kap­i­tal“ entste­ht.

Obwohl das Man­i­fest eine explizite Posi­tion­ierung zu diesem poli­tis­chen Sek­tor aus­lässt, haben zwei sein­er Autorin­nen bere­its in öffentlichen Erk­lärun­gen angekündigt, dass sie – mit mehr oder weniger großem Unbe­ha­gen – für Bernie Sanders stim­men wer­den. Dieser nimmt mit einem Diskurs von Umverteilung und „Sozial­is­mus“ als Kan­di­dat der blutrün­sti­gen Demokratis­chen Partei an den US-amerikanis­chen Wahlen teil. Als ob der Charak­ter des US-Impe­ri­al­is­mus „von innen her­aus“ verän­dert wer­den kön­nte, während in Wirk­lichkeit das Gegen­teil der Fall ist: Es ist bere­its bewiesen, dass das Sys­tem am Ende die charis­ma­tis­chsten Anführer*innen inte­gri­ert und damit die Bewe­gun­gen assim­i­liert, die sich auf sie beziehen.

Darüber hin­aus – wie die Autorin­nen des Man­i­fests sehr wohl wis­sen – sind diese 99%, die die Linkspop­ulis­men den Recht­en an den Wahlur­nen stre­it­ig machen wollen, kein homo­genes “Volk”, son­dern eine abstrak­te Kon­struk­tion, die Besitzer*innen von kleinerem und mit­tlerem Kap­i­tal eben­so ein­schließt, wie diejeni­gen, die his­torisch von den großen, mit­tleren und kleinen Kapitalist*innen enteignet wer­den; es gehören dazu auch Beschäftigte gehoben­er Schicht­en, deren Einkom­men so groß ist, dass sie Eigen­tum akku­mulieren kön­nen und ein sehr hohes Kon­sum­niveau erre­ichen, während sie die schlecht bezahlte Arbeit von Babysitter*innen, Fahrer*innen und Köch*innen ohne Papiere aus­beuten.

Die Inter­essen der Klein­bour­geoisie oder der nationalen Bour­geoisie – die den großen Konzen­tra­tio­nen des Finanzkap­i­tals unter­ge­ord­net sind und manch­mal auch darunter lei­den, aber trotz­dem let­ztlich von der Aus­beu­tung der Arbeit ander­er leben –, kön­nen nicht mit den Inter­essen der arbei­t­en­den Frauen in ein­er ein­heitlichen poli­tis­chen Per­spek­tive gegen die “1%” vere­int wer­den.

Denn anders als in der Math­e­matik gibt es in der Poli­tik Men­gen, deren Summe am Ende geringer ist. Und das geschah nicht nur in Sanders Wahlkam­pagne, son­dern auch in Argen­tinien, wo unter der Schirmherrschaft des Vatikans ein großer Teil der pro­gres­siv­en, Zen­trums- und recht­en Oppo­si­tion sich in ein­er „Front aller“ gegen die Regierung von Macri vere­inen. In bei­den Fällen ver­suchen sie, wie in so vie­len anderen Län­dern, die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung klein­bürg­er­lichen oder bürg­er­lichen poli­tis­chen Parteien unterzuord­nen (sog­ar impe­ri­al­is­tis­chen oder solche unter großem Ein­fluss der Kirche!), die darum kämpfen wer­den, das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem zu erhal­ten, gegen und trotz der Frauen.11

Im Gegen­satz dazu sind wir der Mei­n­ung, dass die Auf­gabe eines antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­mus in naher Zukun­ft darin beste­ht, klar zu unter­schei­den, wer unsere Ver­bün­de­ten und wer unsere Feinde sind.

Feministischer Streik: eine Brücke zwischen Identitäts- und Klassenpolitik?

Die Meta­pher der 99% fußt auf der Atom­isierung und Frag­men­tierung der aus­ge­beuteten Klassen und der unter­drück­ten Sek­toren während der Jahrzehnte der neolib­eralen Offen­sive. Dies ist eine Tat­sache, aber es ist eben­so zu erwäh­nen, dass die kap­i­tal­is­tis­che Restau­ra­tion nicht nur das Gesicht der lohn­ab­hängi­gen Klasse verän­dert hat, son­dern dass sie auch die Lohnar­beit selb­st weltweit auf ein bis dahin unbekan­ntes Aus­maß aus­gedehnt hat.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Kap­i­tal­is­mus machen Frauen etwa 47% dieser riesi­gen sozialen Klasse aus, und sind dabei weit­er­hin diejeni­gen, die für die unbezahlte Repro­duk­tion­sar­beit in den indi­vidu­ellen Haushal­ten hauptver­ant­wortlich sind. Wirk­lich neu und her­aus­fordernd ist jedoch, dass aktuell 1,3 Mil­liar­den Frauen (54% der Frauen im erwerb­s­fähi­gen Alter) am Arbeits­markt12 teil­nehmen. Sie verän­dern damit drastisch das Erschei­n­ungs­bild dieses „weißen männlichen Pro­le­tari­ats“, das nur noch in der Nos­tal­gie der ver­rä­ter­ischen Gew­erkschafts­bürokra­tien über­lebt.

Es scheint uns, dass diese Verän­derun­gen in der Zusam­menset­zung der Klasse, die gesellschaftlich in der Mehrheit ist (aber nicht abso­lut alle ein­schließt), sich darin aus­drückt, dass die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung den Begriff „Streik“ über­nom­men hat, die tra­di­tionelle Kampfmeth­ode der Arbeiter*innenbewegung. Denn auch wenn die Mehrheit der fem­i­nis­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen sich dies nicht vorn­immt13, ist die Losung „Streik“ doch ein Werkzeug dafür, dass der Fem­i­nis­mus – als eine klassenüber­greifende und noch immer über­wiegend städtis­che Bewe­gung, in der die aufgek­lärten Sek­toren des Klein­bürg­er­tums die poli­tis­che und ide­ol­o­gis­che Hege­monie ausüben – einen neuar­ti­gen Dia­log mit immer bre­it­er wer­den Sek­toren von Lohnar­bei­t­erin­nen begin­nt.

Es ist auch eine Waffe, mit der diese Arbei­t­erin­nen die bürokratisierten Gew­erkschafts­führun­gen her­aus­fordern kön­nen, indem sie von ihnen ver­lan­gen, entsch­ieden für die Forderun­gen ein­er immer größeren Mehrheit der Basis einzutreten. Denn bish­er müssen sie sich vor allem außer­halb der Gew­erkschaften mobil­isieren, um ihren Forderun­gen Gehör zu ver­schaf­fen, und oft haben sie noch nicht ein­mal das Recht, sich an Gew­erkschaften zu beteili­gen.

Wir sind der Ansicht, dass die „Neuerfind­ung“ des Streiks, von der im Man­i­fest geschrieben wird, nicht dadurch stat­tfind­et, dass alle möglichen fem­i­nis­tis­chen Aktio­nen so genan­nt wer­den. Es bedeutet auch nicht, darauf zu beste­hen, alle möglichen Auf­gaben aus dem „großzügi­gen Begriff davon, was zum The­ma Arbeit gehört“ zu ver­weigern. Die Autorin­nen ver­mis­chen hier ver­wor­ren den Hausar­beitsstreik mit dem Bestreiken von „Sex­u­al­ität und […] ein­er stets fre­undlichen Miene“14. Lor­na Fin­layson sagt über die Gren­zen dieser Art von Streiks: „Der Entzug von bezahlter Arbeit trifft den Kap­i­tal­is­ten in der Form dauer­haft ver­loren­er Gewinne. Der Entzug von unbezahlter Repro­duk­tion­sar­beit ist weniger unmit­tel­bar. Wenn die Arbeit die Form von Sorge für schutzbedürftige Andere, wie Kinder oder ältere Ver­wandte, annimmt, ist der Entzug möglicher­weise keine annehm­bare Option. Im Fall von Arbeit, die keine Frage von Leben und Tod ist – Waschen oder Saugen – wird die Frau es entwed­er später tun, oder jemand anderes wird es übernehmen. Oder nie­mand tut es, und die Woh­nung wird ein biss­chen schmutziger. Besten­falls wird ein Ehe­mann oder Fre­und durch Scham dazu gedrängt, etwas zu tun, was nor­maler­weise die Frau tut. Der Kap­i­tal­ist lei­det nicht, er merkt es nicht ein­mal.”15

Stattdessen müssen wir diese neue Beanspruchung der Meth­ode des Streiks dazu nutzen, die Arbei­t­erin­nen in ihrer Kon­fronta­tion mit den Bossen, dem Staat und der Gew­erkschafts­bürokratie zu stärken, wenn sie, wie es das Man­i­fest beschreibt, „weit davon ent­fer­nt, sich nur auf Löhne und Arbeit­szeit­en zu beschränken, […] auch sex­uelle Beläs­ti­gung und Über­griffe, Ver­hält­nisse, die der repro­duk­tiv­en Gerechtigkeit im Wege ste­hen, sowie Beschränkun­gen des Streikrechts“16 the­ma­tisieren.

Die gegen­wär­tige Auf­gabe eines antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­mus sollte es sein, in den Gew­erkschaften dafür zu kämpfen – vor allem in den beson­ders weib­lich geprägten Pro­duk­tions- und Dien­stleis­tungssek­toren –, das zu vere­inen, was die Bürokratie spal­tet. Aber im Man­i­fest, das von der Arbeiter*innenklasse, dem Streik, dem Antikap­i­tal­is­mus und dem Klassenkampf spricht, wird die Gew­erkschafts­bürokratie nicht ein­mal erwäh­nt, und gefährlicher­weise wird den Gew­erkschaften als Ganzes die kor­po­rat­stis­che17, ökon­o­mistis­che und zer­set­zende Poli­tik der Gew­erkschafts­führun­gen zugeschrieben.

Die Organ­i­sa­tio­nen der lohn­ab­hängi­gen Klasse aus den Hän­den dieser Bürokratie zurück­zuer­obern, damit sie echte demokratis­che Organe der gesamten Klasse wer­den, die die ver­schieden­sten Spal­tun­gen – z.B. zwis­chen Ein­heimis­chen und Migrant*innen, zwis­chen Män­nern und Frauen, zwis­chen unbe­fris­tet und befris­tet Beschäftigten, zwis­chen denen mit Recht auf gew­erkschaftliche Organ­i­sa­tion und denen ohne dieses Recht – nicht ver­stärken, son­dern bekämpfen, ist eben­falls eine vor­bere­i­t­ende Auf­gabe. Diese Insti­tu­tio­nen, die eine lange Geschichte inner­halb der Arbeiter*innenbewegung haben, wür­den aus­ge­hend von dieser Per­spek­tive den Streik viel effek­tiv­er machen. Sie kön­nten eine Brücke zwis­chen der lohn­ab­hängi­gen Klasse und der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung her­stellen, die seit fast einem Jahrhun­dert abge­brochen ist. Aber so sehr sich das Man­i­fest vorn­immt, einige Instru­mente in diesem Sinne zur Ver­fü­gung zu stellen, basiert es auf der Nega­tion ein­er Strate­gie, die dies möglich machen würde.

Für eine klassenkämpferische, antikapitalistische, revolutionäre und sozialistische Strategie

Obwohl es erst im Nach­wort weit­er aus­ge­führt wird, wird von der ersten These an sicht­bar, dass die Autorin­nen dieses Man­i­fest inner­halb des konzep­tionellen Rah­mens der The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion entwick­eln. Sie weisen darauf hin, dass die Fest­stel­lung, der Kap­i­tal­is­mus funk­tion­iere durch die Aneig­nung von Mehrw­ert, unvoll­ständig sei und dass es „eine Wahrheit [gibt], die der Kap­i­tal­is­mus zu ver­dunkeln ver­sucht: Die ent­lohnte Arbeit des Plus­machens kön­nte es ohne die (über­wiegend) nicht ent­lohnte Arbeit des Men­schen­machens nicht geben. Insofern verdeckt die kap­i­tal­is­tis­che Insti­tu­tion der Lohnar­beit noch etwas anderes als den Mehrw­ert. Sie verdeckt auch die Spuren ihrer eige­nen Entste­hung: jene gesellschaftlich-repro­duk­tive Arbeit, die ihre Möglichkeits­be­din­gung ist”.18

Für die Autorin­nen ist die gegen­wär­tige kap­i­tal­is­tis­che Krise grund­sät­zlich eine Krise der sozialen Repro­duk­tion. Sie beschreiben mit diesem Konzept nicht nur die bere­its erwäh­nte unbezahlte Hausar­beit, son­dern auch die Dien­stleis­tungssek­toren, die die soziale Repro­duk­tion garantieren, indem sie Lohnar­beit aus­beuten, und zwar vor allem die von Frauen (in Gesund­heit, Bil­dung, etc.). Ein drit­ter Aspekt dieser Krise der sozialen Repro­duk­tion bet­rifft das Ver­hält­nis, welch­es der Impe­ri­al­is­mus zwis­chen Frauen mit besseren Löh­nen und in akademis­chen Berufen in den Metropolen und den Migran­tinnen und von Ras­sis­mus betrof­fe­nen Frauen schafft. Denn erstere „befreien“ sich von der Hausar­beit, indem sie let­ztere unter prekären Bedin­gun­gen für sich arbeit­en lassen. Diese wiederum delegieren die Arbeit der Repro­duk­tion ihrer eige­nen Haushalte an andere, deren Platz in dieser Kette noch ver­wund­bar­er ist: Mäd­chen oder ältere Frauen, die sich um Geschwis­ter oder Enkelkinder küm­mern, putzen und kochen, ohne jegliche Vergü­tung.

Gegen jede plumpe Reduk­tion des Marx­is­mus auf seine ökon­o­mistis­chen und syn­dikalis­tis­chen Ver­sio­nen erscheint uns diese Per­spek­tive äußerst wichtig. Wir sind eben­so, wie die Autorin­nen des Man­i­fests, der Mei­n­ung, dass die Arbeiter*innenklasse nicht nur aus denen beste­ht, die „in Fab­riken oder Berg­w­erken“ arbeit­en. Es gehören eben­so zur Arbeiter*innenklasse „jene, die auf den Feldern oder in Pri­vathaushal­ten arbeit­en; in Büros, Hotels und Gast­stät­ten; in Kranken­häusern, in Kitas und an Schulen; im öffentlichen Dienst und in der Zivilge­sellschaft; das Prekari­at, Erwerb­slose und jene, deren Arbeit nicht ent­lohnt wird.”19

Aber während wir in der sozi­ol­o­gis­chen Beschrei­bung der Arbeiter*innenklasse keine großen Unter­schiede sehen, sehen wir entschei­dende Stre­it­punk­te in den poli­tis­chen Def­i­n­i­tio­nen, die sich daraus ergeben.

Erstens, weil ihr the­o­retis­ch­er Aus­gangspunkt die Autorin­nen zu der Behaup­tung führt, dass all diese Sek­toren, die die Arbeiter*innenklasse aus­machen, „eben­so zen­tral“20 sind, wenn es um die Möglichkeit geht, das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem her­auszu­fordern und tief­greifend zu verän­dern. Und daraus leit­en sie ab, dass „der Klassenkampf auch Kämpfe um die gesellschaftliche Repro­duk­tion bein­hal­tet”21. Als Beispiele führen sie die Kämpfe um kosten­lose Bil­dung, um Wohn­raum oder öffentlichen Nahverkehr an. Mehr noch, sie sagen, dass diese Kämpfe heute “der avancierteste Teil von Pro­jek­ten [sind], die das Poten­zial haben, die Gesellschaft von Grund auf zu verän­dern.”22

Im Gegen­satz dazu sind wir der Mei­n­ung, dass die Arbeiter*innenklasse an diesen Bewe­gun­gen nur aufgelöst als „Masse der Bürg­erin­nen und Bürg­er“ teil­nimmt, weil ihre Gew­erkschafts­führun­gen ver­hin­dern wollen, dass die Klasse die gerecht­fer­tigten Forderun­gen bre­it­er Sek­toren in einen antikap­i­tal­is­tis­chen Kampf über­führt. Und dafür han­deln die Gew­erkschafts­bürokra­tien auch im Ein­klang mit den poli­tis­chen Führun­gen ander­er Klassen und Sek­toren, die auch an den sozialen Bewe­gun­gen teil­nehmen, und ver­suchen, die Forderun­gen der Bewe­gun­gen in die poli­tis­chen Parteien des Regimes zu kanal­isieren, um jegliche Radikalisierung zu ver­mei­den.

Die Autorin­nen des Man­i­fests behaupten dage­gen in ihrer elften These über die indus­trielle Lohnar­beit: „Behar­rt man auf ihrem Pri­mat, dann fördert man damit nicht etwa die Klassen­sol­i­dar­ität, son­dern man schwächt sie.“23

Um den Kap­i­tal­is­mus zu stürzen, bedarf es aber der Kampfkraft jen­er Sek­toren, die an den wichtig­sten Hebeln der Pro­duk­tion und der Dien­stleis­tun­gen sitzen, wo die Real­isierung kap­i­tal­is­tis­ch­er Gewinne ermöglicht wird. Und selb­stver­ständlich müssen diese Sek­toren (in denen heute viel mehr Frauen beschäftigt sind als noch vor weni­gen Jahrzehn­ten) ein Bünd­nis mit allen anderen einge­hen, die vom Kap­i­tal­is­mus unter­drückt wer­den.

Deshalb hal­ten wir es für eine Auf­gabe eines Fem­i­nis­mus, der sich als antikap­i­tal­is­tisch ver­ste­ht, gegen die kor­po­ratis­tis­chen Führun­gen der Arbeiter*innenbewegung zu kämpfen. Sie zemen­tieren die willkür­liche Tren­nung zwis­chen den ökonomis­chen Forderun­gen der Lohn­ab­hängi­gen und den demokratis­chen Forderun­gen, die die bre­it­en Massen betr­e­f­fen, die let­ztlich funk­tion­al für den Kap­i­tal­is­mus ist. Aber es ist auch notwendig, gegen die (eben­so kor­po­ratis­tis­chen) Führun­gen der sozialen Bewe­gun­gen zu kämpfen. Denn indem sie die Kampfkraft dieser konzen­tri­erten Sek­toren der Arbeiter*innenklasse gegen das Kap­i­tal leug­nen, ver­suchen sie, den demokratis­chen Kämpfen eine begren­zte reformistis­che Per­spek­tive aufzuzwin­gen, die im Kon­text der Krise immer utopis­ch­er wird.

Mit anderen Worten: Der antikap­i­tal­is­tis­che Fem­i­nis­mus ist ein Fem­i­nis­mus von und für die Arbeiter*innenklasse – das heißt, von und für das soziale Sub­jekt, dem der Kap­i­tal­is­mus eine Posi­tion zuweist, die von strate­gis­ch­er Bedeu­tung für seine Funk­tion­sweise ist (und von der aus dieses Sub­jekt Allianzen schmieden kann). Son­st wird der Fem­i­nis­mus sich am Ende in eine Bewe­gung auflösen, die nicht in der Lage ist, den Hor­i­zont der Refor­men zu über­schre­it­en. Damit dieses objek­tiv rev­o­lu­tionäre Poten­tial der konzen­tri­erten Sek­toren der lohn­ab­hängi­gen Klasse sich ver­wirk­licht, muss sich in ihnen natür­lich erst eine tat­säch­liche und bewusste Bere­itschaft her­aus­bilden, selb­st Sek­toren ander­er vom Kap­i­tal unter­drück­ter Klassen anzuführen.

Dies zu erre­ichen, ist auch eine vor­bere­i­t­ende Auf­gabe. Denn anders als zur Zeit der Entste­hung der fem­i­nis­tis­chen Welle der 70er Jahre, die Teil eines Prozess­es der sozialen und poli­tis­chen Radikalisierung auf dem ganzen Plan­eten war, ist heute noch eine reformistis­che Per­spek­tive vorherrschend. Wir sind jedoch nicht pes­simistisch, denn neue Phänomene des Klassenkampfes und neue poli­tis­che Phänomene, die einen inter­na­tionale Charak­ter haben (wie diese neue fem­i­nis­tis­che Welle), kön­nen Vor­boten ein­er neuen Etappe sein.

Wenn der antikap­i­tal­is­tis­che Fem­i­nis­mus nicht nur den Ereignis­sen zuschauen möchte, son­dern entschlossen in die Real­ität ein­greifen will, um sie zu verän­dern, hat er heute die Auf­gabe, einen poli­tis­chen und ide­ol­o­gis­chen Kampf zu führen, damit ein großer Teil der Bewe­gung eine rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive annimmt und sich so auf zukün­ftige Ereignisse vor­bere­it­et.

Ein strate­gis­ch­er Marx­is­mus – the­o­retisch und poli­tisch, in Oppo­si­tion zu allen ökon­o­mistis­chen Strö­mungen, die ihn zu ein­er bru­tal­en und total­itären Karikatur sein­er selb­st gemacht haben – ste­ht vor der großen Her­aus­forderung, nicht nur elo­quente Analy­sen über den patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus zu erar­beit­en, wie diejeni­gen, die im Man­i­fest veröf­fentlicht sind. Er muss auch strate­gis­che Hypothe­sen wagen und eine Organ­i­sa­tion auf­bauen, damit die Unter­drück­ten und Aus­ge­beuteten aller Geschlechter, wenn die Umstände es ermöglichen, vom Wider­stand zum Sieg überge­hen kön­nen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Con­tra­pun­to, der Son­ntagsaus­gabe von IzquierdaDiario.es.

Fußnoten

1 Wir bedanken uns für die kri­tis­che Lek­türe durch Genossin­nen unser­er inter­na­tionalen Strö­mung, deren Kom­mentare zen­tral für den Entste­hung­sprozess dieses Artikels waren.

2 C. Arruz­za, T. Bhat­tacharya und N. Fras­er, Fem­i­nis­mus für die 99% — Ein Man­i­fest, https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/feminismus-fuer-die-99-ebook.html (erscheint auf deutsch voraus­sichtlich am 2.8.2019)

3 Die wach­sende Sicht­bar­ma­chung der sex­is­tis­chen Gewalt – Fem­i­nizide, sex­u­alle Beläs­ti­gung, Straf­frei­heit für die Beschuldigten und Vic­tim Blam­ing der Betrof­fe­nen – warn in anderen Län­dern der Motor der Mehrheit der Massen­proteste, die von Frauen ange­führt wur­den, wie in Argen­tinien (Ni Una Menos 2015), Ital­ien (Non una di meno, 2016) oder dem Spanis­chen Staat (Yo sí te creo, 2018). Dies drück­te sich aber auch in Kam­pag­nen in den sozialen Net­zw­erken aus, wie in den USA (#MeToo, 2017) oder in Frankre­ich (#Bal­ance­Ton­Porc, 2017). Gle­ichzeit­ig ent­standen andere Mobil­isierun­gen aus dem Wider­stand gegen Ein­schränkun­gen des Rechts auf Abtrei­bung (Polen, 2016), dem Protest gegen die Loh­nun­gle­ich­heit (Island, 2018) oder aus dem Kampf für das Recht auf Abtrei­bung (Argen­tinien, 2018), die zu Masse­nak­tio­nen führten, die von Frauen organ­isiert wur­den.

4 Für eine Lek­türe über den Fem­i­nis­mus in den Jahrzehn­ten des Neolib­er­al­is­mus siehe Andrea D’A­tri und Lau­ra Lif, Die Emanzi­pa­tion der Frauen in Zeit­en der weltweit­en Krise.

5 Arruz­za, Bhat­tacharya und Fras­er, a.a.O., S. 13.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 75.

9 Ebd., S. 72.

10 Ebd., S. 31.

11 Wir erwäh­nen das Beispiel Argen­tinien, weil es ein­er der Orte ist, an dem sich die Mobil­isierun­gen der Frauen in den let­zten Jahren am meis­ten entwick­elt haben (Ni una Menos, Kampf für die Legal­isierung der Abtrei­bung) und der deshalb von den Autorin­nen des Man­i­fests als inspiri­eren­des Beispiel genan­nt wird.

12 Erwerb­squote, Frauen (Prozent der weib­lichen Bevölkerung zwis­chen 15 und 64), nach Dat­en der Welt­bank, ver­füg­bar unter https://data.worldbank.org/.

13 Außer im Spanis­chen Staat, wo es mit dem fem­i­nis­tis­chen Streik am let­zten 8. März geschafft wurde, dass die große Mehrheit der Gew­erkschaften sich dem Streik anschloss.

14 Arruz­za, Bhat­tacharya und Fras­er, a.a.O., S. 17.

15 Fin­layson, L., “Trav­el­ling in the Wrong Direc­tion”, in Lon­don Review of Books, Vol. 41 Nº 13, 4. Juli 2019. Eigene Über­set­zung.

16 Arruz­za, Bhat­tacharya und Fras­er, a.a.O., S. 18.

17 A.d.Ü.: Gemeint sind Mod­elle der organ­isierten Klassen­zusam­me­nar­beit durch insti­tu­tionelle Abkom­men inner­halb des Regimes, wie zum Beispiel die deutsche Sozial­part­ner­schaft.

18 A.a.O., S. 90.

19 Ebd., S. 36.

20 Ebd.

21 Ebd., S. 37.

22 Ebd., S. 38.

23 Ebd., S. 74.

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