Frauen und LGBTI*

Emanzipation der Frauen in Zeiten der weltweiten Krise

Das politische Erwachen der unterdrücktesten Sektoren stellt die Idee der Emanzipation als ein fortschreitendes und sich steigerndes Erringen von Rechten in Frage – wie parteinahe feministische Konzepte vorschlagen, die sich auf die Strategie von parlamentarischer Lobbyarbeit beschränken, um die „BürgerInnenrechte auszuweiten“. Genauso hinterfragt es die Perspektive der „radikalen Demokratisierung der Demokratie“ – wie sie der Postfeminismus vorschlägt – während sich die wirtschaftliche, soziale und politische Krise immer weiter entwickelt.

Emanzipation der Frauen in Zeiten der weltweiten Krise

Im Laufe der Krise wird deut­lich, dass jedes gewonnene Recht keine per­ma­nente Errun­gen­schaft ist, son­dern den Kürzun­gen und Sparpro­gram­men aus­geliefert ist, die die Regierun­gen und inter­na­tionalen Finanzin­sti­tu­tio­nen ver­hän­gen. Genau­so kön­nen sie, wenn es sich nicht um ein strikt ökonomis­ches Prob­lem han­delt, durch Schwankun­gen der gesellschaftlichen Kräftev­er­hält­nisse zer­stört wer­den. Die Krise ver­schärft die soziale Polar­isierung, was den reak­tionärsten Sek­toren Auf­schwung ver­lei­ht, die ihre Frem­den­feindlichkeit, ihre Homo­pho­bie, ihren Frauen­hass etc. auf die Straße tra­gen. Nicht wenige Regierun­gen ver­schär­fen die soziale Kon­trolle durch die Beschnei­dung demokratis­ch­er Frei­heit­en. Dabei ver­steck­en sie hin­ter einem schein­bar „pro­gres­siv­en“ Diskurs Vere­in­barun­gen mit recht­en Sek­toren und Zugeständ­nisse an ver­schiedene religiöse Grup­pen.

In dem Teil der Bevölkerung, der durch das Kap­i­tal zu einem mis­er­ablen Leben verurteilt wird, herrscht keine „Gle­ich­stel­lung der Geschlechter“: 70 Prozent sind Frauen und Mäd­chen. Doch die Ungle­ich­heit zeigt sich nicht nur in den wirtschaftlichen Sta­tis­tiken. Ihre Diskri­m­inierung – wie sie auch Immi­gran­tInnen und nicht-het­ero­sex­uelle Per­so­n­en erleben – wider­spricht den Recht­en, die in den let­zten Jahrzehn­ten erkämpft wur­den: Repres­sion, Verge­wal­ti­gung und Ermor­dun­gen von Frauen in Ägypten und anderen nordafrikanis­chen Län­dern und dem Nahen Osten; frem­den­feindliche Eskala­tio­nen in Europa; und massen­hafte Bewe­gun­gen gegen Pro­jek­te zur Legal­isierung der gle­ichgeschlechtlichen Ehe, die von der katholis­chen Kirche, evan­ge­likalen ChristIn­nen und kon­ser­v­a­tiv­en Grup­pen ange­führt wer­den.2 Der Kap­i­tal­is­mus zeigt mit diesen bru­tal­en Beispie­len, dass die weib­liche Emanzi­pa­tion, genau­so wie die ander­er sozial unter­ge­ord­neter Grup­pen, eine Chimäre bleibt, solange dieses soziale, poli­tis­che und ökonomis­che Regime beste­hen bleibt. Wenn dies unsere Per­spek­tive ist, was muss sich der Fem­i­nis­mus als eine emanzi­pa­torische Bewe­gung, die die soziale, poli­tis­che und kul­turelle Ungle­ich­heit der Frauen verurteilt, vornehmen? Und was hat der rev­o­lu­tionäre Marx­is­mus dazu zu sagen?

Paradoxie der konservativen Restauration: mehr Rechte und stärkere Ungleichbehandlung

Im ver­gan­genen Jahrhun­dert verän­derte sich das Leben von Frauen sehr stark im Ver­gle­ich zu den Mod­i­fizierun­gen des Lebens von Män­nern.

Aber es gibt andere Fak­ten, die gegen dieses Bild des „wider­spruchs­freien Fortschritts“ hin zu ein­er größeren Gle­ich­heit der Geschlechter sprechen, wie es eher in den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern und wohlhaben­deren Hal­bkolonien vorkommt. Wie kann man son­st diese Entwick­lung damit verbinden, dass jährlich zwis­chen 1,5 und 3 Mil­lio­nen Frauen und Kinder Opfer von machis­tis­ch­er Gewalt wer­den und dass sich die Pros­ti­tu­tion zu einem riesi­gen Wirtschaft­szweig mit hohen Gewinnspan­nen entwick­elte, die ihrer­seits zur mas­siv­en Expan­sion der Men­schen­han­del­snet­zw­erke beitrug? Zusät­zlich ster­ben trotz der riesi­gen wis­senschaftlichen und tech­nol­o­gis­chen Fortschritte jährlich 500.000 Frauen an Kom­p­lika­tio­nen während der Schwanger­schaft und der Ent­bindung, während täglich 500 Frauen an den Fol­gen heim­lich­er Abtrei­bung ster­ben. Im gle­ichen Zeitraum nahm die „Fem­i­nisierung“ der Arbeit­skraft expo­nen­tiell zu. Dies geschah vor allem in Lateinameri­ka und ging ein­her mit ein­er wach­senden Prekarisierung.3 Deshalb trifft diese Krise im Gegen­satz zu vorheri­gen weltweit­en Krisen eine Arbei­t­erIn­nen­klasse mit einem Anteil der weib­lichen Arbeit­skraft von 40 Prozent der weltweit­en Beschäf­ti­gung. 50,5 Prozent dieser Arbei­t­erin­nen sind prekär beschäftigt und zum ersten Mal in der Geschichte ist die Anzahl der in Städten beschäftigten Frauen höher als die der auf dem Land arbei­t­en­den.4

Der Kon­trast zwis­chen den erlangten Recht­en (wie der in den let­zten Jahrzehn­ten anwach­senden Legit­im­ität des Konzeptes der „Gle­ich­heit der Geschlechter“) und dem erschüt­tern­den Panora­ma dieser Sta­tis­tiken ist gewaltig. Als die US-amerikanis­che Fem­i­nistin Nan­cy Fras­er eine Erk­lärung für diesen Wider­spruch suchte, zeigte sie sich mit der These unzufrieden, dass „der rel­a­tive Erfolg der [fem­i­nis­tis­chen] Bewe­gung im Kampf um kul­turelle Verän­derun­gen […] im schar­fen Gegen­satz zu ihrem rel­a­tiv­en Scheit­ern im Hin­blick auf echt­en insti­tu­tionellen Wan­del“5 ste­he. Dieser unschick­lichen Bilanz (die dem Fem­i­nis­mus einen kul­turellen Tri­umph und eine gewisse insti­tu­tionelle Nieder­lage zuschreibt) stellt Fras­er eine neue Hypothese ent­ge­gen, indem sie sich fragt, ob „die kul­turellen Verän­derun­gen, die die Neue Frauen­be­we­gung in Gang set­zen kon­nte, […] so heil­sam sie an sich sind, zugle­ich der Legit­i­ma­tion eines struk­turellen Umbaus der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft [dien­ten], welch­er fem­i­nis­tis­chen Visio­nen ein­er gerecht­en Gesellschaft diame­tral zuwider­läuft.“6 Die Autorin erlaubt es sich zu ver­muten, dass sich Fem­i­nis­mus und Neolib­er­al­is­mus annäherten und hin­ter­fragt die Vere­in­nah­mung des ersteren und seine Unterord­nung unter die Pläne der Welt­bank und ander­er inter­na­tionaler Organ­i­sa­tio­nen.

Die Ver­mu­tung scheint richtig. Kann uns der Fem­i­nis­mus nur eine eingeschränk­te Emanzi­pa­tion anbi­eten, die auf Rand­sek­toren und bes­timmte Län­der beschränkt ist, die einige demokratis­che Rechte besitzen – auf Kosten der Ausweitung der bru­tal­en Ungle­ich­be­hand­lung der immensen Mehrheit der Frauen auf dem Globus? Diese para­doxe Sit­u­a­tion, die uns die Jahrzehnte der kon­ser­v­a­tiv­en Restau­ra­tion ver­ma­cht­en, kann nur erk­lärt wer­den, wenn man bis auf das Kräftev­er­hält­nis zurück­ge­ht, das die begonnene Radikalisierung der 1960er Jahre eröffnete. Vom Ende jenes Jahrzehnts bis zur Mitte der 1980er Jahre fand ein rev­o­lu­tionär­er Auf­schwung der Massen statt, der nicht nur die kap­i­tal­is­tis­che Ord­nung in Frage stellte, son­dern auch die harte Kon­trolle der stal­in­is­tis­chen Bürokra­tien in den Arbei­t­erIn­nen­staat­en in Osteu­ropa.

Der Beginn dieses aus­gedehn­ten Radikalisierung­sprozess­es, der die Kon­ti­nente überkam und das Gle­ichgewicht ins Wanken brachte, das zwis­chen dem Impe­ri­al­is­mus und der stal­in­is­tis­chen Bürokratie am Ende des Zweit­en Weltkrieges ver­han­delt wurde, stellte auf radikale Weise das All­t­agsleben in Frage: Die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung stieg unter neuen Vorbe­din­gun­gen wieder auf. Daraus ent­stand das, was wei­thin unter der „zweit­en Welle“ bekan­nt ist; die Bewe­gung für die sex­uelle Befreiung kam aus der Mot­tenkiste her­aus, in die sie die Repres­sion gesteckt hat­te, und trat mit den Bar­rikaden von Stonewall und der Offen­barung der „Pride“ weltweit in Erschei­n­ung; die afroamerikanis­che Bevölkerung stand eben­falls auf, schrie vor Wider­stand und hisste die Fahne der Black Pow­er; die Uni­ver­sitätscampi ver­wan­del­ten sich in Räume der poli­tis­chen und philosophis­chen Diskus­sion und der Exper­i­mente mit LSD und Musik, wo die tra­di­tionelle Fam­i­lie, die het­ero­sex­uelle Monogamie und alle zwis­chen­men­schlichen Beziehun­gen durch die freie Liebe und das gemein­schaftliche Leben in Frage gestellt wur­den.

Doch der impe­ri­al­is­tis­che Gege­nan­griff – bekan­nt als „Neolib­er­al­is­mus“ – fügte den Massen nicht nur einen kul­turellen, son­dern auch einen poli­tis­chen Schaden zu. Anders als nach den zwei Weltkriegen lag der teil­weisen Erhol­ung des Kap­i­tal­is­mus keine Zer­störung der Pro­duk­tivkräfte durch einen Kriegsap­pa­rat zugrunde. Obwohl es „physis­che Nieder­la­gen“ gab, war die Grund­lage dieser „New Order“ haupt­säch­lich die unge­heure Zer­stück­elung der Arbei­t­erIn­nen­klasse. In Anbe­tra­cht dieser impe­ri­al­is­tis­chen Angriffe auf die Massen und ihre Errun­gen­schaften wur­den die eige­nen Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen (von den Parteien wie der Sozialdemokratie oder den Kom­mu­nis­tis­chen Parteien bis zu den Gew­erkschaften und den bürokratisierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en) zu Ver­bün­de­ten der Umset­zung dieser Maß­nah­men, die die Herrschaft des Kap­i­tals neu struk­turi­erten.7 Das Mod­ell der freien Mark­twirtschaft und die neolib­erale Ide­olo­gie bes­timmten diese Peri­ode der Restau­ra­tion, die durch eine Umlenkung und Kanal­isierung der Masse­nauf­stände durch die Ver­bre­itung bürg­er­lich-kap­i­tal­is­tis­ch­er Regierun­gen gekennze­ich­net war. Das eröffnete ökonomis­che, soziale und poli­tis­che Maß­nah­men, die einen großen Teil der erkämpften Errun­gen­schaften in der vorheri­gen Peri­ode ver­nichteten.

Dieser Prozess weit­ete sich mit der Zeit auf einen niemals da gewe­se­nen Raum aus. Obwohl „geo­graphisch weit­er aus­gedehnt, kon­sti­tu­ierten sie sich als abgeschwächte Demokra­tien, die sich im Wesentlichen auf die städtis­chen Mit­telschicht­en und auf priv­i­legierte Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen­klasse (ins­beson­dere in den zen­tralen Län­dern) stützten, was die Tür zur Aus­dehnung des Kon­sums öffnete. Die Ent-Ide­ol­o­gisierung des poli­tis­chen Diskurs­es durch die Verbindung der Über­höhung des Indi­vidu­ums und sein­er Ver­wirk­lichung im Kon­sum (‚Kon­sum­is­mus‘), war die Basis dieses ‚neuen Pak­tes‘, der sehr viel elitär­er als der der Nachkriegszeit war und mit der Ver­schär­fung der Aus­beu­tung und des sozialen Abstiegs der Mehrheit der Arbei­t­erIn­nen­klasse ein­herg­ing, sowie mit hohen Rat­en von Arbeit­slosigkeit und der expo­nen­tiellen Aus­bre­itung der Armut“.8

Während die höheren Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen­klasse und der Mit­telk­lassen in die Feste des Kon­sums einge­bun­den wur­den, wurde die große Mehrheit zu dauer­hafter Arbeit­slosigkeit, Slums in den Vororten und sozialer, poli­tis­ch­er und kul­tureller Mar­gin­al­ität ver­dammt. Der Indi­vid­u­al­is­mus durch­drang die Massenkul­tur. Für diese „Inte­gra­tion“, die einen „neuen Pakt“ zwis­chen den Klassen schuf, war es nötig, viele der demokratis­chen Forderun­gen, die von den sozialen Bewe­gun­gen aufge­wor­fen wur­den, in abgeschwächter Form in die öffentliche Agen­da der Poli­tik­erIn­nen aufzunehmen. Dazu gehörte auch der Fem­i­nis­mus.

Feminismus in der Demokratie: vom Ungehorsam zur Institutionalisierung

Die Tren­nung zwis­chen der Arbei­t­erIn­nen­klasse, deren Führun­gen an dem Ver­lust von Errun­gen­schaften direkt beteiligt waren oder im besten Falle mit einem plat­ten Syn­dikalis­mus ver­sucht­en, die neolib­eralen Angriffe abzuwehren, und den sozialen Bewe­gun­gen, die angesichts dieser Nieder­la­gen die Per­spek­tive der radikalen Umwand­lung des weltweit­en Sys­tems ver­loren, fand nach ein­er lan­gen Geschichte der gemein­samen Kämpfe statt. Entwed­er durch Selb­staus­gren­zung oder durch die Ein­rei­hung in den Kampf um „Anerken­nung“ inner­halb des „demokratis­chen Staates“ been­dete auch der Fem­i­nis­mus den Kampf gegen die soziale und moralis­che Ord­nung, die vom Kap­i­tal vorgegeben ist und den Frauen nur größeres Leid und Benachteili­gung zukom­men lässt. Das Ver­schwinden eines rev­o­lu­tionären Hor­i­zontes und die Rolle, die ihre Führun­gen zu Zeit­en der härtesten Angriffe des Kap­i­tals spiel­ten, ver­dammte die Arbei­t­erIn­nen­klasse zu einem kor­po­ra­tivis­tis­chen Ökonomis­mus. Das sind zwei Seit­en des Reformis­mus: Die fem­i­nis­tis­che Poli­tik beschränk­te sich darauf, durch geschick­te Bee­in­flus­sung Druck auf die staatliche Insti­tu­tio­nen auszuüben, um mehr „Bürg­erIn­nen­rechte“ zu bekom­men, die in den Hochzeit­en der Krise ver­schwan­den, während die Frauen der Arbei­t­erIn­nen­klasse im besten Fall das „Recht“ auf eine Lohn­er­höhung haben und die Beschäf­ti­gung mit öffentlichen Fra­gen ein­er Kaste bürg­er­lich­er Poli­tik­erIn­nen über­lassen.

Die Frauen, die ihre Emanzi­pa­tion erstrebten, besaßen in diesen Jahrzehn­ten der tief­greifend­en kon­ser­v­a­tiv­en Restau­ra­tion in den Län­dern des soge­nan­nten „real existieren­den Sozial­is­mus“ keine Anleitung zum Han­deln, wie es noch zu Beginn des 20. Jahrhun­derts der Fall war. Sie fan­den dort nur die Bestä­ti­gung, dass jed­er Ver­such, sich gegen die existierende Herrschaft zu wen­den, nur neue bedrohliche Arten der Herrschaft und Aus­gren­zung schaf­fen würde. Der Stal­in­is­mus hat­te es geschafft, die befreien­den Ban­ner der weib­lichen Emanzi­pa­tion des Bolschewis­mus zu beschmutzen und sie in ihr Gegen­teil umzukehren: Er stellte die famil­iäre Ord­nung mit der Frau als Ehe­gat­tin, Mut­ter und Haus­frau wieder her; er schuf das Recht auf Abtrei­bung ab; er bestrafte die Pros­ti­tu­tion wie zu Zeit­en des Zaris­mus; er ver­ringerte die öffentliche Poli­tik der Schaf­fung von Waschsa­lons, Kan­ti­nen und gemein­schaftlichen Woh­nun­gen oder schaffte sie gle­ich ab, wie er es mit den partei­in­ter­nen Orga­nen für Frauen tat. Das waren nur einige der Mit­tel, mit denen die Bürokratie die küh­nen, wenn auch kleinen Schritte, die nach der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion 1917 gegan­gen wur­den, zer­störte und umkehrte.

Zusam­men mit der Vere­in­nah­mung und Inte­gra­tion in das kap­i­tal­is­tis­che Regime wur­den den Frauen einige ele­mentare demokratis­che Rechte anerkan­nt und die fem­i­nis­tis­che Agen­da – zuvor nur von kleinen Avant­garde­sek­toren getra­gen – wurde zu einem com­mon sense unter den Massen. Doch dabei stran­gulierte das Sys­tem die Radikalität des Fem­i­nis­mus zu Beginn der „zweit­en Welle“. Sein sub­ver­sives Auftreten wurde im Gle­ich­schritt mit dem Gang „von der Straße in den Palast“ umgekehrt – von der radikalen sozialen Umwand­lung hin zum sym­bol­is­chen Wider­stand.

Zwis­chen der außergewöhn­lichen Ausweitung des Kon­sums für bre­ite Teile der Massen, der Über­be­w­er­tung des Indi­vid­u­alal­is­mus als sozialer Wert und der Rück­kehr der sozialen Bewe­gun­gen in die tech­nokratis­chen Kader­schmieden, die die Organ­i­sa­tio­nen der Entwick­lung­shil­fe mit Exper­tIn­nen ausstat­tete, ver­lor der Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus seinen kri­tis­chen Charak­ter. Daraufhin hin­ter­fragten der Dif­feren­zfem­i­nis­mus und der Post­fem­i­nis­mus diesen Zusam­men­schluss teil­weise.

Doch die Anpas­sung an eine Epoche, in der sich die Rev­o­lu­tion vom Hor­i­zont ent­fer­nt hat­te, mit ein­er Arbei­t­erIn­nen­klasse, die dem poli­tis­chen Rückschritt und ein­er nie da gewe­se­nen Krise der Sub­jek­tiv­ität und der Demor­al­isierung infolge der Iden­ti­fizierung des Stal­in­is­mus mit dem „Sozial­is­mus“ unter­wor­fen war, hat­te auch für die the­o­retis­chen Grund­la­gen des Fem­i­nis­mus und Post­fem­i­nis­mus eine Bedeu­tung. Ihre Konzepte schufen die Idee ein­er indi­vidu­ellen Emanzi­pa­tion, die irreführen­der­weise mit den Möglichkeit­en des Kon­sums und der sub­jek­tiv­en Aneig­nung-Umwand­lung des eige­nen Kör­pers ver­bun­den war. Dies war weit davon ent­fer­nt, das zen­trale Prob­lem anzu­greifen und sich die radikalsten Kri­tiken anzueignen, mit denen der Fem­i­nis­mus die Allianz zwis­chen Kap­i­tal und Patri­ar­chat bloßgestellt hat­te.

Notizen für eine Debatte

Diese Verän­derung der Sit­u­a­tion der Frauen, gle­ichzeit­ig aus­ges­tat­tet mit neuen Recht­en und Opfer schlim­mer­er Ungle­ich­be­hand­lung, zusam­men mit der neuen geschlechtlichen Zusam­menset­zung der Arbeit­skraft durch die Umwand­lun­gen der let­zten zwei Jahrzehnte, macht eine Aktu­al­isierung der Debat­te zwis­chen dem Fem­i­nis­mus und dem Marx­is­mus über den Charak­ter der Verbindung zwis­chen Kap­i­tal­is­mus und Patri­ar­chat, sowie über den Träger der Emanzi­pa­tion und die Hege­moniefrage nötig. Befind­en wir uns am Beginn des Wieder­auf­stieges eines Fem­i­nis­mus, der sich nicht mit der inti­men Zuflucht zur indi­vidu­ellen Befreiung beg­nügt und eine Per­spek­tive radikaler antikap­i­tal­is­tis­ch­er Kri­tik auf­stellt? Das bein­hal­tet nicht nur den Kampf gegen die reformistis­chen Vari­anten, die die Ein­beziehung des Fem­i­nis­mus in das Sys­tem anstreben, auch wenn sie es unter den labyrinth­haften For­men eines post­mod­er­nen Kaud­er­welsch tun, son­dern auch – gegen jede ökon­o­mistis­che Vere­in­fachung oder eine dem Reformis­mus dienende oppor­tunis­tis­che Poli­tisierung – die Wieder­auf­nahme der besten Tra­di­tio­nen der Geschichte des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus im Kampf gegen die weib­liche Unter­drück­ung.

Vom sozialen Geschlecht zur sexuellen Differenz, von den Differenzen zur Parodie

Die Ital­iener­in Car­la Lonzi und das Kollek­tiv Riv­ol­ta Fem­minile erk­lärten in den 1970er Jahren, dass „die Gle­ich­heit ein ide­ol­o­gis­ch­er Ver­such ist, um die Frauen auf ein­er höheren Ebene zu unter­drück­en […]. Für die Frau bedeutet die Befreiung nicht, ein iden­tis­ches Leben wie das der Män­ner zu führen, da dieses unleb­bar ist, son­dern ihre Daseins­be­grün­dung auszu­drück­en.“9 Der Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus, der in der soge­nan­nten zweit­en Welle mit der Radikalisierung Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre ent­stand, und dessen Flügel von lib­eralen bis zu antikap­i­tal­is­tis­chen und sozial­is­tis­chen reichen, wurde dafür kri­tisiert, eine Eingliederung der Frau in eine soziale und sym­bol­is­che Ord­nung vorzuschla­gen, die die Frauen unsicht­bar macht. Die den Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus kri­tisierende Strö­mung schlug vor, eine andere sym­bol­is­che Ord­nung zu schaf­fen und ging dabei vom Gedanken der sex­uellen Dif­ferenz und der Mate­ri­al­ität des weib­lichen Charak­ters aus.

Dieser Kon­tro­verse lag die begin­nende Ein­bindung der fem­i­nis­tis­chen Agen­da in die öffentliche Poli­tik von Staat, Regierung und inter­na­tionalen Organ­i­sa­tio­nen zugrunde. Der Fem­i­nis­mus erhielt Anerken­nung im Aus­tausch für seine Inte­gra­tion und kehrte dadurch von ein­er Infragestel­lung der Grund­la­gen des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems ab. Stattdessen vertei­digte er nun die bürg­er­liche Demokratie als einziges Sys­tem, in dem sich allmäh­lich größere Gle­ich­heit der Geschlechter durch par­tielle Refor­men durch­set­zen ließe – ohne allerd­ings die Grund­la­gen zu hin­ter­fra­gen.

Aber let­z­tendlich schuf der Dif­feren­zfem­i­nis­mus ein neues Konzept für das Geschlecht und reduzierte es auf eine essen­tial­is­tis­che Kat­e­gorie: Er pos­tulierte, dass die Weib­lichkeit Trägerin von bes­timmten Werten sei, die im hege­mo­ni­alen männlichen Diskurs, der sich als uni­versell aus­gibt, abgew­ertet wer­den. Dieser neue Fem­i­nis­mus, der bis zu einem gewis­sen Grad als Antwort auf die Anpas­sung an das Sys­tem durch den Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus ent­stand, ger­ingschätzte die Bedeu­tung von poli­tis­ch­er Auseinan­der­set­zung und zog sich auf die Schaf­fung ein­er Gegenkul­tur zurück, die auf Werten basierte, die aus der Geschlech­ter­dif­ferenz resul­tierten. Und gemein­sam mit der Ablehnung des Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus hörte der Dif­feren­zfem­i­nis­mus auch damit auf, das Pro­jekt ein­er egal­itären Gesellschaft, befre­it von Aus­beu­tung und Unter­drück­ung, voranzutreiben.

Als dann die kon­ser­v­a­tive Restau­ra­tion voran­schritt, kon­nte wed­er die Inte­gra­tion des Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus in die kap­i­tal­is­tis­che Demokratie, noch die wider­ständi­ge Gegenkul­tur des Dif­feren­zfem­i­nis­mus ver­hin­dern, dass sich die Gewalt gegen und die Unter­drück­ung von Mil­lio­nen von Frauen in aller Welt auf ein­er höheren und vorher unvorstell­baren glob­alen Skala repro­duzierten.

Zu einem späteren Zeit­punkt stell­ten dann les­bis­che Frauen, schwarze Frauen, Frauen aus der soge­nan­nten „Drit­ten Welt“ das „Feiern“ der weib­lichen Werte in Frage, da es die beste­hen­den Dif­feren­zen zwis­chen Frauen unsicht­bar machte. Diese Dif­feren­zen zwis­chen Frauen existierten für sie eben­falls als unter­drück­ende Hier­ar­chien. Sie prangerten an, dass diese ver­meintlichen weib­lichen Werte nichts weit­eres waren, als die uni­ver­sal­is­tis­che und damit nor­ma­tive Form, in der sich die beson­dere Sit­u­a­tion von weißen, angel­säch­sis­chen und het­ero­sex­uellen Frauen aus der Mit­telschicht und aus den zen­tralen Län­dern aus­drück­te. Die Geschlech­ter­dif­ferenz zer­brach nun also in vielfältige und miteinan­der ver­schränk­te Dif­feren­zen zwis­chen Frauen. Dies machte den Weg frei für ver­schieden­ste nomadis­che Iden­titäten und ein frag­men­tarisches poli­tis­ches Sub­jekt.

Der Post­fem­i­nis­mus ging noch weit­er. Aus den vie­len und einzel­nen Iden­titäten fol­gerte er die Unmöglichkeit der Sta­bil­isierung jeglich­er Iden­tität. Für den Post­fem­i­nis­mus ist jede Iden­tität nor­ma­tiv und auss­chließend, denn im sel­ben Moment, in dem sie die Gren­zen desjeni­gen, was sie beschreibt, her­stellt, erschafft sie auch das Aus­geschlossene. Geschlecht habe keine essen­tielle Qual­ität, es sei wed­er „natür­lich“ noch könne es den Anspruch haben, eine uni­ver­sal­isierende Klas­si­fika­tion zu sein. Das Ver­hal­ten habe eine kon­sti­tu­tive Macht über unsere Kör­p­er, Geschlecht sei eine insta­bile „Posi­tion“, ein Sprechakt, eine selb­st erschaf­fene Per­for­mance, eine per­for­ma­tive Aus­sage. Das kul­turelle „Skript“, das sich uns durch die Sprache aufzwingt, nicht zu erfüllen, entziehe uns den Sta­tus eines Sub­jek­ts, schlösse uns aus von den hege­mo­ni­alen, von der Macht erschaf­fe­nen Kon­ven­tio­nen, entzöge uns den Sta­tus des Men­schlichen, ver­wan­dele uns in „das Ver­wor­fene“. Die nor­ma­tive Het­ero­sex­u­al­ität könne daher von den ver­schiede­nen For­men der Par­o­die von Geschlecht und Sex­u­al­ität her­aus­ge­fordert wer­den. Die „Imi­ta­tion“ des Weib­lichen und des Männlichen, verkör­pert durch Trans­gen­der, Trans­ves­titen, Trans­sex­uelle, übertrete die Nor­men und Stereo­typen von Geschlecht durch das Scheit­ern und die Insta­bil­ität. Dadurch werde dieses Übertreten zur poli­tis­chen, sub­ver­siv­en Prax­is. Durch die Par­o­die den nor­ma­tiv­en Diskurs umzudeuten, sei eine Form der Poli­tik, die die Hege­monie unter­grabe und neue Bedeu­tung­shor­i­zonte eröffne.

Während der Indi­vid­u­al­is­mus glob­al aufgezwun­gen wurde, von ein­er Wirtschaft­spoli­tik, die Mil­lio­nen in die Arbeit­slosigkeit stürzte, was die Frag­men­tierung und Entwurzelung der Arbei­t­erIn­nen­klasse zur Folge hat­te, ent­fer­nte sich der Fem­i­nis­mus immer mehr von einem Pro­jekt der kollek­tiv­en Emanzi­pa­tion und zog sich auf einen immer stärk­er selb­st­be­zo­ge­nen Diskurs zurück. Er beschränk­te sich darauf, eine Elite anzus­tacheln, die ihr Recht auf Anerken­nung ihrer Diver­sität, auf Tol­er­anz und auf die Inte­gra­tion in die Kon­sumkul­tur ein­forderte.

Die „komplizenhafte Opposition“ des Postfeminismus

Der Gle­ich­heits­fem­i­nis­mus hat­te den Ver­di­enst, Gen­der als eine soziale Kat­e­gorie – welche rela­tion­al wirkt und verknüpft ist mit dem Konzept der Macht – zu konzep­tu­al­isieren, und so sicht­bar machte, dass die Unter­drück­ung der Frauen einen his­torischen Charak­ter hat und keine „natür­liche“ Kon­se­quenz von anatomis­chen Unter­schieden ist. Demge­genüber hat­te der Dif­feren­zfem­i­nis­mus die Eigen­schaft, dass er der Assim­i­la­tion an ein Sys­tem wider­stand, welch­es auf Unterord­nung, Diskri­m­inierung und Unter­drück­ung von allem basiert, was nicht dem „uni­versellen“ Mod­ell – geschaf­fen unter patri­ar­chaler Herrschaft – entspricht. Und während der Dif­feren­zfem­i­nis­mus let­z­tendlich auf einen biol­o­gis­chen Essen­tial­is­mus zurück­fiel, so hin­ter­fragten die post­fem­i­nis­tis­chen The­o­rien die Sex­u­al­ität als etwas Unverän­der­lich­es. Zurück­zuweisen, dass die Dif­ferenz sich in feste, unbe­wegliche Iden­titäten trans­formiert, ermöglicht einen wirk­samen Weg für die Kul­tur und die Kon­struk­tion von Sub­jek­tiv­ität, auch wenn sich dieser Weg poli­tisch als begren­zt und wenig wirk­sam für die Errich­tung ein­er kämpferischen Bewe­gung für die Emanzi­pa­tion aller von der Zwang­shetero­nor­ma­tiv­ität Unter­drück­ten erweist.

Wed­er lösen die in der kap­i­tal­is­tis­chen Demokratie erre­icht­en Grade der poli­tis­chen Gle­ich­heit die soziale Ungle­ich­heit auf, noch löschen die gemein­samen Lei­den durch die Zuge­hörigkeit zu ein­er sozialen Klasse der Aus­ge­beuteten die Ungle­ich­heit­en aus, die durch die Unter­drück­ung der Dif­ferenz entste­hen. Wie kann man sich eine Gle­ich­heit vorstellen, die nicht die Herrschaft des Iden­tis­chen und Ein­heitlichen bedeutet? Und wie kann eine Dif­ferenz ausse­hen, die sich nicht als Iden­tität und Hier­ar­chie darstellt?

Weit davon ent­fer­nt, eine Posi­tion einzunehmen, die ohne Wenn und Aber für Gle­ich­heit argu­men­tiert, schlägt der Marx­is­mus ein mate­ri­al­is­tis­ches und dialek­tis­ches Ver­ständ­nis der Dif­ferenz vor: Er stellt die meta­ph­ysis­che Abstrak­tion der formellen Gle­ich­heit in Frage, die die konkreten Dif­feren­zen in einem leeren Uni­ver­sal­is­mus fes­tigt. Denn im Kap­i­tal­is­mus kann Gle­ich­heit nur formell existieren, wenn von den beson­deren Ele­menten der sozialen Exis­tenz abstrahiert wird. Der kap­i­tal­is­tis­che Staat erre­icht diese fetis­chisierte Tren­nung von Poli­tik und Ökonomie, indem er uns einen ges­pal­te­nen Men­schen anbi­etet: ein­er­seits entwed­er Eigen­tümerIn oder EnteigneteR – das heißt, mit Dif­feren­zen – aber ander­er­seits bei­de Staats­bürg­erIn­nen. Die post­mod­er­nen The­o­rien beziehen sich auf das Aus­geschlossene. Sie geben vor, dass die Dif­feren­zen in ihren Beson­der­heit­en so ein­heitlich anerkan­nt sind, dass sie sich als iden­titäre Kat­e­gorien auflösen oder wir sie nicht mehr benötigten.

Aber weil sie die kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tionsver­hält­nisse, die diese Auss­chlüsse unter­stützen, nicht im Blick haben, enden sie bei einem Kampf für die „Inklu­sion“, welch­er sich der neuen, mark­t­för­mi­gen Tol­er­anz der Diver­sität anpasst und ihr hil­ft, anstatt sie umzustürzen. Ohne die ver­wick­el­ten Beziehun­gen in den Blick zu nehmen, welche zwis­chen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise und den mul­ti­plen Spal­tun­gen, die ihre Herrschaft unter­stützen, existieren, ver­liert die radikale Infragestel­lung der Sta­bil­ität von sex­uellen Iden­titäten und der Het­ero­nor­ma­tiv­ität sein sub­ver­sives Poten­tial. Daher kommt es, dass Ter­ry Eagle­ton den Post­mod­ernismus als „poli­tisch oppo­si­tionell (im besten Falle), aber ökonomisch kom­plizen­haft“10 definiert.

Die Gel­tend­machung der Dif­ferenz als solche oder die bloße Verkün­dung der Besei­t­i­gung der binären Iden­titäten in ein­er Welt, in der diese Dif­feren­zen grundle­gen­des Motiv für bru­tale Benachteili­gun­gen und Ungerechtigkeit­en sind, erin­nert let­z­tendlich mehr an einen selb­st­ge­fäl­li­gen Diskurs für eine kleine, aufgek­lärte und pro­gres­sive Min­der­heit als an die Kri­tik ein­er starken Bewe­gung der radikalen Trans­for­ma­tion. Im Gegen­satz dazu han­delt es sich für den Marx­is­mus um die gle­ich­w­er­tige Beach­tung der ver­schieden­sten Bedürfnisse: Dies ist die einzige Art und Weise, auf die die Dif­ferenz nicht Hier­ar­chie und die Gle­ich­heit nicht Ein­för­migkeit ist, etwas, das keine von der kap­i­tal­is­tis­chen Demokratie gewährte „Ausweitung der Bürg­erIn­nen­rechte“ anbi­eten kann (erst recht nicht in Zeit­en der wirtschaftlichen, sozialen und poli­tis­chen Krise, in der wir uns ger­ade befind­en). Nur eine Gesellschaft der freien Pro­duzentIn­nen kann eine Gesellschaft sein, in der sich die Gle­ich­heit nicht auf den Entwurf eines despo­tis­chen Maßes stützt, welch­es ver­sucht, die Dif­feren­zen zu ver­steck­en, son­dern auf den egal­itären Respekt vor den Dif­feren­zen, welche die spez­i­fis­chen Ele­mente der sozialen Exis­tenz begrün­den.

Durch die Augen der Frauen

Die wirtschaftliche, soziale und poli­tis­che Krise auf der ganzen Welt ist das Resul­tat der Ohn­macht des Kap­i­tal­is­mus, anders zu über­leben, als auf Kosten der größer wer­den­den Not der Massen und auf Kosten ein­er Ver­schlechterung und poli­tis­chen Aushöh­lung sein­er demokratis­chen Ord­nung. Die Peri­ode der kon­ser­v­a­tiv­en Restau­ra­tion, die in dieser neuen kap­i­tal­is­tis­chen Krise mün­dete, hin­ter­ließ eine wider­sprüch­liche Sit­u­a­tion: Vere­in­nah­mung und Inte­gra­tion von weit­en Teilen der Mit­telschicht­en und einiger Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen­klasse zur gle­ichen Zeit wie der Auss­chluss – bis zum extrem­sten Rande – für die bre­it­en Massen; eine außergewöhn­liche Frag­men­tierung der Arbei­t­erIn­nen­klasse; und zur gle­ichen Zeit die Erzwingung der Lohnar­beit von Mil­lio­nen Men­schen, indem sie in die großen Städte gedrängt wer­den oder indem ganze Län­der in den Welt­markt eingegliedert wer­den.

Wie wir am Anfang des Artikels aufgezeigt haben, trifft diese neue Peri­ode der kap­i­tal­is­tis­chen Krise zum ersten Mal in der Geschichte der Men­schheit auf eine Arbeit­skraft, die zu großen Teilen aus Frauen beste­ht und mit mehr arbei­t­en­den Frauen in der Stadt als auf dem Land. Aber während die weltweite Sit­u­a­tion die Frauen und die am meis­ten unter­drück­ten Sek­toren dazu drängt, ihr sub­ver­sives Poten­tial zu entwick­eln – wie es sich in jedem einzel­nen his­torischen Moment der großen Krisen oder der sozialen, wirtschaftlichen oder poli­tis­chen Umstürze erwiesen hat – ist der Fem­i­nis­mus getren­nt von den Massen, mehrheitlich weit ent­fer­nt von der Per­spek­tive eines kollek­tiv­en emanzi­pa­torischen Pro­jek­ts.

Diese Per­spek­tive wiederzuer­lan­gen, erfordert von uns zu erken­nen: Selb­st wenn die Arbei­t­erIn­nen­klasse die (poten­tielle) Macht hat, die Triebfed­ern der kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft zu spren­gen, ist diese strate­gis­che Posi­tion noch nicht hin­re­ichend, um die herrschende Ord­nung zu rev­o­lu­tion­ieren, wenn sie nicht die Allianz mit anderen Klassen und Sek­toren, die vom Kap­i­tal unter­drückt wer­den, entwick­elt und anführt. Dies bet­rifft auch die Ein­heit der pro­le­tarischen Rei­hen, die zu einem hohen Grad weib­lich sind.

Für die bre­ite Masse der Arbei­t­erIn­nen ist es von grundle­gen­der Bedeu­tung, ein Pro­gramm der Frauen­be­freiung aufzustellen, sowohl auf­grund der Zusam­menset­zung der Arbeiter­Innenklasse als auch, um eine Ein­heit mit anderen Sek­toren und sozialen Schicht­en herzustellen. Denn auch sie führen ein elen­des Leben, sind ruiniert vom Großkap­i­tal, und wer­den eben­so diskri­m­iniert und mar­gin­al­isiert, verurteilt dazu, für eine dom­i­nante Kul­tur – die ihnen die Anerken­nung ver­weigert – das „Ver­wor­fene“ zu sein.

Angesichts dieser Sit­u­a­tion haben große Teile der Linken nichts anderes gemacht, als sich dem Sta­tus Quo der let­zten Jahrzehnte der kon­ser­v­a­tiv­en Restau­ra­tion anzu­passen. Aus­ge­hend von ein­er skep­tis­chen Sichtweise, nach der sich die durch die impe­ri­al­is­tis­che Gegenof­fen­sive bewirk­te Nieder­lage nicht mehr umkehren lässt, etablierte sich die Strate­gie der Ausweitung von Recht­en inner­halb der bürg­er­lichen Demokratie. Während die herrschende Klasse sich gezwun­gen sah, diese Forderun­gen zu inte­gri­eren, um ein­er Radikalisierung ent­ge­gen­zuwirken und um bre­ite Sek­toren zu vere­in­nah­men und zu inte­gri­eren, sahen diese Strö­mungen der Linken in diesen Errun­gen­schaften nicht Stützpunk­te für den Kampf, son­dern sie etablierten sie als Endziele. Ihr antikap­i­tal­is­tis­ches Pro­gramm tauscht­en sie ein gegen ein anti-neolib­erales, das heißt, eines mit dem min­i­malen, defen­siv­en Ziel, die per­fidesten Angriffe der kon­ser­v­a­tiv­en Restau­ra­tion zu begren­zen.

Am ent­ge­genge­set­zten Pol sind andere Strö­mungen der Linken zu find­en, die die Notwendigkeit eines Pro­gramms und ein­er Poli­tik der Frauen­e­manzi­pa­tion, aus­ge­hend von eroberten demokratis­chen Recht­en, unter­schätzten. Dies war eine andere Art der Anpas­sung: Durch Aus­las­sung wer­den die „Angele­gen­heit­en“ der Unter­drück­ten in die Hände von klassenüber­greifend­en sozialen Bewe­gun­gen gelegt, während sich gle­ichzeit­ig der Kor­po­ra­tivis­mus und der Syn­dikalis­mus in der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung ver­tieften. Dies bedeutet let­z­tendlich, die Strate­gie ein­er pro­le­tarischen Hege­monie durch einen sek­tiererischen Verzicht auf Poli­tik zu ver­w­er­fen.

Im Gegen­satz dazu sind wir der Mei­n­ung, dass eine scho­nungslose Kri­tik des Elends, welch­es der Kap­i­tal­is­mus erzeugt, auch auf dem Gebi­et der Sub­jek­tiv­ität und der zwis­chen­men­schlichen Beziehun­gen, ein inte­graler Bestandteil unser­er marx­is­tis­ch­er Sichtweise der Welt sein muss, eben­so wie unseres Pro­gramms und unser­er Strate­gie des Kampfes, um die Klas­sen­ge­sellschaft radikal zu verän­dern. Während wir alle Kämpfe begleit­en, in denen dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem die besten möglichen Lebens­be­din­gun­gen für Mil­lio­nen von Men­schen, die kaum vorstell­bar­er Schande unter­wor­fen sind, ertrotzt wer­den, ist doch die Eroberung ein­er Gesellschaft ohne Staat und ohne soziale Klassen unser Ziel; eine Gesellschaft, befre­it von den Ket­ten der Aus­beu­tung und von allen For­men der Unter­drück­ung, die heute den Men­schen zum „Wolf“ sein­er Mit­men­schen machen.

Wir sehnen uns nach der Befreiung der Men­schheit, die heute in Elend und Schande gestürzt ist. Wir kön­nen nicht anders, als dort zu sein, wo die ver­stoßen­sten Sek­toren der Aus­ge­beuteten sind. Um das Leben von Grund auf zu verän­dern, müssen wir es durch die Augen der Frauen betra­cht­en, und von ihrem Stand­punkt aus ver­suchen wir die Denkmeth­ode des Bolschewis­mus wieder aufzunehmen, auch indem wir die tief­greifend­en sozialen Verän­derun­gen des let­zten Jahrhun­derts und die dadurch aufge­wor­fe­nen neuen Prob­leme mit berück­sichti­gen.

Wir wis­sen, dass der Kom­mu­nis­mus nicht aus dem reinen Wun­sch entste­ht, selb­st wenn es der Wun­sch von Tausenden oder Mil­lio­nen von Aus­ge­beuteten ist. Es ist nicht nur notwendig, sich nach ein­er anderen Ord­nung zu sehnen, son­dern auch die beste­hende Ord­nung zu stürzen. Daher muss auch jed­er Teil­er­folg, der heute an den Rän­dern der geschwächt­en Demokra­tien erlangt wird, in den Dienst dieser let­z­tendlichen Strate­gie gestellt wer­den.

Es ist das einzige real­is­tis­che Gegen­mit­tel gegen die post­fem­i­nis­tis­che Utopie der radikalen Demokratie und die Dystopie des bürokratis­chen Total­i­taris­mus, mit der die Rev­o­lu­tion ver­rat­en und in ihr Gegen­teil verkehrt wurde. Auf diesem Weg, auf dem Weg des Kampfes der weib­lichen Massen für ihre Emanzi­pa­tion und der marx­is­tis­chen Kri­tik, bere­ichert durch die Beiträge ver­schieden­er fem­i­nis­tis­ch­er Strö­mungen, wird ein erneuert­er sozial­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus entste­hen, der noch darauf wartet, das Licht zu sehen.

Juli-August 2013 – zuerst erschienen in „Ideas de Izquier­da“ Nr. 1 und 2

Fußnoten

1. Pan y Rosas („Brot und Rosen” auf Spanisch) ist eine fem­i­nis­tis­che und sozial­is­tis­che Frauenor­gan­i­sa­tion.

2. In Paris gin­gen zehn­tausende gegen die Legal­isierung der gle­ichgeschlechtlichen Ehe auf die Straße. Auf ein­er Demon­stra­tion, die von recht­en bis zu ultra­recht­en Per­sön­lichkeit­en aus Frankre­ich ange­führt wurde, riefen sie gegen die Regierung von Hol­lande: „Lass die Ehe in Ruhe und küm­mer dich um die Arbeit­slosigkeit!“ 2008 forcierten rechte Grup­pen in Kali­fornien die Ver­fas­sungsän­derung, die „Beschränkung der Ehe“ genan­nt wurde. Etwas ähn­lich­es passierte im Spanis­chen Staat, wo die Volkspartei (PP) und die Kirche die Mobil­isierun­gen gegen die homo­sex­uelle Ehe anführten. Erst kür­zlich nah­men Tausende an der „Demon­stra­tion für Jesus“ teil, die von evan­ge­likalen Chris­ten organ­isiert und vom Präsi­den­ten der Men­schen­recht­skom­mis­sion des Abge­ord­neten­haus­es ange­führt wurde. Diese hat­te ein Gesetz beschlossen, dass Psy­chologIn­nen die Homo­sex­u­al­ität als eine Krankheit ein­stufen und eine Behand­lung durch­führen soll­ten.

3. In den 3.000 Frei­han­del­szo­nen, die es in der Welt gibt, arbeit­en mehr als 40 Mil­lio­nen Per­so­n­en ohne jede Rechte – 80 Prozent von ihnen sind Frauen zwis­chen 14 und 28 Jahren.

4. Inter­na­tionale Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (IAO), Berichte 2011 und 2012.

5. Nan­cy Fras­er: Der Fem­i­nis­mus, der Kap­i­tal­is­mus und die List der Geschichte. In: Blät­ter für deutsche und inter­na­tionale Poli­tik. 8/2009. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/august/feminismus-kapitalismus-und-die-list-der-geschichte.

6. Ebd.

7. E. Alba­monte und M. Maiel­lo: An den Gren­zen der „bürg­er­lichen Restau­ra­tion“. In: Klasse Gegen Klasse Nr. 1. https://www.klassegegenklasse.org/an-den-grenzen-der-burgerlichen-restauration/.

8. Ebd.

9. Man­i­fiesto di Riv­ol­ta Fem­minile. Rom, Juli 1970. (Eigene Über­set­zung.)

10. Ter­ry Eagle­ton: The Illu­sions of Post­mod­ernism. 1998. (Eigene Über­set­zung.)

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