Frauen und LGBTI*

„Wir stellen uns gegen einen Feminismus, der sich hoffend an den Staat und die Regierung richtet“

Narges Nassimi im Interview mit Klasse Gegen Klasse über eine neue Frauenbewegung weltweit, die Vorbereitungen für den bundesweiten Frauen*streik am 8. März und die Notwendigkeit, einen internationalistischen, antirassistischen, klassenkämpferischen, sozialistischen Feminismus aufzubauen.

„Wir stellen uns gegen einen Feminismus,  der sich hoffend an den Staat und die Regierung richtet“

Am Fre­itag sprichst du auf ein­er Ver­anstal­tung zum The­ma “Eine neue Frauen­be­we­gung?”. Welche Debat­ten willst du dort anstoßen?

Zuallererst möchte ich über die aktuelle Sit­u­a­tion der Frauen in Deutsch­land und die Notwendigkeit ein­er neuen Frauen­be­we­gung sprechen. Weltweit haben sich in den let­zten Jahren Mil­lio­nen von Frauen für ihre Forderun­gen und gegen Angriffe von Regierun­gen, Bossen und Recht­en mobil­isiert. Es wird Zeit, dass wir auch in Deutsch­land eine solche Bewe­gung auf­bauen. Ger­ade angesichts des Auf­stiegs der ultra­recht­en und frauen­feindlichen AfD oder eines Bun­desin­nen­min­is­ters wie See­hofer, der 1997 gegen die Straf­barkeit von Verge­wal­ti­gung in der Ehe ges­timmt hat, wird deut­lich, dass der weltweite Recht­sruck auch hier in Deutsch­land eine Bedro­hung für Frauen darstellt. Erkämpfte Rechte sind in Gefahr, wieder zurück genom­men zu wer­den.

Außer­dem möchte ich darüber sprechen, was für eine Frauen­be­we­gung wir auf­bauen müssen. Die Entschei­dung der Bun­desregierung von Dien­stag, den schändlichen Anti-Abtrei­bungs-Para­graphen 219a StGB beizube­hal­ten, zeigt ganz deut­lich, dass wir von dieser Regierung nichts zu erwarten haben. Wir brauchen eine Frauen­be­we­gung, die gegen die Regierung mobil­isiert. Wir brauchen auch eine Frauen­be­we­gung, die die Verbindung mit den Kämpfen der Arbeiter*innen sucht. Denn Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus sind untrennbar miteinan­der ver­bun­den. Diese Per­spek­tive, die “Brot und Rosen” als inter­na­tionale, anti­ras­sis­tis­che, klassenkämpferische, sozial­is­tis­che Frauenor­gan­i­sa­tion ver­tritt, möchte ich am Fre­itag vorstellen.

Direkt am näch­sten Tag, am Sam­stag, find­et in München ein Frauen*streik-Vernetzungstreffen statt. Was wird dort disku­tiert?

Erst ein­mal ist span­nend, wer dort alles vertreten sein wird. Die Gew­erkschaften ver.di und GEW sowie fem­i­nis­tis­che Grup­pen und Kollek­tive haben dazu aufgerufen. Arbei­t­erin­nen, beson­ders aus den Bere­ichen Pflege und Erziehung, Schü­lerin­nen und Stu­dentin­nen wer­den dabei sein. Wir hof­fen auch, dass auch Haus­frauen und geflüchtete Frauen kom­men wer­den, um ihre Forderun­gen und Per­spek­tiv­en zu vertreten.

In Anlehnung an die Frauen­streik­be­we­gung im Spanis­chen Staat wird das Tre­f­fen auf fünf Säulen beruhen, die sich jew­eils auf unter­schiedliche The­men oder Orte beziehen. So wer­den gew­erkschaftliche Per­spek­tiv­en auf Streiks, Arbeits­be­din­gun­gen in Pflege und Kranken­haus, Care-Arbeit im All­ge­meinen, Sex­is­mus in Insti­tu­tio­nen wie der Schule und auch Fra­gen des Kon­sums The­ma sein. Ins­ge­samt soll das Tre­f­fen kein akademis­ch­er Aus­tausch sein, son­dern zur Organ­isierung, Ver­net­zung und Diskus­sion unter Frauen von ver­schiede­nen Orten dienen. Beson­ders wollen wir disku­tieren, welche Prob­leme und Forderun­gen es an den einzel­nen Orten gibt und welche Art von Streikak­tio­nen für den 8. März jew­eils stat­tfind­en wird.

Welche Her­aus­forderun­gen siehst du für den bun­desweit­en Frauen­streik am 8. März? Welche Debat­ten hältst du für die bun­desweite Frauen­streikver­samm­lung vom 15.–17. Feb­ru­ar in Berlin notwendig?

Zum Einen geht es denke ich um die Diskus­sion darüber, was über­haupt ein Streik ist und warum wir streiken wollen. Häu­fig wird in der fem­i­nis­tis­chen Debat­te die Pro­duk­tion von der Repro­duk­tion getren­nt, und heute ver­suchen ger­ade die Gew­erkschaften, den Frauen­streik nur auf die Repro­duk­tion zu beschränken, um sich aus ihrer Ver­ant­wor­tung zu winden, zu Lohnar­beitsstreiks am 8. März aufzu­rufen. Aber wir denken, dass der Streik als Mit­tel der Arbeiter*innen nicht zufäl­lig heute im Zen­trum der Diskus­sion ste­ht: Die Frauen machen inzwis­chen die Hälfte der Arbeiter*innenklasse aus, und im echt­en Leben sind wir Lohn­ab­hängige und Frauen zugle­ich, warum soll­ten wir das voneinan­der tren­nen? Im Gegen­teil wollen wir dafür kämpfen, am 8. März alles lah­mzule­gen – Pro­duk­tion und Repro­duk­tion, aber auch Schulen und Uni­ver­sitäten.

Ein weit­eres Prob­lem ist, dass bei der let­zten bun­desweit­en Frauen­streikver­samm­lung indi­vidu­elle Forderun­gen im Vorder­grund standen. Wir wollen ger­ade die kollek­tiv­en Forderun­gen stärken, die uns einen gemein­samen Kampf ermöglichen. Nur so kön­nen wir die Spal­tun­gen über­winden, die uns diese Gesellschaft ständig aufer­legt und die auch in der Bewe­gung immer wieder entste­hen: die Spal­tung in Indi­viduen, die Spal­tung zwis­chen Frauen­be­we­gung und Arbeiter*innenbewegung, aber auch die Spal­tung inner­halb der Frauen­be­we­gung in “ein­heimis­che” und migrantis­che Frauen, und ähn­liche. Migrantis­che Frauen wer­den im öffentlichen Diskurs auf diese Iden­tität reduziert und dür­fen, wenn über­haupt, nur darüber sprechen, Migrant*innen zu sein. Wir dage­gen wollen eine Poli­tik machen, die sich an die Gesamtheit der Arbeiter*innenklasse richtet, die ger­ade in Deutsch­land mul­ti­eth­nisch ist.

Eine Tren­nung wollen wir aber doch machen: Wir stellen uns gegen einen Fem­i­nis­mus, der sich hof­fend an den Staat und die Regierung richtet, und der den Auf­bau von NGOs mit dem Auf­bau ein­er tat­säch­lichen Bewe­gung auf der Straße ver­wech­selt. Und wir stellen uns auch gegen die bürokratis­chen Führun­gen der Gew­erkschaften, die ein ums andere Mal den Kampf um die Rechte von Frauen im Stich lassen und heute dage­gen argu­men­tieren, den 8. März zu einem Streik­tag der gesamten Arbeiter*innenklasse zu machen.

Ger­ade um die Abhängigkeit von diesen bürokratis­chen Appa­rat­en in Staat und Gew­erkschaften zu über­winden, brauchen wir außer­dem demokratis­che Entschei­dungsstruk­turen an der Basis und eine Stärkung der Gew­erkschaften durch eine kämpferische anti-bürokratis­che Strö­mung, die die nöti­gen Kämpfe erzwingt. Streikver­samm­lun­gen an allen Orten sollen Forderun­gen abstim­men, Delegierte wählen, und gegen das von der Gew­erkschafts­führung aufer­legte “Streikver­bot” am 8. März mobil­isieren. Nur so kann der diesjährige 8. März mehr als eine ein­tägige Aktion sein, son­dern ein Auf­takt, um sich an den Orten zu organ­isieren, wo wir sind, um bald die gesamte Gesellschaft für unsere Forderun­gen lah­mzule­gen.

zum Weit­er­lesen: Warum ein Frauen­streik? Und wenn ja, welch­er?

Du bist eine Anführerin der inter­na­tionalen sozial­is­tis­chen Frauenor­gan­i­sa­tion “Brot und Rosen” in Deutsch­land. Was wollt ihr auf­bauen?

Wir sind eine sozial­is­tis­che Frauen­grup­pierung, das heißt, wir sind gegen diesen Staat und seine Insti­tu­tio­nen und lehnen auch Strate­gien ab, die sich darauf aus­richt­en. Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus hän­gen untrennbar miteinan­der zusam­men, und kön­nen nur zusam­men gestürzt wer­den. Dafür müssen wir die Kämpfe gegen Aus­beu­tung und gegen jede Art von Unter­drück­ung miteinan­der verbinden. Das ist eine zen­trale Trennlin­ie inner­halb des Fem­i­nis­mus – wir glauben nicht an die Verbesserung der patri­ar­chalen kap­i­tal­is­tis­chen Struk­turen. Wir kämpfen zwar für Refor­men in diesem Sys­tem, aber mit der Per­spek­tive, dass wir in diesen Kämpfen die Kraft sam­meln, um das Sys­tem let­ztlich umzustürzen.

Im Unter­schied zu anderen Strö­mungen, die den Kern der Unter­drück­ung ander­swo sehen, ist die patri­ar­chale Unter­drück­ung für uns untrennbar mit der Klas­sen­ge­sellschaft verknüpft. Um sie zu über­winden, müssen wir eine gesellschaftliche Kraft auf­bauen, die den Kap­i­tal­is­mus stürzen kann. Das kann nur die Arbeiter*innenklasse sein, die die Pro­duk­tion lahm­le­gen kann, ohne die es keinen Prof­it geben kann. Beson­ders deshalb, weil die Arbeiter*innenklasse heute so weib­lich ist wie nie zuvor, und Frauen als Arbeiter*innen an der Spitze der gemein­samen Kämpfe gegen Aus­beu­tung und Unter­drück­ung ste­hen kön­nen.

Obwohl wir eine Frauen­grup­pierung sind, lehnen wir deshalb die Zusam­me­nar­beit mit männlichen Genossen nicht ab, im Gegen­teil: Wir wollen gemein­sam eine rev­o­lu­tionäre Partei auf­bauen, um das Ziel ein­er klassen­losen Gesellschaft zu erre­ichen. Dafür, diese Per­spek­tive in die Frauen­be­we­gung hineinzu­tra­gen, wollen wir Arbei­t­erin­nen, Stu­dentin­nen, jugendliche Frauen zu Tausenden organ­isieren, unab­hängig von den reformistis­chen Parteien und den bürokratis­chen Führun­gen der Gew­erkschaften.

Inter­na­tion­al inspiri­ert sich der Frauen­streik vor allem in der argen­tinis­chen “Ni una menos”-Bewegung. Deine Genossin­nen von “Brot und Rosen” in Argen­tinien haben dort eine aktive Rolle gespielt. Welche Lehren soll­ten von dort über­nom­men wer­den? Welche anderen inter­na­tionalen Kämpfe inspiri­eren euch?

An der “Ni una menos”-Bewegung in Argen­tinien hat mich beson­ders beein­druckt, dass sie sich seit ihrer Entste­hung 2015 immer weit­er entwick­elt hat – nicht nur zahlen­mäßig, son­dern auch in Bezug auf die Forderun­gen, die sie auf­greift. Sie hat als Bewe­gun­gen gegen Morde an Frauen ange­fan­gen, hat dann den Kampf für legale, sichere und kosten­freie Abtrei­bung aufgenom­men, und sich dann auch immer mehr mit den Kämpfen von Arbeiter*innen gegen Ent­las­sun­gen ver­bun­den (“Ni una menos sin tra­ba­jo”). Aktuell ist die argen­tinis­che Frauen­be­we­gung Teil eines großen Kampfes gegen die mit Hil­fe des impe­ri­al­is­tis­chen Inter­na­tionalen Währungs­fonds durchge­set­zten Kürzung­spro­gramme der recht­en Macri-Regierung.

Ger­ade beim Kampf für das Recht auf Abtrei­bung kon­nten wir in Argen­tinien außer­dem sehen, dass wir uns auf den bürg­er­lichen Staat nicht ver­lassen kön­nen: Obwohl Mil­lio­nen von Frauen das Recht auf Abtrei­bung forderten, haben eine Hand­voll Sen­a­toren “demokratisch” entsch­ieden, dass Abtrei­bung weit­er­hin krim­i­nal­isiert wird. Und eine weit­ere Lehre aus Argen­tinien ist der Auf­bau von Frauenkom­mis­sio­nen an Arbeit­splätzen, in Uni­ver­sitäten und Schulen, die zu Orga­nen der Selb­stor­gan­i­sa­tion, der Mobil­isierung und des Kampfes gewor­den sind.

Auch außer­halb von Argen­tinien haben Frauen in den let­zten Jahren große Kämpfe geführt: In Polen haben sie Ver­schär­fung der Abtrei­bungs­ge­set­ze ver­hin­dert. In Indi­en, Sudan und Frankre­ich ste­hen Frauen in den sozialen Protesten mit in der ersten Rei­he. Im Iran sind sie die wichtig­sten Aktivist*innen in den Streiks der Lehrer*innen und in der Unter­stützung ihrer streik­enden Fam­i­lien­mit­glieder in anderen Sek­toren. Und unab­hängig aller Kri­tiken inspiri­ert uns auch die kur­dis­che Frauen­be­we­gung, die uns daran erin­nert, dass Frauen kämpfen kön­nen. Und auch aus dem Spanis­chen Staat kön­nen wir eine Menge ler­nen: Denn dort haben Mil­lio­nen von Frauen gezeigt, dass sie die Gew­erkschafts­bürokra­tien dazu zwin­gen kön­nen, zu Streiks aufzu­rufen. Darauf müssen wir auf­bauen.

Möcht­est du uns zum Abschluss noch etwas sagen?

Viele von den Din­gen, über die ich heute gesprochen habe, möchte ich am Fre­itag gemein­sam mit mein­er Genossin Andrea D’A­tri ver­tiefen. Als Grün­derin von “Brot und Rosen” in Argen­tinien und langjährige Aktivistin in der Frauen­be­we­gung, aber auch als Marx­istin und Mit­glied der Partei Sozial­is­tis­ch­er Arbeiter*innen (PTS) kann sie uns vielle­icht dabei helfen, die großen Her­aus­forderun­gen anzuge­hen, vor denen wir in Deutsch­land für den Auf­bau sowohl ein­er Frauen­be­we­gung als auch ein­er Arbeiter*innenbewegung – mit Frauen an der Spitze – ste­hen.

Ich freue mich sehr über diese Möglichkeit und möchte alle Leser*innen ein­laden, am Fre­itag zu der Ver­anstal­tung im Münch­n­er EineWeltHaus zu kom­men. Dankeschön!

Narges Nas­si­mi ist eine Anführerin der in Deutsch­land neuen, sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­chen Gruppe Brot und Rosen und der marx­is­tis­chen jugend münchen, sowie im selb­stor­gan­isierten Geflüchteten­protest bei Refugee Strug­gle for fFee­dom aktiv. Am 1. Feb­ru­ar wird sie gemein­sam mit Andrea D’A­tri, Autorin des Buchs „Brot und Rosen“, Grün­derin der sozial­is­tis­chen Frauen-Organ­i­sa­tion „Pan y Rosas“ und Aktivistin in der Frauen-Bewe­gung „Ni una menos“ in München über den weltweit­en Auf­schwung des Fem­i­nis­mus und die Her­aus­forderun­gen der Frauen­be­we­gung in Deutsch­land sprechen.

Eine neue Frauen­be­we­gung?
Wann? Fr, 1.2., 19 Uhr
Wo? EineWeltHaus, Schwan­thaler­str. 80,
U4/5 There­sien­wiese, 80339 München
Mehr Infos
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