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VSG-Streik radikalisiert sich, mit Solidarität und Straßenblockaden

Heute war der 37. Streiktag an der Vivantes Service GmbH, der Servicetochter des öffentlichen Krankenhauskonzerns Vivantes. Seit Jahren hat die Hauptstadt keinen so langen Streik erlebt. In der sechsten Woche spitzt sich der Kampf zu: Am Freitag legten erstmals Pflegekräfte aus Solidarität ihre Arbeit nieder.

VSG-Streik radikalisiert sich, mit Solidarität und Straßenblockaden

“Tar­ifver­trag – jet­zt!” Die Parole haben die Kol­le­gen von der Vivantes Ser­vice GmbH schon tausende Male gerufen. Doch am Fre­itag Vor­mit­tag suchen sie einen neuen Ort für ihren Protest aus: Sie ste­hen auf der Fahrbahn der Lands­berg­er Alle direkt vor dem Kranken­haus im Friedrichshain. Hin­ter der Straßen­block­ade wird der Stau immer länger – ein Audi-Fahrer ver­sucht erfol­g­los, die Streik­enden zu ver­ja­gen.

Die VSG ist für Ster­il­i­sa­tion, Kranken­trans­port und zahlre­iche andere Auf­gaben im Kranken­hauskonz­ern Vivantes ver­ant­wortlich. Um den Streik zu brechen, lässt Vivantes Ster­il­i­sa­tion­sgut in anderen Kranken­häusern – sog­ar in Ham­burg! – auf­bere­it­en und set­zt fach­fremdes Per­son­al dafür ein. Gestern wurde Berlins Finanzse­n­a­tor Matthias Kol­latz-Ahnen im Berlin­er Abge­ord­neten­haus auf diesen Skan­dal ange­sprochen. Er behauptete, diese Vor­würfe wür­den sich “nicht bestäti­gen” lassen. Dabei hat­te Vivantes den Ein­satz von ungeschul­tem Per­son­al in der Ster­il­i­sa­tion gegenüber diesem Reporter selb­st bestätigt, wie wir berichtet haben.

Am 37. Tag des VSG-Streiks sind erst­mals Pflegekräfte in einen Sol­i­dar­itätsstreik getreten. Mehr als 30 von ihnen sitzen auf dem Rasen. “Die VSG-Kol­le­gen haben mit die wichtig­ste Arbeit”, sagt eine Pflegerin, die nicht namentlich zitiert wer­den möchte, da sie Repres­sion fürchtet. “Mit dreck­i­gen Instru­menten möchte nie­mand operiert wer­den.” Die Kol­le­gin macht deut­lich: Auch wenn das Ser­vi­ceper­son­al bei Vivantes aus­gegliedert ist, ist es immer noch ein Kranken­haus und eine Belegschaft. Deswe­gen ist es nur richtig, einen ein­heitlichen Tar­ifver­trag für alle zu fordern.

Ins­ge­samt sind am Fre­itag über 100 Kol­le­gen im Arbeit­skampf, ein neuer Höhep­unkt. In der let­zten Woche ver­sucht­en Vivantes-Manager*innen, den Streik­enden Hausver­bot zu erteilen, und dro­ht­en sog­ar mit der Polizei. Kranken­häuser sind jedoch öffentliche Gebäude – die Polizei ist bish­er kein einziges Mal gekom­men. Um 5 vor 12 ver­sam­meln sich die Streik­enden am Ein­gang und machen Lärm ohne Ende – inzwis­chen ein Rit­u­al an jedem Streik­tag.

Endlich wird auch mehr über den Streik berichtet. Bish­er hat­ten bürg­er­liche Medi­en kein Wort über den Arbeit­skampf geschrieben, und auch linke Zeitun­gen hat­ten eher kurze Mel­dun­gen. Nur Klasse Gegen Klasse hat­te eine durchge­hende Berichter­stat­tung mit Artikeln, Inter­views und Videos. Auf­grund der Aus­dauer und der Radikalisierung kom­men jet­zt mehr Reporter*innen vor­bei.

Auch die Bun­destagsab­ge­ord­nete Jut­ta Krell­mann kam zu Besuch und druck­te ihre Sol­i­dar­ität aus. Es gäbe “eigentlich eine linke Regierung” in Berlin, so Krell­mann, und wie kön­nte es sein, dass der Sen­at die Zahlung von Tar­i­flöh­nen in öffentlichen Unternehmen ablehnt? Auch das war gestern The­ma im Abge­ord­neten­haus. Kol­latz-Ahnen behauptet immer wieder, dass der Sen­at “keine Tar­if­partei” sei – obwohl Vivantes ein öffentlich­es Unternehmen ist und er höch­st­per­son­ölich im Auf­sicht­srat sitzt. Sog­ar Abge­ord­nete von SPD und Linkspartei, die zur Regierungskoali­tion gehören, kon­nten das nicht glauben.

In der sech­sten Streik­woche gibt es kein Ange­bot der Geschäfts­führung. Der Sen­at und auch der regierende Bürger*innenmeister Michael Müller (SPD) ver­sprechen Lösun­gen. Aber bish­er haben sie, so erfährt man aus Ver­hand­lungskreisen, noch keine klare Anweisung an Vivantes gegeben.

Deswe­gen radikalisieren die VSG-Streik­enden ihre Aktions­for­men. Dafür trägt Vivantes und der Sen­at die alleinige Ver­ant­wor­tung – es würde nur “Peanuts” kosten, so ein Sozialdemokrat, an der VSG Tar­i­flöhne zu zahlen. Aber die Politiker*innen befürcht­en, wenn sie hier nachgeben, dass dann unzäh­lige andere prekär Beschäftigte in Berlin selb­st kämpfen wer­den. Es ist also für bei­de Seit­en nicht nur ein Stre­it um Geld, son­dern eine prinzip­ielle Auseinan­der­set­zung. Muss sich der Berlin­er Sen­at an seinen eige­nen Ver­sprechen hal­ten und Tar­if­flucht in öffentlichen Betrieben been­den?

Der Streik bei der VSG verbindet sich immer mehr mit dem Arbeit­skampf der stu­den­tis­chen Beschäftigten (TVS­tud). Gestern demon­stri­erten über 1.000 stu­den­tis­che Beschäftigte, mit der VSG an der Spitze. “Wir wer­den immer gemein­sam kämpfen!”, rief Özgür.

One thought on “VSG-Streik radikalisiert sich, mit Solidarität und Straßenblockaden

  1. Gabriele Hellmich sagt:

    Sehr gut geschrieben und alles auf den Punkt gebracht!!!!! Danke

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