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Streikbruch in der Sterilisation gefährdet Patient*innen

Der Streik beim kommunalen Krankenhauskonzern Vivantes in Berlin zeigt Wirkung: Operationen werden abgesagt. In der Sterilisation wird unqualifiziertes Personal eingesetzt.

Streikbruch in der Sterilisation gefährdet Patient*innen

Am Fre­itag ver­sam­melten sich rund 60 Streik­ende vor dem Roten Rathaus. Einige sprangen in den Nep­tun­brun­nen. Auf einem Schild ste­ht: “Vivantes lässt seine Mitarbeiter*innen im Wass­er ste­hen.” Neben ein­er Sol­i­dar­itäts­bekun­dung für die Feuer­wehrleute, die seit Wochen unter dem Mot­to #Berlin­Bren­nt eben­falls an dieser Stelle protestieren, geht es den Beschäftigten der Vivantes-Tochter natür­lich auch um ihre eige­nen Forderun­gen an den Sen­at.

Der Streik beim kom­mu­nalen Kranken­hauskonz­ern Vivantes zeigt unter­dessen Wirkung. Ein heim­lich ange­fer­tigtes Foto zeigt die Pla­nungsta­belle für die Oper­a­tionssäle im Kranken­haus Neukölln. Wo nor­maler­weise viele Ein­griffe angekündigt wer­den, ste­ht bei zwölf Sälen lap­i­dar: “Nur Not­fälle”. Das heißt wohl: Zahlre­iche Oper­a­tio­nen mussten abge­sagt wer­den.

Seit zehn Tagen streiken die Beschäftigten der Vivantes Ser­vice GmbH (VSG), ein­er hun­dert­prozenti­gen Tochter­fir­ma des Vivantes-Konz­erns, der wiederum dem Land Berlin gehört. Die VSG ist für die gesamte Infra­struk­tur im Kranken­haus zuständig: Trans­port, Tex­til­reini­gung, Patien­ten­be­gleitung und zahlre­iche andere Auf­gaben.

Diese Tätigkeit­en gel­ten als “nicht-patien­ten­nah”, und sind den­noch für die medi­zinis­che Arbeit unverzicht­bar. Beson­ders wichtig für den Streik ist die Ster­il­i­sa­tion. An drei Stan­dorten der Vivantes-Tochter, in Friedrichshain, Neukölln und Span­dau, wo die Streik­beteili­gung am höch­sten ist, wer­den die Instru­mente für alle neun Vivantes-Kranken­häuser gere­inigt. Man­gels sauber­er Instru­mente kön­nen Ärzt*innen und Pflegekräfte ihre Arbeit nicht erledi­gen.

“Kein­er weiß, wo wir über­haupt sind”, sagt Hol­ger Stein­metz, der seit drei Jahren als Ster­il­i­sa­tion­sas­sis­tent im Klinikum Friedrichshain arbeit­et. Von den 900 Beschäftigten bei der VSG haben etwa 600 einen alten Arbeitsver­trag mit Vivantes und wer­den nach dem Tar­ifver­trag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt. Stein­metz gehört zu den 300 ohne Tar­ifver­trag. Er ver­di­ent bis zu 1.000 Euro weniger als seine Kolleg*innen, “obwohl wir die gle­iche Arbeit machen”, wie er betont. Mitarbeiter*innen mit TVöD-Verträ­gen bekom­men auch höhere Zuschläge und mehr Urlaub. “Wir müssen viele Nacht- und Woch­enend­schicht­en arbeit­en, um über die Run­den zu kom­men”, so Stein­metz.

Jet­zt wird die Ster­il­i­sa­tion nur durch einen Not­di­enst aufrechter­hal­ten, der zwis­chen Vivantes und der Gew­erkschaft ver.di vere­in­bart wurde. Beschäftigte, die im Not­di­enst arbeit­en, bericht­en allerd­ings, dass in der let­zten Woche Mitarbeiter*innen aus der Ver­wal­tung und sog­ar aus der Geschäfts­führung in der Ster­il­i­sa­tion mit anpack­en mussten. Eigentlich brauchen Tech­nis­che Ster­il­i­sa­tion­sas­sis­ten­ten min­destens eine Fachkunde, damit sie Instru­mente nicht nur desin­fizieren, son­dern ihre Arbeit auch gut doku­men­tieren.

“Neben Stan­dard-Besteck aus Chirurgie oder Neu­rolo­gie müssen wir auch Endoskope, OP-Robot­er­arme und Inku­ba­toren auf­bere­it­en”, sagt Juliane Hielsch­er, die in Neukölln arbeit­et. Ster­il­isiert wird mit Gas, Plas­ma, Dampf — alles Tätigkeit­en, bei denen Ungeschulte nicht schnell ein­sprin­gen kön­nen. Ein Mitar­beit­er, der anonym bleiben will, regt sich über “unqual­i­fiziertes Per­son­al” auf. “Vivantes spielt mit der Gesund­heit der Berlin­er Bürg­er!”

Auf eine Anfrage hieß es von Vivantes:

Bes­timmte Tätigkeit­en in der Ster­il­i­sa­tion von Medi­z­in­pro­duk­ten kön­nen unter Anleitung auch durch andere Mitar­beit­er erbracht wer­den.

Eine Sprecherin von Finanzse­n­a­tor Matthias Kol­latz-Ahnen (SPD) sagte, dass sie die Tar­ifver­hand­lun­gen nicht kom­men­tieren kön­nte – dabei sitzt Kol­latz-Ahnen per­sön­lich im Auf­sicht­srat des lan­de­seige­nen Konz­erns. Der rot-rot-grüne Sen­at hat­te beim Amt­santritt ver­sprochen, die Löhne in den Tochterun­ternehmen “zügig” an den TVöD anzu­gle­ichen.

“Respek­tieren Sie ihr eigenes Wahl­pro­gramm!” rief Thomas Gapa, Mit­glied der VSG-Tar­ifkom­mis­sion, in Rich­tung der Regierung. “Respek­tieren Sie ihren eige­nen Koali­tionsver­trag!” Die Aus­gliederung der VSG nan­nte Gapa eine Form der “Schein­selb­st­ständigkeit”, denn in der Prax­is sind die Mitarbeiter*innen voll in den Kranken­haus­be­trieb einge­bun­den.

Aber es geht auch anders! Das berichtete Lukas S. auf der Kundge­bung am Fre­itag. Einst war er Betrieb­sratsvor­sitzen­der bei ein­er Tochter­fir­ma des Botanis­chen Gartens. Vier Jahre lang kämpfte die Belegschaft für gle­ich­es Geld für gle­iche Arbeit. Am Ende gewan­nen die Kolleg*innen Löhne auf Tar­ifniveau. Prompt wurde auch die Tochter­fir­ma aufgelöst – denn Tochter­fir­men ohne Niedriglöhne macht keinen Sinn –, und alle Beschäftigten wur­den wieder in die Freie Uni­ver­sität eingegliedert. S. brachte Pal­men­blät­ter als Sym­bol dieses Kampfes mit. Am 4. Mai wer­den prekär Beschäftigte aus vie­len lan­de­seige­nen Unternehmen in Berlin eine gemein­same Demon­stra­tion organ­isieren.

Vivantes nen­nt die Zahlung von TVöD-Löh­nen für die restlichen VSG-Beschäftigten “nicht finanzier­bar”. Dabei hat der Konz­ern jüngst erk­lärt, dass er im Jahr 2017 Gewinn gemacht hat: näm­lich 15 Mil­lio­nen Euro. Die Chefin von Vivantes, Andre Grebe, bekommt ein Gehalt von 481.000 Euro im Jahr. Nach zehn Tagen Streik hat der Konz­ern noch keine Ange­bote vorgelegt, wie ver.di berichtet. Der Streik kann noch einige Wochen anhal­ten – und da wird die Ster­il­i­sa­tion immer mehr in Bedräng­nis ger­at­en.

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