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Viraler Kapitalismus

Über das neue Werk des Soziologen Ricardo Antunes

Viraler Kapitalismus
Quelle: Pressefoto, Unicamp

Das neue Buch des Soziologen Ricardo Antunes, erschienen bei Konturen Press, ist jetzt auch auf Deutsch erhältlich. Der Autor, einer der bekanntesten Namen der brasilianischen Soziologie und Verfasser von Werken in mehreren Sprachen, die sich unter anderem mit den Veränderungen in der Arbeitswelt befassen legt nun einen analytischen Beitrag zu den Auswirkungen und Folgen einer der wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit vor: die Covid-19-Pandemie.

Im Allgemeinen nähert sich das Buch dem „Viralen Kapitalismus“ in seinen verschiedenen Dimensionen, beginnend mit einer Reflexion darüber, was diese soziale Krise des Coronavirus bedeutet, unter Berücksichtigung der Entwicklung des internationalen Kapitalismus und seiner zersetzenden Tendenz. Im Gegensatz zu den Autor:innen, die sich dem Phänomen in seiner isolierten, autonomen Version nähern, versucht Ricardo Antunes, das Phänomen in seiner Gesamtheit, in seiner Konkretheit und seinen vielfältigen Bestimmungen zu analysieren; so werden die biologischen Aspekte der Pandemie mit der wirtschaftlichen und sozialen Dimension verwoben und enthüllen, wie sich der Sozialmetabolismus (oder „antisoziale Metabolismus“) des Kapitals mit verheerenden Folgen für die Arbeiter:innenklasse ausgewirkt hat.

Ausgehend von dieser Analyse des Kapitalismus liegt einer der analytischen Schwerpunkte des Buches auf der Beziehung zwischen den Auswirkungen der Pandemie und den Veränderungen in der Arbeitswelt. Angesichts von Krisen neigt das Kapital dazu, diese immer als Gelegenheiten zu nutzen, um Arbeitsrechte zu lockern und neue Arbeitsbeziehungen zu schaffen, die Ausbeutung begünstigen. Und diese Bewegung wird in der Arbeit vom Verständnis der Plattformisierung der Arbeit, dem Phänomen der Uberisierung, gut angesprochen. Wie der Autor schreibt:

In diesem Zusammenhang ist die Pandemie auch durch die Verbreitung digitaler Plattformen und Anwendungen vorangeschritten, mit einer wachsenden Masse, die nicht aufhört, sich auszudehnen, und die die Bedingungen erlebt, die für die sogenannte Uberisierung der Arbeit typisch sind. Da es keine andere Möglichkeit gibt, sofort Arbeit zu finden, suchen die Arbeitnehmer „Beschäftigung“ bei Uber, Uber Eats, 99, Cabify, Rappi, Ifood, Amazon usw. und versuchen so, der größeren Geißel, der Arbeitslosigkeit, zu entkommen. Sie wandern von der Arbeitslosigkeit zur Uberisierung, dieser neuen Form der Knechtschaft. Da die Arbeitslosigkeit ein Ausdruck der gesamten Geißel ist, schien die Uberisierung eine fast ‚tugendhafte‘ Alternative zu sein.

Dies war eines der Kennzeichen der produktiven Umstrukturierung, die nach 2008 stattfand, mit dem Aufkommen von Industrie 4.0 – die über die Propaganda des Kapitals hinaus als technologische Steigerung der Arbeitsausbeutung diente – und den Sharing-Economies und ihrer Umwandlung in Plattformen, mit dem Aufkommen von Gig-Economy, Crowdwork und all den komplexen Formen der Flexibilisierung von Arbeitsrechten, die des Plattformkapitalismus entsprechen.

Dies sind einige der Prozesse und Auswirkungen, die in diesem Buch analysiert werden. Aber nicht nur die Prekarisierung der Arbeit, sondern auch die schädlichen Auswirkungen des viralen Kapitalismus auf die Natur sind Gegenstand der Reflexion. Und sie sind nicht wenige, denn die räuberische Dynamik, die den Stoffwechsel des Kapitalismus übernommen hat, hat die Umweltzerstörung beschleunigt, trotz der falschen ökologischen Besorgnis (des so genannten „grünen Kapitalismus“), die in einigen Unternehmen zu beobachten ist. So argumentiert Ricardo Antunes:

Ebenso wichtig wie die Arbeit ist die Umweltfrage, da es dringend notwendig ist, die Natur zu erhalten (und wiederherzustellen) und mit allen Mitteln eine unkontrollierte Eskalation ihrer vollständigen Zerstörung zu verhindern. Globale Erwärmung, Verseuchung der Flüsse und Meere, fossile Energie, Agrotoxikologie, Transgenetik, Mineralienabbau, Verbrennung, zerstörerische Industrie, räuberische Agrarindustrie – alles Ausdruck eines pandemischen Kapitals, das seinen unsozialen Stoffwechsel nicht fortsetzen kann, ohne die Zerstörung der (menschlichen, organischen und anorganischen) Natur in all ihren Dimensionen zu intensivieren. Wenn der virale Kapitalismus so ist, haben wir keine andere Alternative: Wir müssen eine neue Lebensweise erfinden. Und das ist das wichtigste Gebot unserer Zeit.

Das Buch stellt sich damit in das Lager derjenigen, die in diesem System der Enteignung, das wir erleben, keinen Ausweg sehen, und gegen alle, die der Arbeiter:innenklasse ihre zentrale Stellung in der Gesellschaft nehmen wollten, zeigt Antunes weiterhin die soziale Stärke dieser Klasse auf und, dass nur von ihr aus an eine Emanzipation jenseits des Kapitals, an eine Gesellschaft der frei assoziierten Produzenten, gedacht werden kann.

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