Geschichte und Kultur

Ver­tei­di­gung des Trotz­kis­mus

Die Revolutionär-kommunistische Jugend versteht sich in ihren Grundsätzen als trotzkistisch. Der nachfolgende Artikel soll den Anfang einer Debatte über den Trotzkismus und seine Aktualität auf theoretischer Ebene sowie die daraus folgenden praktischen Schritte bilden.

Verteidigung des Trotzkismus

Der überwältigende Erfolg der Oktoberrevolution in Russland wurde entscheidend beeinflusst von Lenins Rückkehr aus dem Exil und den von ihm verfassten Aprilthesen.

So sollte unter der Parole „des Überganges der Macht in die Hände des Proletariats und der sich ihm anschließenden ärmsten Teile der Bauernschaft“ der Kampf gegen die klassenversöhnlerische Politik Stalins und Kamenews erfolgen. Wie die Menschewiki unterstützten sie die bürgerliche Übergangsregierung, noch dazu trat Kamenew für die Vaterlandsverteidigung gegen Deutschland ein.

Damit übernahm Lenin die Theorie, die Trotzki in seinem 1906 veröffentlichtem Buch „Ergebnisse und Perspektiven“ entwickelte und die später als Theorie der permanenten Revolution bekannt werden sollte. Die zentralen Schlussfolgerungen hierfür konnte Trotzki aus den Erfahrungen der Revolution von 1905 ziehen, in der er der Vorsitzende des Petrograder Sowjets war.

Per­ma­nente Revo­lu­tion

Während die bürgerlichen Revolutionen in den meisten Ländern Europas längst die Herrschaft des Adels beendet und die Bourgeoisie an die Macht gebracht hatten, steckte Russland noch tief im feudalen Sumpf. Durch den ökonomischen und militärischen Druck der umliegenden Staaten und das Fehlen einer eigenen starken nationalen Bourgeoisie wurde der Zarismus dazu gedrängt, für die Stabilisierung seiner Macht nach außen selbst die kapitalistische Entwicklung anzutreiben. Deshalb explodierten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Staatsausgaben für Militär und Industrie in den Städten, die auch Ziel von Investitionen des internationalen Kapitals wurden. Währenddessen herrschte auf dem Land noch die Kleinproduktion vor. Es wurde also in Russland gleichzeitig unter modernsten und unter veralteten vorindustriellen Bedingungen produziert.

Dies fasste Trotzki unter dem Gesetz der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ zusammen, das die Entwicklung der rückständigen durch den Einfluss der fortgeschritteneren kapitalistischen Länder beschreibt. Diese Nationen durchlaufen nicht dieselben Schritte, sondern können einzelne Stufen überspringen und sich gewisse technische Errungenschaften der fortgeschritteneren Staaten aneignen.

In dieser widersprüchlichen Situation schlussfolgerte Trotzki, dass die Bourgeoisie weder den Willen noch die Kraft haben würde, um die Lage der bäuerlichen Massen mittels Lösung der Agrarfrage zu verbessern, geschweige denn die Lage des wachsenden Proletariats. Denn dafür war sie zu schwach und hatte zu viel Angst vor der Stärke des mobilisierten Proletariats. Die Aufgaben, die zuvor von den national-liberalen Bourgeois erfüllt wurden, konnte jetzt nur die Arbeiter*innenklasse bewältigen: Sturz des Adels und Agrarrevolution.

Entgegen einiger Annahmen ist das Bauerntum nicht eine eigene Klasse. Es besteht vielmehr aus verschiedenen Schichten, die sich durch große Heterogenität auszeichnen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Parteien des Bauerntums zwischen den Bolschewiki, das heißt der Partei der Revolutionär*innen um Lenin und Trotzki und den Parteien der Bourgeoisie schwankten und nicht in der Lage waren „eine selbstständige politische Rolle zu spielen“. Aber Bäuer*innen machten in Russland einen Großteil der Bevölkerung aus. Die Frage, welche Rolle sie in der Revolution zu spielen hatten, war also eine sehr wichtige.

Trotzki erkannte in diesem Zusammenhang die Unzulänglichkeit der Parole der „demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“ und setzte ihr die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats im Bund mit den bäuerlichen Massen entgegen. Das Proletariat, als revolutionäre Klasse, muss in der Revolution seine Klassenunabhängigkeit bewahren und mit seinen fortschrittlichen Forderungen die Bauernschaft gegen die Bourgeoisie führen. Um die demokratischen und sozialen Errungenschaften zu sichern, die durch den Sturz der Kapitalist*innen erreicht werden, ist es allerdings notwendig, auch nach ihrem Sturz sozialistische Maßnahmen gegen die Bourgeoisie zu ergreifen. Die Diktatur der Bourgeoisie muss also durch die Diktatur des Proletariats ersetzt werden.

So waren Trotzkis Theorie und Lenins Aprilthesen eine Absage an die menschewistische Etappentheorie. Diese besagte, dass zuerst gemeinsam mit progressiven bürgerlichen Kräften der Zarismus gestürzt und eine bürgerlich-kapitalistische Ordnung hergestellt werden müsse, bevor später die soziale Revolution folgen würde. Auch die stalinistische Theorie des „Sozialismus in einem Land“ wurde schon lange vor ihrer Entstehung widerlegt: Permanenz bedeutet nicht nur, dass es kein Verweilen auf einer Etappe, sondern auch, dass es keinen Sieg vor der Weltrevolution geben kann.

Die Ansätze der Theorie der permanenten Revolution wurden durch Marx und Engels nach der deutschen Revolution von 1848 herausgearbeitet, bei der das liberale Bürgertum im Gegensatz zu 1789 in Frankreich keine revolutionäre Rolle spielen konnte. Eine weitere zentrale Erfahrung war die der Pariser Kommune im Jahr 1871. Marx erkannte hier, dass es nicht ausreichend war, den bürgerlichen Staatsapparat zu übernehmen – er musste zerschlagen und an seiner Stelle ein proletarischer Staat aufgebaut werden.

Es handelt sich also letztendlich um die weiterführende Theoretisierung und praktische Anwendung von Gedanken, die ihren Ursprung bei Marx und Engels haben. Die Theorie erwies sich auch praktisch, weil sie der russischen Revolution gegen den Etappismus der Menschewiki zum Erfolg verhalf. Sie behält auch heute noch ihre Gültigkeit in den halbkolonialen Ländern nicht nur in Bezug auf die demokratische, sondern auch auf die nationale Frage und die Befreiung vom imperialistischen Joch.

Über­gangs­pro­gramm

Einen weiteren bedeutenden Beitrag Trotzkis zum methodischen Repertoire des revolutionären Marxismus stellt das Übergangsprogramm dar. Es wurde 1938 auf dem Gründungskongress der IV. Internationale vorgestellt und kann als ihr programmatisches Manifest betrachtet werden.

Die sozialdemokratischen Parteien, die zur Zeit des aufstrebenden Kapitalismus existierten, besaßen ein System aus Minimal- und Maximalprogramm, also die Forderungen der Tageskämpfe einerseits und der sozialen Revolution andererseits. Dies war in einer Epoche, als es noch möglich war, begrenzte Zugeständnisse seitens der Kapitalist*innen zu erwirken. In der Zeit des kapitalistischen Niedergangs fielen diese Zugeständnisse jedoch Stück für Stück weg und die Unzulänglichkeit der bisherigen Herangehensweise zeigte sich.

Im Übergangsprogramm dagegen sind Forderungen für den alltäglichen Kampf enthalten, deren Zuspitzung die bürgerliche Ordnung und das Privateigentum in Frage stellen: Forderungen, die die Massen zum Sozialismus führen, wenn sie von ihnen aufgegriffen werden.

Es beinhaltet Forderungen wie der Erhöhung der Löhne und ihrer permanenten Anpassung an die Inflation. Oder die Forderung nach einer gleitenden Skala der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, sowohl als Mittel gegen strukturelle als auch konjunkturelle Arbeitslosigkeit oder die nach der Öffnung der Geschäftsbücher, um die Lügen der Bourgeois zu entlarven, wenn sie Stellen streichen oder Gehälter kürzen wollen – all das verschärft die Konfrontation der Klassen auf ökonomischer wie auf politischer Ebene.

Trotzki geht jedoch auch auf die Notwendigkeit ein, die wichtigsten Industrien sofort und ohne Entschädigung (!) zu enteignen, die Banken zu verstaatlichen und in einer Nationalbank unter der Kontrolle des Proletariats zu vereinen, um die Kosten der Krise nicht auf die Arbeiter*innenklasse, die durch Spekulation Arbeit, Brot und Wohnung verliert, abzuwälzen.

Diese Forderungen müssen getragen werden von Komitees in den Betrieben, die von allen Arbeiter*innen gewählt werden und „einen organisierten Ausdruck“ ansonsten spontaner Aktionen wie Streiks und Besetzungen darstellen, während denen die Frage nach der Herrschaft im Betrieb sich stellt.

Von der Stärke und Verankerung dieser Komitees hängt ab, ob Forderungen wie die Öffnung der Geschäftsbücher umgesetzt werden können, denn sie sind es, die stattdessen die Kontrolle übernehmen müssen. Mit dem Erreichen der Hegemonie in den Betrieben, wenn die Arbeiter*innen immer mehr die Planung der Produktion übernehmen, zeigt sich die Arbeiter*innenkontrolle als Schule der Planwirtschaft. So „bereitet sich das Proletariat darauf vor, unmittelbar die Führung der nationalisierten Industrie zu übernehmen, wenn die Stunde dafür geschlagen hat.“

Aus den Komitees und Streikposten müssen, wenn sich zu Zeiten von Streiks der Klassenkampf verschärft, unweigerlich Organe der proletarischen Selbstverteidigung werden. Schon heute sehen sich Streikende immer wieder dem Polizeiapparat gegenüber, während faschistische Banden ihre Feindschaft gegenüber Gewerkschaften äußern und am 1. Mai in verschiedenen Städten die Demonstrationen des DGB angreifen.

Die Bewaffnung des Proletariats muss dabei durch die Organisationen der Arbeiter*innenklasse durchgeführt werden und darf sich nicht vom Rahmen der bürgerlichen Gesetze oder der Moral beschränken lassen, sondern einzig und allein vom Klassenstandpunkt aus erfolgen. Hier und in all den beschriebenen Prozessen ist eine revolutionäre Partei notwendig, die die Avantgarde der Arbeiter*innen vereint, die Erkenntnisse der Klassenkämpfe der Vergangenheit in sein Programm aufnimmt und um die Vorherrschaft in den Organen der Selbstorganisierung kämpft.

Es geht heute jedoch nicht darum, das Übergangsprogramm als „Bedienungsanleitung“ für Revolutionär*innen zu betrachten. Vielmehr verhält es sich wie mit dem kommunistischen Manifest, von dem Marx und Engels im Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1872 erklärten:

„Wie sehr sich auch die Verhältnisse in den letzten fünfundzwanzig Jahren geändert haben, die in diesem ‘Manifest’ entwickelten allgemeinen Grundsätze behalten im ganzen und großen auch heute noch ihre volle Richtigkeit. Einzelnes wäre hier und da zu bessern.“

Wie zu Zeiten des Übergangsprogramms befinden wir uns auch heute immer noch im Zeitalter des Imperialismus. Seine Strategie und seine Forderungen bleiben deswegen auch heute noch aktuell.

Trotz­kis­mus vs. Sta­li­nis­mus

Die von Trotzki gegründete IV. Internationale kämpfte gegen den Kapitalismus, aber sie wendete sich auch gegen die bürokratische Degeneration der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale (der III. Internationale). Im Übergangsprogramm zeigte sie die Notwendigkeit auf, die herrschende Bürokratie zu entmachten und die Macht der Sowjets, das heißt der Räte, die die Grundlage der Revolution gewesen waren, wiederherzustellen und ihnen ihre „freie demokratische Form“ wiederzugeben.

Die Herrschaft der Bürokratie zeigte sich auch auf theoretischer Ebene: Niemand in der Partei der Bolschewiki wäre vor Lenins Tod 1924 überhaupt auf den Gedanken eines „Sozialismus in einem Land“ gekommen. Die Vorstellung davon, Sozialismus nur in der Sowjetunion aufbauen zu können, hatte sich aber zur Zeit der Gründung der IV. Internationale lange durchgesetzt. Dass dies geschehen konnte, hängt maßgeblich mit dem wachsenden Einfluss der Sowjetbürokratie zusammen, deren Verkörperung Josef Stalin wurde. Stalins Theorie diente zur Rechtfertigung der Herrschaft dieser Kaste, die anfing die Arbeiter*innenklasse zu unterdrücken, die Gewerkschaften zu entmachten oder jegliche innerparteiliche Demokratie zu ersticken.

Diese Politik hatte dramatische Folgen: Sie führte zu weltweiten Niederlagen der Arbeiter*innenklasse und der Ermordung einer ganzen Generation an bolschewistischen Revolutionär*innen – darunter auch Leo Trotzki vor 75 Jahren. Die trotzkistische Strategie dagegen beinhaltet die Perspektive der Weltrevolution: Kein Land kann in das Stadium des Sozialismus eintreten, solange die Bedingungen hierfür nicht international gegeben sind. Das bedeutet nicht, dass die Revolutionen in vielen Ländern simultan erfolgen müssen – es bedeutet, dass die Revolution permanent und in Beziehung zum internationalen Klassenkampf stattfindet, bis die ganze Welt sozialistisch geworden ist. Dies ist das Banner, um welches sich die Arbeiter*innenmassen scharen müssen, wenn sie im imperialistischen Zeitalter vor der Entscheidung stehen: Sozialismus oder Barbarei.

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