Hintergründe

Trotzki und Gramsci: ein posthumer Dialog

Antonio Gramsci war wie Trotzki ein Erbe des Denkens der Komintern vor ihrer stalinistischen Entartung. Diese war die bedeutendste revolutionäre Organisation der ArbeiterInnenklasse, die jemals existierte: der Marxismus in der Offensive.

Trotzki und Gramsci: ein posthumer Dialog

Während heute der Trotzk­ismus nur noch eine sehr schwache Kon­ti­nu­ität mit jen­er rev­o­lu­tionären Bewe­gung der Zeit vor dem Zweit­en Weltkrieg aufweisen kann, erfuhr die The­o­rie von Gram­sci ein noch bit­ter­eres Schick­sal. Nach dem Zweit­en Weltkrieg wurde Gram­scis Denken von der ital­ienis­chen KP von Palmiro Togli­at­ti und später vom Euro-Kom­mu­nis­mus aufge­grif­f­en, um eine Strate­gie zu for­mulieren, die offen das bürg­er­liche Regime unter­stützte (eine the­o­retis­che Oper­a­tion, die der Stal­in­is­mus mit dem Ver­mächt­nis Trotzkis niemals hätte erfol­gre­ich durch­führen kön­nen); heutzu­tage ist diese Lek­türe in akademis­chen Kreisen weit ver­bre­it­et und wird von Kar­ri­eristIn­nen und Regierungs­beamtIn­nen jed­er Art benutzt. Obwohl wir in diesem Artikel die Gren­zen von Gram­scis Ansicht­en, wie wir sie sehen, behan­deln, sind wir uns ein­er Sache sehr wohl bewusst: Genau­so wenig wie der Stal­in­is­mus ein direk­tes Pro­dukt des Bolschewis­mus ist, son­dern vielmehr seine kon­ter­rev­o­lu­tionäre Entar­tung darstellt, geht die Mehrheit von Gram­scis Anhän­gerIn­nen, von denen viele „organ­is­che Intellek­tuelle“ der Bour­geoisie oder Bera­terIn­nen der Gew­erkschafts­bürokratie gewor­den sind, direkt aus dem Erbe der ital­ienis­chen Kom­mu­nistIn­nen her­vor.

Wir sind keineswegs die Ersten, die eine kri­tis­che Par­al­lele zwis­chen Trotzkis und Gram­scis Ideen zu ziehen ver­suchen. Per­ry Ander­son eröffnete vom Stand­punkt des akademis­chen Marx­is­mus aus eine Debat­te um die Mehrdeutigkeit­en von Gram­scis Grund­konzept der Hege­monie. Dies stellte eine echte Pio­nier­ar­beit dar, in der Trotzkis the­o­retis­che Ansicht­en berück­sichtigt wer­den, was bis dahin selb­st trotzk­istis­che Strö­mungen vol­lkom­men ver­säumt hat­ten[1]. Das Haup­tan­liegen unser­er Studie liegt darin, die bei­den the­o­retis­chen Sys­teme in ihrer Gesamtheit gegenüberzustellen, beson­ders in ihren ver­schiede­nen Eigen­tüm­lichkeit­en wie z.B. der Begriff vom kap­i­tal­is­tis­chen Gle­ichgewicht und die The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion bei Trotz­ki und die Beziehung zwis­chen Manöverkrieg und Stel­lungskrieg bei Gram­sci, sowie die Anwen­dun­gen sein­er Kat­e­gorie der pas­siv­en Rev­o­lu­tion, die, wie wir glauben, von den rev­o­lu­tionären Marx­istIn­nen stark unter­schätzt wor­den sind. Das erste Ergeb­nis der direk­ten Gegenüber­stel­lung der bei­den the­o­retis­chen Per­spek­tiv­en ist die Entste­hung neuer Konzepte sowie die Dialek­tisierung ander­er, welche ein besseres Ver­ständ­nis der kom­plex­en poli­tis­chen Welt­lage seit dem Zweit­en Weltkrieg ermöglichen: der Ära der soge­nan­nten „Jal­ta-Ord­nung“, in der sich auf der Basis des Siegs über den Nazi-Faschis­mus, die Hege­monie des US-Impe­ri­al­is­mus auf der Welt sowie die schreck­liche Kon­trolle des Stal­in­is­mus über den größten Teil der inter­na­tionalen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung kon­so­li­dierte. Obwohl wir ver­suchen, durch neue the­o­retis­che Werkzeuge zu einem tief­er­en Ver­ständ­nis darüber zu gelan­gen, „wie die herrschende Klasse herrschte“ in der Ver­gan­gen­heit und auf welch­er Grund­lage ein neuer Massen-Reformis­mus nach dem Ende des Zweit­en Weltkrieges entste­hen kon­nte, ist unser wichtig­stes Ziel in unser­er momen­ta­nen Sit­u­a­tion die die Rev­o­lu­tion behin­dern­den Mech­a­nis­men zu entwirren und den Reformis­mus in der Gegen­wart zu bekämpfen. Der Ver­gle­ich zwis­chen den The­o­rien von Gram­sci und Trotz­ki ver­fol­gt – im Kon­text der kon­vul­siv­en Klassenkampf­pe­ri­ode zwis­chen Erstem und Zweit­em Weltkrieg, in der sie ent­standen sind – vor allem das Ziel, die Beziehung zwis­chen den drei großen geschichtlichen Phänome­nen, die die impe­ri­al­is­tis­che Epoche bes­tim­men – kap­i­tal­is­tis­che Krisen, Kriege und Rev­o­lu­tio­nen – klarzustellen, um ihre kün­ftige Dynamik zu bes­tim­men.

Zwischen den beiden Kriegen

Abge­se­hen davon, wie insta­bil oder dekadent die Sit­u­a­tion des US-Impe­ri­al­is­mus in der jet­zi­gen Welt­lage zu sein scheint, erscheint die Hege­monie des nor­damerikanis­chen Impe­ri­al­is­mus heute gewis­ser­maßen naturgegeben. Anfang des zwanzig­sten Jahrhun­derts war dies jedoch keineswegs der Fall, genau­so wenig wie sich die Eroberung sein­er Vor­ma­cht­stel­lung als ein „natür­lich­er“ Prozess darstellte. Weit davon ent­fer­nt waren die Voraus­set­zun­gen dieser großen ist sie das Ergeb­nis eines Inter­reg­nums, in dem die Def­i­n­i­tion Lenins über die Epoche seit Beginn des ersten Weltkriegs ihren deut­lich­sten Aus­druck fand: eine „Epoche von Krisen, Kriegen und Rev­o­lu­tio­nen“. Der rev­o­lu­tionäre Marx­is­mus musste der grund­sät­zlichen Wende inner­halb der Herrschafts­beziehun­gen in dieser Epoche Rech­nung tra­gen: Der Ver­schiebung der impe­ri­al­is­tis­chen Hege­monie vom alten Eng­land zu den auf­steigen­den USA. Was waren die Voraus­set­zun­gen dieser großen Verän­derung und wie kam sie zus­tande?

Der marx­is­tis­che Ökonom Isaac Joshua gelangt zu ein­er her­vor­ra­gen­den Syn­these bezüglich der Zwis­chenkriegszeit und der Großen Depres­sion.: „Die dem Gold­stan­dard zugeschriebe­nen Mis­se­tat­en haben gezeigt, dass die Pfund­krise ein­er der Schlüs­selpunk­te der Depres­sion der ‘30er Jahre war. Eine Pfund­krise, die sich als eine Hege­moniekrise darstellte, oder bess­er gesagt, als eine Krise ‚zwis­chen zwei‘: Großbri­tan­nien kann die Zügel nicht mehr hal­ten, während die USA noch unfähig sind, sie in die Hand zu nehmen. Die USA machen es Großbri­tan­nien unmöglich, weit­er zu machen wie bish­er, und wer­den ihrer­seits bei dem Ver­such, die Ober­hand zu gewin­nen, von Großbri­tan­nien behin­dert. Auch hier trug der Erste Weltkrieg seinen Teil bei: Er beschle­u­nigte eine Entwick­lung, die sowieso stattge­fun­den hätte. Was früher nur Haar­risse im Gebäude waren, wurde durch ihn zu bre­it­en Ris­sen. Er set­zte das Prob­lem auf die Tage­sor­d­nung, kon­nte es jedoch nicht lösen. Die Geschichte eröffnete eine insta­bile Peri­ode, und das Boot wurde führer­los der Gewalt des Windes über­lassen.“

Joshua bemerkt auch: „1918 (…) war der Starke noch nicht stark genug und der Schwache noch nicht schwach genug. In ihrer inter­na­tionalen Dimen­sion stellt die große Krise deut­lich eine Krise ‚zwis­chen zwei‘ dar, zwis­chen einem Ersten Weltkrieg, der sich damit zufrieden gab, die Prob­leme auf die Tage­sor­d­nung zu set­zen, und einem Zweit­en Weltkrieg, der sie zugun­sten der amerikanis­chen Hege­monie löste.“[2]

Genau dies war die Peri­ode, in der sich die rev­o­lu­tionäre Tätigkeit von Trotz­ki und Gram­sci ent­fal­tete, und die als Rah­men für den von uns angestrebten Ver­gle­ich zwis­chen ihren Posi­tio­nen dient.

Zunächst wollen wir her­vorheben, dass der erste gemein­same Berührungspunkt zwis­chen Leo Trotz­ki und Anto­nio Gram­sci darin beste­ht, dass bei­de der neuen Rolle der USA[3] als Welt­macht im Ver­gle­ich zu dem ver­fal­l­en­den Eng­land große Bedeu­tung zumaßen. Und das Wichtig­ste ist, dass bei­de dies vom sel­ben method­ol­o­gis­chen Stand­punkt aus tat­en: dem Gesetz der Pro­duk­tiv­ität der Arbeit.

Mit Bezug auf die Über­legen­heit des amerikanis­chen Kap­i­tal­is­mus behauptete Trotz­ki: „Das Gesetz der Pro­duk­tiv­ität der Arbeit ist von entschei­den­der Bedeu­tung bei den gegen­seit­i­gen Beziehun­gen zwis­chen Europa und Ameri­ka und über­haupt bei der Bes­tim­mung der zukün­fti­gen Stel­lung der Vere­inigten Staat­en in der Welt. Diese höch­ste Form, die die Yan­kees dem Gesetz der Arbeit­spro­duk­tiv­ität ver­liehen, ist das Fließband, die stan­dar­d­isierte oder Massen­pro­duk­tion. Es kön­nte erscheinen, dass der Punkt, von dem der Hebel des Archimedes die Welt aus den Angeln heben sollte, gefun­den war.“[4]

Im sel­ben Sinne argu­men­tierte Gram­sci: „Was ist der Bezugspunkt für die entste­hende neue Welt?“ Seine Antwort ist: „Die Welt der Pro­duk­tion, der Arbeit“.

Daher wid­met er dem Studi­um des Fordis­mus beson­dere Aufmerk­samkeit und beschreibt diesen als die indus­trielle Poli­tik, der die dynamis­chsten Sek­toren der nor­damerikanis­chen Bour­geoisie anhän­gen, um „die pro­gram­mierte Wirtschaft zu erre­ichen“, in der „die neuen Meth­o­d­en von Arbeit eng mit ein­er bes­timmten Lebensweise, ein­er Denkweise und einem Lebens­ge­fühl ver­bun­den sind.“ All diese Ele­mente kündi­gen also eine neue Kul­tur an: den „Amerikanis­mus“[5].

„All­ge­mein läßt sich sagen, dass der Amerikanis­mus und der Fordis­mus“, behauptet Gram­sci, „aus der imma­nen­ten Notwendigkeit her­vorge­hen, zur Organ­i­sa­tion ein­er pro­gram­ma­tis­chen [geplanten, A.d.R.] Ökonomie zu gelan­gen (…) den Über­gang vom alten ökonomis­chen Indi­vid­u­al­is­mus zur geplanten Ökonomie sig­nal­isieren.” Und er behauptet darüber hin­aus, dass in den USA „geschickt der Zwang (Zer­störung des Arbeit­er-Gew­erkschaftswe­sens auf ter­ri­to­ri­aler Basis [Branchengew­erkschaften A.d.R.]) mit der Überzeu­gung kom­biniert (hohe Löhne, ver­schiedene soziale Zuwen­dun­gen, ide­ol­o­gis­che Pro­pa­gan­da und äußerst geschick­te Poli­tik) und erre­icht wurde, das gesamte Leben des Lan­des auf die Pro­duk­tion zu grün­den. Die Hege­monie entspringt in der Fab­rik und braucht zu ihrer Ausübung nur eine min­i­male Menge pro­fes­sioneller Ver­mit­tler der Poli­tik und der Ide­olo­gie.“

Außer dem gemein­samen Anliegen, die Über­legen­heit Amerikas aufzuzeigen, indem sie sich auf die Pro­duk­tiv­ität der Arbeit stützten, gehen bei­de von der­sel­ben Def­i­n­i­tion des in der Peri­ode direkt nach dem Ersten Weltkrieg herrschen­den Kräftev­er­hält­niss­es aus. Die Kat­e­gorie ‚insta­biles Gle­ichgewicht’ oder ‚rel­a­tive Sta­bil­isierung’ des Kap­i­tal­is­mus stammt aus einem Bericht, den Trotz­ki dem III. Kongress der Kom­intern 1921 lieferte. Diese Ansicht, die auch die Kom­intern teilte, war bei­den Rev­o­lu­tionären gemein­sam.

Diese Def­i­n­i­tion war fol­gende: „Das kap­i­tal­is­tis­che Gle­ichgewicht ist ein kom­plex­es Phänomen; das kap­i­tal­is­tis­che Regime stellt dieses Gle­ichgewicht her, zer­stört es, um es wieder herzustellen und es wieder zu zer­stören, wobei es jedes Mal die Gren­zen sein­er Herrschaft ausweit­et. Auf der wirtschaftlichen Ebene stellen die Krisen und die Ver­schär­fun­gen der Aktiv­itäten, Brüche und Wieder­her­stel­lun­gen des Gle­ichgewicht­es dar. Auf der Ebene der Klassen­beziehun­gen drückt sich der Bruch des Gle­ichgewicht­es in Streiks, in lock-outs oder im rev­o­lu­tionären Kampf aus. Auf der Ebene der Beziehun­gen zwis­chen Staat­en drückt sich der Bruch des Gle­ichgewicht­es in der Regel in Kriegen zwis­chen Staat­en, oder in abgemildert­er Form in Zoll- bzw. Wirtschaft­skriegen aus oder auch in wirtschaftlichen Block­aden. Der Kap­i­tal­is­mus hat also ein insta­biles Gle­ichgewicht, das von Zeit zu Zeit bricht und sich danach wieder ein­stellt. Gle­ichzeit­ig besitzt dieses Gle­ichgewicht eine gewaltige Wider­stand­skraft: Das beste Beispiel hier­für ist der Fortbe­stand des Kap­i­tal­is­mus.“

Weit ent­fer­nt von irgend ein­er Form von wirtschaftlichem Deter­min­is­mus behauptet Trotz­ki, dass „die Analyse von wirtschaftlichen Zustän­den und Ten­den­zen sowie der poli­tis­chen Welt­lage als Ganzem, mit ihren Beziehun­gen und Wider­sprüchen, d.h. inklu­sive ihrer gegen­seit­i­gen Abhängigkeit­en, die die einzel­nen Bestandteile zueinan­der in Wider­spruch set­zen, als Aus­gangspunkt betra­chtet wer­den soll.“[6]

Die Orig­i­nal­ität von Trotzkis Ansatz liegt darin, dass er die Rolle von sub­jek­tiv­en Fak­toren als entschei­dende Ele­mente im Gang der kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft anerken­nt, was diejeni­gen, die ihm Gemein­samkeit­en mit dem wirtschaftlichen Deter­min­is­mus der Zweit­en Inter­na­tionale[7] unter­stellen, offen­sichtlich überse­hen haben. Um alle Zweifel auszuräu­men: „Wenn wir gefragt wer­den: ‚Welche Garantien gibt es dafür, daß der Kap­i­tal­is­mus sein Gle­ichgewicht nicht durch zyk­lis­che Schwankun­gen wieder her­stellen wird?‘, wür­den wir dann antworten: ‚Es gibt keine und es kann keine Garantien geben.’ Wenn wir die rev­o­lu­tionäre Natur der Arbeit­erk­lasse und ihres Kampfes sowie die Arbeit der Kom­mu­nis­tis­chen Partei und der Gew­erkschaften außer Acht lassen und dafür die objek­tiv­en Mech­a­nis­men des Kap­i­tal­is­mus als Maßstab nehmen, kön­nten wir dann sagen: ‚Sollte die Inter­ven­tion, der Kampf, der Wider­stand, die Selb­stvertei­di­gung und die Offen­sive der Arbeit­erk­lasse scheit­ern, kön­nte der Kap­i­tal­is­mus natür­lich sein Gle­ichgewicht wieder­her­stellen, jedoch nicht das alte, son­dern eine neue Art von Gle­ichgewicht.“[8]

Gram­sci sein­er­seits entwick­elt den Begriff der „organ­is­chen Krise“, der, obwohl er haupt­säch­lich auf der Ebene des Nation­al­staates ange­wandt wird, mit dem Begriff „Bruch des kap­i­tal­is­tis­chen Gle­ichgewichts“ ver­gle­ich­bar ist, den Trotz­ki zur Analyse des inter­na­tionalen Szenar­i­ums benutzt[9]. Um das Kräftev­er­hält­nis zu bes­tim­men, weist Gram­sci darauf hin, dass es eine andere Sache ist, zu bes­tim­men, „ob die fun­da­men­tal­en geschichtlichen Krisen unmit­tel­bar durch die Wirtschaft­skrisen bewirkt wer­den. (…) Aus­geschlossen wer­den kann, daß die unmit­tel­baren Wirtschaft­skrisen von sich aus fun­da­men­tale Ereignisse her­vor­brin­gen; sie kön­nen nur einen gün­stigeren Boden für die Ver­bre­itung bes­timmter Weisen bere­it­en, die für weit­ere Entwick­lung des staatlichen Lebens entschei­dende Fra­gen zu denken, zu stellen und zu lösen. (…) Auf jeden Fall kam es zum Bruch des Gle­ichgewichts nicht aus unmit­tel­bar mech­a­nis­chen Grün­den der Vere­len­dung der gesellschaftlichen Gruppe, die Inter­esse daran hat­te, das Gle­ichgewicht zu zer­brechen und es auch in der Tat zer­brach, son­dern vol­l­zog sich im Rah­men von ober­halb der unmit­tel­bar ökonomis­chen Welt ange­siedel­ten Kon­flik­ten, die mit dem Klassen-‚Prestige‘ (kün­ftige ökonomis­che Inter­essen), mit einem Auf­bäu­men des Unabhängigkeits‑, Autonomie- und Machtempfind­ens zusam­men­hin­gen.“[10]

Aus­ge­hend von dieser gemein­samen the­o­retis­chen Grund­lage – nen­nen wir sie ökonomisch antikatas­tro­phis­tisch – von der sowohl Trotz­ki und Gram­sci in den ’20er Jahren aus­ge­hen[11], wer­den wir nun die von den bei­den Rev­o­lu­tionären aufgeze­ich­neten Per­spek­tiv­en für die inter­na­tionale Lage in der näch­sten Peri­ode betra­cht­en.

Die „passive Revolution“

Eine Studie bemerkt: „Gram­scis Beobach­tung, die besagt, dass die zeit­genös­sis­che his­torische Peri­ode nach dem Ersten Weltkrieg vom Begriff ‚pas­siv­er Rev­o­lu­tion’ aus­ge­hend unter­sucht und analysiert wer­den kann, ist wichtig. Nach den Ver­heerun­gen des Weltkrieges und der anschließend fol­gen­den tiefen Krise, die mit der Nieder­lage der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion im West­en endete, schien eine ganze Epoche zu Ende zu gehen. In der Tat war es der Bour­geoisie gelun­gen, die Sit­u­a­tion unter Kon­trolle zu brin­gen und die rev­o­lu­tionären Kräfte trotz hart­näck­i­gen Wider­stands zu neu­tral­isieren. Daher schien die Peri­ode ‚rel­a­tiv­er Sta­bil­isierung‘ des Kap­i­tal­is­mus mehr als eine bloße kon­junk­turelle Zwis­chen­sta­tion.“[12]

Tat­säch­lich stellt sich Gram­sci die Frage, ob „der Amerikanis­mus eine geschichtliche ‚Epoche‘ bilden kann, das heißt, ob er eine schrit­tweise Entwick­lung vom (…) Typus der fürs let­zte Jahrhun­dert charak­ter­is­tis­chen ‚pas­siv­en Rev­o­lu­tio­nen‘ her­vor­brin­gen kann (…), oder ob [er] statt dessen nur die moleku­lare Anhäu­fung von Ele­menten darstellt, die dazu bes­timt sind, eine ‚Explo­sion‘ her­vorzu­rufen, das heißt einen Umsturz franzö­sis­chen Typs“[13], wobei er diese let­zte Möglichkeit gegenüber den schon von Marx und Engels ange­sproch­enen „Rev­o­lu­tio­nen von oben“ vor­zog.

Das Konzept der pas­siv­en Rev­o­lu­tion[14] nach Gram­sci entste­ht aus dem Zusam­men­fluss von min­destens drei Quellen.

Die Idee ein­er Wieder­an­pas­sung der herrschen­den Klasse mit­tels ein­er „Rev­o­lu­tion von oben“ als Antwort auf den Druck der Massen kann schon bei Marx selb­st gefun­den wer­den, sowie auch der Ursprung des von Trotz­ki ver­wandten Begriffes „per­ma­nente Rev­o­lu­tion“ in Marx‘ Schriften seinen Ursprung hat. Jedoch bedeuten bei­de Kat­e­gorien in der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche nicht genau das­selbe wie im 19. Jahrhun­dert. Marx und Engels schließen 1851 nach dem Putsch von Louis Bona­parte in Frankre­ich: „Die Peri­ode der Rev­o­lu­tio­nen von unten war einst­weilen geschlossen; es fol­gte eine Peri­ode der Rev­o­lu­tio­nen von oben“, und führen als Beispiel nicht nur die mit Bona­parte erfol­gte Rück­kehr zum Imperi­um in Frankre­ich, son­dern auch „seinen Nachah­mer Bis­mar­ck“, der in Preußen „seinen Staatsstre­ich und seine Rev­o­lu­tion von oben 1866“ vol­l­zog, an[15].

Daher kommt die analoge Schlussfol­gerung des ital­ienis­chen Rev­o­lu­tionärs: Wenn auf die Peri­ode der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tio­nen, ange­fan­gen 1789 mit der großen Französichen Rev­o­lu­tion bis 1848, der Zyk­lus der „Rev­o­lu­tio­nen von oben“ fol­gt, stellt sich die Frage, ob die bolschewis­tis­che Rev­o­lu­tion von 1917, das „Frankre­ich“ der Ära der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion, nicht von einem Zyk­lus pas­siv­er Rev­o­lu­tio­nen beant­wortet wer­den kön­nte. In dieser gram­s­cian­is­chen Inter­pre­ta­tion der Beziehung zwis­chen dem rev­o­lu­tionärem Auf­schwung und der entsprechen­den Gegen­reak­tion der Kon­ter­rev­o­lu­tion, bei gle­ichzeit­iger Umwand­lung zum mod­er­nen Staat der west­lichen Demokra­tien, liegt eine der Grund­la­gen für seine Def­i­n­i­tion: „die Formel von achtund­vierzig von der ‚per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion’ wird in der poli­tis­chen Wis­senschaft durch die Formel der ‚zivilen Hege­monie’ entwick­elt und über­holt“[16], weil „die inneren und inter­na­tionalen Organ­i­sa­tions­beziehun­gen des Staates kom­plex­er und fes­ter wur­den.“ In diesem Sinne bedeuteten auch der Fordis­mus und der Amerikanis­mus – mit den von ihnen durchge­führten staatlichen Mod­i­fizierun­gen – einen Entwick­lungsver­such der Pro­duk­tivkräfte auf der Basis der rel­a­tiv­en Sta­bil­ität, die der Kap­i­tal­is­mus in den ’20er Jahren dank der Zurückschla­gung der inter­na­tionalen rev­o­lu­tionären Welle – die dank der Auswirkun­gen der Okto­ber­rev­o­lu­tion 1917 in Europa beson­ders aus­geprägt war – erre­ichte; daher beze­ich­net Gram­sci die pas­sive Rev­o­lu­tion auch als eine „Rev­o­lu­tion-Restau­ra­tion“.

Zweit­ens greift Gram­sci die Idee der ital­ienis­chen Geschichte selb­st auf: „der Begriff ‚pas­sive Rev­o­lu­tion‘ im Sinne Vin­cen­zo Cuo­cos in Bezug auf die erste Phase des ital­ienis­chen Risorg­i­men­to“[17], den er auf die ganze Peri­ode der nationalen Eini­gung ausweit­et, die mit den Ereignis­sen von 1848 und 1849 begin­nt und 1871 mit der Eroberung Roms als Haupt­stadt Ital­iens endet. Die Eini­gung Ital­iens als bürg­er­liche Nation wurde inner­halb der von der Allianz der Bour­geoisie aus dem Nor­den mit den Groß­grundbe­sitzerIn­nen aus dem Süden gesteck­ten Gren­zen durchge­führt. Anders als bei der großen Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion wurde dabei den Bauern/Bäuerinnen wed­er Land gegeben noch son­stige Zugeständ­nisse gemacht. So wurde eine his­torisch gese­hen fortschrit­tliche Auf­gabe wie die Eini­gung Ital­iens auf reak­tionäre Art und Weise durch die Partei der Mod­er­at­en und auf mil­itärisch­er Ebene durch die Armee und den Staat Piemonts durchge­führt. Dies löste eine „Diplo­ma­tisierung der Rev­o­lu­tion“ aus, die im krassen Gegen­satz zum franzö­sis­chen Mod­ell ste­ht. Dafür bedi­ente sich die Bour­geoisie des „Trans­formis­mus“, ein­er Meth­ode, mit der sie die radikalsten FührerIn­nen der Aktion­spartei in das Pro­gramm der Mod­er­at­en eingliederte, sie vere­in­nahmte und qua­si trans­formierte. Auf diese Weise ord­neten sich die radikalen FührerIn­nen dem recht­en Flügel des Prozess­es unter, statt eine aktive Rolle zu spie­len, wie sein­erzeit die „Jakobin­er“. Gram­sci warnte also vor ein­er von oben pak­tierten „pas­siv­en Rev­o­lu­tion“, die bürg­er­liche Bremse der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion also, die nun in der Epoche der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion dro­hte[18].

Schließlich macht Gram­sci von diesem Begriff angesichts ein­er bren­nen­den poli­tis­chen Notwendigkeit Gebrauch: eine Antwort auf den Auf­stieg des Faschis­mus zu geben. Gram­scis Posi­tion ste­ht in krassem Wider­spruch zu der Ein­schätzung der Führung der KPI über die Erfol­gsaus­sicht­en Mus­soli­n­is. Trotz­ki äußerte sich darüber mit den fol­gen­den Worten: „Mit Aus­nahme des einzi­gen Gram­sci schloß die Kom­mu­nis­tis­che Partei, wie mir ital­ienis­che Fre­unde mit­teilen, selb­st die Möglichkeit der faschis­tis­chen Machter­grei­fung aus.”[19] Obwohl Gram­scis Analyse dieses neuen Phänomens – die großan­gelegte Mobil­isierung der Mit­telschicht­en gegen die Arbei­t­erIn­nen­klasse – scharf­sin­niger als die ultra­linke Posi­tion Bor­di­gas war, näherte er sich erst 1924 an die von Trotz­ki und der Drit­ten Inter­na­tionale vorgeschla­gene Ein­heits­front­poli­tik der Arbei­t­erIn­nen­klasse gegen den Faschis­mus in Ital­ien an[20]. Jahre später lehnte er – wie Trotz­ki – die Ori­en­tierung der stal­in­is­tis­chen KPI der „drit­ten Peri­ode“ ab, die jegliche Zusam­me­nar­beit oder Ein­heits­front mit der SPI und den reformistis­chen Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen ablehnte, weil diese „sozial­faschis­tisch“ seien.

Der Grund für die Beto­nung des Begriffes ‚pas­sive Rev­o­lu­tion’ in sein­er The­o­rie ist sein Ver­such, die Geschehnisse der Zeit auf eine andere Art und Weise zu erk­lären und eine Antwort zu liefern, die den Bedürfnis­sen der Massen­be­we­gung gerecht würde. Denn das bis dahin unbekan­nte Phänomen des ital­ienis­chen Faschis­mus ist nicht reine Repres­sion son­dern bemüht sich auch, einen neuen Kon­sens unter bre­it­en Schicht­en der Massen zu erre­ichen. Nach der Wirtschaft­skrise von 1929 entwick­elte eine Strö­mung des Faschis­mus sog­ar die Hypothese ein­er ‚Ratio­nal­isierung-Umor­gan­isierung’ des Pro­duk­ti­vap­pa­rates, d.h., ein­er ital­ienis­chen Ver­sion vom ‚Amerikanis­mus’ mit­tels des ‘Kor­po­ra­tivis­mus’, der sich auf eine Art von ‚Vere­ini­gung zwis­chen der Regierung der Massen und der Regierung der Pro­duk­tion’ grün­det. Gram­sci betra­chtet dieses Phänomen als den Ver­such, die „organ­is­che Krise“ des Staates zu über­winden.

Somit sehen wir, dass die pas­sive Rev­o­lu­tion in der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche ihre Bestä­ti­gung find­et, indem sie eine „reformistis­che Umwand­lung der wirtschaftlichen Struk­tur erfährt, von ein­er indi­vid­u­al­is­tis­chen zu ein­er geplanten (dirigierten) Wirtschaft, und indem eine ‚Halb­wirtschaft’ zwis­chen der rein indi­vid­u­al­is­tis­chen und der allum­fassenden Plan­wirtschaft entste­ht“, wobei er mit let­zter­er die sozial­is­tis­che Plan­wirtschaft meint. Die Bour­geoisie erre­ichte diese „Halb­wirtschaft“ mit­tels der staatlichen Mech­a­nis­men des „Kor­po­ra­tivis­mus“, was dem Kap­i­tal­is­mus einen Schritt in Rich­tung mod­ernere poli­tis­che und kul­turelle For­men ermöglichte und somit half, die katas­trophale Phase zu über­sprin­gen bzw. zu über­winden.

Für Grm­sci gibt es zwei mögliche Wege für eine kap­i­tal­is­tis­che Erhol­ung: „den Amerikanis­mus“ mit Roo­sevelts „new deal“ auf der einen und den Faschis­mus auf der anderen Seite. Indem er eine son­der­bare Abstrak­tion der faschis­tis­chen Bürg­erIn­nenkriegsmeth­o­d­en gegen die Arbei­t­erIn­nen­klasse, gegen ihre Organ­i­sa­tio­nen und ihre Avant­garde vorn­immt, find­et er jedoch einen gemein­samen Nen­ner bezüglich der struk­turellen Ziele, die sie ver­fol­gen. Diese sind nicht nur, „die antag­o­nis­tis­chen Kräfte zu zer­streuen“, das Pro­le­tari­at von den Bauern/Bäuerinnen zu tren­nen, son­dern auch die Wieder­bele­bung eines ver­jüngten Kap­i­tal­is­mus – auf ein­er neuen Grund­lage – zu erre­ichen. Sowohl der Amerikanis­mus als auch der Faschis­mus stellen für Gram­sci den Ver­such dar, den Kap­i­tal­is­mus „von oben“ zu „mod­ernisieren“, und bei­de kön­nen mit dem Begriff „pas­sive Rev­o­lu­tion“ ver­bun­den wer­den, der zunächst als eine wirtschaftlich-soziale Kat­e­gorie entste­ht, der aber auch wichtige staatliche Verän­derun­gen bein­hal­tet und braucht.

Neben den Verän­derun­gen in den sozioökonomis­che Bedin­gun­gen und in den Gewohn­heit­en, die der Amerikanis­mus mit sich brachte, ent­stand allmäh­lich ein neuer Typ von Staat, der diese durch­set­zen sollte: „Der Staat ist lib­er­al, nicht im Sinne des Lib­er­al­is­mus der Zölle oder der tat­säch­lichen poli­tis­chen Frei­heit, son­dern in einem tief­er­en Sinn, d.h., der freien Ini­tia­tive und des wirtschaftlichen Lib­er­al­is­mus, der aus sein­er eige­nen Dynamik, als Zivilge­sellschaft, durch seine höchst eigene his­torische Entwick­lung zum Regime der indus­triellen Konzen­tra­tion und zum Monopol kommt.“ Der neue Staat­sty­pus greift in die Wirtschaft ein „belehnt mit ein­er Schlüs­sel­funk­tion inner­halb des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems als Unternehmen (staatliche Hold­ingge­sellschaft), der die Erspar­nisse in seinen Hän­den konzen­tri­ert und der Indus­trie und dem Pri­vat­sek­tor zur Ver­fü­gung stellt, auch als mit­tel­fristiger und langfristiger Investor.“

Gle­ichzeit­ig etabliert dieser Staat eine neue Art von Beziehung mit den sub­al­ter­nen Klassen: „Die Masse der Spar­er will alle direk­ten Beziehun­gen mit dem pri­vat­en kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem als solchem brechen, aber sie mis­strauen dem Staat nicht: Sie will an der wirtschaftlichen Aktiv­ität teil­nehmen, allerd­ings durch den Staat, der ihnen zwar niedrige aber dafür sichere Zin­sen garantiert.“ Daher „scheint es the­o­retisch so zu sein, dass der Staat seine soziale Basis im ‚gemeinen Volk‘ und in den Intellek­tuellen hat, in Wahrheit aber bleibt seine Struk­tur weit­er­hin plu­tokratisch.“

In diesem Sinn behauptet J.C. Por­tantiero, dass für Gram­sci der Amerikanis­mus den ern­sthaftesten Ver­such darstellte, eine Gegen­ten­denz zum Fall der Prof­i­trate im impe­ri­al­is­tis­chen Kap­i­tal­is­mus mit­tels neuer Pro­duk­tion­s­meth­o­d­en zu schaf­fen, die auf der Gewin­nung von rel­a­tivem Mehrw­ert basiert: „Es ist ein Aus­druck der Krise und ihrer ‚Über­win­dung’ mit­tels des Wach­s­tums eines Sys­tems, das sich immer ‚in der Krise’ entwick­elt hat, inner­halb von ‚Ele­menten, die im Gle­ichgewicht standen und sich immu­nisierten’. Gewiß ändert ‚der Amerikanis­mus’ nichts an ‚dem Charak­ter der grundle­gen­den sozialen Grup­pen‘, aber es stellt die höch­ste kap­i­tal­is­tis­che Antwort auf die unüber­wind­baren Wider­sprüche, die aus der Struk­tur entste­hen. ‚Die herrschen­den Klassen ver­suchen diese inner­halb gewiss­er Gren­zen zu lösen und in gewis­sen Rah­men zu über­winden.’“[21] Das ist zwar richtig aber keineswegs alles. Bei Gram­sci hängt der Amerikanis­mus als soziale Kat­e­gorie eng mit der poli­tis­chen Kat­e­gorie der pas­siv­en Rev­o­lu­tion, im Sinne ein­er Rev­o­lu­tion-Restau­ra­tion, qua­si als ein­er reformistis­chen Anpas­sung des Kap­i­tal­is­mus, zusam­men. Diesen Aspekt der The­o­rie Gram­scis lassen die ReformistIn­nen bzw. diejeni­gen, die Gram­sci im akademisch-bürg­er­lichen Sinn ver­ste­hen wollen, gerne bei­seite. Der poli­tis­che Inhalt sein­er Posi­tion hat nichts mit denen gemein, die heute seine Analy­sen auf­greifen, um dem „Sozial­staat“ nachzuweinen, der von der neolib­eralen Reak­tion der ‘90er stark reduziert wurde. Sie fordern ein Pro­gramm der pas­siv­en Rev­o­lu­tion, wie damals die „Mod­er­a­dos“, um zu den früheren Bedin­gun­gen zurück­zukehren. Im Gegen­satz zu seinen heuti­gen Anhän­gerIn­nen warnte Gram­sci vor den Wieder­an­pas­sun­gen des Staates und der staatlichen Wirtschaft­spoli­tik, da er in ihnen über kurz oder lang den Ver­such ein­er reak­tionären Antwort sah, deren Ziel es war, die Grund­la­gen für einen „neuen Kon­formis­mus“ zu schaf­fen. Dieser würde eine Vor­ma­cht­stel­lung des Pro­le­tari­ats ver­hin­dern, die kom­mu­nis­tis­che Rev­o­lu­tion aufhal­ten und die organ­is­che Krise der Bour­geoisie über­winden, eine Frage, die eine marx­is­tis­che Führung ver­ste­hen und der sie ent­ge­gen­treten musste.

Amerikanismus und Krieg

Kom­men wir nun zu Trotz­ki.

Vor dem sel­ben Prob­lem des Auf­stiegs Amerikas auf inter­na­tionaler Ebene gestellt, schrieb er 1926: „In dem Artikel des Genossen Feld­man haben die Über­legun­gen über den Kurs der Entwick­lung der USA eine algo­rith­mis­che Form angenom­men. Er kam zu dem Schluss, dass die Entwick­lung der USA höch­stens in eine Sack­gasse führe und dass der jet­zige Auf­schwung in keinem Ver­hält­nis zu dem früher­er Jahrzehn­ten stünde. Wenn das wahr ist, gibt es keine Recht­fer­ti­gung für die Annahme friedlich­er Entwick­lungsper­spek­tiv­en für die Welt. Solange der Auf­stieg der USA in den Zen­it ohne Erschüt­terun­gen ver­läuft, wird dies Europa immer mehr in eine wirtschaftliche Sack­gasse führen. Europa wird entwed­er dem römis­chen Imperi­um gle­ich unterge­hen oder eine rev­o­lu­tionäre Wiederge­burt erfahren. Aber zur Zeit kann man noch nicht über eine europäis­che Dekadenz sprechen. Wenn die Entwick­lung der USA zum Still­stand kommt, wer­den ihre mächti­gen Kräfte einen Ausweg im Krieg suchen. Dies wird ihre einzige Chance sein, die Defor­ma­tio­nen zu über­winden, die sich aus den Umstän­den ihrer wirtschaftlichen Entwick­lung ergeben. Diese Defor­ma­tion bewegt sich wie das Auge [eines Hur­rikans, A.d.R.]. Ein solch­es Auge voller unbändi­ger und aufges­tauter Kraft kön­nte eine unheim­liche Zer­störung inner­halb des Lan­des verur­sachen.

Betra­cht­en wir nun die Lage des Pro­le­tari­ats. In Eng­land bleibt nichts von der aris­tokratis­chen Stel­lung des englis­chen Pro­le­tari­ats übrig. Unser brüder­lich­er Umgang mit den englis­chen Gew­erkschaften [er bezieht sich auf das Anglo-Rus­sis­che Komi­tee, A.d.R.] basiert auf dem wirtschaftlichen Nieder­gang Eng­lands. Nun ist die Arbeit­erk­lasse der USA in dieser priv­i­legierten Stel­lung. Eine Ver­spä­tung der wirtschaftlichen Entwick­lung brächte gewaltige Änderun­gen in der Beziehung der inneren Kräfte zueinan­der mit sich. Dies brächte auch eine rev­o­lu­tionäre Bewe­gung mit sich, die sich mit der für die USA charak­ter­is­tis­chen Geschwindigkeit entwick­eln würde. Diese bei­den möglichen, für die USA ent­wor­fe­nen Szenar­ien lassen uns schwere Erschüt­terun­gen für die näch­sten Jahrzehnte vorausah­nen, und keines­falls eine friedliche Per­spek­tive. Kür­zlich las ich in einem Artikel im Econ­o­mist: ‚Wir haben einen solchen Entwick­lungs­stand erre­icht, dass wir einen großen Krieg brauchen.‘ So wie man fette Käl­ber für die Ernährung ein­er Großs­tadt braucht, verkün­det der Econ­o­mist, dass die USA, wie die Erfahrung des let­zten Krieges gezeigt haben, wieder einen großen Krieg brauchen. Die US-Impe­ri­al­is­ten haben eine Vor­liebe, jedoch nicht für die friedliche Entwick­lung.“[22]

Es ist bemerkenswert, dass diese Def­i­n­i­tio­nen aus ein­er Zeit vor der katas­trophalen Krise im Herzen der USA 1929 stam­men, welche einen Schei­deweg für die Welt­lage darstellte. Trotz­ki warnte sog­ar im Voraus vor den aus­geprägten Ten­den­zen und inner­impe­ri­al­is­tis­chen Wider­sprüchen, die ein­er­seits neue rev­o­lu­tionäre Möglichkeit­en eröffneten und ander­er­seits die Vorze­ichen auf Krieg stell­ten. Jahre später, nach dem Zusam­men­bruch, stellt er – in ein­er Kri­tik am von der kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale angenomme­nen Pro­gramm – auf dem Höhep­unkt der Krise Amerikas eine beispiel­hafte dialek­tis­che Über­legung an, wie die fol­gende Äußerung vom Sep­tem­ber 1930 zeigt: „Molo­tov wollte sagen: Trotz­ki ver­her­rlichte die Macht der USA und nun schaut hin, die USA erleben eine tiefe Krise. Schließt aber die Macht des Kap­i­tal­is­mus Krisen aus? Kan­nte Eng­land etwa im Zen­it sein­er wirtschaftlichen Stärke keine Krisen? Ist eine kap­i­tal­is­tis­che Entwick­lung ohne Krisen vorstell­bar? Dazu haben wir fol­gen­des im Pro­gram­men­twurf der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale gesagt: Hier wer­den wir uns nicht speziell über Dauer und Trag­weite der Krise in den USA aus­lassen. Es han­delt sich nicht um ein pro­gram­ma­tis­ches, son­dern um ein kon­junk­turelles Prob­lem. Es ist über­flüs­sig zu sagen, dass wir eine Krise für unumgänglich hal­ten. Eben­so wenig schließen wir angesichts der weltwirtschaftlichen Größe des US-Kap­i­tal­is­mus aus, dass die näch­ste Krise beson­ders tief und schw­er sein kann. Es gibt nichts, was die Schlussfol­gerung recht­fer­ti­gen würde, dass dies die US-Hege­monie ein­gren­zen oder schwächen würde. Eine solche Schlussfol­gerung würde zu den gravierend­sten strate­gis­chen Irrtümern ver­leit­en. Ganz im Gegen­teil, in ein­er Peri­ode der Krise wer­den die USA ihre Hege­monie auf vol­lkommenere, unver­schämtere und bru­talere Art und Weise ausüben als in ein­er Auf­schwung­phase. Die USA wer­den ver­suchen, ihre Prob­leme und Schwierigkeit­en auf Kosten Europas zu lösen.“[23]

Ab diesem Zeit­punkt lässt sich ein klar­er Unter­schied zwis­chen den Analy­sen Trotzkis aus den ‘20er Jahre und denen der ‘30er erken­nen. Dies beruht darauf, dass das von der Drit­ten Inter­na­tionale charak­ter­isierte „insta­bile Gle­ichgewicht“ des Kap­i­tal­is­mus mit der Krise von ‘29 zer­brochen war und eine neue Phase begin­nt. Es eröffnet sich eine neue „katas­trophale Peri­ode“ und mit ihr neue rev­o­lu­tionäre Möglichkeit­en. Dies beweist auch die Spanis­che Rev­o­lu­tion, die 1931 begann und sich über das ganze Jahrzehnt hin­zog, und die mit Fab­rikbe­set­zun­gen begin­nende Rev­o­lu­tion in Frankre­ich ab 1936. Bei­de Prozesse, die ver­sucht­en, „den Krieg zwis­chen impe­ri­al­is­tis­chen Staat­en durch Rev­o­lu­tio­nen von unten aufzuhal­ten“, scheit­erten. Dieses Scheit­ern war jedoch, wie Trotz­ki erkan­nte, nicht auf eine schick­sal­hafte Vorbes­tim­mung zurück­zuführen, son­dern auf die dem Kap­i­tal­is­mus helfende Rolle, die die Kom­mu­nis­tis­chen Parteien mit ihrer Poli­tik der „Volks­front“ spiel­ten, die mit dem Recht­sruck von 1935 auf dem VII. Kongress der stal­in­isierten Drit­ten Inter­na­tionale angenom­men wurde.

Trotz­ki erkan­nte jedoch selb­st in der Peri­ode der katas­trophalen Krise die Möglichkeit­en und die Macht des amerikanis­chen Impe­ri­al­is­mus. Allerd­ings ver­wies er darauf, dass sich diese Über­legen­heit dem „alten Kon­ti­nent“ nicht friedlich würde aufzwin­gen lassen. 1933 sagt er aus­drück­lich, trotz der zunehmenden Stärke der USA gemäß dem Gesetz der Pro­duk­tiv­ität der Arbeit und ihrer tech­nis­chen Über­legen­heit, die sich im Fordis­mus aus­drück­te: „Der alte Plan­et weigert sich, sich drehen zu lassen. Jed­er schützt sich gegen jeden, indem er sich hin­ter ein­er Mauer aus Waren und einem Zaun aus Bajonet­ten ver­schanzt. Europa kauft keine Waren, bezahlt keine Schulden und bewaffnet sich auch noch. Das hungernde Japan bemächtigt sich mit fünf elen­den Divi­sio­nen eines ganzen Lan­des. Die fort­geschrit­ten­ste Tech­nik der Welt scheint plöt­zlich ohn­mächtig vor den Hin­dernissen zu ste­hen, die sich auf ein niedrigeres tech­nis­ches Niveau stützen. Das Gesetz der Pro­duk­tiv­ität der Arbeit scheint seine Gültigkeit zu ver­lieren, aber der Schein trügt. Das Grundge­setz der men­schlichen Geschichte wird sich unweiger­lich an den abgeleit­eten und zweitrangi­gen Phänome­nen rächen. Früher oder später wird sich der US-Kap­i­tal­is­mus über den ganzen Plan­eten aus­bre­it­en. Mit welchen Meth­o­d­en? Mit allen. Ein hoher Pro­duk­tiv­ität­sko­ef­fizient bedeutet einen hohen Koef­fizient an Destruk­tivkräften. Predi­ge ich den Krieg? Auf keinen Fall, ich predi­ge gar nichts. Ich ver­suche nur, die Welt­lage zu analysieren und die Schlussfol­gerun­gen aus der Mechanik der Ökonomie zu ziehen.“[24]

Trotz­ki erfasst den Sinn der Peri­ode von Krisen, Kriegen und Rev­o­lu­tio­nen bess­er als Gram­sci: Der Amerikanis­mus musste, um sich weltweit durchzuset­zen, dies auf Kosten Europas tun. Dies würde zu einem neuen Weltkrieg führen. Trotz allem, was Gram­sci zur marx­is­tis­chen Wis­senschaft in der Frage der mod­er­nen Staat­en beige­tra­gen hat, inter­pretiert Trotz­ki eine der Charak­ter­is­ti­ka dieser „fort­geschrit­te­nen“ Staat­en der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche viel fol­gerichtiger: Wie Lenin bere­its aufzeigte, sind diese nicht nur ein Organ der Gewalt und der inneren Repres­sion (dem Gram­scis Analy­sen die Aspek­te des Kon­sens­es hinzufügte), son­dern auch ein Instru­ment für den Krieg nach außen, als „Räu­ber­staat“[25]. Dies ist seine struk­turelle Analyse in der Tra­di­tion der Drit­ten Inter­na­tionale, auch wenn diese der Peri­ode innewohnende Ten­denz zwei poli­tis­che Momente durch­läuft: den des insta­bilen Gle­ichgewichts der ‘20er Jahre und dessen Zusam­men­bruch in den ‘30ern.

Gram­sci glaubte indessen, dass die Möglichkeit eines Zyk­lus der pas­siv­en Rev­o­lu­tio­nen voraus­set­ze, dass „der organ­is­che Kampf aufhöre, bzw. die katas­trophale Phase“ inner­halb der Gren­zen des impe­ri­al­is­tis­chen Zeital­ters „über­wun­den wer­den könne“[26]. Es stimmt, dass Gram­sci fest­stellte, dass „pas­sive Rev­o­lu­tio­nen“ immer „Rev­o­lu­tio­nen-Restau­ra­tio­nen“ waren, „bei denen nur der zweite Teil zählte“, und dass „die soge­nan­nten Restau­ra­tio­nen, beson­ders die aktuellen [her­vorge­hoben von Gram­sci] uni­versell repres­siv sind“. Jedoch ist das bes­tim­mende Ele­ment in der Def­i­n­i­tion der pas­siv­en Rev­o­lu­tion, dass diese ver­suche: „die Dialek­tik auf einen bloßen reformistis­chen Evo­lu­tion­sprozess zu reduzieren.“

Trotz­ki dage­gen analysiert die Epoche von der Logik aus, dass der Kap­i­tal­is­mus immer zu neuen Katas­tro­phen führt. „Das Leben des Monopolka­p­i­tal­is­mus ist eine Kette von Krisen. Jede Krise ist eine Katas­tro­phe. Der Wun­sch, diesen Katas­tro­phen teil­weise mit den Mit­teln befes­tigter Gren­zen, Infla­tion, Anwach­sen der Staat­saus­gaben, Zoll, etc. zu ent­ge­hen, bere­it­et das Gebi­et für neue, tief­ere und aus­gedehn­tere Krisen vor. Der Kampf um die Märk­te, die Rohstoffe, um die Kolonien, macht die mil­itärische Katas­tro­phe unver­mei­dlich. Dies alles bere­it­et unauswe­ich­lich rev­o­lu­tionäre Katas­tro­phen vor. Es ist wahrhaft nicht leicht, mit Som­bart gel­ten zu lassen, daß der Kap­i­tal­is­mus mit der Zeit mehr und mehr ‚still, ruhig, vernün­ftig‘ wird. Es wird richtiger sein zu sagen, dass er auf dem Weg ist, seine let­zten Spuren von Ver­nun­ft zu ver­lieren. Auf alle Fälle gibt es keinen Zweifel, daß die Zusam­men­bruch­s­the­o­rie über die The­o­rie der friedlichen Entwick­lung tri­um­phiert hat.“[27]

Klar also, dass für ihn die „katas­trophale Phase“ nicht auf die wirtschaftliche Krise beschränkt ist. Seine „The­o­rie des Zusam­men­bruchs“ wird nicht nur als wirtschaftlich­er Katas­trophis­mus ver­standen, son­dern als eine Ver­ket­tung aus wirtschaftlichen, mil­itärischen und rev­o­lu­tionären Katas­tro­phen, d.h. eine Verbindung von Krisen, Staat­spoli­tik (Hege­monie) und Klassenkampf. Die sel­ben drei Ele­mente, die man, nach sein­er Meth­ode, verbinden musste, um das „insta­bile Gle­ichgewicht“ zu definieren, sind diejeni­gen, welche jet­zt dieses Gle­ichgewicht zer­stört haben. Noch ein­mal: Er benutzt ein und das selbe method­ol­o­gis­che Kri­teri­um für die Inter­pre­ta­tion der ‘20er und der ‘30er Jahre, obwohl die Vorze­ichen der Sit­u­a­tion sich verän­dert haben.

Und Gram­sci? Um es mit den Worten eines intellek­tuellen Gram­sci-Anhängers zu sagen: „Alles in allem zeich­nen sich deut­lich zwei Ele­mente ab: a) am Ende des Jahrhun­derts, das Eric Hob­s­bawm ‚The Age of Extremes‘ nan­nte, müssen wir beson­ders die Wichtigkeit der Tat­sache her­ausstellen, dass Gram­sci der Radikalisierung-Sim­pli­fizierung der intellek­tuellen Dichot­mie Kom­mu­nis­mus-Faschis­mus oder Faschis­mus-Antifaschis­mus der ‘30er Jahre ent­ge­ht (und über sie hin­aus geht), und b) ein Bild der Zukun­ft des Kap­i­tal­is­mus (…) vorher­sieht, wie er sich nach dem zweit­en Weltkrieg unter der neuen Hege­monie der USA entwick­elt. Er sieht wed­er die tragis­che Größe des Nation­al­sozial­is­mus, noch den zweit­en Weltkrieg, noch Auschwitz oder die Auswüchse des Stal­in­is­mus vorher: para­dox­er­weise sieht er aus dem Gefäng­nis in Turi „struk­turelle“ Züge unseres Jahrhun­derts ohne sich wie so viele berühmte Beobachter blenden zu lassen.“[28]

In diesem äußerst bewegten Inter­reg­num der weltweit­en Hegemonie–Krise erre­ichte Gram­sci nicht die Höhe oder Klarheit von Trotzkis strate­gis­chen Prog­nosen, der klar erkan­nte, dass die Lösung der Hege­monie-Krise durch einen neuen Weltkrieg und durch das Ergeb­nis der Klassenkämpfe kom­men würde, die dieser Krieg qua­si als „Hebamme der Rev­o­lu­tio­nen“ her­vor­rufen würde. Und er for­mulierte von dieser strate­gis­chen Ein­schätzung aus­ge­hend das Pro­gramm und grün­dete den Kern ein­er inter­na­tionalen Organ­i­sa­tion. Er basierte seine Ein­schätzung nicht nur auf ein­er all­ge­meinen The­o­rie, son­dern auch auf den Lek­tio­nen der Feuer­proben dieser The­o­rie im Klassenkampf im Kon­trast zu der inter­na­tionalen Poli­tik der von Stal­in geführten KI. Diese Lek­tio­nen reicht­en von den Erfahrun­gen des Anglo-Rus­sis­chen Komi­tees, über die Alter­na­tiv­en in der Chi­ne­sis­chen Rev­o­lu­tion, die kampflose Kapit­u­la­tion der deutschen KP vor der Machter­grei­fung Hitlers, das marx­is­tis­che Pro­gramm und die Tak­tik für die spanis­che Rev­o­lu­tion, die Anklage von deren Ver­rä­terIn­nen und die Abgren­zung von den Kapit­uliererIn­nen, die Verurteilung der Volksfront–Politik und die Charak­ter­isierung des Phänomens des Stal­in­is­mus und der Degen­er­a­tion der UdSSR. Diese führten zur Grün­dung der Inter­na­tionalen Linksop­po­si­tion und dann zur Grün­dung der Vierten Inter­na­tionale, die – so hoffte Trotz­ki – eine Führungsrolle in den kom­menden Ereignis­sen übernehmen sollte.

Zum Verständnis der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Wir glauben, dass das Konzept der „pas­siv­en Rev­o­lu­tion“ – los­gelöst von jedem Grad­u­al­is­mus zur Unzeit bezüglich der Möglichkeit­en der Erneuerung des Kap­i­tal­is­mus, den es in den Schriften Gram­scis gibt – äußerst nüt­zlich ist, um die Nachkriegszeit zu erk­lären. Wir sprechen von „Grad­u­al­is­mus zur Unzeit“, da die uneingeschränk­te Vor­ma­cht­stel­lung der USA nur durchge­set­zt wer­den kon­nte durch den Krieg und die unvorstell­bare Ver­nich­tung von Pro­duk­tivkräften in Europa, die dieser mit sich brachte, und dadurch, dass die bei­den Haup­tkonkur­renten der USA – Deutsch­land und Japan – geschla­gen waren, und in Verbindung mit dem wider­sprüch­lichen Ergeb­nis des Klassenkampfes nach dem Aufruhr der Massen in der unmit­tel­baren Nachkriegszeit. Dies führte zu ein­er Aus­bre­itung des Fordis­mus in Europa. Let­z­tendlich sah Gram­sci nicht, dass nach seinen eige­nen Def­i­n­i­tio­nen die USA zuerst zu ein­er „gewalt­samen“ Lösung kom­men mussten, um hin­ter­her einen neuen „Kon­sens“ zu erzie­len. Wir sehen jedoch, dass der US-Impe­ri­al­is­mus sich eines zusät­zlichen Hil­f­s­mit­tels bedi­ente, um die Vor­ma­cht­stel­lung zu erre­ichen: die Rolle des Stal­in­is­mus, ohne den wed­er der Auf­s­tand der Massen in Europa hätte gebremst noch eine Sta­bil­isierung der wichtig­sten kap­i­tal­is­tis­chen Län­der hätte erre­icht wer­den kön­nen[29].

Erst nach­dem diese weltweit katas­trophale Phase durch die Abkom­men von Jal­ta und Pots­dam, zwis­chen dem siegre­ichen Kap­i­tal­is­mus und der sow­jetis­chen Bürokratie, ein­mal über­wun­den ist, erlaubt das Konzept der pas­siv­en Rev­o­lu­tion, das neue Welt­szenar­i­um bess­er zu erfassen.

Wir glauben, dass min­destens zwei Kom­po­nen­ten der pas­siv­en Rev­o­lu­tion sich bestäti­gen. Ein­er­seits der „Key­ne­sian­imus“ in den kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern, d.h. der „new deal“ als Staat­srä­son, dessen essen­tielle Züge, was die Beziehung zwis­chen dem Staat, der Wirtschaft und den Massen ange­ht, Gram­sci, wie wir gese­hen haben, schon vor dem Krieg vorherge­se­hen hat­te. Ander­seits die umstrit­te­nen Rev­o­lu­tio­nen in Osteu­ropa zwis­chen ‘43 und ‘48, die auf der Grund­lage ein­er Besatzung durch die Rote Armee in den Gebi­eten, aus denen die Nazis ver­trieben wur­den, durchge­führt wur­den. Diese fan­den in Polen, Ungarn, der Tsche­choslowakei und sog­ar in Ost­deutsch­land statt und kön­nten auch als pas­sive pro­le­tarische Rev­o­lu­tio­nen[30] beze­ich­net wer­den.

Wenn es, wie Gram­sci das Risorg­i­men­to analysierte, in „Ital­ien keine Bar­rikaden gab wie im Paris von 1848“, weil sie durch ein Sys­tem der Rekru­tierung zum piemon­te­sis­chen reg­ulären Heer erset­zt wor­den waren; so spielte der Stal­in­is­mus eine analoge Rolle in der Ära der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tio­nen. Was tat er anderes als die Möglichkeit der Entste­hung von Sow­jets wie in den Jahren 1917–19 zu unter­drück­en und diese durch den Vor­marsch der Roten Armee im Osten zu erset­zen? War nicht die Rolle Stal­ins in den Abkom­men von Jal­ta und Pots­dam, in denen er die Kon­trolle der UdSSR über Osteu­ropa etablierte, ver­gle­ich­bar mit dem Konzept der Diplo­ma­tisierung der Rev­o­lu­tion, wie Gram­sci den Prozess der Vere­ini­gung Ital­iens beschreibt? Gab der Stal­in­is­mus durch seine Nutzung großer Teile des bürg­er­lichen BeamtenIn­nen­tums aus der Vorkriegszeit in den deformierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en der „Rev­o­lu­tion“ nicht einen Anstrich von „Restau­ra­tion“? War nicht die Umstel­lung der Pro­duk­tions­beziehun­gen vom Kap­i­tal­is­mus auf Plan­wirtschaft eine pro­gres­sive Auf­gabe, die auf reak­tionäre Weise die Entste­hung von Sow­jets als Organe der Selb­stver­wal­tung der Massen block­ierte? War die neue Rolle der KPen und der von ihnen oder der Sozialdemokratie gelenk­ten Gew­erkschaften, die alles in den kap­i­tal­is­tis­chen Wieder­auf­bau Europas set­zten, etwa kein „Trans­formis­mus“? Waren die Charak­ter­is­tiken des „Wohlfahrtsstaats“, die in den zen­tralen Län­dern und sog­ar in eini­gen hal­bkolo­nialen Län­dern einge­führt wur­den, etwa nicht der neue Typ kap­i­tal­is­tis­ch­er Staat­en, den Gram­sci vorherge­se­hen hat­te?

Wir glauben: ja. In ihren groben Zügen sind die neuen und wider­sprüch­lichen Phänomene der Nachkriegszeit Teil ein­er großen pas­siv­en Rev­o­lu­tion, die „mit reformistis­chen Konzes­sio­nen zur Neu­tral­isierung der sub­al­ter­nen Klassen“ eine Antwort auf den Auf­stieg der Arbei­t­erIn­nen und der Massen in der außergewöhn­lichen Zeit zwis­chen ‘43 und ‘49 geben wollte.

Ein drit­ter Ver­such der pas­siv­en Rev­o­lu­tion – wenn auch in seinen Auswirkun­gen eher gescheit­ert als erfol­gre­ich – war der Ver­such der Dekolo­nial­isierung von oben. Dabei ver­sucht­en die Impe­ri­al­istIn­nen in der Nachkriegszeit, eini­gen Kolonien eine Art „mod­erneren“ hal­bkolo­nialen Sta­tus zu ver­lei­hen, um die antikolo­niale Rev­o­lu­tion aufzuhal­ten. Allerd­ings find­et sich ent­ge­gen ihrer Pläne genau dort, in der kap­i­tal­is­tis­chen Periph­erie, der stärk­ste Aus­druck der aktiv­en Rev­o­lu­tion: eine regel­rechte Explo­sion der unter­drück­ten Massen der Kolonien und Hal­bkolonien. Und dies muss Teil der Per­spek­tiv­en der Vierten Inter­na­tionale sein und beweist die Richtigkeit der The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion, die diesen Län­dern beson­dere Aufmerk­samkeit wid­mete: Das Pro­le­tari­at und die Massen der kolo­nialen und hal­bkolo­nialen Län­der soll­ten nicht die Rev­o­lu­tion in den impe­ri­al­is­tis­chen Metropolen abwarten, son­dern mit ihrer Rev­o­lu­tion begin­nen und kön­nten sog­ar schon vorher zur Dik­tatur des Pro­le­tari­ats kom­men.

Selb­st mit den Zugeständ­nis­sen, die der Arbei­t­erIn­nen­klasse in den zen­tralen Län­dern gemacht wur­den, beweist der Auftrieb der antikolo­nialen Rev­o­lu­tio­nen der Nachkriegszeit (und die Unmöglichkeit, sie durch eine effek­tive pas­sive Rev­o­lu­tion zu brem­sen) den Charak­ter der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche, auf dem Trotz­ki bestanden hat­te: „Die impe­ri­al­is­tis­chen Klassen kon­nten den kolo­nialen Völk­ern wie ihren eige­nen Arbeit­ern nur so lange Zugeständ­nisse machen, wie es mit dem Kap­i­tal­is­mus aufwärts ging, solange die Aus­beuter fest mit wach­senden Prof­iten rech­nen kon­nten. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Der Weltim­pe­ri­al­is­mus befind­et sich im Nieder­gang. Die Lage aller impe­ri­al­is­tis­chen Natio­nen wird täglich schwieriger, während sich die Wider­sprüche zwis­chen ihnen mehr und mehr ver­schär­fen. Unge­heure Aufrüs­tun­gen ver­schlin­gen einen immer größeren Teil des Volk­seinkom­mens. Die Impe­ri­al­is­ten kön­nen wed­er ihren eige­nen arbei­t­en­den Massen noch den Kolonien ern­ste Zugeständ­nisse machen. Im Gegen­teil, sie müssen zu ein­er immer bes­tialis­cheren Aus­beu­tung ihre Zuflucht nehmen. Ger­ade darin kommt der Todeskampf des Kap­i­tal­is­mus zum Aus­druck.“[31]

Auch wenn es, wie wir oben gesagt haben, Konzes­sio­nen an die Arbei­t­erIn­nen­klasse der zen­tralen Län­der als Sub­pro­dukt ihrer rev­o­lu­tionären Aktiv­itäten gab, nach dem Mot­to „etwas nachgeben, um nicht alles zu ver­lieren“, bewahrheit­ete sich die Vorher­sage der Vierten Inter­na­tionale vol­lkom­men für die Län­der, welche vom Impe­ri­al­is­mus beherrscht wur­den.

Die enor­men Impulse der hal­bkolo­nialen Massen bestätigten die strate­gis­che Per­spek­tive Trotzkis und erstreck­ten sich weit über die außergewöhn­lichen Zeit zwis­chen ‘43 und ‘49 hin­aus durch die gesamte Peri­ode der Ord­nung von Jal­ta hin­durch, in der sie der rev­o­lu­tionärste Fak­tor des inter­na­tionalen Klassenkampfes waren. Wie wir später noch analysieren wer­den, ver­hin­derte die Stärkung des weltweit­en stal­in­is­tis­chen Appa­rats, dass dies nen­nenswerten Ein­fluss auf die impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren hat­te und die Rev­o­lu­tion zu ihnen hinüber­schwap­pen kön­nte. Der Stal­in­is­mus schöpfte sog­ar alle seine Möglichkeit­en aus, um die „nationalen Befreiung­sprozesse“ der Kolonien auf der Ebene der bürg­er­lichen Regime festzuhal­ten.

Grund­lage dessen war ein neuar­tiger poli­tis­ch­er Über­bau nach dem Zweit­en Weltkrieg, den wed­er die Prog­nosen Trotzkis und noch weniger die Gram­scis vorherge­se­hen hat­ten, der aber seinen Aus­gang bes­timmte: die neue Rolle des Stal­in­is­mus als Fak­tor der weltweit­en Eindäm­mung der Rev­o­lu­tion.

Trotz­ki set­zte darauf, dass der inter­na­tionale rev­o­lu­tionäre Prozess, den der Krieg aus­lösen würde – was sich in den Jahren ‘43 und ‘49 in großem Stil ereignete –, sein­er­seits zum Sturz der Sow­jet­bürokratie führen und so eine rev­o­lu­tionäre Regen­er­a­tion der UdSSR ermöglichen würde. Dies ist allerd­ings nicht einge­treten. Ganz im Gegen­teil: Mit dem Aus­gang des Zweit­en Weltkriegs ver­fes­tigte sich die bürokratis­che Kaste nicht nur in der UdSSR, son­dern in einem gesamten Sys­tem von deformierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en in Osteu­ropa. Der Arbei­t­erIn­nen­klasse und den Massen gelang es – wie 1914–18 – nicht nur, die Nieder­lage, die das impe­ri­al­is­tis­che Gemet­zel erst mal bedeutete, zu über­winden, son­dern sie voll­bracht­en auch einen gigan­tis­chen Auf­schwung mit dem bewaffneten Wider­stand gegen den Faschis­mus. Dieser war beson­ders bedeut­sam, da er in zen­tralen kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern wie Ital­ien, Griechen­land und Frankre­ich stat­tfand. Wider­sprüch­licher­weise brach der Stal­in­is­mus, der durch die Nieder­lage der Wehrma­cht in Stal­in­grad an Pres­tige gewon­nen hat­te, nicht nur unter diesem Ansturm der Massen nicht zusam­men, es gelang ihm sog­ar, die besagten Prozesse zu brem­sen, die Arbei­t­erIn­nen­klasse zu bändi­gen und ihre Organ­i­sa­tio­nen in den Dienst der kap­i­tal­is­tis­chen („amerikanis­tis­chen“) Rekon­struk­tion Europas zu stellen.

Abge­se­hen davon, dass Trotz­ki mit sein­er poli­tis­chen Prog­nose falsch lag, war er es jedoch, der sowohl durch das Studi­um der materiellen Grund­la­gen und der Natur des Phänomens Stal­in­is­mus und der Degen­er­a­tion der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion[32], als auch durch die poli­tis­chen Schlacht­en vor dem Zweit­en Weltkrieg die Voraus­set­zun­gen zu dessen Bekämp­fung schaffte. Davon war Gram­sci weit ent­fer­nt. Trotz­ki war der einzige Marx­ist, der ein Pro­gramm für eine neue Art von Rev­o­lu­tion, die „poli­tis­che Rev­o­lu­tion“, für einen degener­ierten Arbei­t­erIn­nen­staat for­mulierte. Darin find­et sich ein ganzes Sys­tem von spez­i­fis­chen Über­gangs­forderun­gen, die darauf abzie­len, auf der Basis der Beibehal­tung der Errun­gen­schaften der ver­staatlicht­en Wirtschaft, die par­a­sitäre Kaste abzuschaf­fen, die effek­tive Macht der Sow­jets wieder­herzustellen und den Weg des Über­gangs zum Sozial­is­mus wieder in Gang zu brin­gen, indem die rev­o­lu­tionäre Poli­tik des Arbei­t­erIn­nen­staates sowohl im Inneren als auch auf inter­na­tionaler Ebene wieder auf ihre Füße gestellt wer­den sollte. Und zweit­ens warnte Trotz­ki – obwohl er das Aus­maß der Klassenkol­lab­o­ra­tion auf weltweit­er Ebene zwis­chen der sow­jetis­chen Bürokratie und dem Impe­ri­al­is­mus auf­grund der Abkom­men von Jal­ta nicht vorherse­hen kon­nte – bere­its vor dem Zweit­en Weltkrieg, im Rah­men seines poli­tis­chen Feldzugs gegen die „Volksfront“-Orientierung der Kom­mu­nis­tis­che Inter­na­tionale seit 1935, die in Spanien und Frankre­ich mit all ihren ver­häng­nisvollen Kon­se­quen­zen in die Prax­is umge­set­zt wurde, davor, dass dem Kampf des Pro­le­tari­ats um seine Klasse­nun­ab­hängigkeit (welch­er seit dem Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest marx­is­tis­che Maxime ist, wie es auch das Über­gang­spro­gramm fes­thielt) durch die Exis­tenz des Stal­in­is­mus ein „weit­eres Hin­der­nis“ in den Weg gestellt wor­den sei. Gram­sci dage­gen, der so aus­führlichen Gebrauch vom Konzept des „Trans­formis­mus“ in sein­er Analyse der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion machte, ent­ging jedoch der krass­es­te trans­formistis­che Prozess der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion: das Aufkom­men der Sow­jet­bürokratie.

Die Blockade der permanenten Dynamik der Revolution

„Die wirtschaftliche Voraus­set­zung der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion ist schon seit langem am höch­sten Punkt ange­langt, der unter dem Kap­i­tal­is­mus erre­icht wer­den kann. Die Pro­duk­tivkräfte der Men­schheit stag­nieren. (…) Die objek­tiv­en Voraus­set­zun­gen der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion sind nicht nur schon ‚reif‘, sie haben sog­ar bere­its begonnen zu ver­faulen. Ohne sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion, und zwar in der näch­sten geschichtlichen Peri­ode, dro­ht die ganze men­schliche Kul­tur in ein­er Katas­tro­phe unterzuge­hen. Alles hängt ab vom Pro­le­tari­at, d.h. in erster Lin­ie von sein­er rev­o­lu­tionären Vorhut. Die his­torische Krise der Men­schheit ist zurück­zuführen auf die Krise der rev­o­lu­tionären Führung.“[33]

Diese his­torisch gese­hen kor­rek­te Aus­sage, mit der das von der Vierten Inter­na­tionale 1938 ver­ab­schiedete Über­gang­spro­gramm anfängt, musste nach 1948 teil­weise über­ar­beit­et wer­den, wie wir leicht sehen kön­nen: Wir gehen davon aus, dass es durch eine Rei­he von neuen objek­tiv­en und sub­jek­tiv­en Bedin­gun­gen zu ein­er Block­ade der per­ma­nen­ten Dynamik der Rev­o­lu­tion kam. Es han­delte sich damals darum, das Konzept der „Krise der rev­o­lu­tionären Führung“ zu bere­ich­ern, wom­it eine bes­timmte Art von „Trotzk­ismus“ Reduk­tion­is­mus betrieben hat. Die Krise der rev­o­lu­tionären Führung und vor allem die Poli­tik, durch die sie über­wun­den wer­den sollte, war in der Nachkriegszeit nicht dieselbe wie in den ‘30er Jahren (in denen sich Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion offen bekämpften). Der Aus­gang des Krieges und der Auf­schwung, der ihm fol­gte, insti­tu­tion­al­isierte neue materielle Errun­gen­schaften für das Pro­le­tari­at, ange­fan­gen von den reformistis­chen Zugeständ­nis­sen in den fortschrit­tlichen kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern bis hin zur Grün­dung neuer Staat­en, in denen das Kap­i­tal enteignet wurde. Der Preis dafür war die Fes­ti­gung der kon­ter­rev­o­lu­tionären Führun­gen. Dies bedeutete für die Anhän­gerIn­nen der Vierten Inter­na­tionale, dass sie dieses Prob­lem in der „Welt von Jal­ta“ neu unter­suchen, einen neuen strate­gis­chen Rah­men fes­tle­gen und einige pro­gram­ma­tis­che Anpas­sun­gen vornehmen mussten.

a)Man musste das Aus­maß des par­tiellen Wach­s­tums der Pro­duk­tivkräfte fest­stellen. Auf diesem Gebi­et teilte sich der Trotzk­ismus in zwei große Strö­mungen, die bei­de falsch lagen. Auf der einen Seite die, die wie das Inter­na­tionale Komi­tee unter der Führung von Pierre Lam­bert die These der Stag­na­tion ver­trat­en. Zu diesen zählen auch die Strö­mungen von Nahuel Moreno in Argen­tinien und Von Guiller­mo Lora[34] in Bolivien. „Die Pro­duk­tivkräfte der Men­schheit stag­nieren“ wieder­holten sie buch­stabenge­treu aus dem Über­gang­spro­gramm, ohne zu sehen, dass die gewaltige Zer­störung von Pro­duk­tivkräften infolge des Zweit­en Weltkriegs und der kap­i­tal­is­tis­che Wieder­auf­bau Europas die konzen­tri­erte und abrupte Anwen­dung der neuesten amerikanis­chen Tech­nik ermöglicht­en und gle­ichzeit­ig eine schnelle Nach­frage für Kon­sumgüter gener­ierten. Dies stellte zwar nur eine beschränk­te, par­tielle, vorüberge­hende Nega­tion dar, aber es änderte das, was vor dem Zweit­en Weltkrieg eine feste Gegeben­heit war. Das Fort­dauern der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche, d.h. der Phase des Nieder­gangs des Kap­i­tal­is­mus, war nicht gle­ichbe­deu­tend mit der Stag­na­tion der Pro­duk­tivkräfte, die während der Zeit von ‘48 bis ‘68 eine par­tielle Entwick­lung erfuhren. Dem Stand­punkt der „Stag­na­tion­istIn­nen“ ent­ge­genge­set­zt war die Inter­pre­ta­tion des Vere­inigten Sekre­tari­ats (VS), die sich auf die The­o­rie Ernest Man­dels stützte, welch­er diese par­tielle Entwick­lung der Pro­duk­tivkräfte während des „Booms“ als Zeichen der Entste­hung eines Neokap­i­tal­is­mus oder „Spätkap­i­tal­is­mus“ inter­pretierte und eine kor­rigierte Ver­sion der bürg­er­lichen The­o­rie der kap­i­tal­is­tis­chen Krisen ver­trat, nach der diese ange­blich in „Wellen“ bzw. in einem automa­tis­chen Wach­s­tums- und Schrump­fungszyk­lus mess­bar sind und in der der Klassenkampf eine vol­lkom­men unter­ge­ord­nete Rolle spielt.

b)Dieses par­tielle Wach­s­tum der Pro­duk­tivkräfte in den zen­tralen Län­dern, zusam­men mit dem zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit aus­ge­han­del­ten key­ne­sian­is­tis­chen Mod­ell des „Wohlfahrtsstaats“, war die materielle Grund­lage für die Bil­dung eines neuen Reformis­mus, der sich auf eine aus­gedehn­tere und ver­bre­it­erte soziale Schicht der Arbei­t­erIn­nenar­is­tokratie in den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern stützte. Die europäis­che Sozialdemokratie befand sich in den ‘30er Jahren im Kreuzfeuer zwis­chen dem Faschis­mus, der ihre gewohn­ten par­la­men­taris­tis­chen Spielchen unter­band, und Sek­toren des Pro­le­tari­ats, die durch rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tio­nen in ver­schiede­nen Län­dern radikalisierte Ele­mente in ihren Rei­hen her­vor­brachte[35]. Die Sozialdemokratie fand sich in der Nachkriegszeit angesichts ein­er neuen kap­i­tal­is­tis­chen Sta­bil­ität an der Spitze der Mas­sen­gew­erkschaften wieder, die von den neuen Errun­gen­schaften des „Wohlfahrtsstaats“ prof­i­tierten. Der Stal­in­is­mus kon­nte sich auf eine bre­it­ere Massen­ba­sis stützen, um seine Kon­trolle über die Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung auszudehnen, und zwar nicht nur in den kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern, son­dern auch in den neuen deformierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en Osteu­ropas. Diese erre­icht­en auf Grund des kap­i­tal­is­tis­chen Booms eine gewisse wirtschaftliche Autarkie; auch bedeutete die Ver­staatlichung der Wirtschaft an sich schon einen Anschub für die indus­trielle Entwick­lung in eini­gen dieser Län­der, die vorher weit­ge­hend land­wirtschaftlich organ­isiert waren. Dies führte automa­tisch zu einem deut­lichen Anstieg des Lebens­stan­dards der Massen. Alles in allem ent­stand also als Neben­pro­dukt des Kriegsaus­gangs eine neue Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung mit neuen wirtschaftlichen Errun­gen­schaften, die die Grund­la­gen für einen neuen Massen­re­formis­mus schafften (einen „neuen Kon­formis­mus“ hätte Gram­sci es genan­nt), der gle­ichzeit­ig eine Stärkung der stal­in­is­tis­chen und sozialdemokratis­chen Führun­gen bedeutete.

c)Mit der Prokla­ma­tion des Stal­in­is­mus als „offiziellem Marx­is­mus“ kam es zu einem his­torischen Bruch in der Kon­ti­nu­ität des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus, die sich trotz aller unter­schiedlichen Strö­mungen und inter­nen Kämpfe durch die ersten drei Inter­na­tionalen bis hin zur Vierten, von Marx’ und Engels’ „Kom­mu­nis­tis­chem Man­i­fest“ von 1848 bis hin zu Trotzkis „Man­i­fest gegen den Krieg“ von 1940, erhal­ten hat­te. Auch wenn Trotz­ki bere­its im Über­gang­spro­gramm darauf hin­wies, dass der Stal­in­is­mus sich in ein „zusät­zlich­es Hin­der­nis“ für das Pro­le­tari­at ver­wan­delt hat­te, sah er nicht, zu welchen Auswüch­sen sich diese Ver­wand­lung nach dem Zweit­en Weltkrieg ver­stieg. Die Trotzk­istIn­nen mussten bes­tim­men, welche Gefahren dies mit sich brachte. Man musste Trotzkis War­nung von vor dem Krieg selb­st für die Kräfte der Vierten Inter­na­tionale im Kopf behal­ten: Wenn das Pro­le­tari­at keine rev­o­lu­tionäre Antwort auf den Krieg gäbe (und es gab keine bzw. nur in ein­er äußerst deformierten Art und Weise), liefen alle Arbei­t­erIn­nen­parteien, auch die noch so rev­o­lu­tionären, Gefahr zu degener­ieren. „Nichtssagende Skep­tik­er erfreuen sich daran, die Degen­er­a­tion des bolschewis­tis­chen Zen­tral­is­mus zum Bürokratismus anzuführen. Als wenn der ganze Ver­lauf der Geschichte von der Struk­tur ein­er Partei abhinge. Es ist eine Tat­sache, dass das Schick­sal ein­er Partei vom Ver­lauf des Klassenkampfs abhängt. Auf jeden Fall war die bolschewis­tis­che Partei die einzige Partei, die durch Tat­en ihre Fähigkeit bewies, die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion durchzuführen. Genau­so eine Partei braucht jet­zt das inter­na­tionale Pro­le­tari­at. Wenn das bürg­er­liche Regime straf­frei aus dem Krieg her­vorge­ht, wird die rev­o­lu­tionäre Partei eine Degen­er­a­tion erfahren. Wenn die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion siegt, wer­den die Bedin­gun­gen, die eine Degen­er­a­tion her­vor­rufen, ver­schwinden.“[36] Im Wider­spruch zu dieser alter­na­tiv­en Prog­nose gab es Län­der, unter ihnen Chi­na und die Hälfte Deutsch­lands, in denen das bürg­er­liche Regime nach dem Krieg unterg­ing. Dafür kam es in den Hauptzen­tren der impe­ri­al­is­tis­chen Macht „unges­traft“ davon. Durch dieses per­verse Ergeb­nis fand sich der Stal­in­is­mus an der Spitze eines „trans­formistis­chen Prozess­es“ großen Aus­maßes wieder: Die Kom­mu­nis­tis­chen Parteien ver­wan­del­ten sich in Wieder­auf­bauerIn­nen des Kap­i­tal­is­mus und des bürg­er­lichen Regimes im West­en, während sie zur gle­ichen Zeit pas­sive Rev­o­lu­tio­nen durch­führten, die ihnen erlaubten, den neu erlangten inter­na­tionalen Sta­tus Quo mit dem US-Impe­ri­al­is­mus zu sich­ern. Diese sub­jek­tiv schlecht­en Bedin­gun­gen führten dazu, dass die Kräfte der Vierten Inter­na­tionale zum großen Teil auf die Tätigkeit von Pro­pa­ganda­grup­pen unter Bedin­gun­gen der Iso­la­tion beschränkt waren.

d)Es kam somit zu ein­er Block­ade der per­ma­nen­ten Dynamik der Rev­o­lu­tion. Die gegen­seit­i­gen Beziehun­gen zwis­chen den Metropolen, den Hal­bkolonien und der alten Vorkriegs-Sow­je­tu­nion, so wie sie in der The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion und im Über­gang­spro­gramm beschrieben waren, waren eine wertvolle Alge­bra des Marx­is­mus, der man allerd­ings zur Ori­en­tierung der rev­o­lu­tionären Prax­is einige neue konkrete Werte geben musste. Nach den Abkom­men von Jal­ta waren die „schwachen Glieder der Kette“ im inter­na­tionalen Staatenge­füge zu größten Teilen die Kolonien und Hal­bkolonien in Asien und Afri­ka, deren impe­ri­ale Zen­tren wie z.B. Eng­land und Frankre­ich gegenüber dem neuen Her­rn der Welt, den USA, ständig an Boden ver­loren. Der Kap­i­tal­is­mus sta­bil­isierte sich in den zen­tralen kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern und die rev­o­lu­tionären Ten­den­zen ver­lagerten sich immer mehr in die hal­bkolo­niale Periph­erie. Zur gle­ichen Zeit nutzte der Moskauer Appa­rat sein Pres­tige und vor allem die materiellen Kräfte der neuen Staat­en, um die Masse­nauf­stände in den Kolonien umzuleit­en, einzufrieren, zu erpressen und immer weit­er zu verder­ben, indem er die Führun­gen der Prozesse der „nationalen Befreiung“ koop­tierte. Jed­er Sieg, den die kolo­nialen Massen bei der Eroberung ihrer poli­tis­chen Unab­hängigkeit als Nation­al­staat errangen, wurde in seinem bürg­er­lich-demokratis­chen Sta­di­um einge­froren, anstatt ihn auszunutzen, um zur Entste­hung eines Arbei­t­erIn­nen­staates voranzuschre­it­en. Und als einige Rev­o­lu­tio­nen dieser Logik entka­men, wie es zum Beispiel auf Kuba der Fall war, und ein neuer Staat ent­stand, in dem das Kap­i­tal enteignet wurde, wurde dies früher oder später vom Stal­in­is­mus zur Pak­tierung mit dem Impe­ri­al­is­mus genutzt, d.h. um die inter­na­tionale Rev­o­lu­tion zu brem­sen, anstatt sie voranzutreiben[37]. Die rev­o­lu­tionären Kräfte mussten daher die Verbindun­gen zwis­chen den Metropolen und den Hal­bkolonien wieder­her­stellen und erneuern sowie die Charak­ter­isierung der neuen deformierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en, die in das Welt-Staatenge­füge (Hege­monie) inte­gri­ert wur­den, in ihre Analy­sen ein­binden. Diese Def­i­n­i­tion war deswe­gen notwendig, damit die trotzk­istis­chen Strö­mungen, die eine wichtige Rolle bei den Prozessen in den hal­bkolo­nialen Län­dern wie in Alge­rien, Cey­lon, Viet­nam, Bolivien oder Argen­tinien spiel­ten, nicht in eine „Dritte Welt“-Ausrichtung ver­fall­en wür­den, wie es einige Sek­toren der trotzk­istis­chen Bewe­gung tat­en, oder sich den von den sozialdemokratis­chen oder stal­in­is­tis­chen Führun­gen vorgegebe­nen Bedin­gun­gen anpassen würde, oder auch bei­des gle­ichzeit­ig machen wür­den, son­dern damit sie eine Verbindung zwis­chen der poli­tis­chen Arbeit in den hal­bkolo­nialen und den zen­tralen Län­dern her­stellen kön­nten, um durch diesen pro­le­tarischen Inter­na­tion­al­is­mus Frak­tio­nen in den Gew­erkschaften und in den Massen­parteien der impe­ri­al­is­tis­chen Län­der zu bilden.

e)In der neuen Def­i­n­i­tion der marx­is­tis­chen Strate­gie musste man außer­dem eine beson­dere Beto­nung auf das Pro­gramm der poli­tis­chen Rev­o­lu­tion in den deformierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en und der UdSSR leg­en. Dies war entschei­dend, um eine Antwort auf einen anderen Prozess zu geben, der die weltweite Hege­monie in Frage stellte, und der sich bere­its ‘53 in Ost­deutsch­land, später ‘56 in Ungarn und ‘68 auf dem Höhep­unkt des Endes des Booms in der Tsche­choslowakei zeigte. In diesen Arbei­t­erIn­nen­staat­en, die aus von oben ein­geleit­eten pas­siv­en Rev­o­lu­tio­nen (durch die Beset­zung durch die Rote Armee) her­vorge­gan­gen waren, kam es zu Ris­sen in der „Wel­tord­nung“. Hier zeigte sich zum ersten Mal die Unzufrieden­heit mit der rus­sis­chen nationalen Unter­drück­ung, die sich ‘89-‘90 im großen Stil in der labyrinthis­chen Form „nationaler Kon­flik­te“ man­i­festierte, selb­st inner­halb der Nation­al­itäten der Sow­je­tu­nion und Jugoslaw­iens mit nation­al­is­tis­chen, antipro­le­tarischen Führun­gen. In Bezug darauf ver­warf die große Mehrheit des Trotzk­ismus die pro­gram­ma­tis­chen Leitlin­ien, die Trotz­ki hin­ter­lassen hat­te (wie z.B. die Forderung nach ein­er „unab­hängi­gen Sow­jet-Ukraine“, die er in den ‘30er Jahren sowohl der großrus­sis­chen Unter­drück­ung als auch dem impe­ri­al­is­tis­chen Pro­jekt Hitlers gegenüber stellte), nach­dem sie jahrzehn­te­lang, mehr oder weniger aktiv, davon aus­ge­gan­gen war, dass der Stal­in­is­mus die „nationale Frage“ in den Arbei­t­erIn­nen­staat­en gelöst habe.

Keine oder nur sehr wenige der Fra­gen, die wir hier skizzieren, hat sich der „real existierende“ Trotzk­ismus jemals gestellt. Wir beschreiben diese Degen­er­a­tion der Vierten Inter­na­tionale nach dem Zweit­en Weltkrieg mit dem Aus­druck „Jal­ta-Trotzk­ismus“: Ein Trotzk­ismus, der es ver­säumte, einen neuen strate­gis­chen Rah­men zu erstellen, und der sich infolgedessen an die von der sow­jetis­chen Bürokratie und dem Impe­ri­al­is­mus vorgegebe­nen Bedin­gun­gen anpasste. Hier haben wir einige Ele­mente präzisiert, die wir in früheren Arbeit­en erwäh­nt hat­ten, um eine Diskus­sion zu eröff­nen, die es erlaubt, diese Def­i­n­i­tio­nen zu präzisieren, um das bewegte ver­gan­gene Jahrhun­dert zu analysieren und Schlussfol­gerun­gen für die Zukun­ft zu ziehen. Wir haben die Konzepte der „pas­siv­en Rev­o­lu­tion“ und des „Trans­formis­mus“ von Gram­sci mit in die Erk­lärung der Block­ade der Mech­a­nis­men der Rev­o­lu­tion in der Nachkriegszeit ein­be­zo­gen (wenn auch sicher­lich neu inter­pretiert im Lichte von Trotzkis Prog­nosen über den Zweit­en Weltkrieg und sein­er Analy­sen des Stal­in­is­mus). Wir vertreten die Auf­fas­sung, dass diejeni­gen, die unter den Bedin­gun­gen von Jal­ta weit­er­hin der­art all­ge­mein und abstrakt behaupteten, dass „die Krise der Men­schheit die Krise ihrer rev­o­lu­tionären Führung ist“, sodass kein/e „orthodoxe/r“ Trotzkist/in dem wider­sprechen kon­nte, diesel­ben waren, die in Gen­er­al Tito, Fidel Cas­tro oder anderen Guer­ril­las oder bürg­er­lich-nation­al­is­tis­chen Führun­gen die Lösung des Prob­lems sahen. Sie beze­ich­neten diese entwed­er als „rev­o­lu­tionäre Führun­gen“ oder emp­fahlen zumin­d­est, diese als „kleineres Übel“ zu unter­stützen.

Wir wollen hier keine Aufzäh­lung der Kapit­u­la­tio­nen des Trotzk­ismus der Nachkriegszeit vornehmen[38]. Wir glauben nicht, dass sie durch die objek­tiv­en Bedin­gun­gen gerecht­fer­tigt waren, obwohl aus allem, was in dieser Arbeit gesagt wird, klar her­vorge­ht, dass wir nicht der vol­un­taris­tis­chen und sub­jek­tivis­tis­chen These anhän­gen, dass die zer­streuten und schwachen Kräfte der Vierten Inter­na­tionale nach Trotz­ki etwas hät­ten tun kön­nen, um die Weltkarte im Gefüge von Jal­ta sub­stantiell zu verän­dern. Aber wir lehnen jegliche fatal­is­tis­che Ein­schätzung der Möglichkeit­en des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus ab, selb­st in den schwierig­sten Jahren, in denen er gegen die vere­in­ten Kräfte von Impe­ri­al­is­mus und Stal­in­is­mus kämpfen musste. Als Beispiel hier­für mag die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion in Bolivien von 1952 dienen, in der die POR von Guiller­mo Lora vor der bürg­er­lich-nation­al­is­tis­chen MNR kapit­ulierte, auf­grund der Hoff­nun­gen, die sie in deren linken Flügel set­zte. Diese war eine nicht zu unter­schätzende, ver­lorene Chance für den inter­na­tionalen Trotzk­ismus. Denn obwohl es sich um eine Rev­o­lu­tion in einem kleinen, hal­bkolo­nialen Land unter den zuvor erläuterten Bedin­gun­gen han­delte, hätte eine erfol­gre­iche Inter­ven­tion einen Sprung in der sub­jek­tiv­en Entwick­lung der Vierten Inter­na­tionale bedeutet, die in den Augen der weltweit­en Avant­garde gestärkt daraus her­vorge­gan­gen wäre. Diese Avant­garde war damals haupt­säch­lich vom Mao­is­mus oder vom Tito­is­mus, die eine führende Rolle in Rev­o­lu­tio­nen gespielt hat­ten, oder von bürg­er­lichen oder klein­bürg­er­lichen Führun­gen von „nationalen Befreiungs­be­we­gun­gen“ bee­in­flusst.

Angesichts der ersten sub­stantiellen Verän­derung der Bedin­gun­gen von Jal­ta, die mit dem weltweit­en Auf­schwung von 1968 begann, der von der kap­i­tal­is­tis­chen Krise aus­gelöst wurde, die damals ihren Anfang nahm und dessen Effek­te bis heute nach­wirken, machte die Mehrheit der sich trotzk­istisch nen­nen­den Strö­mungen ein­fach weit­er wie bish­er, ohne aus dem Schat­ten der nicht-rev­o­lu­tionären Führun­gen her­vorzutreten.

Per­ry Ander­son sagt dazu: „Man muss sagen, dass die alter­na­tive Tra­di­tion des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus sich trotz ihrer charak­ter­is­tis­cher­weise viel größeren Scharf­sin­nigkeit und ihrer Beto­nung der Strate­gie (…) sich auch nicht viel frucht­bar­er als ihre his­torischen Geg­n­er zeigte. Als ich das Buch ‚Über den west­lichen Marx­is­mus‘ schrieb, schien die vom Erbe Trotzkis geprägte Bewe­gung nach Jahrzehn­ten der Mar­gin­al­isierung bere­it, die Bühne der post-stal­in­is­tis­chen Massen­poli­tik der Linken in den fort­geschrit­te­nen kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern wieder zu betreten. Stets sehr viel näher an den prinzip­iellen Fra­gen der sozial­is­tis­chen Prax­is, sowohl auf poli­tis­ch­er als auch wirtschaftlich­er Ebene, als die philosophis­che Lin­ie des west­lichen Marx­is­mus, hat­te das the­o­retis­che Erbe der trotzk­istis­chen Tra­di­tion offen­sichtliche Vorteile in der neuen Kon­junk­tur der Masse­nauf­stände und der weltweit­en Depres­sion, die die Anfänge der ‘70er kennze­ich­nete. (…) Die Geschichte bot der Bewe­gung in jenen Jahren eine entschei­dende Möglichkeit, aber diese hat die Probe nicht bestanden. Der Sturz des por­tugiesis­chen Faschis­mus bot die besten Voraus­set­zun­gen für eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion in irgen­deinem europäis­chen Land seit der Kapit­u­la­tion des Win­ter­palastes (…). Die Vierte Inter­na­tionale ver­lor sich am Schei­deweg der Por­tugiesis­chen Rev­o­lu­tion.“[39]

War, wie Ander­son meint, der „klas­sis­che Prozess“ der Rev­o­lu­tion ‘74-‘75 in Por­tu­gal, einem schwachen Glied der Kette der impe­ri­al­is­tis­chen Län­der, die den antikolo­nialen Auf­s­tand in Ango­la und Mosam­bik (angesteckt vom Kampf des viet­name­sis­chen Volkes) mit ein­er Rebel­lion der Arbei­t­erIn­nen und der Massen gegen die Dik­tatur Salazars ver­band, die let­zte große Möglichkeit für den Trotzk­ismus, seine strate­gis­chen Grund­la­gen wieder­herzustellen? Oder bot die Geschichte eine weit­ere große Möglichkeit mit dem let­zten großen Ver­such ein­er „poli­tis­chen Rev­o­lu­tion“ in Polen 1980, der der Vierte Inter­na­tionale ermöglicht hätte, als große Kraft in Erschei­n­ung zu treten und den Prozessen von ‘89-‘91 in Osteu­ropa, der UdSSR und Chi­na vorzu­greifen? Wie dem auch sei, zeigte das Ver­hal­ten des Trotzk­ismus in vorheri­gen Jahren sehr wenig Kon­ti­nu­ität mit den von der Vierten Inter­na­tionale bei ihrer Grün­dung aufgestell­ten Maxi­men. Dies hat ver­stärkt dazu beige­tra­gen, die sich in der neuen Peri­ode des Auf­schwungs des inter­na­tionalen Klassenkampfes (‘68-‘80) bietenden Möglichkeit­en zu ver­schwen­den, bei denen der Stal­in­is­mus und die Sozialdemokratie ihren let­zten großen Auftritt als Bremser der pro­le­tarisch-sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion hat­ten. Die Antwort der Kap­i­tal­istIn­nen auf diese ver­lore­nen Chan­cen musste das Pro­le­tari­at teuer bezahlen: Die Großof­fen­sive von Rea­gan und Thatch­er in den ‘80er und ‘90er Jahren mit all ihren Kon­se­quen­zen, wie dem Ver­lust von Errun­gen­schaften für die Arbei­t­erIn­nen­klasse und vor allem dem Prozess der kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion in den deformierten und degener­ierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en.

Anders als diejeni­gen, die eine his­torische Nieder­lage darin sehen, welche die Arbei­t­erIn­nen­klasse ein für alle Mal von der Bühne der Geschichte hin­wegge­fegt hat, denken wir, dass die neue inter­na­tionale Per­spek­tive große rev­o­lu­tionäre Möglichkeit­en eröff­nen wird.

Schon Rosa Lux­em­burg sagte, dass der Kampf für die Befreiung des Pro­le­tari­ats ein beschw­er­lich­er Weg voller Nieder­la­gen sei, der aber let­z­tendlich zum Sieg führt. Während der Jahre des Pak­ts von Jal­ta schien dieser Sinnspruch seine Gültigkeit zu ver­lieren: Die Arbei­t­erIn­nen­klasse errang Siege und immer neue Errun­gen­schaften, die, während sie die reformistis­chen Führun­gen stärk­ten, hin­ter­her zu Nieder­la­gen führten, wie z.B. die soge­nan­nte „neolib­erale“ Offen­sive, und die mit dem Ver­lust der Errun­gen­schaften, die diese Führun­gen zu vertei­di­gen schienen, ein­hergin­gen.

Wir sind der Mei­n­ung, dass die Verän­derung dieser Bedin­gun­gen zu wider­sprüch­lichen Ergeb­nis­sen führt.

Der riesige Ver­lust der Errun­gen­schaften und die Frag­men­tierung des Pro­le­tari­ats, welche die impe­ri­al­is­tis­che Offen­sive der ‘90er Jahre mit sich gebracht hat, nährt eine Krise der pro­le­tarischen Sub­jek­tiv­ität, was dazu führt, dass die Arbei­t­erIn­nen­klasse von sehr weit unten anfan­gen muss, ihre Rei­hen zu vere­ini­gen. Aber die derzeit­ige Etappe des Nieder­gangs der US-Hege­monie und des Unter­gangs des stal­in­is­tis­chen Appa­rates eröffnet die Möglichkeit, die aktuelle Krise zugun­sten der Bewe­gung der Massen zu über­winden, befre­it von ein­er Zwangs­jacke, die jahrzehn­te­lang die Entste­hung und Entwick­lung von Organ­is­men wie Sow­jets (Räte) ver­hin­derte. Die Bew­er­tung der strate­gis­chen Wichtigkeit dieser Art von Organ­is­men direk­ter Demokratie der Massen, ist eine Frage, bei der Trotz­ki und Gram­sci mehr miteinan­der gemein­sam haben als bei­de mit der Mehrheit ihrer jew­eili­gen „Anhän­gerIn­nen“. Wenn aber heute nur noch eine sehr schwache Kon­ti­nu­ität von Trotzkis Gedankengut bewahrt bleibt, hat Gram­sci ein noch schlim­meres Los getrof­fen. Der Bruch zwis­chen den heuti­gen Gram­s­cianer­In­nen, echte „mod­erne“ Mod­er­ate und VorkämpferIn­nen pas­siv­er Rev­o­lu­tio­nen, und dem rev­o­lu­tionären Gram­sci ist ungle­ich größer als der zwis­chen Trotz­ki und den heuti­gen Trotzk­istIn­nen. So kom­men wir zu der Schlussfol­gerung, dass die Kon­ti­nu­ität jenes „Marx­is­mus in der Offen­sive“ der Drit­ten Inter­na­tionale, die der Trotzk­ismus trotz all sein­er Verz­er­run­gen in sich trägt, das Ergeb­nis ein­er his­torisch richti­gen Entschei­dung ist: das wichtig­ste Werk von Trotz­ki, die Grün­dung der Vierten Inter­na­tionale 1938. Diese Erken­nt­nis set­zt deren Wieder­grün­dung auf die Tage­sor­d­nung, wobei wir die Lehren aus ihrer Degen­er­a­tion ziehen müssen. Wir betra­cht­en die vor­liegende Arbeit als einen Beitrag, der in diese Rich­tung geht, angesichts der neuen Etappe des Klassenkampfes und der Her­aus­forderun­gen der Zukun­ft.

Jan­u­ar 2003 – zuerst erschienen in „Estrate­gia Inter­na­cional“ Nr. 19

Erste deutsche Über­set­zung in „Inter­na­tionale Strate­gie“ Nr. 1

Fußnoten

[1]. Vgl. Per­ry Ander­son: „The Antin­o­mies of Anto­nio Gram­sci“. Eine andere ver­gle­ichende Studie ist Rober­to Mas­saris „Trot­sky y Gram­sci“, aus dem wir in diesem Artikel zitieren.

[2]. Isaac Joshua: „La cri­sis del 29 y la emer­gen­cia amer­i­cana“. (Eigene Über­set­zung.)

[3]. „Der rus­sis­che Emi­grant sagte, daß er seit 1917 häu­fig behauptet hat­te, daß das Weltkap­i­tal sich unter der zunehmenden Hege­monie der USA ent­fal­ten würde, vor allem unter der Hege­monie des Dol­lars über dem britis­chen Pfund“, war zu lesen in einem in der New York Times veröf­fentlicht­en Artikel vom März 1933, der auf einem Inter­view der Asso­ci­at­ed Press mit Trotz­ki auf Prinkipo basierte.

[4]. Leon Trot­sky: „Nation­al­ism and Eco­nom­ic Life“. Writ­ings 1933–34. S. 161f. (Eigene Über­set­zung.)

[5]. Anto­nio Gram­sci: „Amerikanis­mus und Fordis­mus“. In: Gefäng­nishefte. Bd. 9, Heft 22, §1. Argu­ment-Ver­lag 1999, S. 2063 ff..

[6]. Kri­tik der Inter­na­tionalen Linken Oppo­si­tion am Pro­gramm der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionalen. 1927. (Eigene Über­set­zung.)

[7]. Gemeint ist der wirtschaftliche Deter­min­is­mus einiger Pas­sagen des Erfurter Pro­gramms der Zweit­en Inter­na­tionale unter der Leitung von F. Engels. Trotz der marx­is­tis­chen Ter­mi­nolo­gie, die sich ins­beson­dere im ersten, von Kaut­sky ver­fassten Teil des Pro­gramms fand, blieben Vorstel­lun­gen über die zukün­ftige Gesellschaft­sor­d­nung offen und trat­en hin­ter die konkreten und prag­ma­tis­chen tage­spoli­tis­chen Forderun­gen zurück.

[8]. Ebd.

[9]. „Im Prozess der Geschichte begeg­net man sta­bilen, voll­ständig unrev­o­lu­tionären Sit­u­a­tio­nen. Man begeg­net auch aus­ge­sprochen rev­o­lu­tionären Sit­u­a­tio­nen. Es gibt auch kon­ter­rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tio­nen (das soll man nicht vergessen!). Was aber in unser­er Epoche, der Epoche des faulen­den Kap­i­tal­is­mus ganz beson­ders vorherrscht, das sind mit­tlere und Über­gangssi­t­u­a­tio­nen: zwis­chen nichtrev­o­lu­tionären und vor­rev­o­lu­tionären, zwis­chen vor­rev­o­lu­tionären und rev­o­lu­tionären oder … kon­ter­rev­o­lu­tionären Sit­u­a­tio­nen. Ger­ade diese Über­gangszustände sind von auss­chlaggeben­der Bedeu­tung vom Stand­punkt der poli­tis­chen Strate­gie.“ Trotz­ki, Leo: „Dialek­tik und Meta­physik“ In: Wohin geht Frankre­ich? 1936. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1935/wohinfr2/01.htm. (Her­vorhe­bun­gen im Orig­i­nal.)

[10]. Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Bd. 7, Heft 13, §17. Argu­ment-Ver­lag 1996, S. 1563 f..

[11]. Später wer­den wir sehen, wie Trotz­ki nach der Wirtschaft­skrise von 1929 mit dem gle­ichen method­ol­o­gis­chen Kri­teri­um die Ele­mente von wirtschaftlich­er Krise, Klassenkampf und den zwis­chen­staatlichen Span­nun­gen miteinan­der verbindet und auf den Anfang ein­er neuen „katas­trophis­chen Phase“ (um es mit Gram­sci auszu­drück­en) in den ’30er Jahren hin­weist, wo sich die rev­o­lu­tionären Ver­suche und der Gang der impe­ri­al­is­tis­chen Län­der gen Zweit­en Weltkrieg mis­chen wür­den.

[12]. C.R. Aguil­era Prat. In: „Gram­sci y la vía nacional al social­is­mo“. (Eigene Über­set­zung.)

[13]. Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Bd. 9, Heft 22, §1. Argu­ment-Ver­lag 1999, S. 2063.

[14]. „Der Begriff der pas­siv­en Rev­o­lu­tion muß streng von den zwei Grund­prinzip­i­en Poli­tis­ch­er Wis­senschaft [basierend auf den Grun­dris­sen der Poli­tis­chen Ökonomie von Marx, A.d.R.] hergeleit­et wer­den: 1. daß keine Gesellschafts­for­ma­tion ver­schwindet, solange die Pro­duk­tivkräfte, die sich in ihr entwick­elt haben, noch Raum für eine weit­ere Vor­wärts­be­we­gung find­en; 2. daß die Gesellschaft sich keine Auf­gaben stellt, für deren Lösung nicht bere­its die notwendi­gen Bedin­gun­gen aus­ge­brütet sind, usw. Es ver­ste­ht sich, daß diese Prinzip­i­en zuvor kri­tisch in ihrer ganzen Trag­weite entwick­elt und von jedem Rest von Mech­a­nizis­mus und Fatal­is­mus gere­inigt sein müssen.” (Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Bd. 7, Heft 15, §17. Argu­ment-Ver­lag 1996, S. 1734.)
Dieses Zitat von Gram­sci von einem sehr all­ge­meinen und abstrak­ten Charak­ter kann zu falschen Inter­pre­ta­tio­nen führen, die vor allem bei den ReformistIn­nen zu find­en sind, die behaupten, dass jede Nieder­lage eines rev­o­lu­tionären Prozess­es „gerecht­fer­tigt“ wer­den kön­nte mit den „objek­tiv­en Bedin­gun­gen“ (oder ihn sog­ar als zu „ver­früht“ beze­ich­nen), wobei die konkrete Rolle der Führung der Arbei­t­erIn­nen­klasse und der Massen beim Aus­gang des sel­ben unter­be­w­ertet bleibt.

[15]. Friedrich Engels: Ein­leitung zu Karl Marx „Klassenkämpfe in Frankre­ich 1848 bis 1850“. 1895. http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_509.htm.

[16]. Zu den unter­schiedlichen Konzepten von Rev­o­lu­tion nach Trotz­ki und Gram­sci siehe den näch­sten Artikel in diesem Heft.

[17]. Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Bd 7, Heft 15, §10- §11. Argu­ment-Ver­lag 1996, S. 1727.

[18]. Aguil­era de Prat weist richtiger­weise und um Vorurteile über Gram­sci auszuräu­men auf diesen Schlüs­se­laspekt hin: „Es geht auf jedem Fall um eine dialek­tis­che Auf­fas­sung dieser Erken­nt­nis, die sich nicht in ein poli­tis­ches Aktion­spro­gramm, wie es die Mod­er­at­en im Risorg­i­men­to ver­trat­en, ver­wan­delt [er meint ein pas­sives Rev­o­lu­tion­spro­gramm, A.d.R.], son­dern nur als ein method­ol­o­gis­ches Kri­teri­um der Deu­tung dienen soll.“ (Eigene Über­set­zung.)

[19]. Angesichts des Auf­stiegs von Mus­soli­ni in Ital­ien sagte Trotz­ki bezüglich der KPI: „Die Kom­mu­nis­tis­che Partei Ital­iens war fast gle­ichzeit­ig mit dem Faschis­mus ent­standen. Doch die gle­ichen Bedin­gun­gen der rev­o­lu­tionären Ebbe, die den Faschis­mus an die Macht bracht­en, hiel­ten die Entwick­lung der Kom­mu­nis­tis­chen Partei auf. Sie legte sich nicht Rechen­schaft ab über das Aus­maß der faschis­tis­chen Gefahr, wiegte sich in rev­o­lu­tionären Illu­sio­nen, war ein unver­söhn­lich­er Geg­n­er der Ein­heits­front­poli­tik, mit einem Worte: sie litt an allen Kinderkrankheit­en. Kein Wun­der, sie war erst zwei Jahre alt. Der Faschis­mus erschien ihr lediglich als ‚kap­i­tal­is­tis­che Reak­tion‘. Die spez­i­fis­chen Züge des Faschis­mus, die sich aus der Mobil­isierung des Klein­bürg­er­tums gegen das Pro­le­tari­at ergeben, nahm die Kom­mu­nis­tis­che Partei Ital­iens nicht wahr. Mit Aus­nahme des einzi­gen Gram­sci schloß die Kom­mu­nis­tis­che Partei, wie mir ital­ienis­che Fre­unde mit­teilen, selb­st die Möglichkeit der faschis­tis­chen Machter­grei­fung aus. Hat ein­mal die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion eine Nieder­lage erlit­ten, der Kap­i­tal­is­mus sich befes­tigt, die Kon­ter­rev­o­lu­tion tri­um­phiert, was für einen kon­ter­rev­o­lu­tionären Umsturz kann es da noch geben? Die Bour­geoisie kann doch nicht gegen sich selb­st einen Auf­s­tand machen! Das war der Kern der poli­tis­chen Ori­en­tierung der ital­ienis­chen Kom­mu­nis­tis­chen Partei. Man darf dabei nicht vergessen, daß der Faschis­mus damals eine neue Erschei­n­ung darstellte und sich erst im Formierung­sprozeß befand. Seine spez­i­fis­chen Züge her­auszuschälen wäre auch ein­er erfahreneren Partei nicht leicht gefall­en.“ (Leo Trotz­ki: Was nun? 1936. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/wasnun/kap07.htm.)

[20]. In sein­er Arbeit „Trot­sky y Gram­sci” erin­nert sich Rober­to Mas­sari: „Am 22 Novem­ber 1922 dik­tierte Lenin an Trotz­ki (am Tele­fon) fol­gende Nachricht: ‚Was Bor­di­ga ange­ht, schlage ich vor, den Vorschlag Trotzkis anzunehmen, den ital­ienis­chen Delegierten einen Brief unseres ZK zu schick­en, in dem wir aus­drück­lich die Tak­tik, die Sie vorschla­gen, empfehlen. Im Gegen­fall wer­den ihre Maß­nah­men in Zukun­ft weitre­ichende schädliche Fol­gen für die ital­ienis­chen Kom­mu­nis­ten haben.‘ (…) Die von Trotz­ki und der Mehrheit der Führung der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale an die ital­ienis­chen Del­e­ga­tion im Novem­ber 1922 ‚angedeutete’ Tak­tik war die Tak­tik der Ein­heits­front mit anderen Organ­i­sa­tio­nen der Arbeit­er­be­we­gung, ange­fan­gen bei den Reformis­ten, welche die Hauptver­ant­wor­tung für den Auf­stiegs Mus­soli­n­is tru­gen und immer noch auf ein friedlich­es Zusam­men­leben zwis­chen dem Faschis­mus und den – noch – legalen Arbeit­eror­gan­i­sa­tio­nen hofften, d.h, auf eine Ver­söh­nung zwis­chen dem Großkap­i­tal und dem Min­i­mal­pro­gramm von Forderun­gen der Arbeit­erk­lasse. 1922 wider­sprach die Inter­na­tionale den Ansicht­en der bor­digis­tis­chen Del­e­ga­tion, die fälschlicher­weise eine dik­ta­torische Äquiv­alenz zwis­chen der bürg­er­lichen Demokratie und dem Faschis­mus sah und sich aus den Stre­it­fra­gen der Analyse her­aus hielt, sich dafür aber umso härter in die organ­isatorischen Fra­gen ein­mis­chte. Diese Sorge beweist, dass ein instink­tives Alarm­sig­nal bere­its seinen Wider­hall im IV. Kongress fand. Die oben genan­nte Empfehlung von Lenin und Trotz­ki zeigt, dass auch die zwei wichtig­sten bolschewis­tis­chen Führer weitre­ichende Fol­gen befürchteten, wenn die von der ital­ienis­chen Führung eingeschla­gene Rich­tung nicht geän­dert wer­den sollte. Den­noch war der Haupt­ge­gen­stand ihrer Besorg­nis die Fusion zwis­chen der jun­gen Partei und der max­i­mal­is­tis­chen SPI. (…) Wie man weiß, wurde der Vorschlag Trotzkis angenom­men. Zwei Tage nach dem tele­fonis­chen Gespräch von Lenin und Trotz­ki sah sich die ital­ienis­che Del­e­ga­tion mit einem Brief des ZK der rus­sis­chen KP kon­fron­tiert, unterze­ich­net von Lenin, Trotz­ki, Zinoviev, Radek und Bucharin, in der ihr prak­tisch die Fusion mit der SPI aufgezwun­gen wurde. Bor­di­ga akzep­tierte diese Auflage aus Diszi­plin, blieb den­noch aber bei sein­er Posi­tion.” Rober­to Mas­sari: „Trot­sky y Gram­sci”. In: En Defen­sa del Marx­is­mo Nr. 13, Buenos Aires 1996.

[21]. Juan Car­los Pon­tantiero. In: „Los Usos de Gram­sci“. (Die in fet­ter Schrift gekennze­ich­neten Pas­sagen sind textuelle Zitate von Gram­sci. Eigene Über­set­zung.)

[22]. Leo Trotz­ki: „Sobre la cuestión de las ten­den­cias en el desarol­lo de la economía mundi­al“. 1926. (Eigene Über­set­zung.)

[23]. Leo Trotz­ki: „El baga­je teóri­co de Molo­tov“. 1930. (Eigene Über­set­zung.)

[24]. Leo Trotz­ki: „El Nacional­is­mo y la econo­mia“. Novem­ber 1933. (Eigene Über­set­zung.)

[25]. Lenin: „Staat und Rev­o­lu­tion“.

[26]. Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Heft 3.

[27]. Leo Trotz­ki: „Marx­is­mus in Unser­er Zeit“. 1939. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1939/04/marxismus.htm.

[28]. Mario Teló: Gram­sci y el futuro de Occi­dente en „Los estu­dios gram­s­cianos hoy“. (Eigene Über­set­zung.)

[29]. „Die ‚nor­male‘ Ausübung der Hege­monie (…) zeich­net sich durch die Kom­bi­na­tion von Zwang und Kon­sens aus, die sich in ver­schieden­er Weise die Waage hal­ten, ohne daß der Zwang zu sehr gegenüber dem Kon­sens über­wiegt“. Aber in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen, in denen der Gebrauch von Zwang zu risiko­r­e­ich war, existiert „zwis­chen Kon­sens und Zwang (…) Kor­rup­tion-Betrug (…), also die Zer­mür­bung und Läh­mung, die dem Antag­o­nis­ten oder den Antag­o­nis­ten zuge­fügt wird“. (Anto­nio Gram­sci: Gefäng­nishefte. Bd. 7, Heft 13, § 37. Argu­ment-Ver­lag 1996, S. 1610.) Dazu bemerk­te Per­ry Ander­son in Bezug auf die US-Hege­monie nach dem Zweit­en Weltkrieg kür­zlich in einem Edi­to­r­i­al der New Left Review: „Der auf diesem Weg erweit­erte Kon­sens war ein spezieller. Die Eliten von Rus­s­land und – hier hat­ten sie schon früher begonnen – Chi­na waren sicher­lich dem Mag­net­ismus des US-amerikanis­chen materiellen und kul­turellen Erfol­gs aus­ge­set­zt, als Nor­men, die es zu imi­tieren galt. In diesem Sinne begann die Inter­nal­isierung von bes­timmten Werten und Attribut­en des über­lege­nen Staates seit­ens der sub­al­ter­nen Mächte, die Gram­sci als einen essen­tiellen Bestandteil jeglich­er inter­na­tionaler Hege­monie betra­chtet hätte, ihre Wirkung zu zeigen. Aber der objek­tive Charak­ter dieser Regimes war noch zu weit ent­fer­nt vom US-amerikanis­chen Pro­to­typ für solche sub­jek­tiv­en Ver­an­la­gun­gen, als dass diese eine wirk­same Garantie für jeden Akt der Gefäl­ligkeit im UN-Sicher­heit­srat dargestellt hät­ten. Dafür war das dritte Ele­ment nötig, welch­es Gram­sci her­vorge­hoben hat­te – zwis­chen dem Zwang und dem Kon­sens, aber näher am let­zteren dran – die Kor­rup­tion.“ Per­ry Ander­son: „Force and Con­sent“. In: New Left Review 17, September/Oktober 2002. http://www.newleftreview.org/?view=2407. (Eigene Über­set­zung.)

[30]. Natür­lich fall­en die Rev­o­lu­tio­nen in Jugoslaw­ien und Chi­na, die unter Führung ein­er Guer­ril­la und ein­er nationalen stal­in­is­tis­chen Partei im Dis­sens mit Moskau stat­tfan­den, die zwar auch die Entste­hung von Arbei­t­erIn­nen- und Bauern/Bäuerinnensowjets unter­ban­den und die Rev­o­lu­tion inner­halb ihrer nationalen Gren­zen ein­froren und daher auch nur zur Bil­dung von degener­ierten Arbei­t­erIn­nen­staat­en führten, nicht in diese Kat­e­gorie der „pas­siv­en pro­le­tarischen Rev­o­lu­tio­nen“, da die Massen und ihre Avant­garde eine durch ihr Ein­treten in die „Partei/Armee“ Titos und Maos eine aktive Rolle spiel­ten. Für unsere Ein­schätzung dieser Rev­o­lu­tio­nen, siehe: Estrate­gia Inter­na­cional Nr. 3 vom Feb­ru­ar 1992.

[31]. Leo Trotz­ki: „Offen­er Brief an die indis­chen Arbeit­er“. Abruf­bar unter: http://www.internationalesozialisten.de/Buecher/Klassiker/Trotzki/Nationale%20Frage%20und%20nationale%20Minderheiten.pdf.

[32]. Darunter fall­en, außer unzäh­li­gen Schriften und Artikeln, Werke wie „Die ver­ratene Rev­o­lu­tion“ und „Vertei­di­gung des Marx­is­mus“.

[33]. Leo Trotz­ki: „Die objek­tiv­en Voraus­set­zun­gen der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion“. In: Das Über­gang­spro­gramm. 1938. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/ueberg1.htm.

[34]. In die gle­iche Rich­tung gehen Jorge Altami­ra und die PO in Argen­tinien, obwohl es sich in diesem Fall nicht um eine inter­na­tionale Strö­mung han­delt. Die PO stand sowohl in Verbindung mit der Strö­mung Lam­berts als auch mit der Loras und hängt ein­er wirtschaftlich-katas­tro­phis­tis­chen Pseudothe­o­rie an, die sie heutzu­tage ad absur­dum führt.

[35]. Diese Kom­bi­na­tion aus ver­schiede­nen Fak­toren in den ‘30er Jahren führte dazu, dass die Sozialdemokratie in eini­gen zen­tralen Län­dern wie Frankre­ich – jen­seits dessen, was ihre reformistis­che Führung wün­schte – für eine Weile desta­bil­isiert wurde. Das ver­an­lasste Trotz­ki, den kleinen rev­o­lu­tionären Zellen den Entris­mus in der PS ans Herz zu leg­en (bekan­nt als „franzö­sis­che Wende“), um so die radikalsten Ele­mente aus deren Inneren anzuziehen und sich von dieser Massen­partei aus an die kom­mu­nis­tis­chen Arbei­t­erIn­nen zu wen­den, die in der vol­lkom­men stal­in­is­tis­chen KP waren.

[36]. Leo Trotz­ki: Man­i­fest der IV. Inter­na­tionale zum impe­ri­al­is­tis­chen Krieg und zur pro­le­tarischen Wel­trev­o­lu­tion. 1940. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/kriegman/teil2.htm.

[37]. Der trotzk­istis­che Führer Nahuel Moreno, Grün­der der Ten­denz, aus der wir her­vorge­gan­gen sind, sagte angesichts dieser wider­sprüch­lichen Sit­u­a­tion nach dem Krieg, dass „die Real­ität trotzk­istis­ch­er gewor­den ist als Trotz­ki“.

[38]. Wir erken­nen dur­chaus, dass die von Nahuel Moreno in Argen­tinien geleit­ete Strö­mung, aus der wir her­vorge­gan­gen sind, sich zuerst im Per­o­nis­mus der ‘50er Jahre ver­lor und dann dazu überg­ing, die kuban­is­che Führung Fidel Cas­tros in den Him­mel zu loben.

[39]. Ander­son, Per­ry: „In the Tracks of His­tor­i­cal Mate­ri­al­ism“. Uni­ver­si­ty of Chica­go. 1984, S. 79 f.. (Eigene Über­set­zung.)

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