Frauen und LGBTI*

Pre­ka­ri­sie­rung von Frauen – die Kehr­seite deut­scher Wirt­schafts­er­folge

Während deutsche Konzerne Rekordzahlen schreiben, verlieren Arbeiter*innen grundlegende Rechte und ihre Lebensbedingungen verschlechtern sich. Besonders hart trifft diese Situation Frauen.

Prekarisierung von Frauen – die Kehrseite deutscher Wirtschaftserfolge

Die deutsche Wirtschaft feiert einen Exportrekord nach dem anderen. Angela Merkel und Wolfgang Schäuble (beide CDU) klopfen sich auf die Schulter, platzend vor Stolz auf den letzten Einnahmerekord des Staates. Zur selben Zeit berichtet eine streikende Reinigerin im outgesourcten Tochterunternehmen CFM der Charité Berlin folgendes über ihre Arbeitsbedingungen:

Fast alle Kolleg*innen arbeiten in Teilzeit und bekommen sehr wenig Lohn. Bevor das Charité Facility Management (CFM) gegründet wurde, arbeiteten an einer Station mindestens zwei Reinigungskräfte. Jetzt arbeitet jeweils nur ein Mensch mit höherer Arbeitsbelastung, die durch zusätzliche Aufgaben entsteht. […] Vor Jahren arbeiteten sogar vier Angestellte bei einer Station. Durch die Sparpolitik haben sie viele Kürzungen gemacht. Immer das selbe: sparen, sparen, sparen…

Es ist klar: Die Erfolge der einen werden auf den Schultern der anderen ausgetragen. Die Kehrseite der stabilen deutschen Wirtschaft ist die Sparpolitik und die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, die immer weiter um sich greift. Im letzten Jahr ist die Anzahl sogenannter atypischer Beschäftigung schneller gestiegen als die Zahl der Neueinstellungen. Das heißt, dass immer mehr Jobs in schlechtere Jobs umgewandelt wurden.

Dabei ist das Gesicht dieser Prekarisierung weiblich. Seit dem neuen Zyklus der Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt in den 60er Jahren waren sie ungleichen Bedingungen ausgesetzt, mit niedrigeren Löhnen und teilweise weniger Jobsicherheit. Mit dieser Integration wurde zwar angeblich die feministische Forderungen nach Gleichheit erfüllt, denn nun waren Frauen ja ebenso zu Lohnarbeiterinnen geworden. Dabei wurde allerdings weiterhin ihr Status als bloße „Zuverdienerinnen“ aufrecht erhalten, unabhängig ob davon, ob dies der Fall war. Gleichzeitig diente ihre Arbeitsmarktdiskriminierung auch der Spaltung und dem Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen aller.

Mit der Agenda 2010 und vor allem dem Beginn der Finanzkrise erschien für eine kurze Zeit eine größere Gleichheit zwischen den Geschlechtern möglich – allerdings nur durch die Anpassung der Arbeitsbedingungen der Männer nach unten. Dennoch bleibt die Zahl der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, besonders hoch. Auch der Gender-Pay-Gap von derzeit 21 Prozent weist darauf hin, dass besonders Frauen in den Niedriglohnsektor gedrängt werden.

Die Kehrseite der deutschen Wirtschaftserfolge ist auch die Austeritätspolitik, die von Deutschland besonders in Südeuropa gegen die Interessen der Arbeiter*innen dort durchgesetzt werden. Auch hier sind Arbeiterinnen besonders betroffen: Überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten im öffentlichen Sektor und verlieren durch Kürzungen ihre Arbeitsplätze. Deshalb müssen viele von ihnen ultra-prekäre Jobs annehmen. Sie konkurrieren dabei mit Frauen, die zum ersten Mal eine Lohnarbeit suchen, um die Einkommenseinbussen auszugleichen, die durch den Verlust des Arbeitsplatz des Partners oder durch Lohnkürzungen entstanden sind – beides ebenfalls Ergebnis von Krise und Austerität.

Dazu kommt für Frauen weiterhin die Doppelbelastung durch die unbezahlte Hausarbeit. In Südeuropa hat diese in den letzten Jahren sogar noch zugenommen, indem das Angebot öffentlicher Einrichtung wie zum Beispiel in Kindertagesstätten gekürzt wurde und durch unbezahlte Arbeit ersetzt werden musste. Zudem führen Lohneinbußen dazu, dass Dinge, die früher gekauft wurden, heute kostenlos im Haushalt hergestellt werden. Und auch in Deutschland, dem Krisengewinner, bleibt die Doppelbelastung bestehen. In wenigen anderen Ländern Europas ist der Wechsel in Teilzeit von Frauen bei Geburt ihres ersten Kindes so normalisiert und sozial erwartet wie hier.

Dabei ist weibliche Prekarisierung und die gesellschaftliche Verantwortung für die unbezahlte Lohnarbeit funktional aufeinander bezogen. Es ist kein Zufall, dass Frauen einem höherem Grad der Prekarisierung unterworfen werden können, wenn sie ideologisch so stark an die Kette der Hausarbeit genommen werden. Und andersherum ebenfalls: Wenn Frauen besonders prekär arbeiten, dann ist es leichter, ihnen Verantwortung für die Hausarbeit zuzuschieben. Einmal dafür verantwortlich gemacht, reduzieren sich wiederum die Arbeitsmöglichkeiten drastisch und die Abhängigkeit von einem verdienenden Partner steigt. Ein Teufelskreis.

Dazu kommt, dass die Tätigkeiten in Dienstleistungssektoren, in denen viele Frauen arbeiten, der Arbeit im Haushalt oft nahe liegen – und sie auf diese Weise abgewertet werden können. Denn ihnen wird zugesprochen, dass Frauen sie „natürlich“ können – sie also keine besonderen Ausbildung oder Anstrengung benötigen – und sie aus Liebe leisten.

Prekäre Arbeit ist also nicht nur belastend für diejenigen, die sie leisten. Die Prekarisierung der Frauen ist wichtiger Bestandteil der Funktionsweise von patriarchaler Unterdrückung. Sie betrifft letztlich alle Arbeiter*innen. In unserem internationalen Manifest schreiben wir dazu:

Deshalb kämpfen wir für ein Ende prekärer Arbeit! Unbefristete Festanstellungen aller Arbeiter*innen. Gleiche Arbeit für gleichen Lohn, gleiche Bedingungen und gleiche Rechte! Gleiche Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten! Aufteilung der Arbeitsstunden zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen bei vollem Lohn! Wir fordern die Schaffung von Frauenkommissionen an allen Arbeitsplätzen und in allen Gewerkschaften. Schluss mit der Diskriminierung!

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