Hintergründe

Marxismus: Methode, Theorie und Praxis

Viele neu politisierte Menschen fragen sich: Was ist der Marxismus? Was bedeutet er für unsere Kämpfe? Die Antwort darauf umfasst nicht nur eine marxistische Theorie, sondern auch eine Methode der Analyse und politischen Praxis. Ein Beitrag unserer Schwesterorganisation Left Voice aus den USA.

Marxismus: Methode, Theorie und Praxis

Im let­zten Essay, den ich in der Schule geschrieben habe, argu­men­tierte ich, dass Karl Marx der größte Denker der mod­er­nen Geschichte ist – eine mutige Behaup­tung, die alle in mein­er katholis­chen Schule verspot­teten. Ich erin­nere mich noch, dass jemand mir sagte, dass der Marx­is­mus bald in Vergessen­heit ger­at­en wird. Das war im Jahr 2004.

Heute erzählen sog­ar die kap­i­tal­is­tis­chen Medi­en von der „erneuerten“ Rel­e­vanz von Marx. Sowie dieser, dieser oder dieser New York Times-Artikel mit der Über­schrift „Her­zlichen Glück­wun­sch zum Geburt­stag, Karl Marx. Du hat­test Recht!“. Lustige Ver­suche, Marx zu vul­gar­isieren, zu vere­in­nah­men und zu ver­harm­losen.

Obwohl das Wort „Sozial­is­mus“ kein Schimpf­wort mehr ist, ist seine Bedeu­tung umstrit­ten. Es gibt Akademiker*innen, die zahlre­iche Büch­er über ver­schiedene Aspek­te des Marx­is­mus schreiben, aber nur wenig zu sein­er Rolle im fortschre­i­t­en­den Klassenkampf. Und es gibt auch viele Organ­i­sa­tio­nen, wie beispiel­sweise die Demokratis­chen Sozial­is­ten Amerikas (DSA), die Marx öfters zitieren, während sie eine der wichtig­sten kap­i­tal­is­tis­chen Parteien der Erde, die Demokratis­che Partei, unter­stützen. Und es gibt dieses berühmte Al-Jazeera-Video mit dem Titel „5 Gründe, warum Ameri­ka schon sozial­is­tisch ist“ (!?), weil in den USA einige min­i­male öffentliche Dien­stleis­tun­gen existieren. Marx dreht sich wahrschein­lich in seinem Grabe um.

Also ist eine zen­trale Frage für diejeni­gen, die heute zum poli­tis­chen Leben erwachen: Was ist Marx­is­mus und was bedeutet er für unsere Kämpfe? Um diese Frage zu beant­worten, müssen wir den Marx­is­mus nicht nur als eine The­o­rie, son­dern als eine Meth­ode der Analyse und der poli­tis­chen Prax­is ver­ste­hen.

Marxismus als Methode

Der Marx­is­mus als eine Meth­ode der Analyse basiert auf dem dialek­tis­chen Mate­ri­al­is­mus. Das bedeutet, dass der Marx­is­mus viel mehr ein Weg ist, um die Welt in ihrer Aktu­al­ität unter Berück­sich­ti­gung der ver­schiede­nen Ele­mente zu analysieren, als die Wieder­hol­ung von dog­ma­tis­chen Sätzen, die im „Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest“ ste­hen. Im Ver­gle­ich zu anderen Meth­o­d­en der Analyse wie religiösen, post­mod­er­nen oder empirischen Meth­o­d­en basiert der Marx­is­mus auf einem Ver­ständ­nis der materiellen Real­ität, die in ständi­ger Bewe­gung ist.

Der Mate­ri­al­is­mus kann mit der Vorstel­lung zusam­menge­fasst wer­den, dass im End­ef­fekt unsere materielle Real­ität und nicht Gott, nicht die Ideen, nicht die Sprache unsere Exis­tenz prä­gen. Marx, der tief von Hegel bee­in­flusst war, hat die Junghegelian­er – ein intellek­tueller Kreis, mit dem er eine Weile iden­ti­fiziert wurde –, dafür kri­tisiert, daran zu glauben, dass Verän­derun­gen in der Gesellschaft etwa durch Ideen und Sprache zus­tande kom­men – also etwa so, wie der heutige Post­mod­ernismus argu­men­tiert.

In „Deutsche Ide­olo­gie“ (1846) schreibt Marx: „Ganz im Gegen­satz zur deutschen Philoso­phie, welche vom Him­mel auf die Erde her­ab­steigt, wird hier von der Erde zum Him­mel gestiegen. D.h., es wird nicht aus­ge­gan­gen von dem, was die Men­schen sagen, sich ein­bilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedacht­en, einge­bilde­ten, vorgestell­ten Men­schen, um davon aus bei den leib­hafti­gen Men­schen anzukom­men; es wird von den wirk­lich täti­gen Men­schen aus­ge­gan­gen und aus ihrem wirk­lichen Leben­sprozeß auch die Entwick­lung der ide­ol­o­gis­chen Reflexe und Echos dieses Leben­sprozess­es dargestellt. Nicht das Bewußt­sein bes­timmt das Leben, son­dern das Leben bes­timmt das Bewußt­sein.“

In anderen Worten: Wir existieren im Rah­men unser­er materiellen Kör­p­er, die materielle Bedürfnisse haben, die durch Pro­duk­tion erfüllt wer­den, und im Rah­men des „Leben­sprozess­es“, der unser Bewusst­sein pro­duziert. In „Deutsche Ide­olo­gie“ schreibt Marx: „Die Men­schen sind die Pro­duzen­ten ihrer Vorstel­lun­gen, Ideen pp., aber die wirk­lichen, wirk­enden Men­schen, wie sie bed­ingt sind durch eine bes­timmte Entwick­lung ihrer Pro­duk­tivkräfte und des densel­ben entsprechen­den Verkehrs bis zu seinen weitesten For­ma­tio­nen hin­auf. Das Bewußt­sein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Men­schen ist ihr wirk­lich­er Leben­sprozeß.“

Unsere Ideen fall­en nicht vom Him­mel; sie sind ein Pro­dukt der Weise, wie wir leben. Was wir denken, was wir uns vorstellen, was wir wollen und woran wir glauben, ist durch die Gesellschaft bed­ingt, in der wir leben. Wir wer­den durch den Kap­i­tal­is­mus kon­di­tion­iert, der ein­er­seits die Men­schen weltweit wie nie zuvor miteinan­der verbindet, und ander­er­seits mis­er­able Zustände für die große Mehrheit pro­duziert. Diese Art der Pro­duk­tion eröffnet der Men­schheit im Gegen­satz zum Prov­inzial­is­mus des feu­dalen Denkens enorme kreative Möglichkeit­en, zu denken, zu schaf­fen und neue Vorstel­lun­gen zu entwick­eln. Viele dieser Möglichkeit­en bleiben aber der Arbeiter*innenklasse ver­schlossen.

Während Marx wichtige Kri­tiken an Hegel hat, bricht er nicht mit dem gesamten hegelian­is­chen Denken. Er nimmt die Dialek­tik von Hegel auf, die auf dem Konzept der Wider­sprüch­lichkeit der Ideen basiert. These und Antithese kom­men in seinem Ver­ständ­nis in Kon­flikt und for­men eine Syn­these. Auch Marx sieht die Gesellschaft durch Kon­flik­te und Span­nun­gen charak­ter­isiert, die im ständi­gen Wan­del sind. Aber für Marx wurzeln diese Span­nun­gen im materiellen Charak­ter der Gesellschaft und nicht in den Ideen. Es wird gesagt, dass Marx Hegel aufgenom­men und „von Kopf auf die Füße gestellt“ hat. Er ver­wen­det eine ähn­liche dialek­tis­che Meth­ode wie Hegel, aber argu­men­tiert, dass es die materielle Real­ität ist, die die Gesellschaft bewegt.

In diesem Sinne han­delt die marx­is­tis­che poli­tis­che Ökonomie nicht vom „Reich der absoluten Wahrheit“, son­dern ist wis­senschaftlich in der mess­baren materiellen Welt ver­wurzelt. Marx ver­wen­det seine Meth­ode, um The­o­rien über den Kap­i­tal­is­mus, den Mehrw­ert und den Sozial­is­mus zu for­mulieren. Den Sozial­is­mus sieht er nicht als ein utopis­ches Ide­al, son­dern als eine materielle Möglichkeit, die die Wider­sprüche des Kap­i­tal­is­mus lösen wird. Tat­säch­lich lehnt er den utopis­chen Sozial­is­mus ab, der von den aktuellen Wider­sprüchen entkop­pelt ist. Wie Engels in „Die Entwick­lung des Sozial­is­mus von der Utopie zur Wis­senschaft“ argu­men­tiert: „Hier­nach erschien jet­zt der Sozial­is­mus nicht mehr als zufäl­lige Ent­deck­ung dieses oder jenes genialen Kopfs, son­dern als das notwendi­ge Erzeug­nis des Kampfes zweier geschichtlich ent­stand­ner Klassen, des Pro­le­tari­ats und der Bour­geoisie. Seine Auf­gabe war nicht mehr, ein möglichst vol­lkommnes Sys­tem der Gesellschaft zu ver­fer­ti­gen, son­dern den geschichtlichen ökonomis­chen Ver­lauf zu unter­suchen, dem diese Klassen und ihr Wider­stre­it mit Notwendigkeit entsprun­gen, und in der dadurch geschaffnen ökonomis­chen Lage die Mit­tel zur Lösung des Kon­flik­ts zu ent­deck­en.“

Das Ziel von Marx war es nicht, sich eine per­fek­te Gesellschaft auszu­denken. Sein Ziel war es, die Gesellschaft so zu unter­suchen, wie sie ist, und die Möglichkeit ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft aufzuzeigen, die aus dem Beste­hen­den her­vorge­ht. In starkem Kon­trast zu den utopis­chen Sozialist*innen will Marx die innere Funk­tion­sweise des Kap­i­tal­is­mus ver­ste­hen, um sie zu „meis­tern“ und Mech­a­nis­men zu find­en, ihn zu stürzen. In diesem Sinne argu­men­tiert Marx, dass man mit dem Kampf gegen den Kap­i­tal­is­mus nicht mit den Kon­di­tio­nen begin­nt, die man sich wün­scht, son­dern mit den Kon­di­tio­nen, die existieren. Das ist die Basis der marx­is­tis­chen The­o­rie.

Marxismus als Theorie

Indem er die wis­senschaftliche Meth­ode des dialek­tis­chen Mate­ri­al­is­mus anwen­det, ent­deckt Marx die Grund­la­gen des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems. Wie das „Kom­mu­nis­tis­che Man­i­fest“ (1848) bekan­ntlich begin­nt: „Die Geschichte aller bish­eri­gen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ In diesem Sinne sieht Marx den Kon­flikt zwis­chen ver­schiede­nen sozialen Klassen als eine geschichtliche Kon­stante, die Rev­o­lu­tio­nen her­beiführt und die Struk­tur der Gesellschaft ändert. Nach Marx und Engels sind die Gründe für diese Verän­derun­gen in der ökonomis­chen Basis der Gesellschaft, also in den Verän­derun­gen der Pro­duk­tion­sweisen und des Tausches, ver­wurzelt.

Im „Man­i­fest“ argu­men­tieren Marx und Engels, dass Verän­derun­gen in der Tech­nolo­gie die Entwick­lung der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise ermöglicht und diese durch Arbeit­steilung und Zen­tral­isierung der Pro­duk­tion in Fab­riken und in Städten mas­sive Prof­ite für die Bour­geoisie geschaf­fen haben. Marx und Engels argu­men­tieren, dass der Feu­dal­is­mus „für die wach­senden Bedürfnisse der Märk­te nicht mehr angemessen war“ und deswe­gen seinen Platz auf dem Weg der Rev­o­lu­tio­nen, die die Bour­geoisie an die Macht bracht­en, für den Kap­i­tal­is­mus freimachte. Sklaverei und Ras­sis­mus halfen der europäis­chen kap­i­tal­is­tis­chen Klasse, sich zu stärken und formierten die Basis des entste­hen­den Kap­i­tal­is­mus auf dem amerikanis­chen Kon­ti­nent. Der Kolo­nial­is­mus und später der Impe­ri­al­is­mus sicherten weltweit die Ver­bre­itung des Kap­i­tal­is­mus ab.

Para­dox­er­weise schafft die Ver­bre­itung des Kap­i­tal­is­mus die Grund­vo­raus­set­zun­gen des Sozial­is­mus. Das Fun­da­ment des Sozial­is­mus ist nicht nur, dass der Kap­i­tal­is­mus „böse“ oder unter­drück­erisch ist – was natür­lich stimmt. Son­dern die Grund­lage des Sozial­is­mus steckt vor allem in der Tat­sache, dass die Pro­duk­tivkräfte des Kap­i­tal­is­mus solche Bedin­gun­gen geschaf­fen haben, dass wir alle reich­lich genug haben kön­nen. So wie Engels in „Die Entwick­lung des Sozial­is­mus von der Utopie zur Wis­senschaft“ sagt: „Pro­duk­tion­s­mit­tel und Pro­duk­tion sind wesentlich gesellschaftlich gewor­den. Aber sie wer­den unter­wor­fen ein­er Aneig­nungs­form, die die Pri­vat­pro­duk­tion einzel­ner zur Voraus­set­zung hat, wobei also jed­er sein eignes Pro­dukt besitzt und zu Mark­te bringt. Die Pro­duk­tion­sweise wird dieser Aneig­nungs­form unter­wor­fen, obwohl sie deren Voraus­set­zung aufhebt.“

Der Kap­i­tal­is­mus macht die Pro­duk­tion effizien­ter und schneller. Er wäre fähig, die Bedürfnisse aller Men­schen zu befriedi­gen. Jedoch dient die Pro­duk­tion in ein­er kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft der Schaf­fung von Prof­it und nicht dazu, die Bedürfnisse aller zu befriedi­gen. Die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion hat den absur­den Gegen­satz erzeugt, dass Essen weggeschmis­sen wird, während Mil­lio­nen Men­schen ver­hungern, so wie es bei der Weltwirtschaft­skrise war, als Essen ver­bran­nt wurde, um die Preis­sta­bil­ität zu erhal­ten.

Während Marx sicher­lich viel über die schreck­lichen Auswirkun­gen des Kap­i­tal­is­mus – die Ungle­ich­heit, die mis­er­ablen Arbeits­be­din­gun­gen für das Pro­le­tari­at usw. schreiben kön­nte (was er let­z­tendlich auch tat) – , lag sein Fokus auf der Beschrei­bung der inter­nen Mech­a­nis­men des Kap­i­tal­is­mus. Wie funk­tion­ierte er über­haupt? Im ersten Band des „Kap­i­tal“ begin­nt Marx mit ein­er Diskus­sion über einen der Bausteine des Kap­i­tal­is­mus: Kauf und Verkauf von Waren. Während dies im Wesentlichen aussieht wie ein Prozess zwis­chen Din­gen, ver­ber­gen die Waren und das Geld die sozialen Pro­duk­tionsver­hält­nisse in sich.

Marx ent­deckt fern­er eine Ware, die zwar von dem*der Kapitalist*in gekauft wird, die aber selb­st mehr Wert pro­duziert als an Wert in ihr steckt: die Arbeit­skraft. Was heißt das konkret? Das heißt, dass die Ware Arbeit­skraft dazu fähig ist, selb­st Wert zu pro­duzieren, oder den Wert ein­er Ware zu steigern, indem sie Eigen­schaften der Waren oder Natur­res­sourcen ändert oder eine Dien­stleis­tung zus­tande bringt, sodass sie ein bes­timmtes men­schlich­es Bedürf­nis erfüllen.

Marx argu­men­tiert, dass der Lohn der Arbeiter*innen durch die Repro­duk­tion­skosten ihrer ver­aus­gabten Arbeit­skraft bes­timmt wer­den. Also alles, was für die weit­eren Ver­aus­gabung von Arbeit­skraft durch die Arbeiter*innen nötig ist, wie Wohnkosten, Nahrungsmit­tel, Aus­bil­dung, Kosten für die Erziehung der Kinder usw., bilden gemein­sam die Repro­duk­tion­skosten der Arbeit­skraft. Da die Kapitalist*innen das Inter­esse haben, die Lohnkosten so ger­ing wie möglich zu hal­ten, wird den Arbeiter*innen nur so viel bezahlt, dass sie am Leben bleiben und am näch­sten Tag wieder zur Arbeit gehen und weit­er pro­duzieren.

Die Arbeiter*innen kön­nen anhand der Konzen­tra­tion der Pro­duk­tion an kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sorten in weni­gen Stun­den so viel Wert pro­duzieren, dass sie damit ihren Leben­sun­ter­halt sich­ern kön­nten. Und der Wert, der inner­halb der restlichen Arbeitsstun­den pro­duziert wird, geht in die Tasche der Kapitalist*innenklasse. Dieser Wert wird von Marx „Mehrw­ert“ genan­nt.

Dazu kommt noch: Je größer der tech­nol­o­gis­che Fortschritt in der Gesellschaft, also die Pro­duk­tiv­ität ist, desto mehr Wert kann in ein­er Arbeitsstunde pro­duziert wer­den. Also je entwick­el­ter die gesellschaftlichen Pro­duk­tivkräfte sind, desto weniger wird der Anteil des Lohns der Arbeiter*innen an dem pro­duzierten Wert und desto höher wird der Mehrw­ert, also der Anteil der pro­duzierten Werten, der an die Kapitalist*innen geht.

Marx fasst diesen Wider­spruch in fol­gen­den Worten zusam­men: „Der Wert der Arbeit­skraft und ihre Ver­w­er­tung im Arbeit­sprozeß sind […] zwei ver­schiedne Größen. Diese Wert­d­if­ferenz hat­te der Kap­i­tal­ist im Auge, als er die Arbeit­skraft kaufte.“

In diesem Sinne stehlen alle Kapitalist*innen von ihren Arbeiter*innen, indem sie sie dazu zwin­gen, mehr Wert zu erzeu­gen, als ihnen bezahlt wird, um aus dieser Dif­ferenz Prof­ite zu machen. Das ist der Kern der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion.

Auf Suche nach Prof­iten haben die einzel­nen Kapitalist*innen einen mas­siv­en Anreiz, effizien­ter zu pro­duzieren und die Pro­duk­tion­s­mit­tel zu erneuern. Engels sagt: „Wir sahen, wie die aufs höch­ste gesteigerte Verbesserungs­fähigkeit der mod­er­nen Maschiner­ie, ver­mit­telst der Anar­chie der Pro­duk­tion in der Gesellschaft, sich ver­wan­delt in ein Zwangs­ge­bot für den einzel­nen indus­triellen Kap­i­tal­is­ten, seine Maschiner­ie stets zu verbessern, ihre Pro­duk­tion­skraft stets zu erhöhn. In ein eben­solch­es Zwangs­ge­bot ver­wan­delt sich für ihn die bloße fak­tis­che Möglichkeit, seinen Pro­duk­tions­bere­ich zu erweit­ern.“

Marx sagt, dass die Lohn­ab­hängi­gen im dop­pel­ten Sinne „frei“ sind. Die Arbeiter*innen sind in dem Sinne „frei“ – haben also das Recht –, ihre Arbeit­skraft auf dem Arbeits­markt zu verkaufen – ein Recht, was die Leibeige­nen in feu­dalen Ver­hält­nis­sen nicht hat­ten. Aber sie sind eben­falls vom Eigen­tum an Pro­duk­tion­s­mit­teln „befre­it“: Sie besitzen keine Pro­duk­tion­s­mit­tel mehr, wie es in feu­dalen Ver­hält­nis­sen der Fall war, und müssen sich dadurch in Lohn­sklaverei begeben, wo sie ihre Arbeit­skraft verkaufen müssen.

Der Unter­schied zwis­chen Sklav*innen und Arbeiter*innen ist, dass die einzel­nen Arbeiter*innen zwar nicht den einzel­nen Kapitalist*innen gehören, wie die Sklav*innen ihren Her­ren gehörten, son­dern dass sie als gesamte Klasse den Kapitalist*innen gehören, weil sie keine andere Möglichkeit haben, als die einzige Ware, die sie besitzen – ihre Arbeit­skraft –, zu verkaufen und sich aus­beuten zu lassen.

Die per­ma­nen­ten rev­o­lu­tionären und tech­nol­o­gis­chen Fortschritte schaf­fen die objek­tiv­en Voraus­set­zun­gen für den Kom­mu­nis­mus. Die Pro­duk­tion ist bere­its verge­sellschaftet – es wird also durch die gesellschaftliche Arbeit­steilung pro­duziert. Es existiert bere­its eine Maschiner­ie, die jed­er Per­son auf der Welt garantieren würde, mehr als genug zu haben. Eine kom­mu­nis­tis­che Rev­o­lu­tion würde nur die Pro­duk­tion aus den Hän­den der Kapitalist*innen nehmen, die nur ihre Prof­ite max­imieren wollen, und sie in die Hände der Arbeiter*innenklasse in ihrer Gesamtheit geben, die die Pro­duk­tion nach den Bedürfnis­sen der Gesellschaft kon­trol­lieren wird.

Marxismus als Praxis

“Die Philosophen haben die Welt nur ver­schieden inter­pretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verän­dern.“ – Karl Marx (1845), The­sen über Feuer­bach.

Heute besitzen nur acht Men­schen die Hälfte des Reich­tums auf der Erde, und der Durst nach Prof­iten hat zur mas­siv­en ökol­o­gis­chen Zer­störung der Erde geführt, die unwider­ru­fliche Kon­se­quen­zen hat.

Im reich­sten Land der Welt gehen manche Schüler*innen nur vier Tagen in der Woche zur Schule, weil es „nicht genug Geld“ für öffentliche Schulen gibt, um sie noch einen fün­ften Tag zu öff­nen. Amazon-Arbeiter*innen kämpfen gegen die Nichtzahlung ihrer Löhne, während der CEO des Unternehmens Jeff Bezos die reich­ste Per­son im Laufe der gesamten Geschichte ist. Die Tech­nolo­gie hat inner­halb des Kap­i­tal­is­mus den Anschein, ein Feind der Arbeiter*innenklasse zu sein, weil sie ihnen die Jobs weg­n­immt, anstatt die Arbeit­szeit bei vollem Lohnaus­gle­ich zu reduzieren und den Arbeiter*innen mehr Freizeit zu geben. Gründe für die Rev­o­lu­tion sind im Über­fluss vorhan­den.

Also, wie kön­nen wir den Sozial­is­mus her­beiführen? Marx macht klar, dass das rev­o­lu­tionäre Sub­jekt die Arbeiter*innenklasse ist – die Klasse, deren bloße Exis­tenz in einem end­losen Kon­flikt mit der kap­i­tal­is­tis­chen Klasse und dem Staat ste­ht, der die kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tionsver­hält­nisse vertei­digt. Marx argu­men­tiert, dass der Kap­i­tal­is­mus seine eige­nen Totengräber*innen schafft, indem die Arbeiter*innen sich gegen die Kapitalist*innen als Klasse organ­isieren. Durch ihre Stel­lung in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion hat die Arbeiter*innenklasse eine größere Macht als alle anderen Klassen, wenn sie sich organ­isiert und für ihre Inter­essen kämpft.

Obwohl die objek­tiv­en Voraus­set­zun­gen für den Sozial­is­mus existieren, gibt es nichts Automa­tis­ches oder Deter­min­is­tis­ches in der marx­is­tis­chen The­o­rie – der Sozial­is­mus wird nicht spon­tan oder durch eine lin­eare evo­lu­tive Entwick­lung der Gesellschaft entste­hen. In den „Ökonomisch-philosophis­che Manuskripten“ aus dem Jahr 1844 sagt Marx: „Um das wirk­liche Pri­vateigen­tum aufzuheben, dazu gehört eine wirk­liche kom­mu­nis­tis­che Aktion. Die Geschichte wird sie brin­gen, und jene Bewe­gung, die wir in Gedanken schon als eine sich selb­st aufhebende wis­sen, wird in der Wirk­lichkeit einen sehr rauhen und weitläu­fi­gen Prozeß durch­machen.“

Egal wie viel The­o­retisierung jemand über den Kap­i­tal­is­mus und den Sozial­is­mus macht, und egal wie ver­fault die Bedin­gun­gen des Kap­i­tal­is­mus sind, kann nur die Aktion der Kommunist*innen an der Spitze der Arbeiter*innenbewegung den Kap­i­tal­is­mus been­den. So wie Marx und Engels im Man­i­fest sagen: „Die Kom­mu­nis­ten sind also prak­tisch der entsch­ieden­ste, immer weit­ertreibende Teil der Arbeit­er­parteien aller Län­der; sie haben the­o­retisch vor der übri­gen Masse des Pro­le­tari­ats die Ein­sicht in die Bedin­gun­gen, den Gang und die all­ge­meinen Resul­tate der pro­le­tarischen Bewe­gung voraus.“

In diesem Sinne haben Kommunist*innen, von denen viele organ­is­che Anführer*innen an den Arbeit­splätzen sein soll­ten, die Ver­ant­wor­tung, einen klaren Plan für die Zukun­ft vorzuschla­gen. Wir haben die Ver­ant­wor­tung, die marx­is­tis­che The­o­rie zu ver­wen­den, um die Gesellschaft zu analysieren und unsere Klasse zur Real­isierung ihrer objek­tiv­en Inter­essen zu führen. Marx argu­men­tiert, dass das Pro­le­tari­at eine poli­tis­che Partei brauchen wird, die unab­hängig von allen Kapitalist*innen ist, um eine materielle Kraft aufzubauen und den Kap­i­tal­is­mus zu stürzen.

In der „Ansprache der Zen­tral­be­hörde an den Bund“ sagen Marx und Engels, die Vere­ini­gung ein­er Partei der Arbeiter*innenklasse mit dem demokratis­chen Bürg­er­tum „[…] würde allein zu ihrem Vorteile und ganz zum Nachteile des Pro­le­tari­ats aus­fall­en. Das Pro­le­tari­at würde seine ganze selb­ständi­ge, müh­sam erkaufte Stel­lung ver­lieren und wieder zum Anhängsel der offiziellen bürg­er­lichen Demokratie her­ab­sinken. Diese Vere­ini­gung muß also auf das entsch­ieden­ste zurück­gewiesen wer­den. Statt sich aber­mals dazu her­abzu­lassen, den bürg­er­lichen Demokrat­en als beifal­lk­latschen­der Chor zu dienen, müssen die Arbeit­er, vor allem der Bund, dahin wirken, neben den offiziellen Demokrat­en eine selb­ständi­ge geheime und öffentliche Organ­i­sa­tion der Arbeit­er­partei herzustellen […]“.

Es ist unsere größte Auf­gabe, eine solche Organ­i­sa­tion aufzubauen, deren Wurzeln tief in der Arbeiter*innenklasse ver­ankert sind und die im Klassenkampf geschult ist. Somit heißt, ein*e Marxist*in zu sein, sich die marx­is­tis­che Meth­ode anzueignen, um aktuelle Prob­leme zu analysieren, die Arbeiter*innenklasse davon zu überzeu­gen, dass der Kap­i­tal­is­mus nur zu einem katas­trophalen Unter­gang führt und dementsprechend über­wun­den wer­den muss. Und dass ein Kampf unab­hängig von allen kap­i­tal­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen nötig ist, um die Lohn­sklaverei zu been­den und eine kom­mu­nis­tis­che Gesellschaft ohne Aus­beu­tung und Unter­drück­ung aufzubauen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Left Voice.

2 thoughts on “Marxismus: Methode, Theorie und Praxis

  1. franz_ferdinand sagt:

    Der Text macht aus aus Marx Werk eine Meth­ode bzw. Philoso­phie und entk­ernt es auf diese Weise von ihrem wis­senschaftlich-kri­tis­chen Inhalt. Das Kap­i­tal aber erk­lärt den Kap­i­tal­is­mus und ist keine Anleitung für eine Wis­senschaftsmeth­ode.

    Viele Aus­sagen sind schlicht falsch und haben mit Marx nichts zu tun, z.B.:

    “Je größer der tech­nol­o­gis­che Fortschritt in der Gesellschaft, also die Pro­duk­tiv­ität ist, desto mehr Wert kann in ein­er Arbeitsstunde pro­duziert wer­den.
    Also je entwick­el­ter die gesellschaftlichen Pro­duk­tivkräfte sind, desto weniger wird der Anteil des Lohns der Arbeiter*innen an dem pro­duzierten Wert und desto höher wird der Mehrw­ert, also der Anteil der pro­duzierten Werten, der an die Kapitalist*innen geht.”

    Der erste Satz ist verkehrt und unter­schlägt voll­ständig den von Marx kon­sta­tierten Wider­spruch bei der Ent­fal­tung der Pro­duk­tivkräfte unter kap­i­tal­is­tis­chen Bedin­gun­gen:

    „Je größer die Pro­duk­tivkraft der Arbeit, desto klein­er die zur Her­stel­lung eines Artikels erheis­chte Arbeit­szeit, desto klein­er die in ihm kristallisierte Arbeits­masse, desto klein­er sein Wert.” (MEW 23, S.55)

    Der zweite Satz ist trotz des “Also” kein Schluss aus dem ersten.

  2. haval sagt:

    wer hat diese artikel geschrieben?

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