Hintergründe

Marxismus: Methode, Theorie und Praxis

Viele neu politisierte Menschen fragen sich: Was ist der Marxismus? Was bedeutet er für unsere Kämpfe? Die Antwort darauf umfasst nicht nur eine marxistische Theorie, sondern auch eine Methode der Analyse und politischen Praxis. Ein Beitrag unserer Schwesterorganisation Left Voice aus den USA.

Marxismus: Methode, Theorie und Praxis

Im letzten Essay, den ich in der Schule geschrieben habe, argumentierte ich, dass Karl Marx der größte Denker der modernen Geschichte ist – eine mutige Behauptung, die alle in meiner katholischen Schule verspotteten. Ich erinnere mich noch, dass jemand mir sagte, dass der Marxismus bald in Vergessenheit geraten wird. Das war im Jahr 2004.

Heute erzählen sogar die kapitalistischen Medien von der „erneuerten“ Relevanz von Marx. Sowie dieser, dieser oder dieser New York Times-Artikel mit der Überschrift „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Karl Marx. Du hattest Recht!“. Lustige Versuche, Marx zu vulgarisieren, zu vereinnahmen und zu verharmlosen.

Obwohl das Wort „Sozialismus“ kein Schimpfwort mehr ist, ist seine Bedeutung umstritten. Es gibt Akademiker*innen, die zahlreiche Bücher über verschiedene Aspekte des Marxismus schreiben, aber nur wenig zu seiner Rolle im fortschreitenden Klassenkampf. Und es gibt auch viele Organisationen, wie beispielsweise die Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA), die Marx öfters zitieren, während sie eine der wichtigsten kapitalistischen Parteien der Erde, die Demokratische Partei, unterstützen. Und es gibt dieses berühmte Al-Jazeera-Video mit dem Titel „5 Gründe, warum Amerika schon sozialistisch ist“ (!?), weil in den USA einige minimale öffentliche Dienstleistungen existieren. Marx dreht sich wahrscheinlich in seinem Grabe um.

Also ist eine zentrale Frage für diejenigen, die heute zum politischen Leben erwachen: Was ist Marxismus und was bedeutet er für unsere Kämpfe? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den Marxismus nicht nur als eine Theorie, sondern als eine Methode der Analyse und der politischen Praxis verstehen.

Marxismus als Methode

Der Marxismus als eine Methode der Analyse basiert auf dem dialektischen Materialismus. Das bedeutet, dass der Marxismus viel mehr ein Weg ist, um die Welt in ihrer Aktualität unter Berücksichtigung der verschiedenen Elemente zu analysieren, als die Wiederholung von dogmatischen Sätzen, die im „Kommunistischen Manifest“ stehen. Im Vergleich zu anderen Methoden der Analyse wie religiösen, postmodernen oder empirischen Methoden basiert der Marxismus auf einem Verständnis der materiellen Realität, die in ständiger Bewegung ist.

Der Materialismus kann mit der Vorstellung zusammengefasst werden, dass im Endeffekt unsere materielle Realität und nicht Gott, nicht die Ideen, nicht die Sprache unsere Existenz prägen. Marx, der tief von Hegel beeinflusst war, hat die Junghegelianer – ein intellektueller Kreis, mit dem er eine Weile identifiziert wurde –, dafür kritisiert, daran zu glauben, dass Veränderungen in der Gesellschaft etwa durch Ideen und Sprache zustande kommen – also etwa so, wie der heutige Postmodernismus argumentiert.

In „Deutsche Ideologie“ (1846) schreibt Marx: „Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“

In anderen Worten: Wir existieren im Rahmen unserer materiellen Körper, die materielle Bedürfnisse haben, die durch Produktion erfüllt werden, und im Rahmen des „Lebensprozesses“, der unser Bewusstsein produziert. In „Deutsche Ideologie“ schreibt Marx: „Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.“

Unsere Ideen fallen nicht vom Himmel; sie sind ein Produkt der Weise, wie wir leben. Was wir denken, was wir uns vorstellen, was wir wollen und woran wir glauben, ist durch die Gesellschaft bedingt, in der wir leben. Wir werden durch den Kapitalismus konditioniert, der einerseits die Menschen weltweit wie nie zuvor miteinander verbindet, und andererseits miserable Zustände für die große Mehrheit produziert. Diese Art der Produktion eröffnet der Menschheit im Gegensatz zum Provinzialismus des feudalen Denkens enorme kreative Möglichkeiten, zu denken, zu schaffen und neue Vorstellungen zu entwickeln. Viele dieser Möglichkeiten bleiben aber der Arbeiter*innenklasse verschlossen.

Während Marx wichtige Kritiken an Hegel hat, bricht er nicht mit dem gesamten hegelianischen Denken. Er nimmt die Dialektik von Hegel auf, die auf dem Konzept der Widersprüchlichkeit der Ideen basiert. These und Antithese kommen in seinem Verständnis in Konflikt und formen eine Synthese. Auch Marx sieht die Gesellschaft durch Konflikte und Spannungen charakterisiert, die im ständigen Wandel sind. Aber für Marx wurzeln diese Spannungen im materiellen Charakter der Gesellschaft und nicht in den Ideen. Es wird gesagt, dass Marx Hegel aufgenommen und „von Kopf auf die Füße gestellt“ hat. Er verwendet eine ähnliche dialektische Methode wie Hegel, aber argumentiert, dass es die materielle Realität ist, die die Gesellschaft bewegt.

In diesem Sinne handelt die marxistische politische Ökonomie nicht vom „Reich der absoluten Wahrheit“, sondern ist wissenschaftlich in der messbaren materiellen Welt verwurzelt. Marx verwendet seine Methode, um Theorien über den Kapitalismus, den Mehrwert und den Sozialismus zu formulieren. Den Sozialismus sieht er nicht als ein utopisches Ideal, sondern als eine materielle Möglichkeit, die die Widersprüche des Kapitalismus lösen wird. Tatsächlich lehnt er den utopischen Sozialismus ab, der von den aktuellen Widersprüchen entkoppelt ist. Wie Engels in „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ argumentiert: „Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandner Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. Seine Aufgabe war nicht mehr, ein möglichst vollkommnes System der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem diese Klassen und ihr Widerstreit mit Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffnen ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu entdecken.“

Das Ziel von Marx war es nicht, sich eine perfekte Gesellschaft auszudenken. Sein Ziel war es, die Gesellschaft so zu untersuchen, wie sie ist, und die Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaft aufzuzeigen, die aus dem Bestehenden hervorgeht. In starkem Kontrast zu den utopischen Sozialist*innen will Marx die innere Funktionsweise des Kapitalismus verstehen, um sie zu „meistern“ und Mechanismen zu finden, ihn zu stürzen. In diesem Sinne argumentiert Marx, dass man mit dem Kampf gegen den Kapitalismus nicht mit den Konditionen beginnt, die man sich wünscht, sondern mit den Konditionen, die existieren. Das ist die Basis der marxistischen Theorie.

Marxismus als Theorie

Indem er die wissenschaftliche Methode des dialektischen Materialismus anwendet, entdeckt Marx die Grundlagen des kapitalistischen Systems. Wie das „Kommunistische Manifest“ (1848) bekanntlich beginnt: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ In diesem Sinne sieht Marx den Konflikt zwischen verschiedenen sozialen Klassen als eine geschichtliche Konstante, die Revolutionen herbeiführt und die Struktur der Gesellschaft ändert. Nach Marx und Engels sind die Gründe für diese Veränderungen in der ökonomischen Basis der Gesellschaft, also in den Veränderungen der Produktionsweisen und des Tausches, verwurzelt.

Im „Manifest“ argumentieren Marx und Engels, dass Veränderungen in der Technologie die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise ermöglicht und diese durch Arbeitsteilung und Zentralisierung der Produktion in Fabriken und in Städten massive Profite für die Bourgeoisie geschaffen haben. Marx und Engels argumentieren, dass der Feudalismus „für die wachsenden Bedürfnisse der Märkte nicht mehr angemessen war“ und deswegen seinen Platz auf dem Weg der Revolutionen, die die Bourgeoisie an die Macht brachten, für den Kapitalismus freimachte. Sklaverei und Rassismus halfen der europäischen kapitalistischen Klasse, sich zu stärken und formierten die Basis des entstehenden Kapitalismus auf dem amerikanischen Kontinent. Der Kolonialismus und später der Imperialismus sicherten weltweit die Verbreitung des Kapitalismus ab.

Paradoxerweise schafft die Verbreitung des Kapitalismus die Grundvoraussetzungen des Sozialismus. Das Fundament des Sozialismus ist nicht nur, dass der Kapitalismus „böse“ oder unterdrückerisch ist – was natürlich stimmt. Sondern die Grundlage des Sozialismus steckt vor allem in der Tatsache, dass die Produktivkräfte des Kapitalismus solche Bedingungen geschaffen haben, dass wir alle reichlich genug haben können. So wie Engels in „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ sagt: „Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen einer Aneignungsform, die die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat, wobei also jeder sein eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Produktionsweise wird dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung aufhebt.“

Der Kapitalismus macht die Produktion effizienter und schneller. Er wäre fähig, die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Jedoch dient die Produktion in einer kapitalistischen Gesellschaft der Schaffung von Profit und nicht dazu, die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Die kapitalistische Produktion hat den absurden Gegensatz erzeugt, dass Essen weggeschmissen wird, während Millionen Menschen verhungern, so wie es bei der Weltwirtschaftskrise war, als Essen verbrannt wurde, um die Preisstabilität zu erhalten.

Während Marx sicherlich viel über die schrecklichen Auswirkungen des Kapitalismus – die Ungleichheit, die miserablen Arbeitsbedingungen für das Proletariat usw. schreiben könnte (was er letztendlich auch tat) – , lag sein Fokus auf der Beschreibung der internen Mechanismen des Kapitalismus. Wie funktionierte er überhaupt? Im ersten Band des „Kapital“ beginnt Marx mit einer Diskussion über einen der Bausteine des Kapitalismus: Kauf und Verkauf von Waren. Während dies im Wesentlichen aussieht wie ein Prozess zwischen Dingen, verbergen die Waren und das Geld die sozialen Produktionsverhältnisse in sich.

Marx entdeckt ferner eine Ware, die zwar von dem*der Kapitalist*in gekauft wird, die aber selbst mehr Wert produziert als an Wert in ihr steckt: die Arbeitskraft. Was heißt das konkret? Das heißt, dass die Ware Arbeitskraft dazu fähig ist, selbst Wert zu produzieren, oder den Wert einer Ware zu steigern, indem sie Eigenschaften der Waren oder Naturressourcen ändert oder eine Dienstleistung zustande bringt, sodass sie ein bestimmtes menschliches Bedürfnis erfüllen.

Marx argumentiert, dass der Lohn der Arbeiter*innen durch die Reproduktionskosten ihrer verausgabten Arbeitskraft bestimmt werden. Also alles, was für die weiteren Verausgabung von Arbeitskraft durch die Arbeiter*innen nötig ist, wie Wohnkosten, Nahrungsmittel, Ausbildung, Kosten für die Erziehung der Kinder usw., bilden gemeinsam die Reproduktionskosten der Arbeitskraft. Da die Kapitalist*innen das Interesse haben, die Lohnkosten so gering wie möglich zu halten, wird den Arbeiter*innen nur so viel bezahlt, dass sie am Leben bleiben und am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen und weiter produzieren.

Die Arbeiter*innen können anhand der Konzentration der Produktion an kapitalistischen Produktionsorten in wenigen Stunden so viel Wert produzieren, dass sie damit ihren Lebensunterhalt sichern könnten. Und der Wert, der innerhalb der restlichen Arbeitsstunden produziert wird, geht in die Tasche der Kapitalist*innenklasse. Dieser Wert wird von Marx „Mehrwert“ genannt.

Dazu kommt noch: Je größer der technologische Fortschritt in der Gesellschaft, also die Produktivität ist, desto mehr Wert kann in einer Arbeitsstunde produziert werden. Also je entwickelter die gesellschaftlichen Produktivkräfte sind, desto weniger wird der Anteil des Lohns der Arbeiter*innen an dem produzierten Wert und desto höher wird der Mehrwert, also der Anteil der produzierten Werten, der an die Kapitalist*innen geht.

Marx fasst diesen Widerspruch in folgenden Worten zusammen: „Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind […] zwei verschiedne Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte.“

In diesem Sinne stehlen alle Kapitalist*innen von ihren Arbeiter*innen, indem sie sie dazu zwingen, mehr Wert zu erzeugen, als ihnen bezahlt wird, um aus dieser Differenz Profite zu machen. Das ist der Kern der kapitalistischen Produktion.

Auf Suche nach Profiten haben die einzelnen Kapitalist*innen einen massiven Anreiz, effizienter zu produzieren und die Produktionsmittel zu erneuern. Engels sagt: „Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion in der Gesellschaft, sich verwandelt in ein Zwangsgebot für den einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie stets zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhn. In ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu erweitern.“

Marx sagt, dass die Lohnabhängigen im doppelten Sinne „frei“ sind. Die Arbeiter*innen sind in dem Sinne „frei“ – haben also das Recht –, ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen – ein Recht, was die Leibeigenen in feudalen Verhältnissen nicht hatten. Aber sie sind ebenfalls vom Eigentum an Produktionsmitteln „befreit“: Sie besitzen keine Produktionsmittel mehr, wie es in feudalen Verhältnissen der Fall war, und müssen sich dadurch in Lohnsklaverei begeben, wo sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.

Der Unterschied zwischen Sklav*innen und Arbeiter*innen ist, dass die einzelnen Arbeiter*innen zwar nicht den einzelnen Kapitalist*innen gehören, wie die Sklav*innen ihren Herren gehörten, sondern dass sie als gesamte Klasse den Kapitalist*innen gehören, weil sie keine andere Möglichkeit haben, als die einzige Ware, die sie besitzen – ihre Arbeitskraft –, zu verkaufen und sich ausbeuten zu lassen.

Die permanenten revolutionären und technologischen Fortschritte schaffen die objektiven Voraussetzungen für den Kommunismus. Die Produktion ist bereits vergesellschaftet – es wird also durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung produziert. Es existiert bereits eine Maschinerie, die jeder Person auf der Welt garantieren würde, mehr als genug zu haben. Eine kommunistische Revolution würde nur die Produktion aus den Händen der Kapitalist*innen nehmen, die nur ihre Profite maximieren wollen, und sie in die Hände der Arbeiter*innenklasse in ihrer Gesamtheit geben, die die Produktion nach den Bedürfnissen der Gesellschaft kontrollieren wird.

Marxismus als Praxis

“Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ – Karl Marx (1845), Thesen über Feuerbach.

Heute besitzen nur acht Menschen die Hälfte des Reichtums auf der Erde, und der Durst nach Profiten hat zur massiven ökologischen Zerstörung der Erde geführt, die unwiderrufliche Konsequenzen hat.

Im reichsten Land der Welt gehen manche Schüler*innen nur vier Tagen in der Woche zur Schule, weil es „nicht genug Geld“ für öffentliche Schulen gibt, um sie noch einen fünften Tag zu öffnen. Amazon-Arbeiter*innen kämpfen gegen die Nichtzahlung ihrer Löhne, während der CEO des Unternehmens Jeff Bezos die reichste Person im Laufe der gesamten Geschichte ist. Die Technologie hat innerhalb des Kapitalismus den Anschein, ein Feind der Arbeiter*innenklasse zu sein, weil sie ihnen die Jobs wegnimmt, anstatt die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zu reduzieren und den Arbeiter*innen mehr Freizeit zu geben. Gründe für die Revolution sind im Überfluss vorhanden.

Also, wie können wir den Sozialismus herbeiführen? Marx macht klar, dass das revolutionäre Subjekt die Arbeiter*innenklasse ist – die Klasse, deren bloße Existenz in einem endlosen Konflikt mit der kapitalistischen Klasse und dem Staat steht, der die kapitalistischen Produktionsverhältnisse verteidigt. Marx argumentiert, dass der Kapitalismus seine eigenen Totengräber*innen schafft, indem die Arbeiter*innen sich gegen die Kapitalist*innen als Klasse organisieren. Durch ihre Stellung in der kapitalistischen Produktion hat die Arbeiter*innenklasse eine größere Macht als alle anderen Klassen, wenn sie sich organisiert und für ihre Interessen kämpft.

Obwohl die objektiven Voraussetzungen für den Sozialismus existieren, gibt es nichts Automatisches oder Deterministisches in der marxistischen Theorie – der Sozialismus wird nicht spontan oder durch eine lineare evolutive Entwicklung der Gesellschaft entstehen. In den „Ökonomisch-philosophische Manuskripten“ aus dem Jahr 1844 sagt Marx: „Um das wirkliche Privateigentum aufzuheben, dazu gehört eine wirkliche kommunistische Aktion. Die Geschichte wird sie bringen, und jene Bewegung, die wir in Gedanken schon als eine sich selbst aufhebende wissen, wird in der Wirklichkeit einen sehr rauhen und weitläufigen Prozeß durchmachen.“

Egal wie viel Theoretisierung jemand über den Kapitalismus und den Sozialismus macht, und egal wie verfault die Bedingungen des Kapitalismus sind, kann nur die Aktion der Kommunist*innen an der Spitze der Arbeiter*innenbewegung den Kapitalismus beenden. So wie Marx und Engels im Manifest sagen: „Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“

In diesem Sinne haben Kommunist*innen, von denen viele organische Anführer*innen an den Arbeitsplätzen sein sollten, die Verantwortung, einen klaren Plan für die Zukunft vorzuschlagen. Wir haben die Verantwortung, die marxistische Theorie zu verwenden, um die Gesellschaft zu analysieren und unsere Klasse zur Realisierung ihrer objektiven Interessen zu führen. Marx argumentiert, dass das Proletariat eine politische Partei brauchen wird, die unabhängig von allen Kapitalist*innen ist, um eine materielle Kraft aufzubauen und den Kapitalismus zu stürzen.

In der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ sagen Marx und Engels, die Vereinigung einer Partei der Arbeiter*innenklasse mit dem demokratischen Bürgertum „[…] würde allein zu ihrem Vorteile und ganz zum Nachteile des Proletariats ausfallen. Das Proletariat würde seine ganze selbständige, mühsam erkaufte Stellung verlieren und wieder zum Anhängsel der offiziellen bürgerlichen Demokratie herabsinken. Diese Vereinigung muß also auf das entschiedenste zurückgewiesen werden. Statt sich abermals dazu herabzulassen, den bürgerlichen Demokraten als beifallklatschender Chor zu dienen, müssen die Arbeiter, vor allem der Bund, dahin wirken, neben den offiziellen Demokraten eine selbständige geheime und öffentliche Organisation der Arbeiterpartei herzustellen […]“.

Es ist unsere größte Aufgabe, eine solche Organisation aufzubauen, deren Wurzeln tief in der Arbeiter*innenklasse verankert sind und die im Klassenkampf geschult ist. Somit heißt, ein*e Marxist*in zu sein, sich die marxistische Methode anzueignen, um aktuelle Probleme zu analysieren, die Arbeiter*innenklasse davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus nur zu einem katastrophalen Untergang führt und dementsprechend überwunden werden muss. Und dass ein Kampf unabhängig von allen kapitalistischen Organisationen nötig ist, um die Lohnsklaverei zu beenden und eine kommunistische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Left Voice.

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