KGK-Magazin Nr. 26 erschienen: „Tragödie und Farce“

07.09.2025, Lesezeit 5 Min.
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Der doppelte Bonaparte: Porträt Napoleons III. von 1858 im Amsterdamer Rijksmuseum.

Der Bonapartismus ist international auf dem Vormarsch. Wie können wir ihn verstehen, um ihn bekämpfen zu können?

Ein zunehmender Autoritarismus prägt die politische Landschaft in Deutschland und international. Nur die Arbeiter:innenklasse und die Unterdrückten werden diese autoritäre Wende bekämpfen können. Um diesen Kampf jedoch erfolgreich führen zu können, müssen wir die aktuelle politische Konjunktur richtig begreifen. Immer mehr bürgerliche Forscher:innen behaupten, in den USA regiere bereits der Faschismus. Auch in Deutschland wird nun öfter von „Faschisierung“ gesprochen. Wir denken: Diese Analysen führen in die Irre. Stattdessen dreht sich diese Ausgabe des KGK-Magazins um das Konzept Bonapartismus, wie es von Karl Marx in den 1850er Jahren entworfen und von Leo Trotzki 80 Jahre später weiterentwickelt wurde. Wir greifen damit auch eine Debatte auf, die unser Autor Luis Linden mit „Ist es fünf vor 1933?“ in der Ausgabe Nr. 22 des KGK-Magazins geführt hat.

Trotzki selbst hat das Konzept auf augenscheinlich sehr unterschiedliche Regime angewandt: die präfaschistischen Regierungen von Brüning, Papen und Schleicher in Deutschland und die Nazis an der Macht, aber auch auf die spätere Sowjetunion unter Stalin und die auf den ersten Blick fortschrittliche Regierung von Lázaro Cárdenas in Mexiko, die die Eisenbahn und die Ölindustrie verstaatlichte. Er tat das nicht, um diese verschiedenen Phänomene in einen Topf zu werfen, sondern um etwas Gemeinsames herauszuarbeiten: Das Balancieren zwischen verschiedenen Kräften durch eine scheinbar entrückte Exekutive. Ähnlich vielfältige Beispiele betrachten wir in dieser Ausgabe. 

Das Titelbild dieser Ausgabe ziert eine Karikatur im US-Magazin Vanity Fair aus dem Jahr 1869. Sie zeigt den geschwächten Louis Bonaparte, gestützt von einer Allegorie des Parlamentarismus. Anhand seines Staatsstreichs Anfang der 1850er Jahre hatte Marx einst den Begriff des Bonapartismus herausgearbeitet. Von den Erfolgen des „starken Mannes“ aus den ersten Jahren seiner Herrschaft war damals schon nicht mehr viel übrig. Vor allem aber verweist die Abbildung auf die eigenartigen Verbindungen zwischen autoritärer Herrschaft und Formen bürgerlicher Demokratie, wie sie uns auch heute oft begegnen.

Timo Sommer fragt in seinem Artikel nach den bonapartistischen Tendenzen in der autoritären Wende in Deutschland unter Bundeskanzler Merz. Er arbeitet jedoch auch heraus, dass das politische Regime der Bundesrepublik schon in seiner Struktur bonapartistische Elemente besitzt. Umso dringender wird die Diskussion über ein radikaldemokratisches Programm werden, die der Artikel beginnt.

Der Artikel „Mit Rot-Rot-Grün gegen die ‚Faschisierung‘?“ setzt sich mit den Debatten auseinander, die innerhalb der Linkspartei um den Begriff „Faschisierung“ geführt werden. Dieser verwirrt nicht nur mehr, als er erklärt. Er bereitet auch einer linken Anpassung an SPD und Grüne den Weg – Gift für den Kampf gegen rechts und die Repression der Palästinabewegung.

Das wohl beste zeitgenössische Beispiel für einen Bonaparten ist Donald Trump. Seine zweite Regierungszeit zeichnet ein sogar gestärkter Bonapartismus aus. Daniel Kóvacs von unserer Schwesterpublikation Left Voice Magazine erklärt, was die autoritären Entwicklungen des US-Regimes mit dem Erbe des Neoliberalismus zu tun haben. Auch er stellt fest: Faschismus ist das in den USA zwar noch nicht. Aber die faschistische Option bleibt auf dem Tisch.

Baran Serhad zieht das Konzept des Bonapartismus sui generis heran, das Trotzki für die Cárdenas-Regierung in Mexiko prägte, um eine heutige Regierung zu beschreiben, die Verstaatlichungen vorgenommen und damit in der internationalen Linken Illusionen hat: die Regierung von Ibrahim Traoré in Burkina Faso.

Jenseits des Schwerpunkts beschreibt Lennart Schlüter die Entstehung des Patriarchats und zeigt damit, warum die Geschlechterunterdrückung kein Naturzustand ist.

Den Bonapartismusbegriff begreifen wir nicht einfach als Schablone, der sich die widersprüchliche Wirklichkeit anzupassen hätte. Er ist ein Werkzeug, um diese Widersprüche herauszuarbeiten. Es gilt, was Trotzki 1934 in seinem Artikel „Bonapartismus und Faschismus“ schrieb: 

[W]ar es in einer friedlichen und geregelten Epoche (vor dem Kriege) noch möglich, von den Zinsen einiger fertiger Abstraktionen zu leben, so paukt einem heutigentags jedes neue Ereignis das wichtigste Gesetz der Dialektik ein: ‚Die Wahrheit ist stets konkret‘.1

Artikel in dieser Ausgabe

Timo Sommer: Bonapartistische Tendenzen in Deutschland und die Notwendigkeit eines radikaldemokratischen Programms

Marco Blechschmidt: Mit Rot-Rot-Grün gegen die „Faschisierung“?

Baran Serhad: Von Sankara zu Traoré: Die Wiederkehr des Bonapartismus

Daniel Kóvacs: Das US-Regime in seinem postneoliberalen Moment

Lennart Schlüter: Wie entstand die Unterdrückung der Frau?

Wie schon bei der Juliausgabe des KGK-Magazins begleiten wir die Veröffentlichung auch dieses Mal wieder mit einer Online-Vorstellung. Wir freuen uns darauf, mit euch am kommenden Freitag, 12. September, ab 19:30 Uhr mit euch über Zoom ins Gespräch zu kommen!

Fußnoten

  1. 1.  Leo Trotzki: Bonapartismus und Faschismus. Zur Charakterisierung der heutigen Lage in Europa, in: Unser Wort, Wochenzeitung der Internationalen Kommunisten Deutschlands 2/27 (4. Juliwoche 1934), S. 2, https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/trotzki/1934/leo-trotzki-bonapartismus-und-faschismus.html [25. August 2025].

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