Wie entstand die Unterdrückung der Frau?

07.09.2025, Lesezeit 30 Min.
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Jacques-Louis David: Der Raub der Sabinerinnen 1799 (Ausschnitt). In der römischen Sagenwelt Symbol für die Unterwerfung der Frau.

Viele betrachten die Unterdrückung der Frau als natürlich. Doch für den Großteil der menschlichen Geschichte hat sie nicht existiert. Wie kam es dazu, dass die Hälfte der Menschheit in Abhängigkeit geriet und wie kann dieser Zustand beendet werden?

Der Evolutionsbiologe O. E. Wilson, ein Experte in der Erforschung von Ameisen, schrieb 1975 in seinem kontroversen Buch „Sociobiology: The New Synthesis“:

Der Grundbaustein fast aller menschlichen Gesellschaften ist die Kernfamilie. […] Die Bevölkerung einer amerikanischen Industriestadt ist ebenso wie eine Gruppe von Jägern und Sammlern in der australischen Wüste um diese Einheit herum organisiert. Tagsüber bleiben die Frauen und Kinder im Wohnbereich, während die Männer auf die Jagd gehen oder deren symbolisches Äquivalent in Form von Tauschhandel und Geld beschaffen. Die Männer arbeiten in Gruppen zusammen, um zu jagen oder mit benachbarten Gruppen Handel zu treiben. Wenn sie nicht tatsächlich blutsverwandt sind, verhalten sie sich zumindest wie ‚Bruderschaften‘. Sexuelle Bindungen werden unter Beachtung der Stammesbräuche sorgfältig geschlossen und sollen dauerhaft sein. Polygamie, ob verdeckt oder ausdrücklich durch Bräuche sanktioniert, wird vorwiegend von den Männern praktiziert.1

Diese vom Autor von vornherein vorausgesetzte, überhistorische Form der Familie und der geschlechtlichen Rollen- und Arbeitsteilung – die Frau mit dem Kind am Herd, der Mann auf der Jagd – ist laut Wilson und seinen Schülern ein Produkt der natürlichen Evolution der menschlichen Spezies. Diejenigen Gruppen, in denen Frauen „altruistische“, also stärker auf den Haushalt und die Kindererziehung gerichtete Tätigkeiten verrichtet hätten, besaßen demnach einen selektiven Vorteil gegenüber denjenigen Gruppen, in denen Frauen stärker „egoistische“ Verhaltensweisen an den Tag gelegt hätten, wie zum Beispiel die Beteiligung am Jagen oder, in die Moderne versetzt, die Beteiligung an der Lohnarbeit. So habe sich die heutige Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung und die Dominanz des Mannes evolutiv durchgesetzt und sei daher nicht abhängig von den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen die Menschen leben, sondern bestünde unabhängig von ihnen. In der Vorstellung Wilsons bestimmt die Biologie also die Gesellschaft oder anders gesagt, eine jede historische Gesellschaftsformation ist nur die jedesmalige kulturelle, soziale und technologische Neuauflage dieser zugrundeliegenden, biologisch determinierten, geschlechtlichen Rollenverteilung. Komplexe soziale Verhaltensweisen wie „Altruismus“, „Bemuttern“ (Mothering), „Loyalität“, „Monogamie“, „Polygamie“, etc. sowie gesellschaftliche Institutionen wie die Familie, werden hier aus der Sphäre der Geschichte in die Sphäre des menschlichen Genoms versetzt. Wenn man diese sozialdarwinistische Idee akzeptiert, dann sind wissenschaftliche Disziplinen wie die Anthropologie, die Soziologie, die Geschichtswissenschaft, die Psychologie an ihrem Ende angekommen: Diesen Wissenschaftler:innen bliebe nichts weiter übrig, als selbst zu Evolutionsbiolog:innen zu werden und sich auf die Suche nach dem „Altruismus-Gen“, dem „Sexismus-Gen“, dem „Herrscher-Gen“ und dem „Knecht-Gen“ zu begeben. Wilson möchte den Menschen, das einzige Tier, welches über eine Gesellschaft und eine Kultur verfügt, wie eine aufrecht gehende Ameise betrachten, dessen Entwicklung wesentlich von den gleichen evolutiven Gesetzen bestimmt wird. Man möchte ihm zurufen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ 

Dass Wilsons biologistisch-deterministischer Sozialdarwinismus vollkommen an der Realität vorbeigeht, sollte spätestens dann klar hervortreten, wenn man sich die Geschichte der menschlichen Geschlechterverhältnisse einmal genauer vor Augen führt. Es ist nämlich keineswegs so, dass die Familie und die Rolle der Frau als passive und untergeordnete Haushälterin eine überhistorische Konstante darstellt. In der Tat waren die ersten menschlichen Gesellschaften über hunderttausende Jahre hinweg kleine bis mittelgroße Verwandschaftsverbände, in denen so etwas wie eine Familie (verstanden als Paarehe) überhaupt nicht existierte und sowohl Frauen als auch Männer sozial gleichgestellt und gemeinsam arbeitsteilig an der gemeinschaftlichen Subsistenz, also der Erwirtschaftung ihres Lebensunterhalts, beteiligt waren. Da alle Mitglieder der Gruppe von der Arbeit aller abhängig waren, gab es noch keinen Platz für Privateigentum, für Klassenunterschiede und damit auch keine ökonomische Grundlage für die Herrschaft eines Geschlechts über das andere. Die Männerherrschaft hat sich erst im Prozess der Sesshaftwerdung, der zunehmenden Dominanz der Landwirtschaft, damit der Überschussproduktion und der Entwicklung des Eigentums entwickelt, sie existiert also frühestens seit elftausend bzw. zehntausend Jahren. In die anderen 95 Prozent der menschlichen Geschichte lässt sich beim besten Willen keine natürliche „männliche Dominanz“ hineininterpretieren. 

Jäger und Sammlerinnen?

Nichtsdestotrotz ist der biologische Determinismus eines Wilsons in vulgarisierter Form auch heute weit verbreitet. Die Idee vom dominanten, körperlich starken, männlichen Jäger, der angeblich das Gros der Nahrungsproduktion übernommen hätte, während die körperlich schwächeren Frauen und Kinder auf den Haushalt und ggf. noch auf das Sammeln von Beeren und Wurzeln verwiesen gewesen seien, ist sowohl in populärwissenschaftlichen Arbeiten über die Anfänge der menschlichen Zivilisation als auch der Popkultur weit verbreitet. Ziel dieses Narrativs ist es die „natürliche“ Schwäche der Frau zu illustrieren und damit ihre Unterdrückung in der Vergangenheit und Gegenwart als etwas natürliches darzustellen. In Roland Emmerichs furchtbar schlechtem Film „10.000 B.C.“ von 2008 bespielsweise ist der Held ein tapferer Mammutjäger, der das Herz der (blauäugigen) Frau seiner Träume mit seiner großen Körperkraft gegen allerlei wilde Tiere und rassistisch karrekierter Sklaventreiber, die irgendwie an die alten Ägypter erinnern sollen, erringt. Nicht nur ist der Film ein verlogener Lobgesang auf die Zivilisation und die Sesshaftigkeit, die für alle Nomaden als etwas gutes und erstrebenswertes dargestellt wird, obwohl das Leben vor der Sesshaftwerdung allgemein gesünder, arbeitsarmer und länger war, er ist außerdem durch und durch patriarchalisch und möchte die moderne geschlechtliche Arbeitsteilung und die Hierarchie zwischen Mann und Frau in die graue Vorzeit verpfanzen. 

Der Mythos vom Mann als Jäger und der Frau als Sammlerin ist aber mittlerweile von der Anthropologie und Archäologie gründlich widerlegt, bzw. dort wo er einen wahren Kern hat, nuanciert und relativiert worden. Fest steht heute: es hat niemals eine so starre geschlechtliche Arbeitsteilung gegeben und wenn es eine gab, dann hatte diese nicht die angebliche körperliche Schwäche und Unterlegenheit der Frau zum Ursprung. Drei Elemente genügen an dieser Stelle zur Widerlegung dieses hartnäckigen Mythos:

Erstens, ist der Begriff des „Jagens“ selbst eine Abstraktion. Die Jagd ist ein arbeitsteiliger Prozess mit vielen verschiedenen Aufgabenfeldern und alle Mitglieder der Gruppe müssen notwendigerweise an ihr teilnehmen. Der anarchistische Politikwissenschaftler James C. Scott beschreibt die Jagd anhand des Beispiels Mesopotamien nicht als „tägliches Unternehmen auf gut Glück“ einzelner (männlicher) Individuen, sondern als „sorgsam kalkulierte Anstrengung, die grob […] prognostizierbaren Herdenwanderungen von Wild, etwa der riesigen Gazellenherden und der wilden Esel […] abzufangen.“ Dafür seien „lange, immer schmaler werdende Korridore gebaut [worden], um die Herden in eine trichterförmige Todeszone zu lenken, wo sie getötet und nach dem Trocknen und Pökeln aufbewahrt werden konnten.“2 An allen dafür notwendigen Tätigkeiten, dem Bauen der Korridore, dem Schlachten, dem Ausnehmen und Pöckeln der Tiere, ja sogar dem Treiben des Wildes waren Frauen beteiligt. 

Zweitens haben neuere archäologische Ausgrabungen anhand von Grabbeigaben gezeigt, dass auch weibliche Skelette mit Sperren, Messern, Pfeilspitzen und ähnlichen Werkzeugen bestattet wurden, was ihre Rolle auch als Jägerinnen (im landläufigen Wortsinne, d.h. z.B. als Treiberinnen) unterstreicht.3 Andere Studien konnten anhand anthropologischer Untersuchungen zeitgenössischer Wildbeutergesellschaften auf mehreren Kontinenten zeigen, dass Frauen dort ebenfalls selbstverständlich auch an den körperlich anstrengenden Aspekten des Jagens beteiligt sind und körperlich nicht weniger fit sind, als die Männer.4 Eine absolute Arbeitsteilung in Mann = Jäger (bzw. Treiber) und Frau = Sammler ist also auch archäologisch nicht vorzufinden. Allerdings ist eine Tendenz zu beobachten: je größer oder schneller die wichtigsten Beutetiere der jeweils bewohnten Region sind, desto mehr Männer und desto weniger Frauen sind am Treiben und Erlegen des Wildes beteiligt. Die Anthropologin Ernestine Friedl erklärt die Gründe für diese Tendenz mit der alleinigen Gebär- und Säugefähigkeit der Frau. Sie zeigt, dass Frauen, auch wenn sie an der Jagd beteiligt waren, waren sie „in den späteren Stadien der Schwangerschaft […] [und] nach der Geburt aufgrund der Belastung durch den Transport des Kindes von der Jagd [mehr oder weniger] ausgeschlossen“.5

Und der marxistische Historiker Chris Harman ergänzt: 

Die Jagd auf größere Tiere erfordert schnelle Bewegungen, die kaum mit dem Tragen eines Kindes vereinbar sind. Darüber hinaus ist sie in der Regel eine unsichere, sogar gefährliche Beschäftigung. Die Gruppe kann es sich leisten, einige ihrer Männer zu verlieren, aber sie kann es sich nicht leisten, diejenigen Mitglieder zu verlieren, die allein die nächste Generation zur Welt bringen können.6

Die Arbeitsteilung auf Grundlage der biologischen Unterschiede setzt sich hier also durch, weil Männer für die Gemeinschaft entbehrlicher sind als Frauen. Die marxistische Historikerin Gerda Lerner fügt jedoch hier eine wichtige Einschränkung hinzu: 

Ich möchte […] betonen, dass ich eine solche ‚biologische Begründung‘ nur für die frühesten Stadien der Arbeitsteilung gelten lasse und diese Akzeptanz nicht bedeutet, dass eine spätere Arbeitsteilung unter Hinweis auf die Mutterschaft als natürlich‘ bezeichnet werden kann.7

Drittens ist die Vorstellung von der Jagd als angeblich besonders produktive Subsistenzform, gegenüber dem Sammeln als der angeblich weniger produktiven Form, eine fatale Fehlannahme. In nur ganz wenigen Wildbeutergesellschaften war die Jagd die zentrale Säule der Ernährung. Tatsächlich machte Fleisch durchschnittlich kaum 30 Prozent der gesamten Ernährungspalette solcher Gesellschaften aus. Die Jagd war also ein Randphänomen. Die meisten Lebensmitteln wurden durch Sammeln beschafft. Selbst wenn man eine rigide geschlechtliche Arbeitsteilung a priori voraussetzt, hat nicht der Mann, sondern die Frau eine hervorgehobene Rolle in der Subsistenz. Nur in Regionen ohne bedeutenden Pflanzenwuchs, wie etwa am Polarkreis oder im ariden australischen Outback, war die Jagd zentral für das Überleben des Stammes. In solchen Gesellschaften beobachtete Ernestine Friedl in der Tat eine hervorgehobenere gesellschaftliche Stellung des Mannes, als in vergleichbaren Wildbeutergesellschaften. Doch sie besteht darauf anzumerken: 

Sowohl Männer als auch Frauen können individuelle Entscheidungen hinsichtlich ihrer täglichen Routinen treffen […] Männer und Frauen können frei entscheiden, wie sie ihren Tag verbringen möchten: ob sie auf die Jagd gehen oder sammeln und mit wem […].8

Und standen in den von Friedl untersuchten Gesellschaften Entscheidungen an, die die gesamte Gemeinschaft betrafen, wie etwa die Verlegung des Lagers, waren sowohl Männer, als auch Frauen demokratisch an der Entscheidungsfindung beteiligt. Die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung hatte also selbst dort, wo sie den Männern eine hervorgehobene Stellung bescherte, nicht zur Folge, dass der demokratisch egalitäre Charakter der Gemeinschaft zugunsten einer patriarchalen Herrschaft aufgelöst worden wäre. Dies geschah erst als Folge der Sesshaftwerdung und Landwirtschaft und selbst dann nur nach einer sehr langen Übergangsperiode.

Was diese knappen Ausführungen belegen, ist, dass die Vorstellung von der Frau als biologisch „schwächerem Geschlecht“ falsch ist und die durch diese Ideologie begründete gesellschaftliche Institution der männlichen Dominanz, das Patriarchat, nicht unendlich in die Geschichte zurückversetzt werden kann. Im Gegenteil, im großen Maßstab betrachtet ist sie sogar eine sehr neue Innovation. Für alle „Wissenschaftler:innen“, die wie Wilson ihre Forschung in den Dienst der Erhaltung der Klassenherrschaft stellen, ist diese Erkenntnis der größte Alptraum. Denn sie zeigt, dass die Frauenunterdrückung, die diese Herren so krampfhaft naturalisieren wollen, menschengemacht und nicht naturwüchsig ist und damit auch durch den Menschen überwunden werden kann. Das Patriarchat entstand durch das Handeln von Menschen – Männern und Frauen – doch diese handelten nicht „[…] aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“9 Die konkreten historischen Umstände der Entstehung der Frauenunterdrückung zu begreifen und damit gleichzeitig auch die Bedingungen der Möglichkeit der Frauenbefreiung zu enthüllen, ist Ziel der folgenden Ausführungen.

Der lange Übergang zur Landwirtschaft

95 Prozent der Menschheitsgeschichte waren Frauen und Männer einander sozial gleichgestellt. Die Partnerschaft zwischen ihnen konnte von beiden Partnern nach freiem Willen aufgelöst werden. Die Kinder wurden gemeinsam im Verwandtschaftsverband (auch Gens oder Clan genannt) aufgezogen. Weil so die Vaterschaft schwer nachzuweisen war, existierte eine Verwandtschaftsbestimmung – und später auch die erste Form der Vererbung über die mütterliche Linie. Heiratete ein Mann eine Frau, dann verließ dieser den Haushalt seiner Mutter und ging in den Haushalt seiner Schwiegermutter über. So etwas wie eine „Familie“ im heutigen Sinne, mit eigenem Haushalt, deren Zentrum das Ehepaar ist, gab es noch nicht. Frauen und Männer waren der Logik der Gentilverfassung folgend noch nicht primär „Ehefrauen“ und „Ehemänner“, sondern primär Schwestern und Brüder. Friedrich Engels nannte dies in seinem bahnbrechenden Werk: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ das „Mutterrecht“, auch wenn er hinzufügt, dass dieser Begriff „schief [ist], denn auf dieser Gesellschaftsstufe ist von Recht im juristischen Sinne noch nicht die Rede.“10 

Es wäre jedoch falsch, diese Gesellschaftsform einfach als Umkehrung der Männerherrschaft, als „Matriarchat“ zu bezeichnen. Die Frauen unterdrückten die Männer ihrer Gens (und auch die Männer einer fremden Gens) keineswegs. Solche Gesellschaften zeichneten sich durch ihren demokratischen und egalitären Charakter aus. Wie bereits oben beschrieben, war diese archaische Gleichheit von Mann und Frau auf dieser niedrigen Stufe der menschlichen Entwicklung dem gleichen Anteil von Männern und Frauen an der gemeinsam betriebenen Subsistenz geschuldet. Für die Herrschaft einer gesellschaftlichen Gruppe über eine andere waren Gesellschaften, in denen das Mutterrecht vorherrschte, technologisch noch nicht weit genug entwickelt. Es konnte kein bedeutendes Mehrprodukt über die zum Überleben notwendigen Lebensmittel hinaus angehäuft werden und so gab es noch keine materielle Basis für die Entwicklung des Privateigentums und damit noch keine Grundlage für die Entstehung der Klassengesellschaft, also dem Gegensatz von Arm und Reich, von Herr und Knecht. 

Während die meisten Menschen weiterhin in kleinen Wildbeutergemeinschaften lebten und regelmäßig umherzogen, war in einigen Regionendie natürliche Vielfalt und Breite des Nahrungsangebots so hoch, dass sich die Menschen vor rund 14.000 Jahren das erste Mal in der Geschichte ganzjährig niederlassen konnten, ohne dabei ihre Wildbeuterei aufgeben zu müssen. Vor allem in Feuchtgebieten und Flussdeltas, wie in Mesopotamien, am Nil, am Jordan, am Indus und Yangze, aber auch auf fruchtbaren, regenreichen Plateaus wie im Iranischen Kernland und in Südwest-Anatolien gab es hunderte verschiedenartige, einander überkreuzende und überlappende Subsitenznieschen auszubeuten. Fische, Schildkröten, Weichtiere, Krustentiere, kleine Säugetiere, aber auch wandernde Gazellenherden, Vögel und Wasservögel, gab es in großer Zahl, von vielfältigen essbaren Pflanzenarten wie Haarbinsen, Rohrkolben, Seerosen, Moorbinsen und verschiedenen wilden Gräsern ganz zu Schweigen. Das regelmäßige An- und Abschwellen der Flüsse brachte fruchtbaren Schlamm auf dem Schwemmland auf, das sogenannte „Alluvium“. Während diese von der Natur selbst bereiteten und gedüngten Felder langsam austrockneten, sproßen jedes Jahr Millionen von Saatkörnern auf und boten den wilden Vorfahren unserer heutigen Ziegen, Schweinen und Schafen ein reichhaltiges Nahrungsangebot.11 Die Menschen bauten ihre ersten Dörfer auf sogenannten „Turtlebacks“, sandigen Siedlungshügeln, die die meiste Zeit des Jahres von Wasser umgeben waren. Durch Anschauung der verschiedenen gesetzmäßig und zyklisch ablaufenden Naturprozesse waren die Menschen allmählich in der Lage, nicht nur die beste Zeit für das Jagen und Sammeln bestimmter Nahrungsarten genau vorherzusagen und damit zu planen, sondern sie begannen auch zum ersten Mal mit verschiedenen Formen der Domestikation zu experimentieren. Zunächst mit Tieren, wie den Ziegen, Schweinen und Schafen, dann zunehmend auch mit Pflanzen. Durch das Nachahmen der Natur, erlernten die Menschen das koordinierte und konzentrierte Ausbringen von Samen wilder Getreidesorten. Gepaart mit der natürlichen Düngung durch die schlammreichen Überflutungen, entwickelten sie so ein neues, im Vergleich zu anderen Methoden der Nahrungsbeschaffung relativ arbeitsarmes und dazu noch berechenbares Standbein der Subsistenz. Durch Selektion schufen sie sich im Laufe der Zeit immer ertragreichere Getreidesorten und immer fruchtbare, zahmere und produktivere Nutztiere. Damit begann die sogenannte „neolithische Revolution“.

Der marxistische Archäologe Vere Gordon Childe geht davon aus, dass Frauen an dieser technologischen Revolution den wichtigsten Anteil hatten: 

Geeignete Pflanzen und geeignete Methoden für deren Anbau zu entdecken, spezielle Geräte für die Bodenbearbeitung, die Ernte und Lagerung der Feldfrüchte sowie deren Verarbeitung zu Nahrungsmitteln zu entwickeln […]. All diese Erfindungen und Entdeckungen waren, nach ethnografischen Erkenntnissen zu urteilen, das Werk der Frauen. Diesem Geschlecht kann auch die Chemie der Töpferei, die Physik des Spinnens, die Mechanik des Webstuhls und die Botanik von Flachs und Baumwolle zugeschrieben werden.12

Aufgrund all dieser technologischen Errungenschaften wuchs die Produktivkraft der menschlichen Arbeit und die Menschen konnten durch die Töpferkunst mehr Überschüsse lagern als jemals zuvor. Das ermöglichte zum ersten Mal in der Geschichte eine deutlich höhere Geburtenrate, da mehr Vorräte für unproduktive Esser zur Verfügung standen und die Mutter ihr Kind nicht länger auf der Wanderschaft tragen musste. In Wildbeutergesellschaften gebaren Frauen noch durchschnittlich alle vier Jahre ein Kind. Die sesshafte Gemeinschaft empfand nun das erste Mal in der Geschichte zusätzliche Kinder nicht als Bedrohung, sondern als Segen. Denn Kinder waren potenziell zusätzliche arbeitsfähige Hände. Und so wurde aus der Möglichkeit, mehr Kinder zu ernähren, schleichend eine gesellschaftliche Notwendigkeit und ein Druck, der zunehmend auf den Frauen lastete. Diese Erhöhung der Geburtenrate wurde auch dadurch begünstigt, dass das nun stärker zusammengedrängte Leben in kleinen, aber wachsenden Dorfgemeinschaften, häufig mit Tieren in einem Haus, zu einer stärkeren Ausbreitung von Krankheiten führte und so zu einer höheren Kindersterblichkeit. Die Mutterrolle rückte unmerklich, aber beständig in das Zentrum des kulturellen Frauenbildes solcher frühen sesshaften Gesellschaften.

Dieser Zustand der domestizierten „Nahrungsproduktion auf niedrigem Niveau“, von den Anthropologen auch „Gartenbau“13 genannt, dauerte ganze viertausend Jahre, bevor die ersten größeren Städte und Staaten erschienen und zwar von etwa 9000 oder 8000 v.u.Z. bis ca. 5000 oder 4000 v.u.Z.14 Im „fruchtbaren Halbmond“, einer regenreichen Region im nahen Osten, durchzogen von mehreren großen Flüssen, welche sich im Süden von Palästina, oberhalb der syrischen Wüste und unterhalb des Taurus-Gebirges und ostwärts des Zāgros-Gebirges durch Mesopotamien bis zum Persischen Golf erstreckte, kam es um etwa 6.200 bis 6.100 v.u.Z. aufgrund klimatischer Veränderungen und eines Kälteeinbruchs dazu, dass sich die Subsistenzplallete der Menschen allmählich verengte, sodass das Jagen und Sammeln längere Wege und deutlich mehr Zeit in Anspruch nahm. In dieser Situation verlagerten die sesshaft lebenden Menschen ihre Subsistenz stärker auf diejenigen Tätigkeiten, die von ihnen mit Werkzeug, Bewässerung und Zucht besser beeinflusst werden konnten, als die Wanderrouten von Vögeln und Fischen, oder das Vorkommen von Beeren und Wurzeln. In vielen Regionen im Landesinneren reduzierte sich zudem der Niederschlag und die Landschaften nahmen eher aride Charakteristiken an, also Merkmale trockener Klimazonen. Daraufhin begannen die dort sesshaft oder halbnomadisch lebenden Menschen auf der Suche nach fruchtbarem Boden und Grasland umherzuwandern, um sich schließlich an den Ufern von Flüssen zu konzentrieren. Die Entwicklungen führten in ihrer Kombination zu einer Bevölkerungskonzentration und relativen Intensivierung der Landwirtschaft, der Tierzucht und der Bewässerung an den Ufern großer Flüsse. Die so möglich und notwendig gewordene Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung legte die Grundlage für die sogenannte „urbane Revolution“ (Childe).15 Das führte zur allmählichen Scheidung des Handwerks von der Landwirtschaft, zur Externalisierung und Konzentration der Kultstätten außerhalb der individuellen Haushalte und damit zur Entstehung der ersten Tempel, also zur gleichzeitigen Herausbildung einer mit Verwaltungs-, Planungs- und Kultangelegenheiten betrauten Priesterkaste und schließlich zur Entstehung der ersten größeren Städte, aus denen bald auch die ersten Staaten hervorgegangen sind: z.B. Eridu ca. 5500– 5300 vor unserer Zeit, Uruk, ca. 5000 v.u.Z. und Ur ca. 4000 v.u.Z. in Mesopotamien.16

Die „weltgeschichtliche Niederlage der Frau“

Für die Beziehungen der Geschlechter hatte diese zweite große Umwälzung in der Subsistenz- und Lebensweise der Menschen revolutionäre Folgen. Wie oben bereits beschrieben, war es zunächst die Frau gewesen, die die innovative Landwirtschaft auf niedrigem Niveau vorangetrieben hatte und in diesem bis dato noch randständigen Sektor eine ökonomisch dominante Rolle einnahm. Das änderte sich, als das Umgraben mit der hölzernen Hacke und dem Stock allmählich durch den schweren Pflug und den domestizierten Ochsen ersetzt wurde. Und als die passive Bewässerung durch eine aktive, inklusive der Aushebung von Kanälen, ersetzt bzw. ergänzt wurde. Die (nun immer häufiger) schwangeren Frauen konnten sich an dieser Arbeit nicht mehr regelmäßig beteiligen und wurden so von den Männern allmählich aus diesem, nun dank Pflug und Bewässerung sehr produktiven, Tätigkeitsfeld verdrängt. Gordon Childe beschreibt diesen Prozess wie folgt:

Der Pflug verwandelte den Ackerbau von der Be­stel­lung eines kleinen Grundstücks in den land­wirt­schaft­li­chen Feldanbau und schuf eine unlösbare Verbindung von Ackerbau und Viehzucht. Er befreite die Frauen von der härtesten Plackerei, aber er entzog ihnen das Mo­nopol über die Getreideernten und den ge­sell­schaft­lichen Status, der mit ihm verbunden war. Unter den ‚Barbaren‘ sind es die Männer, die die Felder pflü­gen, obwohl die Frauen noch die Gärten bestellt hatten. Und sogar in den ältesten sumerischen und ägyp­ti­schen Quellen sind die Pflüger tatsächlich männlich.17

Damit entwickelte sich die Gesellschaft hin zu größerer Zusammendrängung und stärkeren Fokus auf die Subsistenz in und um den Haushalt, sodass die Frau, die früher zentral am Jagen und Sammeln beteiligt war, nun stärker in arbeitsaufwendige Tätigkeiten im Haushalt, wie dem Spinnen von Flachs und Wolle, dem Weben, dem Töpfern, dem Mahlen von Getreide, dem Bäckern, usw. gedrängt wurde. Und parallel dazu eroberte sich der Mann über den Zugang zu den nun produktivsten Produktions- und Subsistenzmitteln und den angrenzenden Werkzeugindustrien, wie der frühen Metallverarbeitung und der erstmaligen Herausbildung eines überregionalen Handels, langsam auch eine dominantere Position innerhalb des Haushaltes und by extension auch innerhalb der Gens. 

Eine neue, spezifische Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung hatte sich an der Schnittstelle von Biologie, Ökologie und Technologie entwickelt. Waren Frauen noch zentral für die Produktion in den Wildbeuter- und frühen Gartenbaugesellschaften gewesen, so rückten sie in den voll entwickelten Ackerbaugesellschaften langsam weg vom Zentrum der Überschussproduktion, wurden stärker an den Haushalt gefesselt und konnten ihre bis dahin ganz selbstverständlich ausgeübten öffentlichen Ämter und Würden der Gentil-Gemeinschaft nicht mehr regelmäßig wahrnehmen. Die Kontrolle der Produktionsmittel sowie der öffentlichen Sphäre konzentrierte sich zunehmend auf die Männer, was dazu führte, dass sich Gruppen wohlhabender und einflussreicher Männer herausbildeten, die nach Wegen suchten, ihre neugewonnene ökonomische Vormachtsstellung nun auch mit Recht und Kult und damit im steigenden Maße „gepanzert mit Zwang“ zu zementieren. 

Solange die Frauen mehrheitlich das Land bestellten, war es selbstverständlich, dass das Land und die Produktionsmittel des Haushaltes unter der Kontrolle einer durch die weibliche Linie verlaufenden Abstammungsrechnungstand, die Engels als „Mutterrecht“ genannt hat. Das garantierte die Kontinuität des Anbaus über Generationen hinweg, denn ein Wechsel der Frauen in andere Haushalte hätte einen Verlust der Arbeitskraft in einem Sektor der Subsistenz mit wachsender Wichtigkeit bedeutet, womit und Versorgung der Mütter im hohen Alter nicht mehr gesichert gewesen wäre. Als der Mann jedoch den Ackerbau für sich monopolisierte und mit Hilfe des Pflugs zum produktivsten Versorger des Haushalts wurde, geriet das Mutterrecht in einen Widerspruch mit der neuen geschlechtlichen Arbeitsteilung. Der Weggang des Mannes in einen anderen Haushalt durch Heirat bedrohte nun den Haushalt seiner Mutter mit dem Verlust zentraler Arbeitskraft, und außerdem trennte es ihn von den Früchten seiner Arbeit, die im Haushalt seiner Mutter verblieben. Die Kontinuität der Subsistenz des Haushaltes der eigenen Mütter-Abstammungslinie wurde so also durch jede neue Heirat gefährdet und der Mann erlangte zum ersten Mal ein Interesse daran, selbst erben zu können. Dieser Widerspruch konnte nur durch einen Umsturz des Mutterrechts beseitigt werden. Und das geschah mit erstaunlicher Leichtigkeit in allen frühen Ackerbaugesellschaften. Schließlich hatten sowohl (Schwieger-)Mutter als auch (Schwieger-)Sohn Interesse an der Einrichtung des Vaterrechts. Engels charakterisiert dieses Ereignis folgendermaßen: 

Diese Revolution – eine der einschneidendsten, die die Menschen erlebt haben – brauchte nicht ein einziges der lebenden Mitglieder einer Gens zu berühren. Alle ihre Angehörigen konnten nach wie vor bleiben, was sie gewesen. Der einfache Beschluß genügte, daß in Zukunft die Nachkommen der männlichen Genossen in der Gens bleiben, die der weiblichen aber ausgeschlossen sein sollten, indem sie in die Gens ihres Vaters übergingen. Damit war die Abstammungsrechnung in weiblicher Linie und das mütterliche Erbrecht umgestoßen, männliche Abstammungslinie und väterliches Erbrecht eingesetzt.18

Dies nennt Engels die „weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts.“19 Um das Erbrecht in männlicher Linie zu sichern, entwickelte der neue Patriarch ein Interesse an der Kontrolle der Sexualität seiner Frau. Denn nur wenn er ihr exklusiver Sexualpartner war, wäre eine Abstammung über die väterliche Linie zweifelsfrei nachzuweisen. Das Konzept der Monogamie entstand. „Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung.“20 Die erste Klassenspaltung, die die Geschichte kannte, trat auf zwischen den Geschlechtern.

Parallel zur Monogamie entstand auch ihr Spiegelbild: die Prostitution. Während die im Entstehen begriffene Ideologie und Religion der frühen Klassengesellschaften auf der einen Seite die neue Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Ehe proklamierte und drakonische Strafen für den weiblichen Ehebruch androhte, setzte sich auf der anderen Seite die alte Geschlechtsfreiheit des Mannes ununterbrochen fort, wenn auch in neuer Form. Engels charakterisiert dieses Doppelverhältnis wie folgt: 

Mit dem Aufkommen der Eigentumsverschiedenheit, also schon auf der Oberstufe der Barbarei [der entwickelten Agrargesellschaft vor der Entstehung des Staates], tritt die Lohnarbeit sporadisch auf neben Sklavenarbeit, und gleichzeitig, als ihr notwendiges Korrelat, die gewerbsmäßige Prostitution freier Frauen neben der erzwungnen Preisgebung der Sklavin.21

Die Unterdrückung der Frau kannte fortan zwei Sphären: innerhalb der Familie und außerhalb von ihr, im Bordell. Beide Elemente gehören untrennbar zusammen und können auch nur gemeinsam nach der Überwindung der Klassengesellschaft absterben.

Mit dem Aufstieg des Vaters im Haushalt stieg auch die Familie zur zentralen Einheit der Gesellschaft auf und schlug damit eine tiefe Kerbe in die alten, auf dem Mutterrecht basierenden Gentilverfassungen. Die alte klassenlose Gesellschaft lag im Sterben und die neue Klassengesellschaft hatte sich noch nicht vollends erhoben, trotzdem hatte sich ihre erste charakteristische und hartnäckigste Institution bereits voll entfaltet: das Patriarchat.

Der Platz des Patriarchats in der Geschichte

In den folgenden Jahrhunderten verbreiterte und vertiefte sich die Frauenunterdrückung. Unabhängig voneinander entwickelten alle frühen Hochkulturen, ob sie nun im Nahen Osten, in Asien, in Afrika oder den Amerikas entstanden, das Patriarchat im Zusammenhang mit dem langen Übergang von der klassenlosen zur Klassengesellschaft mitsamt der Entstehung des Staates als öffentliche Gewalt im Dienste der jeweils herrschenden Klasse, wenn auch mit regional unterschiedlichen Ausprägungen. Die Unterwerfung der Gebärfähigkeit der Frau zur Sicherung der Erbfolge und damit zur Sicherung des Privateigentums ist daher zu verstehen als unvermeidliche Kehrseite des Fortschritts. Engels wies bereits auf diesen Umstand hin, wenn er schrieb: „alles, was die Zivilisation hervorbringt, [ist] doppelseitig, doppelzüngig, in sich gespalten, gegensätzlich.“22 Brachte die Klassenspaltung auf der einen Seite ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten für die menschliche Kultur, für die Schrift, für die Technologie und die Wissenschaft, so trieb sie auf der anderen Seite die große Mehrheit der männlichen und weiblichen Bevölkerung unter das Joch der Ausbeutung, der Hörigkeit, der Sklaverei und drückte die Frau ganz besonders herab unter die Willkürherrschaft des Ehemannes im Haushalt. Fortan waren die Frauen der arbeitenden Klasse gewissermaßen „Sklavinnen der Sklaven.“ Das Leben in den von den archaischen Staaten ständig härter ausgepressten Dörfern war zudem arbeitsintensiver, ungesünder, gewaltvoller, kürzer und würdeloser, als das Leben in der klassenlosen Wildbeutergesellschaft. Die Produktivkräfte dieser Gesellschaften waren zwar mittlerweile weit genug entwickelt, dass sie eine Klasse von der Arbeit befreiter Menschen hervorbringen konnte, die sich mit anderen Dingen beschäftigen konnten, als der täglichen Nahrungsbeschaffung, aber noch nicht so weit entwickelt, dass genügend Überschüsse vorhanden waren, um alle Menschen von der Knechtung und Unterordnung zu befreien und alle zu voll entfalteten Individuen zu machen. 

Erst der Kapitalismus hat diese objektive Grenze, das „Reich der Notwendigkeit“23, wie Marx es nennt, in der auch die Frauenunterdrückung letztlich unvermeidlich war, abgeschafft und solch einen gesellschaftlichen Überfluss geschaffen, dass der Sprung in das „Reich der Freiheit“24, der Kommunismus, heute eine greifbare Möglichkeit ja zunehmend eine Notwendigkeit geworden ist. Denn die Verhältnisse sind nicht nur bereits seit über einem Jahrhundert reif dafür, sie beginnen bereits zu verfaulen und sich in Barbarei und Umweltzerstörung umzukehren. Mit der Machteroberung des Proletariats wird auch das nun reaktionäre Privateigentum fallen und die zu seiner Stabilisierung geschaffene Institution der Familie, der Ort auch der modernen Frauenunterdrückung, die, wenn auch mit einiger Modifikation und in deutlich geringerer Intensität, als in den alten Gesellschaften, heute noch weiterexistiert, wird beginnen können, abzusterben. 

Doch da die neue Gesellschaft „sich […] [nicht] auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, […] sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht“, wird sie auch „in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet [sein] mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.“25 Diese Muttermale allmählich zu beseitigen, wird die bewusste Aufgabe der kommenden Generationen sein. Jahrtausendealte gesellschaftliche Strukturen verschwinden nicht über Nacht und gerade die älteste Form der Unterdrückung wird auch in der sozialistischen Gesellschaft erhebliche Beharrungskräfte aufweisen. Doch zum ersten Mal seit ihrer Entstehung wird diese neue Gesellschaft durch die geplante Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit die praktischen Mittel an der Hand haben, die Unterdrückung der Frau endgültig zu beenden und die Menschheit in das „Reich der Freiheit“ zu führen. Das Ende der Frauenunterdrückung ist also bereits am Horizont erschienen und zu einer realen historischen Möglichkeit geworden. Das Proletariat kann und muss durch sein bewusstes Eingreifen in den Lauf der Geschichte diese Zukunft erobern. 

Fußnoten

  1. 1. Edward O. Wilson: Sociobiology: The New Synthesis, Harvard University Press, Cambridge M. 1975, S. 277, eigene Übersetzung.
  2. 2. James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der ersten Staaten, Suhrkamp, Berlin 2020, S. 65–66.
  3. 3. Vgl. Randall Haas et al.: Female hunters of the early Americas, in: Science Advances 6/45 (2020), https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abd0310[13. April 2025].
  4. 4. Abigail Anderson et. al.: The Myth of Man the Hunter. Women’s contribution to the hunt across ethnographic contexts, in: PLoS ONE 18/6 (2023), https://doi.org/10.1371/journal. pone.0287101 [13. April 2025].
  5. 5. Ernestine Friedl: Women and Men. an Anthropologist’s View, Thomson Learning, New York 1975, S. 17, eigene Übersetzung.
  6. 6. Chris Harman: 100 Years On The Origins of the Family (September 1984), https://www.marxists.org/archive/harman/1984/09/engels.htm [31.05.2025], eigene Übersetzung.
  7. 7. Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats, Manifest Verlag, Berlin 2022, S. 69.
  8. 8. Friedl: Women and Men, S. 22, eigene Übersetzung.
  9. 9. Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 8, Dietz Verlag, Berlin 1960, S.111–207, hier S. 115.
  10. 10. Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 21, Dietz Verlag, Berlin 1975, S. 25–173, hier S. 48.
  11. 11. Scotts neuestes Buch befasst sich mit einer Tiefengeschichte solcher unbegradigter Flüsse am Beispiel des Ayeyarwady (Myanmar/Burma) und dem vielfältigen, zyklischen, menschlichen und tierischen Leben, welches sich aus ihnen speißt: James C. Scott: In Praise of Floods, The Untamed River and the Life It Brings, Yale University Press, New Haven 2025.
  12. 12. V. Gordon Childe: What Happened in History, Penguin Books, Harmondsworth (Middlesex) 1950, S. 52–53, eigene Übersetzung.
  13. 13. Detaillierte Darstellung des Übergangs zum Gartenbau, siehe: Charles Keith Maisels: The Emergence of Civilization: From Hunting and Gathering to Agriculture, Cities, and the State of the Near East, Routledge, London und New York 1999, S.45-121.
  14. 14. Vgl. Scott: Zivilisation, S.57–59.
  15. 15. Vgl. V. Gordon Childe: The Urban Revolution, in: The Town Planning Review, 21/1 (Apr., 1950), S. 3-17.
  16. 16. Vgl. Mario Liverani: The Ancient Near East: History, Society and Economy, Routledge, London und New York 2014, S.61-80.
  17. 17. Childe: History, S. 81.
  18. 18. Engels: Ursprung, S. 60.
  19. 19. Ebd., S. 61.
  20. 20. Ebd.
  21. 21. Ebd., S. 61.
  22. 22. Ebd.
  23. 23. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band , der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 25, Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 31–893, hier S. 828.
  24. 24. Ebd.
  25. 25. Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, in: Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 19, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 11–32, hier S. 20.

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