Von Sankara zu Traoré: Die Wiederkehr des Bonapartismus
Das rote Barett ist zurück. Burkina Faso kämpft unter Ibrahim Traoré um nationale Souveränität. Ein Porträt der Macht, die sich über Klassen hinweg erhebt.
„Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Persönlichkeiten sozusagen zweimal vorkommen. Er vergaß hinzuzufügen: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“1 Mit diesem berühmten Satz leitete Karl Marx sein Werk „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ ein, in dem er den Staatsstreich von Louis Bonaparte am 2. Dezember 1851 in Frankreich analysierte und die Kategorie des Bonapartismus entwickelte. Wenn heute über Ibrahim Traoré gesprochen wird, der in Burkina Faso als eine Art Reinkarnation Thomas Sankaras aufzutreten beabsichtigt, stellt sich die Frage: Wiederholt sich die Geschichte? Und wenn ja – als was?
Ibrahim Traoré – eine Reinkarnation Sankaras?
Ibrahim Traoré, seit September 2022 nach einem Militärputsch an der Spitze Burkina Fasos, tritt öffentlich in die Fußstapfen von Thomas Sankara. Traoré trägt ein rotes Barett, referiert stets Sankara und profiliert sich als Symbolfigur des Widerstands gegen neokoloniale Strukturen und als Garant nationaler Souveränität. Er inszeniert sich als Korrektur eines Modells, nach dem die Sahelzone die Kosten einer imperialistischen Weltordnung trägt, die an ihren Rohstoffen verdient, während die Bevölkerung Armut leidet.
Um den Anspruch zu prüfen, lohnt der Blick zurück auf Sankaras kurze, intensive Regierungszeit. Die vier Jahre unter Thomas Sankara von seinem Amtsantritt 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 standen für eine antikoloniale Erfahrung einer unterdrückten Nation, deren Rohstoffe, Arbeitskräfte und Land kolonial kontrolliert waren. Die französische Kolonialherrschaft hatte in Obervolta2 kaum industrielle Entwicklung zugelassen. Stattdessen war das Land stark agrarisch geprägt, mit Subsistenzwirtschaft und Export (Baumwolle, Viehzucht und Arbeitsmigration in die Elfenbeinküste). Über 90 Prozent der Bevölkerung waren Bäuerinnen:Bauern. Die Kapitalakkumulation beschränkte sich auf Handel (wie Zwischenhandel mit Kolonialwaren, Import/Export) und kleine Werkstätten. Es gab keine entwickelte nationale Bourgeoisie im Sinne industrieller Kapitalist:innen.
Dementsprechend gab es eine Handelsbourgeoisie, also Händler, die im Auftrag französischer oder internationaler Firmen agierte. Die burkinische Handelsbourgeoisie war besonders stark im Getreidehandel (z. B. Hirse, Mais und Sorghum) sowie beim Import von Konsumgütern. Sie stand in enger Verbindung mit französischen und libanesischen Geschäftsleuten, die in Westafrika wichtige Handelsnetzwerke kontrollierten. Für Sankara waren sie das Symbol einer „Kompradorenbourgeoisie“: also einer Klasse, die nicht auf nationale Entwicklung, sondern auf die Integration in die koloniale Lieferkette ausgerichtet war. Sankaras Politik zielte darauf, ihre Rolle zurückzudrängen – nicht etwa durch direkte Enteignung, sondern durch Preiskontrollen, staatliche Unternehmen und die Subventionen der bäuerlichen Kooperativen. Unter dem Motto „Consommez burkinabè“ („Konsumiert burkinische Produkte“) proklamierte er einen bescheidenen Lebensstil, der auf lokale Produktion setzte und die wirtschaftliche Selbstständigkeit stärken sollte.
Zweitens gab es die bürokratische Kaste, eine zur Aufrechterhaltung des Kolonialstaats geschaffene priviligierte Kaste von Bürokrat:innen, hohen Militärs, Politiker:innen, die an französische Kredite und Entwicklungsgelder gebunden waren. Sankara selbst war Offizier und stützte sich auf Teile des Militärs, insbesondere junge Offiziere und Soldaten. Er war an drei unterschiedlichen Phasen der Regierungsbildung der Militärjunta beteiligt – mit stufenweiser Verstärkung seiner politischen Rolle: Zunächst als Informationsminister 1981 unter Saye Zerbo, dann im Jahr 1983 als Premierminister unter Jean-Baptiste Ouédraogo und letztlich am 4. August 1983 als Präsident von Obervolta. Im Zentrum seiner Kritik standen eher die höheren Offiziere, die enge Verbindungen zu Frankreich hatten, Privilegien genossen oder als korrupt galten. Sie profitierten nämlich von Posten und Entwicklungsgeldern. Mit Anti-Korruptionsgerichten, drastischen Gehaltskürzungen und der Abschaffung von Privilegien zielte er vor allem auf die oberen Ränge der Verwaltung und des Militärs. Dienstwagen, Sonderzulagen und luxuriöse Lebensstile höherer Offiziere wurden eingeschränkt.
Drittens gab es die Großgrundbesitzer und traditionellen Autoritäten, die über Landvergabe, Wasserzugang und gesellschaftliche Hierarchien ihre Macht ausübten. Ihre Stellung war nicht nur von ökonomischer, sondern zugleich von politischer und ideologischer Bedeutung. Im Zentrum der Mossi-Gesellschaft – die historisch dominierende Ethnie des heutigen Burkina Faso – stand der Moro Naba („König der Mossi“). Seine Stellung war alles andere als symbolisch: Über ein Geflecht von untergeordneten Fürsten und Dorfoberhäuptern sicherte er die Kontrolle über Land, Ernten und Arbeitskräfte. Er galt unter französischen Kolonialmacht als „Garant der Ordnung“.
Auf der lokalen Ebene wirkten die chefs de terre („Landherren“), die für die Verteilung des Bodens zuständig waren. Diese Institution verfestigte die Abhängigkeit der bäuerlichen Bevölkerung, da die Nutzung von Land oft nur über die Vermittlung dieser Autoritäten möglich war. Sie wurden von der Kolonialmacht als Steuer- und Arbeitsvermittler genutzt. Hinzu traten die religiösen Autoritäten, die in der islamischen Expansion auf Westafrika seit dem 15. Jahrhundert eine eigenständige Machtbasis aufbauten. Besonders hervorzuheben sind die Marabouts, die sich in Burkina Faso als islamische Gelehrte, Koranlehrer und gesellschaftliche Vermittler etablierten.
Sankaras Agrarreform zielte vor allem auf die Großgrundbesitzer und die traditionellen Autoritäten, deren Macht durch die Verstaatlichung des Bodens und die Abschaffung feudaler Abgaben gebrochen werden sollte. Dadurch sollte die Landfrage nicht länger durch Abstammung oder Privileg geregelt sein.
Sankara initiierte eine Reihe von Reformen, darunter die Umverteilung von Land, die Abschaffung der Privilegien für die Autoritäten indigener Gemeinschaften, die Förderung von Frauenrechten, Alphabetisierungskampagnen (von 13 Prozent im Jahr 1983 auf 73 Prozent im Jahr 1987), Gesundheitsprogramme, den Aufbau von Infrastruktur, wie die Errichtung von Eisenbahnstrecken für kostenlose Mobilität. Viele dieser Maßnahmen wurden von der Regierung zentral gesteuert und durch staatliche Komitees und lokale Initiativen umgesetzt. Außenpolitisch war er ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen den französischen Imperialismus und den Internationaler Währungsfonds (IWF) und propagierte die Idee des freien und geeinten Afrikas.
Sankara setzte auf die Komitees zur Verteidigung der Revolution (Comités de défense de la révolution/CDR). Sie sollten Kontrolle nach unten ermöglichen, politische Erziehung leisten und die Umsetzung lokaler Projekte organisieren, um schlussendlich die Bevölkerung in die staatlichen Reformprojekte einzubinden. Dementsprechend lag ihre politische Kontrolle vollständig beim Nationalen Revolutionsrat (Conseil national de la Révolution/CNR), also bei der Militärregierung selbst. In dieser Hinsicht waren die Komitees keine Organe unabhängiger Klassenmacht, wie es die Sowjets zur Zeit der Russischen Revolution oder die Räte zur Zeit der Novemberrevolution in Deutschland waren, um zwei prominente Beispiele zu nennen. Zwar berief sich Sankara auf die Mobilisierung der Massen, doch die institutionelle und politische Form seiner Komitees unterschied sich grundlegend von den Sowjets, die nach 1917 in Russland als Organe der neuen Staatsmacht (Diktatur des Proletariats) vorkamen. Lenin und Trotzki bezeichneten die Räte (Sowjets) nicht nur als Organe der Arbeiter:innen- und Soldat:innenvertretung, sondern als Grundlage für die Errichtung eines neuen Staatsapparats. In seiner Schrift Staat und Revolution betont Lenin, dass die bestehende bürgerliche Staatsmaschine – bestehend aus Parlament, Bürokratie, Polizei und Militär – nicht einfach übernommen oder reformiert werden kann. Sie müsse vielmehr abgelöst werden durch neue Institutionen, die direkt von den Arbeiter:innen (Bäuer:innen und Soldaten) kontrolliert werden. Diese Räte sind für Lenin Ausdruck der „Diktatur des Proletariats“, einer Übergangsphase, in der die Arbeiter:innenklasse die politische Macht ausübt. Sie verbindet die Interessen der Arbeiter:innen mit denen der ländlichen Bäuer:innen, kleinen Gewerbetreibenden, Frauen und Unterdrückten, um eine sozialistische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen.
Sankara konnte die Bedingungen für einen sozialistischen Aufbau nicht erfüllen, weil er die Macht des Proletariats als Anführerin der Unterdrückten scheute. Er stützte sich stattdessen auf Bäuer:innen und einen Teil des Militärapparats, um als Autorität über sie eine uneingeschränkte Regierungsgewalt im gesamten Lande auszuüben und Reformen von oben durchzusetzen. Die Erfahrungen der vier Jahre in Burkina Faso von Sankaras Machtantritt bis zu seiner Ermordung zeigen, dass die Massen gewillt waren, für den Aufbruch ihres Landes an die vorderste Front zu gehen. Sie handelten aber nicht protagonistisch, indem sie die Richtung bestimmten, sondern sie wurden vor allem als Manövriermasse behandelt, die die politischen Vorgaben der Regierung umzusetzen hat. Durch das CDR verband Sankara die Massen mit dem Staat, gab ihnen Aufgaben und mobilisierte sie, ohne ihnen die Macht zu überlassen. Gewerkschaften, die in der Vergangenheit eine starke oppositionelle Rolle einnahmen, wurden als gegenläufig zu den Interessen der sogenannten „Volksrevolution“ bezeichnet und unterdrückt. Tausende von Lehrer:innen wurden zu Beginn der Machteroberung entlassen, weil sie gegen den Putsch gestreikt hatten. Die Gewerkschaften rekrutierten ihre Mitglieder dagegen aus der Stadtbevölkerung, die im öffentlichen Dienst oder in den halbstaatlichen Unternehmen angestellt war. Dadurch bekamen sie einen ernsthaften politischen Einfluss und bildeten vor allem in den 70ern die wichtigste politische Opposition des Landes. So wurden Arbeiter:innen unter Sankara aufgeteilt in „Faule“ und „Ehrgeizige“, die ersteren öffentlich angeklagt. Alle Proteste wurden ohne Unterscheidung der Klassenbasis als „konterrevolutionär“ diffamiert, weshalb von einer echten Arbeiter:innenbewegung als Basis nicht die Rede sein konnte.
Er nahm ein Modell in Burkina Faso auf, das ausgehend von den Erfahrungen in China den unterdrückten Völkern eine Lösung der militärisch geführten, bäuerlichen, nationalen und demokratischen Revolution ohne Macht des Proletariats selbst aufzwingen sollte. Dies war ein Etappenmodell des Stalinismus-Maoismus für in Abhängigkeit und Unterentwicklung gedrängte Länder und das die erste Aufgabe darin sah, die nationale Einheit zum Zwecke der unerfüllten demokratischen Aufgaben zu erfüllen und sie von der Arbeiter:innenmacht zu trennen. So wurde die Führungsrolle des Proletariats, die mit den Erfahrungen der Oktoberrevolution bestätigt wurde, aufgegeben. Daran scheiterte das Projekt schließlich auch. Da die Arbeiter:innen und Bäuer:innen keine selbständige Rolle bei der Verwaltung der Produktion in den Betrieben und auf dem Land übernahmen, waren sie weitgehend passive oder manövrierbare Elemente des Regimes. Durch diese Konzentration der Macht auf die Präsidialfigur wurde die Möglichkeit einer ernsthaften antiimperialistischen Verteidigung der Massen beschränkt, was den konterrevolutionären Putsch und die Ermordung Sankaras erleichterte.
Die Ermordung Sankaras 1987 und die damit einhergehende Niederlage seines Projekts eröffnete eine lange Restauration, das heißt die Wiederherstellung der alten Eigentumsform und Orientierung an Françafrique, deren Ordnung darauf beruht, die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen Frankreichs über viele afrikanische Staaten aufrechtzuerhalten.
Blaise Compaoré, die verräterische rechte Hand Sankaras, der seine Ermordung mitorganisierte und dadurch neuer Machthaber wurde, markierte einen offenen Bruch mit der Linie von Sankara. Viele progressive Reformen (Bodenreform, Frauenrechte, Massenbeteiligung, Kampf gegen Korruption, Abbau der „Stammeshierarchien“) wurden zurückgenommen. Compaoré band Burkina Faso eng an die Interessen des französischen Imperialismus und des IWFs und öffnete die Wirtschaft für das ausländische Kapital, während die politische Opposition reprimiert wurde. 2014 brach das System unter dem Druck eines Volksaufstands zusammen, als Compaoré seine Amtszeit verfassungswidrig verlängern wollte. Der Versuch der Präsidentengarde, 2015 einen Gegenputsch durchzusetzen, scheiterte an massiver Mobilisierung der Bevölkerung. Es folgten Wahlen, die zwar einen zivilen Übergang markierten, die sozialen Widersprüche jedoch nicht auflösten. Unter diesen Bedingungen kam die erste gewählte Regierung Burkina Fasos seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 an die Macht.
Von 2019 an nahmen Proteste gegen die soziale Unsicherheit, Preissteigerungen und wirtschaftliche Stagnation zu. Dörfer wurden geräumt, die Zahl der Binnenvertriebenen stieg (es waren zirka zwei Millionen Menschen), mehrere Schulen und Gesundheitsstationen (kleine lokale medizinische Einrichtungen, die Basisversorgung boten) schlossen. Zudem war die dschihadistische Gewalt in Burkina Faso real und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Bevölkerung und die politische Landschaft. Von den negativen Folgen betroffen sind beispielsweise die Fulbe-Gemeinschaften3, die Rassismus ausgesetzt sind: Sie werden häufig pauschal mit „Terrorismus“ oder „Dschihadismus“ assoziiert, was zu (militärischer) Repression und Alltagsdiskriminierung führt.
Zunächst begannen militante Gruppen, insbesondere die al-Qaida-nahe Dschama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), im Norden des Landes Anschläge durchzuführen. Ab 2019 eskalierte die Situation dramatisch mit mehreren Massakern. Die zunehmende Gewalt führte zu einer massiven Binnenvertreibung. Bis Anfang 2020 waren über 830.000 Menschen aus ihren Heimatregionen geflüchtet, was zu einer humanitären Krise führte. In dieser Konstellation putschte sich Paul‑Henri Sandaogo Damiba, ein ehemaliger Oberst der Armee und ehemaliger Kommandeur der Anti-Terror-Einheiten im Norden, am 24. Januar 2022 an die Macht. Sein Vorwurf an die Regierung lautete, sie habe versagt, den dschihadistischen Terror zu stoppen.
Am 30. September desselben Jahres stürzte ein zweiter Putsch Damiba und brachte den damals 34‑jährigen Ibrahim Traoré an die Spitze.
Bonapartismus sui generis
Die politischen Strategien von Thomas Sankara und Ibrahim Traoré lassen sich am präzisesten mit dem Konzept eines Bonapartismus sui generis, also eines Bonapartismus eigener Art, analysieren, wie ihn Trotzki für halbkoloniale Länder formulierte.
Der Begriff „Bonapartismus“ hat in der marxistischen Theorie eine spezifische Bedeutung: Wie in der Einleitung erwähnt, schrieb Karl Marx das Buch „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, um den Bonapartismus zu analysieren. Er beschreibt jene Form der Staatsmacht, die sich über die bestehenden Klassen durch Verselbstständigung der Exekutive erhebt und das kapitalistische Gleichgewicht wiederherstellt, um die Stabilität des Systems zu sichern, selbst wenn dabei der Bourgeoisie „die Krone [..] abgeschlagen und das Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als Damoklesschwert über ihr eignes Haupt gehängt werden müsse.“4
Ibrahim Traoré erklärt seine Herrschaft als „Progressive Volksrevolution“, die in direkter Abgrenzung zur etablierten Demokratie operiert – mit dem Motto, dass Demokratie ein späteres Stadium und keine Voraussetzung für Entwicklung sei. Dazu sagte er auf einer Zeremonie am 1. April 2025 folgendes:
Wir leben nicht in einer Demokratie. Wir befinden uns in einer progressiven Revolution. (…) Das muss jeder verstehen. Und es ist noch überraschender, dass sich angeblich Intellektuelle, die zur Schule gegangen sind, vorstellen können, ein Land könne sich in einer Demokratie entwickeln. Das ist falsch! Es ist unmöglich, nur ein einziges Land zu nennen, das sich in einer Demokratie entwickelt hat. Demokratie ist nur das Ergebnis. Wir erleben zwangsläufig eine Revolution, und wir befinden uns tatsächlich in einer Revolution. (…) Die Frage nach Demokratie oder freier Handlung und Meinungsäußerung hat hier keinen Platz. Ich habe es schon einmal gesagt: So sehr du glaubst, frei zu sprechen und zu handeln, so frei sind auch andere. Und dann landen wir in einer Gesellschaft der Unordnung.
Trotzki prägte den Zusatz „sui generis“, um den besonderen Charakter von Bonapartismen in halbkolonialen oder abhängigen Ländern zu beschreiben. Diese Form des Bonapartismus tritt genau dort auf, wo die ökonomische Basis schwach oder fragmentiert ist, die nationale Bourgeoisie unentwickelt, aber imperialistische Mächte und internationale Kapitalinteressen sehr stark sind. Denn in diesen Ländern existiert ein weiterer gesellschaftlicher Pol: die imperialistische Bourgeoisie, die den Großteil der Produktionsmittel besitzt, weshalb in der Regel die Entwicklung einer einheimischen Bourgeoisie sehr stark von der imperialistischen Bourgeoisie abhängt.
Während seines Aufenthalts in den 1930er Jahren in Mexiko beobachtete Trotzki, dass die Regierung von Lázaro Cárdenas einen neuen Bonapartismus der besonderen Art (sui generis) repräsentierte, der charakteristisch für koloniale und halbkoloniale Länder war. Als die mexikanische Cárdenas-Regierung 1938 die Ölindustrie des anglo-amerikanischen Imperialismus enteignete, erkannte Trotzki, dass die Enteignung der Ölindustrie und anderer Schlüsselbranchen eine Form der staatlichen Autonomie gegenüber dem internationalen Kapital darstellte, die gleichzeitig die nationale Bourgeoisie schwächte und die Arbeiter:innenklasse mobilisierte. In seinen Worten:
In den industriell rückständigen Ländern spielt ausländisches Kapital eine entscheidende Rolle. Weiterhin die relative Schwäche der nationalen Bourgeoisie im Verhältnis zum nationalen Proletariat. Hierdurch entstehen spezifische Bedingungen für die Staatsmacht. Die Regierung laviert zwischen ausländischem und inländischem Kapital, zwischen der schwachen nationalen Bourgeoisie und dem relativ mächtigen nationalen Proletariat. Dies verleiht der Regierung einen bonapartistischen Charakter sui generis, einer ganz bestimmten Art. Sie erhebt sich selbst, um es so auszudrücken, über die Klassen. In Wirklichkeit hat die Regierung zwei Möglichkeiten: entweder macht sie sich zum Instrument des ausländischen Kapitals und hält das Proletariat in den Ketten einer Polizeidiktatur; oder sie manövriert mit dem Proletariat und geht dabei sogar so weit, Zugeständnisse an das Proletariat zu machen, um auf diese Weise die Möglichkeit einer gewissen Freiheit gegenüber dem ausländischen Kapital zu gewinnen. Die gegenwärtige Politik (der mexikanischen Regierung 1938) befindet sich in der zweiten Phase: ihre größten Eroberungen sind die Enteignung der Eisenbahn und die Enteignung der Ölindustrien.5
Er definierte diese Maßnahmen als staatskapitalistisch, wies auf die fehlende Kontrolle der Arbeiter:innen über die enteignete Industrie hin und fügte hinzu:
Es wäre freilich ein unheilvoller Irrtum, regelrechte Täuschung, zu meinen, der Weg zum Sozialismus vollzöge sich nicht über die proletarische Revolution, sondern über die Nationalisierung verschiedener Industriebranchen durch den bürgerlichen Staat und ihre Übertragung in die Hand der Arbeiterorganisationen.6
Die Enteignung war ein Instrument des Staates, um eine gewisse Unabhängigkeit von ausländischem Kapital zu gewinnen, ohne dass die Arbeiter:innenklasse selbst die Macht vollständig übernahm. Es war ein klassisches Beispiel für einen Bonapartismus, der über den Klassen steht, aber gezielt die Interessen von Kapital und Massen austariert – eben „sui generis“ im halbkolonialen Kontext.
In einigen Fällen konnten sich diese Bonapartismen nach links neigen, den Massen Zugeständnisse machen und gleichzeitig ihre Kontrolle über sie stärken, wie im Fall von Cárdenas, Hugo Chávez7, Thomas Sankara, Gamal Abdel Nasser (Ägypten, 1952–70) oder Kwame Nkrumah (Ghana, 1957–66). In anderen konnten sie zu einer Polizei- und/oder Militärdiktatur werden wie Augusto Pinochet (Chile, 1973–90), Anastasio Somoza (Nicaragua, 1937–79), Hosni Mubarak (Ägypten, 1981–2011). In Burkina Faso lassen sich die Grundzüge des Bonapartismus sui generis sehr deutlich in Traorés Regierung wiedererkennen – auch wenn die Kontexte sich unterscheiden. Traoré nutzt die Militärregierung und den Staatsapparat als Instrument, um die Souveränität Burkina Fasos gegenüber dem französischen Imperialismus zu behaupten, die sozialen Bedingungen der Bevölkerung zu verbessern und die nationale Wirtschaft im Rahmen des Staatskapitalismus zu stabilisieren.
Zurück zur Frage, ob wir mit einer Reinkarnation zu tun haben. Abseits von metaphysischen Vorstellungen von Wiedergeburt geht es darum, ob Traoré eine historische Linie fortführt, die Sankara begonnen hat – unter veränderten objektiven und subjektiven Bedingungen. Über die rhetorische und symbolische Bezugnahme hinaus greift Traoré zentrale Merkmale der Sankara-Ära auf – die Verselbständigung der Exekutive über die Klassen, die Mobilisierung von Militär und Bevölkerung, die Betonung nationaler Souveränität und die staatliche Kontrolle über Ressourcen – und adaptiert sie an die heutigen Bedingungen. Traoré steht nicht für die Rückkehr Sankaras selbst, sondern für die Wiederkehr eines Bonapartismus „sui generis“.
Das Traoré-Modell
Die wirtschaftlichen Bedingungen in Burkina Faso haben sich im 21. Jahrhundert verändert. Seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt Burkina Faso einen Bergbauboom. Gold löste 2009 Baumwolle als wichtigstes Exportgut des Landes ab und macht heute fast zwei Drittel der Deviseneinnahmen aus. Burkina Faso ist aktuell nach Ghana, Südafrika und Sudan Afrikas viertgrößter Goldproduzent. Diese ökonomische Wandlung eröffnet dem Staat neue Möglichkeiten, Kontrolle über die Bodenschätze zu erlangen und bildet einen zentralen Hebel der Politik von Ibrahim Traoré. Es soll darum gehen, den Reichtum aus Goldabbau und Landwirtschaft stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen, um die „nationale Souveränität“ gegenüber vor allem Frankreich zu behaupten. Auf dem Russland-Afrika-Gipfel, der vom 27. bis 28. Juli 2025 in St. Petersburg stattfand und bei der Delegationen aus 49 afrikanischen Ländern teilnahmen, nahm er darauf Bezug:
Wir verstehen nicht, wie Afrika, mit so viel Reichtum auf unserem Boden, mit großzügiger Natur, Wasser und Sonnenschein im Überfluss, heute der ärmste Kontinent sein kann. Afrika ist ein hungernder Kontinent. Und wie kommt es, dass Staatschefs überall auf der Welt betteln müssen? (…) Wir bemitleiden uns nicht selbst, wir verlangen auch nicht, dass uns jemand bemitleidet. Das Volk von Burkina Faso hat beschlossen zu kämpfen.8
Traoré führt den Prozess zur Ausweitung der Kontrolle über die Bodenschätze an. So wurden Rohgoldexporte teilweise gestoppt, um die Wertschöpfung im Land zu halten und eine nationale Raffinerie wurde errichtet. Die ganze Wirtschaftspolitik bleibt kapitalistisch, gesteuert vom Staat. Der Staat tritt selbst als Kapitalist auf, indem er Unternehmen entschädigt und Produktionsmittel übernimmt. Fünf Goldminenanlagen wurden an den staatlichen Bergbaukonzern übertragen. Es sind zwei aktive Minen und drei Explorationslizenzen, die sich früher im Besitz von Unternehmen wie Endeavour Mining und Lilium befanden. Die Übernahme der Boungou- und Wahgnion-Goldminen von Endeavour Mining durch die staatliche Gesellschaft Société de Participation Minière du Burkina (SOPAMIB) erfolgte durch Entschädigung. Berichten zufolge zahlte die burkinische Regierung etwa 80 Millionen US-Dollar. Es findet hier keine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern ihre besondere Form in einem abhängigen Land. Der Staat wird in Worten von Friedrich Engels, wie er im Buch „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ darstellte, vom „ideellen“ mehr und mehr zu einem tatsächlichen „Gesamtkapitalisten“:
Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben.9
Der industrielle und informelle Goldabbau in Burkina Faso führt zu erheblichen ökologischen und sozialen Belastungen. In vielen Bergbaugebieten werden hochgiftige Stoffe wie Quecksilber und Cyanid eingesetzt, um Gold aus Gesteinsproben zu extrahieren. Diese Substanzen gelangen über Abflusskanäle und Regenwasser in die Umwelt, kontaminieren Böden, Gewässer und die Luft und stellen eine direkte Gefahr für die Gesundheit der dort lebenden Bevölkerung dar. Besonders betroffen sind ländliche Gemeinden, die auf Landwirtschaft angewiesen sind. Diese ökologischen Veränderungen sind keine zufälligen Nebeneffekte, sondern eine direkte Folge der kapitalistischen Produktionsweise, die die Natur als Ressource für die Akkumulation von Kapital betrachtet.
Parallel zum Bergbau versucht Traoré durch eine Agraroffensive die Landwirtschaft zu modernisieren und die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu verringern. Maßnahmen wie der Einsatz moderner Geräte, die Verbesserung des Saatguts und der Bau von Verarbeitungsanlagen für Tomaten und Baumwolle sollen die Produktivität steigern und Wertschöpfung im Land halten. Die Landfrage bleibt aber ungelöst. Die Landwirtschaft wird in die kapitalistische Akkumulation integriert, nicht in eine kollektive Eigentums- und Produktionsform überführt. Millionen Kleinbauern arbeiten weiterhin in Subsistenzwirtschaft oder semi-kommerziellen Strukturen. Ein Teil der ländlichen Bevölkerung wird in den informellen Goldabbau gedrängt, der oft von internationalen Bergbauunternehmen kontrolliert wird, aber gleichzeitig Raum für kleine, informelle Arbeiter bietet. Diese Arbeit ist gefährlich, schlecht bezahlt und ökologisch schädlich, bietet aber für viele die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern.
Das Traoré-Modell ist untrennbar mit der geopolitischen Verschiebung in der Sahelregion verbunden. Ein zentrales Element der wirtschaftspolitischen Strategie unter Traoré ist die Abkopplung von der westafrikanischen Währungsunion (UEMOA) und dem CFA-Franc. Im Januar 2024 kündigte die Regierung an, die UEMOA zu verlassen, um die Abhängigkeit von Frankreich zu verringern und die eigene Geldpolitik zu kontrollieren.
Der französische Imperialismus ist nämlich seit Beginn der 2020er Jahre in akuter Krise, seine Vormachtstellung in der Sahelzone, die es traditionell als seinen „Hinterhof“ betrachtete, zu behaupten. Niger ist nach Burkina Faso, Guinea, Mali und dem Tschad das jüngste westafrikanische Land, das kürzlich vom Militär übernommen wurde. Die neuen Regierungen kündigten allesamt die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) und gründeten 2023 zunächst die Allianz der Sahelstaaten (AES). Im Juli 2024 verkündeten die drei Sahelstaaten, aus der Verteidigungsallianz eine Konföderation zu formen. Im Senegal gewann die Opposition nach starken Mobilisierungen, insbesondere unter jungen Menschen, die Präsidentschaftswahlen gegen den von Frankreich unterstützten Kandidaten. Diese politischen und militärischen Misserfolge des französischen Imperialismus haben seinen strukturellen Niedergang als dominierende Macht in der Region verstärkt.
Doch die Krise der Françafrique bedeutet nicht automatisch Befreiung. Sie öffnet einen Übergangsraum, in dem sich alternative Hegemonialprojekte überlagern: Frankreichs Hegemonie wird nun zunehmend von anderen Akteuren wie Russland, China und der Türkei in Frage gestellt, weil sich manche afrikanische Länder ihnen zuwenden. Traoré gehört zu jenen, die engere Beziehungen zu Russland anstreben.
Russland sieht in diesem potenziellen Konflikt eine Chance, die Akzeptanz der Sahel-Staaten zu gewinnen, die in ihm einen neuen Verbündeten sehen, der für Sicherheit sorgen kann und nicht von der Last einer Kolonialgeschichte belastet ist. Moskau eröffnete seine Botschaft in Burkina Faso 2023 wieder, nachdem es seit dem Zerfall der Sowjetunion 31 Jahre lang keine diplomatische Vertretung Russlands gegeben hatte. Die russische paramilitärische Gruppe „Bärenbrigade“ war im vergangenen Jahr monatelang im Land und bewachte Beamte der Militärregierung, darunter auch Traoré.
Die Vergabe einer industriellen Bergbaulizenz an das russische Unternehmen Nordgold im April 2025 ist ein Beispiel der wirtschaftlichen Folgen dieser Allianz. Im Juni 2025 unterzeichneten Burkina Faso und Russland ein Abkommen zur Nutzung der Kernenergie. Dies umfasst die Entwicklung von Nukleartechnologien in dem westafrikanischen Land. Da Burkina Faso als eines der am wenigsten elektrifizierten Länder der Welt gilt, sieht die Regierung in der Kernenergie eine Chance zur Steigerung der Energiekapazität.
Die zweite Achse der geopolitischen Neuausrichtung ist China. Seit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen (2018) haben sich Kredite, Handelsvolumen und projektgebundene Kooperationen stets erweitert. Im Energiesektor stehen Solarprojekte und Netzmodernisierung im Zentrum. Der Außenhandel zwischen Burkina Faso und China hat sich in den letzten Jahren sichtbar erhöht (Gold, Baumwolle, Rinderhäute/Leder; Importe unter anderem von Maschinen und Chemieerzeugnissen). Chinesische Banken agieren als Kapitalgeberinnen für Elektrizitäts- und Übertragungsprojekte. China ist heute der wichtigste Partner für Eisenbahnprojekte, Straßenbau und Telekommunikation in Burkina Faso. Laut einem Bericht der African Development Bank von 2024 flossen über 40 Prozent der großen Infrastrukturinvestitionen in Burkina Faso aus China. Diese Dynamik zeigt deutlich, dass die Burkina Faso im Rahmen der globalen Infrastruktur- und Investitionsstrategien Chinas zunehmend in eine neue Abhängigkeit abrutscht. Die Projekte dienen zwar dem Ausbau wirtschaftlicher Basisinfrastruktur, gleichzeitig aber werden sie stark von China und anfänglich Russland geprägt.
Am 1. September 2025 verabschiedete das Traoré-Regime ein Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellt. Konkret bedeutet dies, dass homosexuelle Handlungen als Verbrechen gelten, die mit Gefängnisstrafen und Geldbußen geahndet werden können. Nach Angaben der Regierung soll das Gesetz angeblich „die traditionellen Werte und die moralische Ordnung“ schützen und verhindern, dass die gesellschaftliche Stabilität durch „westliche Dekadenz“ gefährdet wird. Für LGBTQIA+-Menschen bedeutet dies jedoch nichts anderes als die Legalisierung staatlicher Verfolgung, Kriminalisierung ihrer Existenz und systematische Gewaltandrohung.
Ungleiche und kombinierte Entwicklung
Walter Rodney legte in seinem klassischen Werk „Wie Europa Afrika unterentwickelte“ dar, Afrikas Unterentwicklung sei nicht auf eine „inhärente Unterlegenheit“ oder einen Mangel an Ressourcen zurückzuführen, sondern vielmehr auf die ausbeuterische Beziehung zwischen Europa und Afrika, die sich während Jahrhunderten kolonialer Herrschaft entwickelt hat. Der Begriff Unterentwicklung findet bei ihm differenziert Anwendung:
Offensichtlich bedeutet Unterentwicklung nicht etwa das Nichtvorhandensein von Entwicklung, denn jedes Volk hat sich in irgendeiner Weise und in höherem oder geringerem Maße entwickelt. Die Verwendung des Begriffs ‚Unterentwicklung‘ ist also nur beim Vergleich verschiedener Entwicklungsstufen sinnvoll. […] Ein unabdingbarer Bestandteil der heutigen Unterentwicklung ist das besondere Ausbeutungsverhältnis: die Ausbeutung eines Landes durch ein anderes Land. Die heutige Unterentwicklung ist ein Ergebnis der kapitalistischen, imperialistischen und kolonialistischen Ausbeutung.10
Er hatte Recht. Unterentwicklung ist weder ein determiniertes Naturgesetz, noch ein bloßes Defizit. Sie ist ein Produkt der kapitalistischen Entwicklung selbst. Unterentwicklung und Entwicklung sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten desselben Prozesses. Die kapitalistische Expansion in Europa erzeugte Reichtum und industrielle Akkumulation, gerade indem sie Afrika in eine abhängige und ausbeuterische Position drängte. Was in Europa „Fortschritt“ hieß, beruhte zugleich auf der systematischen Unterentwicklung Afrikas.
Er untersuchte die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse, die Afrikas Geschichte geprägt und zu seiner Unterentwicklung beigetragen haben.
Die Gesellschaftsformationen in Asien und Afrika entwickelten sich eigenständig, bis sie direkt oder indirekt von den kapitalistischen Mächten übernommen wurden. Die Ausbeutung intensivierte sich, das jeweilige Mehrprodukt wurde exportiert. Die Gesellschaften wurden des Ertrags ihrer Naturschätze und ihrer Arbeit beraubt. Das bleibt ein wesentlicher Grund der heutigen Unterentwicklung.11
Die Abhängigkeitsverhältnisse sind bis heute aktuell. Das Beispiel von Burkinas Nachbarland Niger ist dafür passend: Trotz enormer Uranvorkommen, die für Frankreichs Atomindustrie unverzichtbar sind (ein Drittel des Urans für Frankreichs AKWs kommt aus Niger), gehört das Land zu den ärmsten der Welt. Der französische Konzern Orano schöpft die Profite ab, während die Bevölkerung Hunger und radioaktiven Altlasten ausgesetzt ist. Ähnliche Muster finden sich in Mali (Gold), im Kongo (Kobalt und Kupfer) und in Burkina Faso (Gold und Baumwolle).
Die kapitalistische Weltordnung ist von Beginn an durch eine fundamentale Asymmetrie geprägt. Der Kapitalismus entstand nicht gleichmäßig in allen Ländern, sondern entwickelte sich im ungleichen Tempo, oder in Worten Lenins: „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.“12
Manche Länder gingen seit dem Kapitalismus an der Spitze der ökonomischen Entwicklung voran, andere wurden in Abhängigkeit gehalten, wieder andere übersprangen einzelne Etappen oder verbanden unterschiedliche Entwicklungsstadien in einer widersprüchlichen Einheit. Trotzki entwickelte die Grundzüge der Theorie der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“, um zu erklären, warum ein „unterentwickeltes“ Land wie Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Schauplatz einer erfolgreichen proletarischen Revolution werden konnte.
Russland war gleichzeitig agrarisch-feudal geprägt und in einzelnen Sektoren hochindustrialisiert. Die Eisenbahn, die Petrograder Metallindustrie oder die Textilfabriken Moskaus standen auf der Höhe des Weltmarkts, während Millionen von Bauernfamilien in überkommenen Formen der Subsistenzwirtschaft lebten. Diese explosive Verbindung aus Unterentwicklung und Moderne schuf eine spezifische Dynamik: Die Bourgeoisie war zu schwach, um eine demokratische Revolution gegen den Zarismus konsequent zu führen, während das junge, aber konzentrierte Proletariat in der Lage war, über seine eigene Klassenbewegung hinaus auch die Aufgaben der Demokratie und nationalen Befreiung zu übernehmen.
Dabei war Trotzki nicht derjenige, der das Gesetz der ungleichen Entwicklung theoretisierte. Für ihn war „die Ungleichmäßigkeit das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses.“13 Er zeigte, dass diese Ungleichmäßigkeit in den abhängigen Ländern nicht bloß einfach einen Rückstand bedeutet, sondern eine historische Zwangslage schafft. Unter dem Druck des Weltmarkts sei die Unterentwicklung gezwungen, bestimmte Schritte zu „überspringen“:
Ein rückständiges Land eignet sich die materiellen und geistigen Eroberungen fortgeschrittener Länder an. Das heißt aber nicht, dass es ihnen sklavisch folgt und alle Etappen ihrer Vergangenheit reproduziert. (…) Gezwungen, den fortgeschrittenen Ländern nachzueifern, hält das rückständige Land die Reihenfolge nicht ein: Das Privileg der historischen Verspätung – und ein solches Privileg besteht – erlaubt, oder richtiger gesagt, zwingt, sich das Fertige vor der bestimmten Zeit anzueignen, eine Reihe Zwischenetappen zu überspringen.14
Damit brachte er zum Ausdruck, dass es keinen linearen, universellen Pfad der Entwicklung gibt. Die Vorstellung, jedes Land müsse die gleichen Stufen durchlaufen wie England oder Frankreich, widerlegte er als „stupiden Evolutionismus“. Vielmehr zwingt die Einbindung in den Weltmarkt auch die „unterentwickelten Gesellschaften“, moderne Technologien, Produktionsweisen und Herrschaftsformen zu übernehmen. Ebenso können in einem Land archaische Strukturen und hochmoderne Produktionsformen zugleich existieren. Er argumentierte, dass unterentwickelte Länder auch moderne Technologien übernehmen können, ohne alle früheren Entwicklungsphasen durchlaufen zu müssen.
Die Theorie der ungleichen und kombinierten Entwicklung ermöglicht uns, die Entwicklung in Burkina Faso zu verstehen: Hier treffen die Goldindustrie, die Einbindung in die globalen Märkte, traditionelle Agrarstrukturen und informeller Kleinbergbau aufeinander. Diese Konstellation lässt sich nicht mit simplen Stufenmodellen erklären, die ein „Nachholen“ der Entwicklung des Westens erwarten.
Der Weg zur Befreiung
Der Drang nach nationaler Selbstbestimmung in Afrika ist nicht zufällig entstanden. Die Geschichte der Region ist geprägt von Erfahrungen der Erhebung und der blutigen Niederschlagung. Jedes Mal, wenn die Völker der Region aufstanden, stoßen sie unweigerlich auf die direkte Gegenwehr des Imperialismus. Niger zeigt die Kontinuität dieser Linie: Als die dortige Militärführung Frankreichs Dominanz in Frage stellte, drängte Paris sofort darauf, die Nachbarstaaten sollten ihre Armeen entsenden, um die „Ordnung“ wiederherzustellen. Das Programm der nationalen Souveränität von Traoré stößt auf breite Unterstützung bei den Massen, weil sie darin eine aufrechte Haltung sehen, die eine Antwort auf jene koloniale Unterordnung gibt, die die Reichtümer des Kontinents in die Hauptstädte Europas trug, während Hunger, Analphabetismus und Elend zurückblieben. Die Menschen wollen nicht länger die Rohstoffquelle fremder Mächte sein. Sie wollen über ihr eigenes Land, ihre Arbeit und ihre Zukunft selbst bestimmen. Wer kann diesen Kreislauf durchbrechen und die Befreiung verwirklichen?
Die Theorie der ungleichen und kombinierten Entwicklung bildet das Fundament der Theorie der Permanenten Revolution, die besagt, dass in abhängigen Gesellschaften nicht nur Revolutionen möglich sind, sondern auch unter der Führung der Arbeiter:innenklasse sozialistische Revolutionen stattfinden können. Trotzki argumentierte, dass die Revolution in solchen Ländern nicht in getrennten Etappen verläuft, sondern als ein kontinuierlicher Prozess, der von der national-demokratischen zur sozialistischen Revolution übergeht.
Wie sieht die Zusammensetzung der burkinischen Arbeiter:innenklasse aus? Sie ist zahlenmäßig noch begrenzt, besitzt aber durch ihre Stellung in den Schlüsselsektoren des Landes – insbesondere der Goldindustrie – ein enormes Gewicht. Der industrielle Sektor, insbesondere der Bergbau, spielt eine zentrale Rolle. Wie bereits gesagt ist Burkina Faso einer der größten Goldproduzenten Afrikas, und der Bergbausektor beschäftigt sowohl formelle als auch informelle Arbeiter:innen. Der industrielle Bergbausektor Burkinas beschäftigt schätzungsweise 51.000 direkte und indirekte Arbeitskräfte. Die Allgemeine Arbeitervereinigung Burkina Fasos (CGT-B) ist in diesem Sektor aktiv. Das umfasst Minenarbeiter:innen sowie Personal in Infrastruktur und Logistik. Mit der Inbetriebnahme der ersten Goldraffinerie (von Marena Gold) entstehen nun zudem neue Schichten im Wertschöpfungsprozess. Dadurch verschiebt sich ein Teil der Wertschöpfung von der reinen Goldextraktion hin zur nationalen Verarbeitung.
Im Gegensatz dazu sind im informellen Bergbau etwa 1 bis 1,3 Millionen Menschen tätig. Diese Arbeiter:innen sind überwiegend in der Goldextraktion beschäftigt. Die informellen Bergarbeiter:innen in Burkina Faso sind meist Kleinbäuer:innen, Wanderarbeiter:innen oder Teilzeitkräfte. Sie sind fast ausschließlich in der Extraktion tätig. Sie fördern das Rohgold aus kleineren Minen oder Flussablagerungen und bearbeiten das Gestein mit einfachen Werkzeugen. Dieser Sektor ist jedoch durch Unsicherheit, geringe Produktivität und fehlende soziale Absicherung gekennzeichnet. Dementsprechend wurden die Kämpfe oft durch die informelle Struktur des Sektors erschwert, da viele Arbeiter:innen nicht offiziell angestellt sind und daher keinen Zugang zu gewerkschaftlicher Unterstützung haben. Die formelle Arbeitskraft ist in großen Minen tätig, während Millionen von informellen Arbeiter:innen in kleineren, oft illegalen Minen arbeiten.
Das staatliche Unternehmen Burkinische Gesellschaft für Textilfasern (Société Burkinabè des Fibres Textiles/SOFITEX) spielt eine zentrale Rolle in der Verarbeitung der Baumwolle. SOFITEX betreibt Textilfabriken, in denen die Baumwolle zu Garn und Stoffen verarbeitet wird. Die Arbeiter:innen in diesen Fabriken sind oft schlecht bezahlt und arbeiten unter prekären Bedingungen. Kinderarbeit ist in der Baumwoll-, Textil- und Bekleidungsindustrie ist ein großes Problem.
Der Dienstleistungssektor, insbesondere der öffentliche Dienst, umfasst Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Verwaltung und Transportwesen. Die Gewerkschaft der Arbeiter im Gesundheitswesen (SYNTSHA) ist eine der ältesten und aktivsten Gewerkschaften in Burkina Faso. Arbeiter:innen in diesen Sektoren sind oft besser organisiert und haben in der Vergangenheit wiederholt für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne gekämpft. Die Gewerkschaft der Arbeiter:innen im Bildungs- und Forschungsbereich ist ebenfalls Teil der CGT-B.
Trotz ihrer Bedeutung sehen sich die Gewerkschaften in Burkina Faso mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Die militärische Regierung unterdrückt zunehmend gewerkschaftliche Aktivitäten und schränkt die Meinungsfreiheit ein.
Auf der anderen Seite stehen Millionen von Bäuer:innen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hängt weiterhin direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab. Den aktuellen Zahlen zufolge arbeiten etwa 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten im Agrarsektor. Das heißt: Die Bauernschaft bleibt zahlenmäßig immer noch dominierend und trägt den größten Teil der Produktion. Doch sie sind unterdrückt durch Händler, verschuldet bei Banken, ausgeplündert durch internationale Märkte und betroffen von den Folgen der Umweltschäden. Es geht darum, ob sie eine führende Kraft an ihrer Seite haben, die fähig ist, das Ganze der Gesellschaft zu erfassen. Diese Kraft ist das Proletariat. Nur sie kann die universelle Aufgabe der Emanzipation erfüllen. Nicht, weil sie moralisch besser ist, sondern weil sie von ihrer Stellung im Produktionsprozess aus die gesamte Gesellschaft mitziehen kann. Die Hegemonie des Proletariats bedeutet, dass es nicht nur seine eigenen Interessen verfolgt, sondern die der Bauernschaft, des städtischen Kleinbürgertums, der Frauen und Jugend aufnimmt. Sie kann die Bauernschaft anführen, indem sie ihre Forderungen nach Land, Wasser, Zugang zu Saatgut und Werkzeugen, Schutz vor Vertreibung, Kredite ohne Schuldenfalle etc. zum Teil ihres Programms macht. So wird die Landfrage zur Frage der gesellschaftlichen Verfügung über alle Ressourcen. Die Wasserfrage wird zur Frage eines gesamtgesellschaftlichen Plans, der Leben sichert statt Profite. Die Arbeiter:innenklasse ist die einzige Klasse, die diese Rolle spielen kann. Sozialistischer Aufbau bedeutet nicht sofortige Vollendung, sondern den Weg einzuschlagen, auf dem jede konkrete Maßnahme die Logik der Befreiung vertieft.
Die Erfahrungen von Burkina Faso lehren, dass bonapartistische Führungen hauptsächlich Bedingungen schaffen, unter denen Massen mobilisiert werden, ohne dass sie selbst bestimmen. Der Bonapartismus balanciert zwischen den Klassen, statt sie zu überwinden. Er mobilisiert die Massen, aber verwehrt ihnen die Entscheidung. Das bedeutet, dass die Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung in Burkina Faso nicht die bonapartistische Regierung sein kann. Die Entkolonialisierung der Wirtschaft – sei es durch den Bruch mit CFA-Franc, die Kontrolle über Bodenschätze oder den Aufbau eigener Industrien – ist mehr als eine Frage der nationalen Souveränität. Wer entscheidet über Produktion, Arbeitszeit, Löhne, ökologische Standards? Wer bestimmt über Forschung, Innovation, Nutzung der Ressourcen? Die Selbstbestimmung bleibt unvollständig, solange Banken, Händler und ausländisches Kapital über Preise, Kredite und Investitionen entscheiden. Rohstoffe, die Goldminen, Baumwollplantagen, Infrastrukturprojekte – alles, was formal „nationalisiert“ oder kontrolliert wird, bleibt ökonomisch noch unter der Logik der Profitmaximierung und der Abhängigkeit von internationalen Märkten, solange die Arbeit selbst nicht gesellschaftlich kontrolliert wird.
Die burkinische Arbeiter:innenklasse, so kämpferisch und organisiert sie auch sein mag, ist auf regionale und internationale Kooperation angewiesen. Die Produktionsmittel, die Märkte und die Infrastrukturen der Region sind eng miteinander verflochten, die Wirtschaft hochgradig abhängig von Exporten, ausländischen Investitionen und Lieferketten. Ohne die Verbindung zur internationalen Arbeiter:innenbewegung, die Solidarität der Arbeiter:innen in Nachbarstaaten oder in den imperialistischen Zentren, würden die sozialen Errungenschaften in Burkina Faso sofort von den internationalen Staaten blockiert, sabotiert oder militärisch unterdrückt werden, wie lehrreiche Erfahrung der Revolutionen in Afrika zeigen.
Das sozialistische Projekt ist auf Kooperation und Solidarität zwischen den proletarischen Bewegungen der Region und international angewiesen. Das liegt daran, dass die nationalen Produktionsverhältnisse isoliert betrachtet nicht die Kraft besitzen, den Kapitalismus in seiner heutigen imperialistischen Form vollständig zu überwinden. Die burkinische Arbeiter:innenklasse alleine kann weder die Rohstoffmärkte kontrollieren, noch die industriellen Produktionsketten autonom gestalten. Deshalb ist Solidarität mit den Arbeiter:innen in den Nachbarstaaten sowie international notwendig. Eine erfolgreiche sozialistische Bewegung würde planwirtschaftliche und regionale Koordination von Transport, Energie, Kommunikation und Handel als planmäßige Verteilung von Waren, Rohstoffen, Energie und Dienstleistungen nach gesellschaftlichem Bedarf erfordern. In dieser Perspektive wird die Revolution in einem afrikanischen Land zum Ausgangspunkt einer Kettenreaktion, die sich über Grenzen hinweg ausbreitet und die Bedingungen des Kapitalismus in Frage stellt. Dies entspricht der Logik der permanenten Revolution. Die Aufgaben des Proletariats in dieser Phase sind daher doppelt. Es geht darum, die Massen sowohl aus der Abhängigkeit von bonapartistischen Regierungen als auch vom Joch des Imperialismus zu befreien.
Fußnoten
- 1. Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 8, Dietz Verlag, Berlin 1960, S.111-207, hier S. 15.
- 2. Das westafrikanische Land hieß Obervolta, da es eine französische Kolonie war und erst 1960 seine Unabhängigkeit erklärte. Doch erst unter Thomas Sankara wurde im Jahr 1984 das Land in Burkina Faso (Land der aufrechten Menschen) umbenannt, um mit dem kolonialen Erbe der Vergangenheit zu brechen.
- 3. Die Fulbe leben im ganzen Sahel. In Burkina Faso sind sie traditionell Viehzüchter:innen, zunehmend auch sesshafte Bäuer:innen. Es gibt ständig Konflikte mit Mossi, Bobo und Gurunsi, vor allem wegen Land- und Wasserrechten.
- 4. Karl Marx: Brumaire, S. 154.
- 5. Leo Trotzki: Nationalisierte Industrie und Arbeiterselbstverwaltung, https://www.workerscontrol.net/de/activists/nationalisierte-industrie-und-arbeiterselbstverwaltung [6. September 2025].
- 6. Ebd.
- 7. Nathaniel Flakin: Gab es eine sozialistische Revolution in Venezuela? Chávez vs. Trotzki, Klasse Gegen Klasse, 6. November 2021, [7. September 2025].
- 8. Eigene Übersetzung des Verfassers nach der zuletzt am 7. September 2025 aufgerufenen Version des Artikels.
- 9. Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 19, Dietz Verlag, Berlin 1962, S.177–228, hier S. 222.
- 10. Walter Rodney: Afrika.Die Geschichte einer Unterentwicklung, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1975, S. 13.
- 11. Ebd.
- 12. Wladimir Iljitsch Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Ders., Werke, Band 21, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 342–346, hier S. 345.
- 13. , 2. Auflage, Mehring Verlag, Essen 2023, S. 43.
- 14. Ebd., S. 42f.