Deutschland

Die deutsche Linke hat ein Imperialismus-Problem: “Nicht entschuldigen, angreifen!”

Ein neuer Zusammenschluss deutscher und israelischer Sozialist*innen veranstaltet am 10. Februar eine Konferenz in Berlin. Sie wollen die Instrumentalisierung des deutschen Genozids an den Juden*Jüdinnen zur Durchsetzung und Legitimierung rechter Politik unter die Lupe nehmen. Dafür kommen mehrere namenhafte Aktivist*innen in die deutsche Hauptstadt, um ihre Erfahrungen und Ansichten zu präsentieren.

Die deutsche Linke hat ein Imperialismus-Problem:

Die zunehmenden Angriffe auf israelkri­tis­che oder antizion­is­tis­che Ver­anstal­tun­gen machen deut­lich, was längst ein offenes Geheim­nis ist: Die deutsche Linke hat nicht nur ein Ras­sis­mus-Prob­lem, son­dern auch ein Impe­ri­al­is­mus-Prob­lem. Dass sich reak­tionäre Ten­den­zen, für die wir manch­mal fälschlicher­weise den unpassenden Namen „Anti­deutsche“ ver­wen­den, in linken Struk­turen immer noch willkom­men sind, ist auch unsere eigene Schuld als Linke. Dass sie sich immer wieder der Gräueltat­en der eige­nen Großel­tern­gener­a­tion bedi­enen und Linke ungestört als „Anti­semiten“ dif­famieren, ist von daher für uns alle ein Armut­szeug­nis. Ein neuer Zusam­men­schluss mit dem Namen „Pro­jekt Kri­tis­che Aufk­lärung“ (PKA) macht es sich jet­zt zum Ziel, mit­tels ein­er großen Kon­ferenz in Berlin gegen diese „Instru­men­tal­isierung von Juden, Juden­tum und der jüdis­chen Katas­tro­phe“ ide­olo­giekri­tisch zu inter­ve­nieren.

Für viele nicht-weiße und vor allem aus mus­lim­is­chen Hin­ter­grund stam­menden Aktivist*innen ist es schon seit Jahren gang und gäbe, als „Anti­semiten“ dif­famiert zu wer­den, wenn sie sich für die Sol­i­dar­ität mit Palästi­na oder gegen Ras­sis­mus in Deutsch­land stark machen. So kann eine Dozentin an der FU ihren Arbeit­splatz ver­lieren oder die Kurator*innen ein­er Ausstel­lung durch den Dreck gezo­gen wer­den. Rechte Akteur*innen in linken Kreisen fühlen sich mit­tler­weile ermutigt, auch jüdis­che Aktivist*innen mit ähn­lichen Vor­wür­fen anzu­greifen. So wurde der israelis­che His­torik­er Moshe Zuck­er­mann durch eine Quer­front von Jut­ta Dit­furth und ihrer Ökolinx bis hin zum CDU-Bürg­er­meis­ter von Frank­furt Uwe Beck­er ein­er Het­zkam­pagne aus­ge­set­zt, weil er auf ein­er Kon­ferenz sprach, die sich mit der Besatzung des West­jor­dan­lands 1967 befasste. Als jüdis­che LGBTI*-Aktivist*innen zusam­men mit ihren Genoss*innen gegen die Zusam­me­nar­beit des Berlin­er CSD mit der israelis­chen Botschaft demon­stri­erten, wur­den sie sog­ar von einem Abge­ord­neten der Linkspartei mit ein­er Fah­nen­stange geschla­gen.

Solche Rechte wis­sen sehr wohl, dass sie irgend­wann ins Lächer­liche abrutschen, wenn sie – als Enkel der Täter*innen – jüdis­che Aktivist*innen des Anti­semitismus bezichti­gen. So hat sich beispiel­sweise das Het­zblatt „Jun­gle World“ nicht getraut, mich „Anti­semit“ zu nen­nen. Stattdessen ver­bre­it­ete es den Unfug, dass ich meine „Abso­lu­tion“ suche und als „Assim­i­la­tion­sange­bot“ Antizion­ist gewor­den sei – natür­lich kann der „arme Jude“ kein han­del­ndes poli­tis­ches Sub­jekt sein, son­dern ist nur von sein­er Ursünde getrieben.

Durch die Vor­fälle in Frank­furt oder auch ähn­liche in München oder Bonn wird klar, dass solche Kam­pag­nen auch bei Men­schen mit beschnit­ten­em Vorhaut keinen Halt mehr machen. Und genau da ist der Knack­punkt, der eine Ent­larvung der Wider­sprüche dieser ange­blichen Kämpfer*innen gegen Anti­semitismus ermöglicht. Ihre soge­nan­nten Kam­pag­nen gegen Anti­semitismus haben mit der Bekämp­fung der ras­sis­tis­chen Diskri­m­inierung von jüdis­chen Men­schen auf­grund ihrer Reli­gions- oder ver­meintlichen eth­nis­chen Zuge­hörigkeit nichts zu tun, son­dern drehen sich vielmehr um die eigentliche Frage, die in solchen Kreisen immer wieder gestellt wird: Bist du „israel­sol­i­darisch“ oder nicht? Sprich: Unter­stützt du Besatzung und Apartheid, oder lieber diejeni­gen, die darunter lei­den?

Man kann so eine Kon­ferenz nur begrüßen, und die Liste der Referent*innen ist vielver­sprechend. Bekan­nte Intellek­tuelle und Aktivist*innen wie Moshe Zuck­er­mann oder der Schaus­piel­er Rolf Beck­er wer­den sich zu Wort melden. Die britis­che Bürger*innenrechtsaktivistin und „Labour“-Mitglied Jack­ie Walk­er, die ihre Posi­tion als stel­lvertre­tende Vor­sitzende von „Momen­tum“ (eine linke Strö­mung, die Jere­my Cor­byn unter­stützt) auf­grund solch­er Het­zkam­pag­nen ver­lor, wird auch von ihren Erfahrun­gen erzählen, die sie auch zu einem The­ater­stück ver­ar­beit­et hat.

Am span­nend­sten ist aber vielle­icht der Auftritt von dem „Matzpen“-Mit­be­grün­der Moshé Machover aus Lon­don – heute ein­er der wichtig­sten und inter­es­san­testen noch leben­den israelis­chen Aktivist*innen der 1970er Jahre. Titel seines Beitrags: “Nicht entschuldigen, angreifen!” Durch ihre und andere Beiträge wer­den hof­fentlich nicht nur die Wider­sprüche dieses komis­chen impe­ri­al­is­tis­chen Auswuch­ses der Linken analysiert, son­dern auch dessen Struk­turen und Arbeitsweisen ent­larvt.

One thought on “Die deutsche Linke hat ein Imperialismus-Problem: “Nicht entschuldigen, angreifen!”

  1. Ich bedau­re es sehr nicht an dieser Kon­ferenz teil­nehmen zu kön­nen, aber ich wün­sche ihr allen erden­klichen Erfolg.

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