Hintergründe

Zionismus und Antisemitismus

Ein grundlegendes Problem in der Ansicht vieler deutscher Linken auf Palästina und den Zionismus besteht darin, dass das Paradigma unkritisch akzeptiert wird, der Zionismus sei eine emanzipatorische Antwort auf den Nationalsozialismus. Schon historisch ist diese Annahme falsch – die zionistische Bewegung und die ersten Stufen der Kolonisierung Palästinas entstanden einige Jahrzehnte vor dem deutschen Faschismus. Nichtdestotrotz besteht natürlich eine Beziehung zwischen dem Zionismus und dem europäischen Antisemitismus; diese Beziehung ist aber viel weniger kausal und viel dialektischer, als es in dem hegemonialen Diskurs in Deutschland gesehen und analysiert wird. Der folgende Text ist eine deutsche Übersetzung des Artikels „Zionism and Anti-Semitism“ vom 10. Februar 1972. Übersetzung und Vorwort von Dror Dayan.

Zionismus und Antisemitismus

Bild: Demon­stra­tion der schwarzen Pan­ther in Israel, die von Matzpen unter­stützt wurde, um 1970

Vor­wort

Eine Grun­dan­nahme der neokon­ser­v­a­tiv­en zion­is­tis­chen Strö­mungen inner­halb link­er Struk­turen – auch fälschlicher­weise „Anti­deutschen“ genan­nt – ist, der Anti­semitismus sei eine inhärente Tugend der deutschen oder europäis­chen Gesellschaft (seit einiger Zeit wird diese inhärente Tugend auch dem Islam zugeschrieben). Diese Analyse ist weit ver­bre­it­et, obwohl es jeder*m Marxist*in sofort klar­w­er­den müsste, dass sie rein ide­al­is­tisch und undi­alek­tisch ist, an Biol­o­gis­mus gren­zt und jegliche materiellen Umstände und soziale Struk­turen ignori­ert. Genau diese Posi­tion ver­tritt auch der Zion­is­mus – dass eine Gesellschaft ohne Diskri­m­inierung von Juden*Jüdinnen in Europa ein­fach nicht möglich sei. So wird der Anti­semitismus jeglichem sozialen Kon­text entris­sen und die rev­o­lu­tionäre Möglichkeit ein­er sozial­is­tis­chen Befreiung von allen For­men des Ras­sis­mus negiert.

Dieser kon­ser­v­a­tiv­en Anschau­ung müssen wir eine kri­tis­che und argu­men­tierte Posi­tion ent­ge­gen­stellen. Den Anti­semitismus, wie alle anderen gesellschaftlichen Erschei­n­ungs­for­men des Kap­i­tal­is­mus, kön­nen wir nur mit­tels ein­er marx­is­tis­chen Analyse ver­ste­hen und bekämpfen. Da müssen wir keines­falls das Rad neu erfind­en ­– dem Zion­is­mus wurde seit sein­er Grün­dung aus einem rev­o­lu­tionären sozial­is­tis­chen Stand­punkt kon­se­quent ent­ge­genge­treten. Ein führen­der Akteur davon inner­halb der israelis­chen Gesellschaft war die Gruppe „Israeli Social­ist Organ­i­sa­tion“ (ISO), bess­er unter dem Namen ihrer Zeitschrift „Matzpen“ bekan­nt. Diese israelis­che antizion­is­tis­che und inter­na­tion­al­is­tis­che Gruppe, die bis in die 80er Jahre aktiv war, war vielle­icht die entsch­ieden­ste und kri­tis­chste Oppo­si­tion zu dem Zion­is­mus im „eige­nen“ Land. Sie hat sich von anderen Grup­pen vor allem darin unter­schieden, dass sie die Verbindung von The­o­rie und Prax­is nie ver­nach­läs­sigt hat. Das Archiv ihrer Zeitschriften, vor allem das Band „The Oth­er Israel“, ermöglicht uns eine kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit der Dialek­tik von Zion­is­mus und Anti­semitismus, die heutzu­tage nur wichtiger wird.

Der fol­gende Text ist eine deutsche Über­set­zung des Artikels „Zion­ism and Anti-Semi­tism“, ver­fasst von zwei führen­den Mit­gliedern Matzpens, Aki­va Orr und Moshe Machover, damals unter dem Pseu­do­nym N. Israeli. Ich hoffe, linke Aktivist*innen und Grup­pierun­gen im deutschsprachi­gen Raum kön­nten von diesem Text in ihrer poli­tis­chen Arbeit Gebrauch machen, um die Argu­mente zion­is­tis­ch­er Grup­pierun­gen inner­halb und außer­halb link­er Struk­turen so zu ent­lar­ven, wie sie sind – als ide­al­is­tis­che, reak­tionäre, oft ras­sis­tis­che Pro­pa­gan­da.

 

Zionismus und Antisemitismus

Eine von Matzpen bear­beit­ete Ver­sion eines Artikels von N. Israeli

Die Beziehung zwis­chen dem Zion­is­mus und dem Anti­semitismus ist von einem emo­tionellen Nebelvorhang umgeben, der viele Men­schen – auch Juden*Jüdinnen – davon abschreckt, ihre Beden­klichkeit­en über den Zion­is­mus auszus­prechen. Diese Abnei­gung ist der zion­is­tis­chen Öffentlichkeit­sar­beit sehr bekan­nt, die dann in ein­er Art emo­tioneller Erpres­sung davon Gebrauch macht.

Gegen das Ende des neun­zehn­ten Jahrhun­derts haben die haupt­säch­lich der Mit­telk­lasse ange­hören­den Juden*Jüdinnen Wes­teu­ropas ein großes Maß an legaler Gle­ich­berech­ti­gung mit Nichtjuden*Jüdinnen erre­icht. Nicht­destotrotz waren sie immer noch von voller gesellschaftlich­er Inte­gra­tion weit ent­fer­nt, und eine Wiederver­schlim­merung des Anti­semitismus hat ihre schon errun­genen Erfolge gefährdet. Gle­ichzeit­ig blieben den armen Juden*Jüdinnen Osteu­ropas selb­st die grundle­gend­sten Zivil­rechte ver­boten, und die anti­semi­tis­che Reak­tion inten­sivierte sich in allen Lebenssphären. Der Zion­is­mus ent­stand aus der wach­senden Frus­tra­tion von den Kämpfen für kom­plette gesellschaftliche Inte­gra­tion und demokratis­che Rechte. Die zion­is­tis­che Ide­olo­gie lieferte eine schein­hafte Erk­lärung für die Nieder­lage dieser Kämpfe. Sie proklamierte, die Ver­fol­gung der Min­der­heit­en sei nicht das Resul­tat von spez­i­fis­chen sozialen, poli­tis­chen, wirtschaftlichen und kul­turellen Umstän­den. Vielmehr, verkün­dete der Zion­is­mus, sei die Ver­fol­gung von Min­der­heit­en der men­schlichen Natur inhärent. Aus diesem Grund sei es sinn­los, sie zu bekämpfen; stattdessen müsse man sie akzep­tieren und sich so gut wie möglich an diesem unver­mei­dlichen, ewigen Böse anpassen. Theodor Her­zl, der Grün­der des Zion­is­mus, ein assim­i­liert­er wes­teu­ropäis­ch­er Jude, der durch den Schock der Drey­fus-Affäre sich seines „Juden­tums“ bewusst wurde, fasste seine Ein­stel­lung zum Anti­semitismus fol­gen­der­maßen zusam­men:

In Paris, wie gesagt, habe ich eine freiere Ein­stel­lung zum Anti­semitismus erlangt, den ich jet­zt beginne, his­torisch nachzu­vol­lziehen und zu entschuldigen. Vor allem erkan­nte ich die Gehalt­losigkeit und Sinnlosigkeit der Ver­suche, Anti­semitismus zu „bekämpfen“. [1]

Dieser pes­simistis­che Ansatzpunkt, der eine unverän­der­bare, inhärent böse men­schliche Natur voraus­set­zt, wird oft von zion­is­tis­chen Sprech­per­so­n­en abgemildert. Er wird aber laut und deut­lich von denen aus­ge­sprochen, die Diplo­matie nicht berück­sichti­gen müssen. J. Bar-Yossef ist ein typ­is­ches Beispiel für die extremere Posi­tion:

Die Gen­er­a­tion, in der der Zion­is­mus geboren ist, hat­te großes Ver­trauen an men­schlichem Fortschritt und Fra­ter­nität. Sie hat Rousseaus The­o­rie akzep­tiert, der zufolge die men­schliche Natur grundle­gend gut ist: Lasst die Leute anständig leben, und die men­schliche Gesellschaft wird eine Gesellschaft von Engeln… Die Min­der­heit muss ver­ste­hen, dass die men­schliche Natur grundle­gend böse ist, dass die Mehrheit die Min­der­heit immer anhand ihrer Lust und Laune behan­deln wird. Gele­gentliche Wellen des Lib­er­al­is­mus haben bloß einen tem­porären Charak­ter… Keine Aus­bil­dung, Fortschritt, Lib­er­al­is­mus oder Human­is­mus kön­nte die Min­der­heit ret­ten, wenn die Zeit des Schreck­ens kommt. [2]

Es gibt eine weit­ere Strö­mung inner­halb des Zion­is­mus, die die erfol­gre­iche Inte­gra­tion und Assim­i­la­tion nicht nur für unmöglich hält, son­dern sie sog­ar als katas­trophal betra­chtet. Oft ver­mis­chen sich diese bei­den Strö­mungen, aber die stursten Befürworter*innen der zweit­en Strö­mung denun­zieren die Inter­pre­ta­tion des Zion­is­mus als eine Antwort auf Druck von außen. Diese betra­cht­en sie als schädlich für den Zion­is­mus und sehen ihn stattdessen als einen natür­lichen Aus­druck jüdis­chen Nation­al­is­mus. Israel Sheib ver­tritt diese Ansicht:

Die Wurzel alles Bösen in der (jüdis­chen) Geschichte stammt aus der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion und der abscheulichen Emanzi­pa­tion. Der Zion­is­mus wurde uns aufgezwun­gen. Die meis­ten Men­schen, die jet­zt hier (in Israel) sind, sind hier, weil sie nir­gend­wo son­st leben kön­nten, sich nir­gend­wo assim­i­lieren kön­nten. Warum gibt es keine Massenein­wan­derung von Tausenden von Juden*Jüdinnen nach Palästi­na, jet­zt, wo wir es zurücker­obert haben? Sagt mir nicht, es sei die Schuld der „Jew­ish Agency“ oder dass die ökonomis­chen Mit­tel fehlten. Die Dias­po­ra liegt tief in uns und das religiöse Juden­tum hat der Wieder­aufer­ste­hung in Palästi­na nicht den Weg bere­it­et. Diese Auf­gabe wurde Her­zl, Jabotin­sky und Ben-Guri­on gere­icht, und sie waren Pro­duk­te ein­er bankrot­ten Emanzi­pa­tion. Daher stam­men all unsere andere Kom­plexe wie „wir kamen her“, „wir sind fortschrit­tlich“, „wir sind human­is­tisch“ usw. Das ist alles so, weil die zwei großen Rev­o­lu­tio­nen, die franzö­sis­che und die rus­sis­che, die Fahne der Inte­gra­tion, Assim­i­lierung, Kos­mopolitismus gehisst haben, Ideen, die wir als erste angenom­men haben. Da wir dort scheit­erten und hier­herka­men, fühlen wir uns unbe­quem wegen der Araber, des Mil­i­taris­mus und Krieges. Diese Unbe­quem­lichkeit ist die geistige Krise. Selb­st das religiöse Juden­tum glaubt heute daran, dass der Mes­sias eigen­ständig kom­men würde, dass nichts gemacht wer­den muss, dass es einen Staat gibt, eine zion­is­tis­che Organ­i­sa­tion, eine herrschende Partei, die sich mit prak­tis­ch­er Poli­tik befassen. Aber wir befassen uns hier mit Fra­gen der Ewigkeit, nicht der Poli­tik. Deswe­gen laufen aller Parteien den his­torischen Geschehen hin­ter­her, anstatt die Schuld in dem Weg selb­st zu sehen. [3]

So wird der falschen Ver­all­ge­meinerung, die Ver­fol­gung von Min­der­heit­en sei der men­schlichen Natur inhärent, der Wun­sch hinzuge­fügt, jüdis­che Getren­ntheit, „Jude­sein“ als ober­sten Wert zu verewigen. Die erste Ein­stel­lung betra­chtet den Anti­semitismus als Übel und Inte­gra­tion als unver­mei­d­bares Scheit­ern; die zweite betra­chtet den Anti­semitismus als ein Segen und Inte­gra­tion als ein Übel, das ver­mieden wer­den muss. Eine benebelte Kom­bi­na­tion bei­der Ein­stel­lun­gen treibt die meis­ten sprachge­wandten Zionist*innen. Und hier entste­ht eine gewisse charak­ter­is­tis­che Ambivalenz des Zion­is­mus dem Anti­semitismus gegenüber. Auf der einen Seite wird der Anti­semitismus gehas­st und befürchtet, da er die reine Exis­tenz der Juden*Jüdinnen ver­let­zt und bedro­ht. Auf der anderen Seite aber verewigt er das „Jude­sein“ indem es die Juden*Jüdinnen dazu zwingt, sich in Selb­stvertei­di­gung zusam­men­zuschließen.

Der lib­erale Zion­ist Uri Horary drückt diese Ambivalenz in einem gemäßigteren Ton aus:

Natür­lich ist es nicht gewöhn­lich, darüber in der Öffentlichkeit zu reden, aber viele von uns ver­spürten ein kleines biss­chen Freude, als wir die Zeitungs­berichte über die Welle der Hak­enkreuze in Europa 1960 lasen; oder über die pro-Nazi Bewe­gung in Argen­tinien. Auch heute haben wir sehr gemis­chte Gefüh­le, wenn wir über den wach­senden Anti­ju­dais­mus der schwarzen Anführer*innen in den USA lesen. Zusam­men mit aller Wut, Schock und Erniedri­gung, bilden diese Erschei­n­un­gen ein Teil unser­er Weltan­sicht, da der Zion­is­mus sagte, und sagt immer noch, so sind halt die Dinge. So muss zwangsläu­fig die Real­ität sein, solange Juden*Jüdinnen unter nicht-Juden*Jüdinnen leben. [4]

Direk­ter sind die Worte Dr. Gevaryahus in einem Bericht über die Sit­u­a­tion der europäis­chen jüdis­chen Gemein­den:

Das schwedis­che Juden­tum ist auch durch Assim­i­lierung kor­rodiert, und selb­st die Idee ein­er Migra­tion nach Israel ist noch fern… Anti­semitismus hat eine gewisse Rolle in der Bewahrung von Juden*Jüdinnen und Juden­sein zu spie­len … Der Anti­semitismus ähnelt der jüdis­chen Art des Leben­sun­ter­haltsver­di­enens – zu reich oder zu arm Sein ist unge­sund für die Exis­tenz des Juden­tums. Das gle­iche gilt für Anti­semitismus: zu viel oder zu wenig davon ist nicht willkom­men, aber in angemesse­nen Men­gen wohl. Er erin­nert die Juden*jüdinnen daran, wer sie sind, und zwingt sie dazu, bei Ihres­gle­ichen und ihrer altertüm­lichen Heimat treu zu bleiben. [5]

Wenn einst die Annahme, Ver­fol­gung von Min­der­heit­en sei der men­schlichen Natur inhärent, akzep­tiert wird, fol­gt der Rest des zion­is­tis­chen Argu­ments müh­e­los. Wenn von der feindlichen Mehrheit nicht erwartet wer­den kann, dass sie ihren bösen Charak­ter über­windet, bleibt der Min­der­heit nur die Möglichkeit ein­er exk­lu­siv­en Selb­st­be­freiung übrig. Das war die grundle­gende Idee hin­ter Leo Pinskers Broschüre von 1892, „Autoe­manzi­pa­tion“, die behauptete, der einzige Weg, für eine ver­fol­gte Gruppe die Kon­trolle über ihr Schick­sal zurück­zuer­lan­gen, sei durch die Etablierung ihres eige­nen Nation­al­staates, in dem sie die Mehrheits­macht hält.

Aber der Zion­is­mus hat die Ver­fol­gung von Min­der­heit­en in Israel wed­er abgeschafft, noch kann er das tun. Stattdessen trans­formierte er die Juden*Jüdinnen von ein­er ver­fol­gten Min­der­heit in eine unter­drück­ende Mehrheit. Dem Zion­is­mus gelang es bloß, seine eigene Ver­sion der Welt zu erschaf­fen, aus der die Juden*Jüdinnen abgewiesen wur­den. Eigentlich wid­mete Her­zl viele Seit­en sein­er Tage­büch­er der Beschrei­bung des jüdis­chen Staates als eine lib­er­al­isierte Ver­sion der Hab­s­burg­er­monar­chie, der öster­re­ichis­chen Gesellschaft der späten 1890er Jahre.

Indem er die Migra­tion nach Palästi­na als die einzige mögliche Lösung des Prob­lems des Anti­semitismus vorschrieb, fand sich der Zion­is­mus iro­nis­cher­weise im sel­ben Lager zusam­men mit den­jeni­gen Antisemit*innen, die die Kämpfe der jüdis­chen Gemeinde für Zivil­rechte und gesellschaftliche Inte­gra­tion mit dem Spruch „Geht nach Palästi­na“ erwidert haben. Typ­is­cher­weise wurde die Ini­tia­tive in dem Kampf gegen den Nazis­mus in den 1930er Jahren von nicht-Zionist*innen und ihren Organ­i­sa­tio­nen getra­gen. Je heftiger der Kampf wurde, desto weit­er weg standen die zion­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen vom restlichen europäis­chen Juden­tum. Die zugrun­deliegen­den Berück­sich­ti­gun­gen wer­den in einem Brief Ben-Guri­ons an die zion­is­tis­che Führungskraft erläutert, der vom 17. Dezem­ber 1938 datiert:

Das jüdis­che Prob­lem heute ist nicht mehr das, was es war. Das Schick­sal der Juden*Jüdinnen in Deutsch­land ist kein Ende, son­dern ein Anfang. Andere anti­semi­tis­che Staat­en wer­den von Hitler ler­nen. Mil­lio­nen von Juden*Jüdinnen ste­hen vor der Aus­rot­tung. Das Prob­lem der Flüchtlinge nahm weltweite Maßen und Dringlichkeit an. Großbri­tan­nien ver­sucht, die Sache der Geflüchteten von der Sache Palästi­nas zu tren­nen. Es wird dabei von antizion­is­tis­chen Juden*Jüdinnen unter­stützt. Das Aus­maß der Geflüchteten­frage ver­langt eine sofor­tige ter­ri­to­ri­ale Lösung; falls Palästi­na sie nicht absorbieren wird, wird es ein anderes Ter­ri­to­ri­um tun. Der Zion­is­mus ist gefährdet. Alle anderen ter­ri­to­ri­alen Lösun­gen, die zur Nieder­lage bes­timmt sind, wer­den gewaltige Geld­sum­men benöti­gen. Wür­den die Juden*Jüdinnen vor die Wahl gestellt, den Geflüchteten zu helfen, Juden*Jüdinnen vor den Konzen­tra­tionslagern zu ret­ten, oder ein nationales Muse­um in Palästi­na zu unter­stützen, würde die Barmherzigkeit die Ober­hand haben und die gesamte Energie der Men­schen wird für die Ret­tung der Juden*Jüdinnen aus ver­schiede­nen Län­dern ver­wen­det. Der Zion­is­mus wird von der Tage­sor­d­nung ver­strichen sein, nicht nur in der weltweit­en öffentlichen Mei­n­ung, in Großbri­tan­nien und den USA, son­dern auch ander­swo in der jüdis­chen öffentlichen Mei­n­ung. Wenn wir eine Tren­nung zwis­chen der Geflüchteten­frage und dem Palästi­naprob­lem erlauben, riskieren wir die Exis­tenz des Zion­is­mus.

Das Ret­ten jüdis­ch­er Leben vor Hitler wird von Ben-Guri­on als eine poten­tielle Bedro­hung des Zion­is­mus gese­hen, es sei denn, die geretteten Juden*Jüdinnen wer­den nach Palästi­na gebracht. Vor die Wahl zwis­chen den Juden*Jüdinnen und dem jüdis­chen Staat gestellt, hat sich der Zion­is­mus bedenken­los für den zweit­en entsch­ieden.

Es wird von Befürworter*innen des Zion­is­mus oft argu­men­tiert, hätte ein jüdis­ch­er Staat in Palästi­na vor dem zweit­en Weltkrieg existiert, hätte er die Mehrheit der Juden*Jüdinnen Europas gerettet. Die Tat­sache, dass die Juden*Jüdinnen in Palästi­na Ver­nich­tung entkom­men sind, wird oft als fak­tis­che Unter­stützung für dieses Argu­ment ver­wen­det.

Die Wahrheit ist aber, dass die Juden*Jüdinnen in Palästi­na der Gefahr ein­fach nur entkom­men sind, weil die Nazis den mit­tleren Osten nicht beset­zt haben. Es gibt keinen Grund zu glauben, die Nazis hät­ten einen jüdis­chen Staat anderes behan­delt, als sie alle anderen jüdis­chen Gemein­den behan­del­ten. Und was den Glauben ange­ht, Juden*Jüdinnen in Palästi­na hät­ten sich anderes ver­hal­ten, als die europäis­chen Gemein­den unter NS-Besatzung, sind die Beweise kaum ein­deutig. Es ist bekan­nt, dass dieses The­ma am Vor­abend der Schlacht von El-Alamein in den zion­is­tis­chen und anderen exeku­tiv­en Komi­tees disku­tiert wurde. Während eine Gruppe dafür plädiert hat, alle palästi­nen­sis­che Juden*Jüdinnen auf dem Karmel-Gebirge für eine finale, Masa­da-ähn­liche End­schlacht zu mobil­isieren, hat eine andere Gruppe eine Art Modus Viven­di mit den Nazis vorge­se­hen. Es wurde sog­ar argu­men­tiert, das indus­trielle Poten­tial der jüdis­chen Gemeinde in Palästi­na kön­nte als Druck­mit­tel für die Ver­hand­lun­gen dienen.

Zusam­menge­fasst: Der Zion­is­mus akzep­tiert den Anti­semitismus als die natür­liche, nor­male Ein­stel­lung der nichtjüdis­chen Welt. Er betra­chtet ihn nicht als eine ver­drehte, per­verse Erschei­n­ung. Der Zion­is­mus, durch diese Ansicht belastet, kann auf den Anti­semitismus reagieren, kann ihn aber wed­er kon­fron­tieren noch denun­zieren oder bekämpfen. In Palästi­na erschuf der Zion­is­mus eine exk­lu­sive, unter­drück­ende Gesellschaft, in der die Juden*Jüdinnen zu ein­er Mehrheit gemacht wur­den, die zahlre­iche Rechte genießt, während die Min­der­heit­en (haupt­säch­lich die ehe­ma­lige palästi­nen­sis­che Mehrheit) unter poli­tis­ch­er, juris­tis­ch­er, sozialer und wirtschaftlich­er Diskri­m­inierung zu lei­den hat.

Die zion­is­tis­chen Annah­men haben unter vie­len Zionist*innen eine sach­liche und prag­ma­tis­che Ein­stel­lung zum Anti­semitismus gehegt, der zufolge der*die Antisemit*in dem*der Zionist*in nicht wie ein Feind erscheint, gegen den ein uner­bit­tlich­er Kampf geführt wer­den muss, son­dern als ein poten­tieller Ver­hand­lungspart­ner, mit dem Kom­pro­misse ver­han­delt wer­den kön­nen, um ein gemein­sames Ziel zu erre­ichen; zum Beispiel die Ent­fer­nung von Juden*Jüdinnen aus den nichtjüdis­chen Gesellschaften und ihre Samm­lung in ihrer eige­nen. So kon­nte Theodor Her­zl Ver­hand­lun­gen mit Ple­hve einge­hen, dem berüchtigten anti­semi­tis­chen zaris­tis­chen Innen­min­is­ter, der ihm 1903 einen Brief bewil­ligte, der der zion­is­tis­chen Bewe­gung zugesichert hat, sie könne sich seit­ens der Zaren­regierung auf eine „moralis­che und materielle Unter­stützung, in Bezug auf die von der zion­is­tis­chen Bewe­gung unter­nomme­nen Maß­nah­men, die zu ein­er Reduzierung der jüdis­chen Bevölkerung in Rus­s­land führen“, ver­lassen [6]. Ein ähn­lich­es Abkom­men wurde zwis­chen Arloso­roff, Sekretär der zion­is­tis­chen Gew­erkschaft „His­tadrut“, und den Nazis im Jahr 1934 ver­han­delt. Die berüchtigt­ste all dieser Ver­hand­lun­gen war höchst­wahrschein­lich die, die in Budapest 1944 zwis­chen Rudolph Kast­ner, Sekretär des zion­is­tis­chen Komi­tees der Stadt, und Adolph Eich­mann ver­han­delt wurde. Nach­dem er Kast­ners Koop­er­a­tion gewann, indem er den tausend reich­sten Juden*Jüdinnen die Flucht in die Schweiz gewährte, nutzte ihn Eich­mann aus, um weit­ere 800.000 unwillige Juden*Jüdinnen zu einem Ein­stieg in die Züge nach Auschwitz zu überre­den.

Das gegen­seit­ige Ver­ständ­nis zwis­chen dem Zion­is­mus und dem Anti­semitismus wird von bei­den Seit­en auf poli­tis­chen und per­sön­lichen Ebe­nen geteilt. Typ­isch ist der fol­gende Auss­chnitt aus den Tage­büch­ern R. Mein­ertzha­gens, Allen­bys poli­tis­ch­er Offizier in den Jahren 1919–21:

Meine Inkli­na­tion zu den Juden*Jüdinnen all­ge­mein wird von einem anti­semi­tis­chen Instinkt beherrscht, der unverän­der­lich durch meinen per­sön­lichen Kon­takt bes­timmt ist. Meine Ansicht­en des Zion­is­mus sind die eines glühen­den Zion­is­ten. [7]

Das Mas­sakri­eren der Juden*Jüdinnen während des zweit­en Weltkriegs trans­formierte das Bild der Führung der jüdis­chen Gemeinde in Palästi­na vol­lkom­men. Wenn diese Führung vor dem Krieg als die Vertre­tung ein­er kleinen, wenn auch beson­deren, jüdis­chen Gemeinde akzep­tiert war, wurde sie nach 1945 (und beson­deres nach der Staats­grün­dung 1948) als die einzige legit­ime Vertre­tung des Juden­tums akzep­tiert. Der Staat Israel über­schat­tete nach und nach alle anderen jüdis­chen Vertre­tung­sor­gane vol­lkom­men, unter anderem die zion­is­tis­che Bewe­gung selb­st. Noch mehr; als dieses Bild ein­mal etabliert wurde, begann die Führung enormes moralis­ches Gewicht im ganzen West­en zu erlan­gen.

Als Wash­ing­ton sich beispiel­sweise entsch­ied, Ade­nauers Deutsch­land zurück in das west­liche Bünd­nis wieder­aufzunehmen, den Auf­bau der Bun­deswehr zu ermöglichen und sie in die NATO zu inte­gri­eren, musste es das Ade­nauer Regime „reha­bil­i­tieren“ und in den Augen der Weltöf­fentlichkeit wieder „respek­ta­bel“ machen. Mit dieser Auf­gabe wurde natür­lich Ben-Guri­on beauf­tragt. Ohne zu zögern unter­schrieb er ein Wiedergut­machungsabkom­men mit Ade­nauer, und deklar­i­erte öffentlich: „Deutsch­land von heute ist nicht das von gestern“, wobei er den gewalt­täti­gen Protest inner­halb Israels ignori­erte. Ade­nauer nan­nte die abkom­men „Wiedergut­machung“, als ob für Genozid mit Geldzahlun­gen gesüh­nt wer­den könne. Danach, als Ade­nauer zum ersten Mal in die USA ein­ge­laden wurde und jüdis­che Demon­stra­tio­nen befürchtete, flog Ben-Guri­on dienst­willig aus Israel hin und traf ihn „zufäl­lig“ im Wal­dorf-Asto­ria, wo ein Fotograf „zufäl­lig“ die bei­den ablichtete, genau als sie sich die Hände gaben. Als das Bild auf dem Coverblatt der Welt­presse erschien, wurde Ade­nauer „koscherisiert“ (Zufäl­liger­weise hat Ade­nauer während dieses Tre­f­fens Israel ein gewaltiges neues Dar­lehen zuge­sprochen). Manche Jahre später, als Eich­mann in Jerusalem vor Gericht gebracht wurde, war der Staat­san­walt sehr vor­sichtig, den Namen Globke nicht zu erwäh­nen, der Mitver­fass­er der Nürn­berg­er Rassege­set­ze, der die juris­tis­che Grund­lage der ras­sis­tis­chen Diskri­m­inierung in Nazi-Deutsch­land legte. Fakt ist, dass Globke Ade­nauers ver­trauter Helfer war, und die hek­tis­chen Ver­hand­lun­gen, die dies­bezüglich hin­ter den Kulis­sen stat­tfan­den, sind bis heute wenig bekan­nt.

Nach und nach hat sich die Prak­tik etabliert, dass jede*r „respek­table“ Politiker*in, der*dem im eige­nen Land Ras­sis­mus vorge­wor­fen wird, einen Staats­be­such nach Israel organ­isiert, um ihr*sein Bild zu verbessern, Der franzö­sis­che Nation­al­ist Jacques Soustelle, Franz-Josef Strauss und der Brite Enoch Pow­ell haben alle das Land besucht. Der Öffentlichkeit­sar­beitsmech­a­nis­mus dieser Besuche basiert darauf, dass die west­liche öffentliche Mei­n­ung dazu kon­di­tion­iert wurde, die israelis­che Regierung als die „Stimme des jüdis­chen Gewis­sens“, „die Stimme sechs Mil­lion von Nazis ermorde­ten Juden*Jüdinnen“ zu akzep­tieren. Dementsprechend erwartet die europäis­che Öffentlichkeit von der israelis­chen Regierung, dass sie jede*n Rassist*in ent­larvt und denun­ziert. Es ist keine wirk­lich geheime Absprache als vielmehr das alte, gegen­seit­ige Ver­ständ­nis zwis­chen Zion­is­mus und Anti­semitismus in einem neuen offiziellen Gewand.

Die west­liche Zivil­i­sa­tion pro­duzierte den Anti­semitismus als ihren legit­i­men Nach­wuchs, den Nazis­mus als ihren ille­git­i­men. Große Teile des europäis­chen Juden­tums, die nicht in der Lage waren, den Anti­semitismus als ein Pro­dukt ein­er Zivil­i­sa­tion anzuerken­nen, der sie selb­st ange­hören, erhoben ihn zu einem „men­schlichen Naturge­setz“ und pro­duzierten den Zion­is­mus, um mit dieser Ent­frem­dung umge­hen zu kön­nen. Als bei­de ide­ol­o­gis­chen Ent­frem­dun­gen die Herrschaft über den men­schlichen Ver­stand eroberten, wur­den Genozid und der jüdis­che Staat zur Real­ität. Schlussendlich wurde die Pyra­mide der Ent­frem­dung voll­bracht, als die west­liche Zivil­i­sa­tion den zion­is­tis­chen Staat als ihr „Gewis­sen“ akzep­tierte.

Unter diesen Umstän­den ist die Wider­willigkeit der öffentlichen Mei­n­ung im West­en, den Zion­is­mus zu kri­tisieren, zu ent­lar­ven oder zu denun­zieren, dur­chaus ver­ständlich, aber diejeni­gen, die diese Zustände friedlich annehmen, müssen sich min­destens bewusst sein, dass sie, stillschweigend, die Grun­dan­nah­men des Ras­sis­mus akzep­tieren.

Fußnoten

1. The Diaries of Theodor Her­zl, Lon­don, 1958, p.6.

2. J. Bar-Yossef in Yediot Aharonot, 12. Jan­u­ar 1968.

3. Israel Sheib (“Eldad”), Ansicht­en, Zeitschrift der religiösen Akademik­er, Win­ter 1968, p.296. (Aus dem Hebräis­chen über­set­zt.)

4. Yediot Aharonot, 9. Feb­ru­ar 1969.

5. Ibid., 29. Mai 1964.

6. The Diaries of Theodor Her­zl, p.398.

7. R. Mein­ertzha­gen, Mid­dle East Diary, Lon­don, 1959, p.49.

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