Deutschland

Corona: Es trifft doch nur die Alten und Kranken?

Ist das euer Ernst? Ein Kommentar von Anja Bethaven.

Corona: Es trifft doch nur die Alten und Kranken?

Bild: alman_memes2.0

Inzwis­chen hat Coro­na Deutsch­land ohne jeden Zweifel erre­icht: Über 5000 bestätigte Fälle gibt es, und das obwohl wegen niedriger Testab­deck­ung nur ein Teil der Infizierten ermit­telt wer­den kann. Die Reak­tio­nen in der Bevölkerung schwanken zwis­chen blind­er Panik und einem gewis­sen Fatal­is­mus – es tre­ffe ja nur die Alten und Kranken, “wir” müssen uns also keine Sor­gen machen.

Mal abge­se­hen davon, dass auch “wir” gesunde, junge Deutsche alte oder kranke Ver­wandte, kleine Kinder oder schwan­gere Partner*innen haben, existiert dieses “wir” nicht.

In ein­er Umfrage gaben 48 Prozent (!!) der Befragten an, eine chro­nis­che Krankheit zu haben, die regelmäßige Behand­lun­gen benötigt.

6,7 Mil­lio­nen Deutsche (und das sind immer­hin über 8% der Bevölkerung) haben Dia­betes, dazu kom­men über 200.000 Mul­ti­ple Sklerose-Diag­nosen, etwa 800.000 Men­schen mit aktiv­er Epilep­sie, knapp 90.000 Men­schen, die HIV pos­i­tiv sind, 1,7 Mil­lio­nen Deutsche mit Kreb­serkrankun­gen in den let­zten 5 Jahren, davon eine halbe Mil­lio­nen Neuerkrankun­gen. Diese Aufzäh­lung deckt nur einen Bruchteil der Krankheit­en ab, die eine Coro­na-Infek­tion tödlich gefährlich machen.

Was soll das also? Wie kommt ihr dazu, zu glauben, es wäre egal, wenn Alte und Kranke ster­ben? Dass das irgend­was zu tun hätte mit natür­lich­er Auslese und ein­er angemesse­nen Antwort auf “Über­bevölkerung”?

Spätfolgen der fehlenden Entnazifizierung

Die “Ver­nich­tung unwerten Lebens” war ein­er der Stützpfeil­er der NS-Ide­olo­gie und fand ihren Aus­druck unter anderem in der sys­tem­a­tis­chen Ermor­dung kranker und behin­dert­er Men­schen, eingeschlossen Kindern und Säuglin­gen, unter dem Namen “Aktion T4”.

Die unzure­ichende Abrech­nung mit dem Nazi-Regime schloss auch die Medi­zin ein. Viele der Ärzte macht­en nach dem Krieg ein­fach weit­er, exem­plar­isch seien an dieser Stelle genan­nt: Fritz Lenz, der ab 1952 Pro­fes­sor für “Men­schliche Erblehre” an der Uni­ver­sität Göt­tin­gen war; Eugen Fis­ch­er, der nach dem Krieg Ehren­mit­glied der deutschen Gesellschaften für Anthro­polo­gie und Anatomie wurde; und Friedrich Panse, der bis 1967 als Kinderpsy­chi­ater arbeit­ete und zwis­chen­zeitlich sog­ar Präsi­dent der Deutschen Gesellschaft für Psy­chi­a­trie und Ner­ven­heilkunde war. In dessen Nachruf legte die Psy­chi­a­trische Uni­ver­sität­sklinik Düs­sel­dorf einen beachtlichen Zynis­mus an den Tag und schrieb: “Ein Leben der Arbeit im Dienst lei­den­der Mit­men­schen … ist vol­len­det.”

Bis weit in die Nachkriegszeit hinein bes­timmten diese Vorstel­lun­gen die Medi­zin in Deutsch­land. Sie führten unter Anderem zu Fehlmedika­tio­nen, grausamen und wirkungslosen Behand­lungsver­fahren, fahrläs­si­gen und absichtlichen Tötun­gen. Bis weit in den 70er hinein wur­den Men­schen in Heimen und Psy­chi­a­trien auf offizieller Grund­lage ihrer angenomme­nen Min­der­w­er­tigkeit gequält, und auch heute herrscht dieser Geist in vie­len Ein­rich­tun­gen vor.

Dass diese Ide­olo­gie sich bis heute gehal­ten hat, wun­dert nicht. Eine Abrech­nung mit den Nationalsozialist*innen und ihren men­schen­ver­ach­t­en­den Ideen und Tat­en ste­ht bis heute aus.

Müssen wir wirklich beweisen, dass wir leben dürfen?

Ich kön­nte eine lange Liste Kranker und Behin­dert­er anführen, die einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leis­teten und leis­ten, irgend­was von Stephen Hawk­ing oder John Nash. Ich kön­nte lange und bre­it darüber schreiben, dass so viele von uns krank oder behin­dert sind, dass die Gesellschaft schlicht nicht funk­tion­ieren würde ohne uns. Aber darum geht es nicht.

Wir, wie jed­er andere Men­sch, egal ob in Deutsch­land oder außer­halb, haben das Recht, zu leben. Wir müssen uns dieses Recht nicht dadurch erkämpfen, beson­ders pro­duk­tiv oder nüt­zlich zu sein.

Wir, wie jed­er andere Men­sch, egal ob in Deutsch­land oder außer­halb, müssen nicht beweisen, nicht “leben­sun­wert” zu sein.

Das gilt immer. Egal, ob wir ger­ade eine Pan­demie haben oder nicht.

Neoliberalismus und Faschismus gleichermaßen bekämpfen

Und heute? Spätestens seit der “Wende” mis­cht sich eine weit­ere Zutat in diesen gifti­gen Boden: Der Neolib­er­al­is­mus.

Unter dem Deck­man­tel der “Befreiung” der Märk­te vom “bösen Real­sozial­is­mus”, also der bürg­er­lichen Restau­ra­tion, wur­den bre­ite Teile der Gesund­heitssys­teme weltweit pri­vatisiert. Man disku­tiert darüber, bis zu welchem Alter sich das Trans­plantieren von Spenderor­ga­nen “lohnen” wür­den, oder wie eine Mut­ter es wagen kann, auf prä­na­tale Diag­nos­tik zu verzicht­en.

Und diese Mis­chung aus nie aufgear­beit­etem Faschis­mus und sein­er struk­turellen Kon­ti­nu­ität bis heute, sowie den mörderischen Auswirkun­gen des Neolib­er­al­is­mus führen zu ein­er Gesellschaft, in der es vol­lkom­men nor­mal ist, zu sagen: “Nicht so schlimm, es ster­ben doch nur die Alten und Kranken.”

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