Frauen und LGBTI*

Coronavirus, Kapitalismus und Patriarchat: Wer kümmert sich jetzt um die Kinder?

Nach der Ankündigung der Schließung von Bildungszentren, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, vertieft sich eine Sozial- und Betreuungskrise, von der vor allem Arbeiter*innenfamilien betroffen sind.

Coronavirus, Kapitalismus und Patriarchat: Wer kümmert sich jetzt um die Kinder?

Die Aus­bre­itung des Coro­n­avirus in Ital­ien und Spanien hat einen Ver­sorgungsnot­stand aus­gelöst, von dem vor allem die Arbeiter*innenklasse und Men­schen mit prekären Arbeit­splätzen betrof­fen sind. Diese Sit­u­a­tion wird auch auf Deutsch­land zukom­men. Die Über­schnei­dung von Geschlecht und Klasse führt dazu, dass die Fol­gen dieser Krise auf die arbei­t­en­den Fam­i­lien und ins­beson­dere auf die Frauen abgewälzt wer­den.

Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen, wer küm­mert sich dann um sie? In den reich­sten Vierteln Madrids, wie Sala­man­ca oder Pozue­lo de Alar­cón, schafft dies nicht allzu viele Prob­leme. Die Babysit­terin wird länger arbeit­en (mit dem Weni­gen, was sie ver­di­ent, wird sie sich­er bere­it sein zu bleiben) oder es wird die im sel­ben Haus lebende Hau­sangestellte sein, die sich neben dem Putzen des Haus­es und dem Kochen um die Kinder küm­mert. Aber wer küm­mert sich um die Kinder in den Häusern der ärmeren Vier­tel? Wenn bei­de Eltern­teile arbeit­en, sind die Großel­tern die häu­fig­ste Ressource für Fam­i­lien, aber das COVID-19-Virus befällt ältere Men­schen tödlich­er, so dass die Fol­gen schw­er­wiegend sein kön­nen, wenn eines der Kinder bere­its infiziert ist.

Die Behör­den haben im Spanis­chen Staat die Schließung von Schulen und Insti­tuten an den am stärk­sten betrof­fe­nen Stan­dorten angekündigt; das­selbe geschieht in diesen Tagen auch in immer mehr deutschen Bun­deslän­dern. Aber es wurde keine Arbeits­be­freiung für diejeni­gen fest­gelegt, die ihre Kinder selb­st betreuen müssen, schon gar nicht bei voller Lohn­fortzahlung. Die spanis­che Regierung hat vorgeschla­gen, “Telear­beit” zu fördern, aber dies bleibt dem Ermessen der einzel­nen Unternehmen über­lassen. Ander­er­seits kön­nen die meis­ten Arbeit­splätze nicht nach zu Hause ver­legt wer­den. Wer küm­mert sich um die Kinder von Beschäftigten in der Hotel­lerie, in Kaufhäusern, in Logis­tikun­ternehmen, im Trans­portwe­sen, in Fab­riken oder in der Reini­gung? Wem wer­den die Super­mark­tkassiererin­nen oder die Hau­sangestell­ten, die als Betreuerin­nen arbeit­en, ihre Kinder über­lassen? Und wenn es mehr Fälle von kranken älteren Men­schen gibt, wer küm­mert sich dann um sie, wenn nicht auch die Fam­i­lien­ange­höri­gen?

Angesichts der immer näher rück­enden Möglichkeit eines Zusam­men­bruchs des öffentlichen Gesund­heitssys­tems (das jahre­lang durch Kürzun­gen, Pri­vatisierun­gen und fehlende Per­son­alverträge vor­bere­it­et wurde), wer­den vom Staat Maß­nah­men ergrif­f­en, die die Krise des Coro­n­avirus let­ztlich auf die Fam­i­lien über­tra­gen, als ob die Gesund­heit der Mehrheit der Bevölkerung eine Pri­vatan­gele­gen­heit wäre, die von der “indi­vidu­ellen Ver­ant­wor­tung” abhängt.

Und diese Krise wird, wie wir wis­sen, beson­ders die arbei­t­en­den Frauen betr­e­f­fen. Obwohl die Beschäf­ti­gungsquote der Frauen in Spanien noch immer hin­ter dem europäis­chen Durch­schnitt liegt, ist sie in den let­zten Jahren gestiegen und erre­ichte 61%. Mit anderen Worten: Sechs von zehn Frauen im erwerb­s­fähi­gen Alter (zwis­chen 16 und 64 Jahren) sind beruf­stätig, während die Beschäf­ti­gungsquote der Män­ner 71,5 % erre­icht. Dies bedeutet, dass in den meis­ten Zwei-Eltern-Haushal­ten bei­de Eltern­teile arbeit­en, obwohl Frauen die Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten (3 von 4) bilden. Für Deutsch­land sind die Rela­tio­nen zwis­chen Frauen und Män­nern in der Teilzeitbeschäf­ti­gung ähn­lich.

Diese let­zte Zahl ist entschei­dend, denn sie zeigt die enge Beziehung zwis­chen prekär­er Beschäf­ti­gung und fem­i­nisiert­er Betreu­ung. Von den Angestell­ten, die nicht Vol­lzeit arbeit­en, weil sie sich um andere Per­so­n­en (Kinder, Kranke, ältere oder abhängige Per­so­n­en) küm­mern müssen, sind 94,74% Frauen. Und wenn es darum geht, zu entschei­den, wer der Arbeit fern­bleibt, um die Kinder zu betreuen, dann liegt die Wahl in der Regel bei den­jeni­gen, die bere­its einen Teilzeitjob haben, diese Auf­gabe zu übernehmen.

Wenn wir außer­dem bedenken, dass die Armut­squote in Haushal­ten mit Kindern, in denen bei­de Eltern­teile arbeit­en, 7 % beträgt und die Quote der befris­teten Beschäf­ti­gung bei fast 30 % liegt, kön­nen wir auch die Fol­gen dieser Krise für die Arbeit­erk­lasse vorherse­hen.

Wenn die Abwe­sen­heit vom Arbeit­splatz zur Betreu­ung von Kindern oder Kranken nicht durch bezahlte und oblig­a­torische Freis­tel­lun­gen gewährleis­tet wird und gle­ichzeit­ig die Coro­n­avirus-Krise die Wirtschaft trifft und den Rück­gang der Unternehmensgewinne verur­sacht, wer­den mas­sive Ent­las­sun­gen nicht lange auf sich warten lassen. Beson­ders schw­er­wiegend wird dies für diejeni­gen sein, die die prekärsten Arbeit­splätze haben, in denen Zeitar­beit und Befris­tung miteinan­der ver­bun­den sind – ein Seg­ment, in dem der Anteil der Frauen dop­pelt so hoch ist wie der der Män­ner.

Im Gegen­zug müssen wir die Sit­u­a­tion von Tausenden von Hau­sangestell­ten und Betreuen­den, meist Frauen und vor allem Migrant*innen, berück­sichti­gen: Wer garantiert ihre Gesund­heit und dass sie kein­er Ansteck­ung aus­ge­set­zt sind, wenn sie Kranke pfle­gen? Wer garantiert ihre Arbeit­srechte, wenn sie die Prekärsten der Prekären sind? In ihrem Fall fehlen zudem oft die famil­iäre Unter­stützungsnet­zw­erke, da die restliche Fam­i­lie in den Herkun­ft­slän­dern geblieben ist und viele Frauen überdies allein­erziehend sind.

In den näch­sten Tagen wird sich die Ansteck­ung vervielfachen, und die rezes­siv­en Auswirkun­gen auf die Wirtschaft wer­den sich bemerk­bar machen. Aus diesem Grund ist neben ein­er Freis­tel­lung ohne Lohnkürzun­gen für alle, die Kinder in ihrer Obhut haben, eine weit­ere notwendi­ge und drin­gende Maß­nahme ein totales Kündi­gungsver­bot während der Zeit dieser Krise. Wir müssen auch alle Ressourcen der pri­vat­en Gesund­heitsver­sorgung in den Dienst der Bevölkerung stellen. Wir müssen eine Rei­he von Maß­nah­men fordern, damit die Fol­gen des Coro­n­avirus und der Wirtschaft­skrise nicht von der Arbeiter*innenklasse bezahlt wer­den, deren schwäch­stes Glied Frauen, Migrant*innen und junge Men­schen sind.

In dem Buch “Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus” (Akal, 2019), das wir zusam­men mit Cyn­thia Bur­gueño veröf­fentlicht haben, haben wir geschrieben:

Die Krise des so genan­nten Wohlfahrtsstaates in Europa hat zu ein­er Ver­lagerung der sozialen Las­ten vom Staat auf die Haushalte geführt. Die Kapitalist*innen ent­laden die aufeinan­der­fol­gen­den Wirtschaft­skrisen auf die Fam­i­lien durch Kürzun­gen und Pri­vatisierun­gen; die Demon­tage der öffentlichen Schutzsys­teme und der primären sozialen Dien­ste wie Kinder­erziehung oder Heime für Ange­hörige. Diese Sit­u­a­tion, die von Land zu Land unter­schiedlich ist – wobei Deutsch­land, Ital­ien und Spanien am kri­tis­chsten sind – führt zu größer­er Armut in den Haushal­ten und zu mehr Leid für Frauen, die sich der Langzeitpflege wid­men.

Die Coro­n­avirus-Epi­demie hat diese Ver­sorgungskrise ver­schärft und zeigt die von Krisen am meis­ten gefährde­ten Sek­toren. Der Virus ist der Aus­lös­er, aber der patri­ar­chale Kap­i­tal­is­mus ist die Krankheit.

Dieser Artikel erschien in leicht verän­dert­er Ver­sion zuerst am 11. März auf Spanisch bei IzquierdaDiario.es.

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