Unsere Klasse

Berlin: Schülerin und Sozialarbeiterin unterstützen Streik der Lehrer:innen für kleinere Klassen

An vielen Schulen in der Hauptstadt herrschte heute Chaos. An anderen war tote Hose. Denn trotz Unwetterwarnung waren fast 3.000 Lehrkräfte dem Aufruf der GEW Berlin gefolgt, für kleinere Klassen in einen eintägigen Warnstreik zu treten.

Ich bin Sozialarbeiterin an einer Berliner „Brennpunkt“-Schule. Und die Situation ist nach wie vor verheerend. Nicht, weil die Schüler:innen hoffnungslose Fälle sind, wie die Stadtpresse gern behauptet. Das sind sie nicht. Sie haben unglaublich viel inspirierende Energie, auch wenn sie uns natürlich auch immer und immer wieder den letzten Nerv raubt. Und so wie alle Heranwachsenden haben sie auch Konflikte – sowohl zuhause als auch in der Schule.

Und ja, davon gibt es bei uns mehr als anderswo. Wie auch nicht, wenn die eigenen Eltern tagtäglich fürchten müssen, abgeschoben zu werden? Wenn das Geld von vorne bis hinten nicht reicht, weil neben den unsäglich hohen Mietkosten in dieser Stadt jetzt auch noch Energie- und Lebensmittelpreise galoppieren? Wären nicht unser aller Zukunftsängste auch riesig, wenn wir Krieg in Afghanistan oder der Ukraine miterlebt hätten? Wenn wir mit angucken müssten, wie unsere Freund:innen mit gutem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz kriegen, weil sie die falschen Namen haben?

Mehr Zeit, mehr Politik

Die Arbeit ist zweifelsohne belastend, aber nur, weil wir unterbesetzt sind – so wie die Lehrer:innen. In der Folge werden viele von ihnen regelmäßig krank, gehen schließlich in den Frühruhestand oder arbeiten in Teilzeit, wie beispielsweise Maxim, der seit 2019 Lehrer an einer Neuköllner Gesamtschule ist.

Einer internen Umfrage der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Berlin zufolge empfinden über zwei Drittel der Lehrer:innen in der Stadt große Klassen als stressig, wodurch das der größte Belastungsfaktor für ihre Arbeit ist.

Deshalb hatten alle drei Parteien des Senats in ihren Wahlprogrammen die Forderung nach einer Verringerung der Klassengrößen aufgenommen. Im Koalitionsvertrag der „Zukunftshauptstadt“ wurde dieses Ziel jedoch nicht verankert.

Nachdem zudem weder Matthias Kollatz (SPD), ehemaliger Finanzsenator, noch sein Nachfolger Daniel Wesener (Grüne) auf die Verhandlungsangebote seitens der Lehrer:innengewerkschaft eingegangen waren, hatte diese zum ganztägigen Streik aufgerufen.

Noch vor Beginn des Unwetters liefen Tausende Lehrkräfte am heutigen Vormittag vom Potsdamer Platz, am Abgeordnetenhaus vorbei, bis zum Roten Rathaus. Mit Fahnen, Trommeln und Pfeifen forderten sie mehr Schulsozialarbeiter:innen und -psycholog:innen – eine:n Schulsozialarbeiter:in pro 150 und eine:n Schulpsycholog:in pro 2.000 Schüler:innen – vor allem aber einen Tarifvertrag (TV) Gesundheitsschutz, in dem das Verhältnis von Schüler:innen zu Lehrer:innen für alle allgemein- und berufsbildenden Schulen verbindlich festgelegt wird. An Grundschulen sollen statt wie aktuell 26 in Zukunft maximal 19 Kinder dieselbe Klasse besuchen dürfen.

Weniger Schüler:innen zu unterrichten würde nicht nur zu mehr Zufriedenheit und Aufmerksamkeit, sondern auch zu pädagogisch wertvollerer Arbeit führen. Das ist nur logisch. Wer weniger Zeit ins Korrigieren von Klassenarbeiten investieren muss, kann mehr in Beziehungsarbeit stecken. Auch Schüler:innen und Eltern würden also profitieren: Im Klassenzimmer gäbe es weniger Streit und Lärm und auch außerhalb davon Gespräche ohne Zeitdruck.

Auch könnte der Streik einen Meilenstein für die Politisierung der Schule legen, der ebenfalls Raum gegeben werden könnte. Benötigt wird er auf jeden Fall. Letztens fragte eine Schülerin mich, warum Politik eigentlich so ein Tabuthema sei; wenige Tage später waren die Themen der zur Erlangung des Mittleren Schulabschlusses abzulegenden Prüfungen fast durchweg hochpolitisch.

Wir stehen Tag für Tag vor einer Generation, die zwar gerade ihrer Zukunft beraubt wird – schließlich kann sie sich das Eigenheim und die Festanstellung direkt abschminken – aber, nicht zuletzt durch Social Media, zum Hinterfragen, Kritisieren und Kämpfen ständig angeregt wurde und wird. 14-Jährige benennen Rassismus und Sexismus beim Namen und bei Fridays For Future waren sogar Grundschüler:innen auf der Straße.

Kleinere Klassen als Anreiz für ein Lehramtsstudium

Die Bedingung für diese Art von Entlastung ist natürlich mehr Personal, an dem es bekanntermaßen mangelt. Verständlich, solange Lehrer:in zu werden bedeutet, seine Gesundheit zu riskieren. So wie Caro Muños del Río sehen viele Berliner Lehrer:innen sich vor die Wahl gestellt: „Ich hab’ entweder genug Zeit für mich und meine Familie oder für meine Schüler:innen“. In der Konsequenz schlafen sie zu wenig.

Ein flächendeckender TV Gesundheitsschutz würde definitiv dazu beitragen, dass der Beruf peu à peu nicht mehr mit Worten wie Schlafdefizit, Kräftezehrung oder Überstrapazierung konnotiert wird.

Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) scheint diesen Zusammenhang nicht zu verstehen. Sie verwies darauf, dass Berlin auch in der Vergangenheit trotz Lehrer:innenmangel keine Tarifverhandlungen zur Personalbemessung geführt habe.

Nichtsdestotrotz sind insbesondere die an Gymnasien Lehrenden im Vorhinein viel und scharf dafür kritisiert worden, sich am Tag des Beginns der mündlichen Abiturprüfungen für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen zu wollen. Ich teile die Kritik nicht. Vielmehr handelt es sich um eine völlig richtige Entscheidung – schließlich sind Streiks immer dann am Effektivsten, wenn sie den Druck auf die Verantwortlichen erhöhen.

Raya Eilers (17), Abiturientin an einem Spandauer Gymnasium, sieht das ähnlich: „Diese Prüfung kann man doch verschieben. Die letzten zwölf Jahre hätten mit kleineren Klassen, ausgeruhten Lehrer:innen und gezielterer Sozialarbeit aber sehr viel besser laufen können“. Schüler:innen und ihre Eltern sollten sich deshalb nicht über den Streik beschweren, sondern sich den Forderungen nach einem Lehr- und Lernumfeld, in dem sich alle wohlfühlen, anschließen.

Ich für meinen Teil solidarisiere mich auf jeden Fall auch mit den Lehrer:innen an meiner Schule und in ganz Berlin. In der Hoffnung, dass die GEW auch uns Schulsozialarbeiter:innen nächstes Mal zum Streik aufruft, für kleinere Klassen, gegen Krieg und die Teuerung.

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