Frauen und LGBTI*

Andrea D'Atri in Berlin: "Unser Ziel ist, dass neue Generationen unser Buch wie ein Werkzeug des Kampfes in ihre Hände nehmen"

100 Personen verfolgten in außergewöhnlicher Atmosphäre die Buchvorstellung von "Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus" und diskutierten über die notwendigen Strategien zur Befreiung von Kapitalismus und Patriarchat.

Andrea D'Atri in Berlin:

Die Vierte Welt, ein alternativer Kunst- und Veranstaltungsraum mitten in Berlin-Kreuzberg, bot am Samstagabend einen schillernden Hintergrund für eine Buchvorstellung, die aus drei Gründen außergewöhnlich war: Zunächst natürlich wegen des farbenfroh beleuchteten Raums, der eine Atmosphäre schuf, wie sie selten anzutreffen ist. Zweitens, weil die Vorstellung des Buches Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus von Andrea D’Atri im Rahmen des Aufstiegs einer neuen Frauenbewegung weltweit stattfand, wie das Interesse an der Vortragsreise der Autorin in Europa eindrucksvoll zeigte: Insgesamt hörten ihr auf ihrer 40-tägigen Reise 2.000 Menschen zu, noch am Abend zuvor war sie in Paris und sprach gemeinsam mit Frauen aus der ersten Reihe der Gelbwesten-Bewegung vor 350 Menschen. Und drittens, weil es sich nicht um ein gewöhnliches Buch handelt, sondern zugleich um ein kollektives Erzeugnis und ein Werkzeug des Kampfes, wie die Autorin in ihrem Vorwort zu dem Buch betonte aus dem auf der Veranstaltung zitiert wurde:

Mehrere Generationen junger Studentinnen und Arbeiterinnen haben deshalb Anteil an den in diesem Buch zusammengefassten kollektiven Erarbeitungen. Unser Ziel ist es nun, dass neue Generationen, für die diese Neuausgabe gedacht ist, sie wie ein Werkzeug des Kampfes in ihre Hände nehmen. Wie bei der Erstausgabe gilt auch hier: Viele interessante Themen wurden außen vor gelassen, andere verdienten eine Erweiterung und größere Vertiefung. Ich bin weder Historikerin noch professionelle Schriftstellerin. Mich leitet der Wunsch, mit diesem kleinen Sandkorn einen Beitrag zum Kampf der Frauen für ihre Befreiung zu leisten. Meine Erwartungen sind mehr als erfüllt, wenn nach der Lektüre die grundlegenden Autorinnen des Marxismus und Feminismus neu gelesen, ihre Ausarbeitungen unter den Vorzeichen unserer Zeit neu gedacht werden – mit dem Ziel, gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu kämpfen, für eine Gesellschaft, die wahrhaft von den Ketten befreit ist, die die überwältigende Mehrheit der Menschheit heute fesseln.

Die Moderatorinnen Tabea und Inés, die für die veranstaltenden Organisationen sprachen – die antikapitalistische Hochschulgruppe organize:strike, die internationalistische sozialistische Frauengruppierung Brot und Rosen sowie die Revolutionäre Internationalistische Organisation, die hinter der Website KlasseGegenKlasse.org steht –, leiteten den Abend ein.

Tabea begrüßte zunächst anwesende Streikende aus dem öffentlichen Dienst (TV-L) und der BVG und stellte Brot und Rosen als feministische, klassenkämpferische und antirassistische Gruppe von Arbeiterinnen, Schülerinnen, Studentinnen und geflüchteten Frauen vor. Inés, die als Studentische Hilfskraft im vergangenen Jahr Teil des Arbeitskampfes für einen neuen Tarifvertrag für studentisch Beschäftigte – TVStud – war, beschrieb den Arbeitskampf – aus dem auch die Hochschulgruppe organize:strike hervorgegangen ist – als Beispiel dafür, dass die Jugend Berlins sich gegen Prekarisierung wehren kann. Studierende entdeckten, wie die Interessen von Studierendenbewegung und Arbeiter*innenbewegung sich heute decken. Die Moderatorinnen stellten sich gegen die Spaltungen der Belegschaften, die an Hochschulen und in vielen öffentlichen und privaten Unternehmen stattfinden, und riefen zum Solidaritätsstreik mit den Beschäftigten des TV-L am 26. und 27. Februar auf. Zudem sprachen sie sich für die Verbindung von Arbeitskämpfen und demokratischen Kämpfen aus und kündigten einen gemeinsamen Block von Universitätsbeschäftigten und Studierenden für den Frauen*streiktag am 8. März an. Darüber hinaus erklärten sie: „Wir wollen, dass alle TV-L-Beschäftigten, alle Uni-Beschäftigten, die BVG und die Krankenhäuser am 8. März auf die Straße gehen und dort gemeinsam streiken“, und wiesen noch einmal solidarisch auf den aktuellen Streik der Kolleg*innen des outgesourcten Charité Physiotherapie- und Präventionszentrum GmbH (CPPZ) hin, die sich seit dem 13. Februar im unbefristeten Streik befinden.

Narges Nassimi: „Ein revolutionärer Feminismus muss besondere Aufmerksamkeit auf die unterdrücktesten Teile unserer Klasse legen“


Als erste Rednerin gab Narges Nassimi, Gründerin von Brot und Rosen in Deutschland und Mitglied der marxistischen jugend münchen einen Überblick über die Situation der Frauen in Deutschland:

Die Situation der Frauen in Deutschland hat sich nicht verbessert, sondern verschlimmert. Millionen von Frauen sind von Hartz IV betroffen, hochschwangere geflüchtete Frauen werden abgeschoben, lesbische geflüchtete Frauen werden aus dem Frauenhaus geholt und abgeschoben.

Sie betonte die rassistische Politik des deutschen Staates gegen migrantische und geflüchtete Frauen und forderte, dass heute – 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts – die Forderung nach einem Wahlrecht auch für migrantische und geflüchtete Frauen ein zentrales Banner für den Frauen*streik in Deutschland sein sollte. Denn immer noch wird Millionen von Frauen in diesem Land dieses Recht verwehrt.

Darüber hinaus betonte Narges die Notwendigkeit, den Feminismus aus der Sphäre des Individuellen und Privaten wieder herauszuholen und ihn wieder als einen kollektiven Kampf verstehen. „Unsere Aufgabe ist es, das Private wieder politisch zu machen. Dafür ist der Frauen*streik geeignet.“

Abschließend stellte Narges das Internationale Manifest von Brot und Rosen vor und hob besonders hervor, dass Brot und Rosen alle demokratischen Kämpfe für mehr Rechte im Rahmen dieses Systems unterstützt, ohne deshalb die Illusion zu haben, dass die Unterdrückung innerhalb des Kapitalismus abgeschafft werden kann, sondern dass dafür eine antikapitalistische Perspektive notwendig ist. Auf dem Weg dahin betonte sie folgende Notwendigkeit: „Ein revolutionärer Feminismus muss besondere Aufmerksamkeit auf die unterdrücktesten Teile unserer Klasse legen.“

Brot und Rosen: ein Buch für diejenigen, die diese Ordnung in Frage stellen


Lilly Schön, Ökonomin und Übersetzerin des Buches Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus, übernahm die Aufgabe, zu erklären, warum die deutsche Übersetzung gerade in der heutigen Zeit erscheint. Die weltweite Krise ist auch in Deutschland eingeschlagen und durch die Prekarisierungsprogramme wie Hartz IV vorbereitet und dann von den Arbeiter*innen bezahlt worden. Aber heute regt sich auch Widerstand dagegen, wie sich im Widerstand gegen rechts auf Demonstrationen gegen die AfD zeigt, oder im Unmut über den §219a, mit dem das Recht auf Abtreibung wieder in alle Munde kam. Auch prekäre Beschäftigte kämpfen immer mehr, besonders in der Pflege und den Krankenhäusern, und es gibt auch Kämpfe der Schüler*innen, die sich dagegen wehren, dass der Klimawandel auf ihren Schultern ausgetragen wird.

„So soll dieses Buch Antworten geben für die, die unzufrieden sind, die in Frage stellen, dass diese Ordnung ewig so sein muss“, für diejenigen, die nicht mehr zufrieden sind mit „weichgespülten Antworten wie denen der SPD, die sagen, dass sie Hartz IV ablehnen, aber eigentlich nur einen neuen Namen für Hartz IV anbieten“. „Viele Leute sind vom Reformismus enttäuscht“, erklärte sie, „gerade hier in Berlin, wo der Senat, der von SPD und Linkspartei angeführt wird, dutzende outgesourcte Unternehmen im öffentlichen Dienst aufrecht erhält.“ zugleich betonte sie: „Dieses Buch soll eine Antwort geben, damit wir nicht nur die Nase voll haben, sondern gegen die Zustände auch zu kämpfen lernen.“

Lilly nahm auch Bezug auf die Debatte um neue Klassenpolitik, die eine Diskussion darüber eröffnet hat, wie Kämpfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung miteinander einher gehen, und für die dieses Buch eine Antwort anbietet, die aufzeigt:

Kämpfe gegen Ausbeutung und Kämpfe gegen Unterdrückung gehören zusammen. Wir können sie nicht voneinander trennen.


Anschließend stellte Lilly dem Publikum einige Lehren aus dem Buch vor:

Zunächst einmal zeigt das Buch: Die Geschichte ist voll von Beispielen von kämpfenden Frauen, die Erfolge hatten, aber auch gescheitert sind, und aus deren Erfolgen und Scheitern wir lernen können – auch wenn die bürgerliche Geschichtsschreibung sie unsichtbar macht.

Auf diese Tradition kämpfender Frauen können wir gerade in Deutschland zurückgreifen, wo schon einmal eine starke organisierte Frauenbewegung existierte. Dabei kann das Buch eine wichtige Rolle spielen, denn:

Die Gedanken von Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und tausenden anderen Frauen, die sich damals organisiert haben, kommen über Lateinamerika wieder zurück nach Deutschland.

Die zentrale Lehre, die Lilly präsentierte, ist der Grund, warum sich Brot und Rosen als eine sozialistische Frauengruppierung aufbaut, die die Verbindung zu den Kämpfen der Arbeiter*innenbewegung sucht: Nämlich, dass für die Befreiung von Unterdrückung der Kapitalismus gestürzt werden muss, weil „der Knoten von Ausbeutung und Unterdrückung nur gemeinsam zerschlagen“ werden kann.

Dazu ist es dringend notwendig, sich unabhängig von den reformistischen Parteien und von den bürokratischen Apparaten der Gewerkschaftsführung zu organisieren.

Nur in der Unabhängigkeit unserer Klasse von allen bürgerlichen Varianten können wir diesen Kapitalismus überwinden und wirklich für alle unsere Forderungen kämpfen.

Auch heute wollen sie unsere Kämpfe gegen Outsourcing, Prekarisierung von Frauen, Gewalt an Arbeitsplätzen, ausreichend kostenlose Kitaplätze, ein Recht auf Abtreibung usw. nicht oder nur mit angezogener Handbremse führen. Und so wie damals müssen wir uns heute organisieren und gegen die Bürokratie durchsetzen, dass wir über unsere Kämpfe demokratisch selbst entscheiden und dass wir diese Kämpfe als vereinte Klasse führen.

Dass das keine abstrakte Lektion ist, sondern ganz konkret in aktuellen Kämpfen sichtbar ist, lässt sich bei den aktuellen Arbeitskämpfen in Berlin gut beobachten. Deshalb forderte Lilly, an der Basis die Kämpfe gegen Outsourcing und Prekarisierung (BVG, CPPZ) zusammenzuführen mit dem Kampf gegen Frauenunterdrückung, der im Frauen*streik geführt wird, zu verbinden.

Lilly schloss mit dem Plädoyer:

Lasst uns auch in Deutschland mit diesem Buch als Werkzeug für eine antirassistische, klassenkämpferische, internationalistische, revolutionäre Perspektive streiten, sowohl in der Frauenbewegung als auch in der Arbeiter*innenbewegung!

Andrea D’Atri: „Die Bedingungen sind heute außergewöhnlich gut, um die Verbindung zwischen Frauenbewegung und Arbeiter*innenbewegung zu schaffen“


Andrea D’Atri, Gründerin der internationalen sozialistischen Frauengruppierung Brot und Rosen und Anführerin der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS), gab ein Panorama der internationalen Situation, in der heute die neue Frauenbewegung weltweit entsteht. Die internationale Situation ist geprägt vom Aufstieg der Rechten und dem Verschwinden der politischen Mitte, was zu einer Krise des bürgerlich-demokratischen Systems insgesamt geführt hat. Zugleich entstehen weltweit Kämpfe und neue ideologische Formen. Andrea gab dafür zwei besondere Beispiele: zum Einen die Entstehung einer neuen Sympathie für den Sozialismus in der Jugend der USA, wo dieses Wort über Jahrzehnte quasi verboten war. Zum Anderen der Kampf der Gelbwesten in Frankreich, der zu einer in den letzten Jahrzehnten beispiellosen Krise des französischen Regimes geführt hat.

Die neue Frauenbewegung, die in diesem Rahmen heute entstanden ist, erkennt, dass das Gerechtigkeitsversprechen der bürgerlichen Demokratien nicht eingelöst wurde. „Die Femizide, die Gewalt gegen Frauen, die Tatsache, dass die Hausarbeit immer noch auf den Schultern der Frauen lastet, die 300 Frauen, die täglich an illegalisierten Abtreibungen sterben, zeigen, dass die eroberten Gesetze nicht überwinden, was die kapitalistischen Demokratien nicht lösen können.“

Zugleich trifft die Frauenbewegung heute auf eine neu zusammengesetzte Arbeiter*innenklasse, die zu 50% aus Frauen besteht und somit weiblicher ist als jemals zuvor.

Die neue Arbeiter*innenklasse hat das Angesicht einer Frau.

Andrea schlussfolgerte deshalb, dass es kein Zufall ist, dass die neue Welle der Frauenbewegung in den Begriffen der Tradition der Arbeiter*innenbewegung redet, wenn sie von Frauen*streik spricht.

Zugleich aber ist die Linke auf diese neue Situation nicht vorbereitet. Denn auch wenn sich in der Linken ein common sense etabliert hat, dass alle unterdrückten Sektoren unterstützt werden müssen, „nimmt sie sich nicht vor, die kapitalistische Ausbeutung effektiv zu beenden, um Rechte für alle zu erobern. Deshalb hält sie es nicht für notwendig, die sozialen Bewegungen mit der Kraft der Arbeiter*innenklasse zu vereinen, um ein Programm des revolutionären Wandels zu vertreten.“

Gegen diese Vorstellung, dass jeder Kampf gegen Unterdrückung per se antikapitalistisch und das politische Subjekt des Kampfes in den konjunkturellen Bewegungen zu finden sei, verteidigte sie die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Organisation, „die jegliche Unterdrückung bekämpft und sie mit einer Perspektive des Sturzes des Staats und des kapitalistischen Regime verbindet.“

Die Geschichte hat gezeigt, dass alle sozialen, demokratischen, populären, antiimperialistischen Kämpfe, die keinen Horizont des Kampfes für die Macht der Arbeiter*innenklasse und der armen Bevölkerung haben, abgebrochen, umgeleitet, eingedämmt und letztendlich zerschlagen werden.

Zugleich wandte sich Andrea gegen die Vision einer „korporativen“ Politik der Arbeiter*innenklasse, die den Kampf für Frauenbefreiung und gegen jegliche Unterdrückung ignoriert oder als nebensächlich abtut. Besonders deshalb, weil die Arbeiter*innenklasse heute weiblich, prekär und migrantisch ist und die Fragen der Unterdrückung ihr deshalb nicht äußerlich sind. Im Gegenteil „sind heute die Bedingungen außergewöhnlich gut, um sich die Verbindung der Kämpfe gegen Unterdrückung und gegen Ausbeutung vorzunehmen.“

Deswegen kämpfen wir von Brot und Rosen im Feminismus für die Einheit der Kämpfe der Frauen mit der Arbeiter*innenklasse. Und in der Arbeiter*innenbewegung kämpfen wir gegen die syndikalistische Logik der Trennung der Forderungen der Arbeiter*innenbewegung von den Forderungen der Unterdrückten. Dafür müssen wir gegen die Gewerkschaftsbürokratie kämpfen.

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden unterschiedlichste Fragen an Andrea gestellt, die einzelne Aspekte ihres Buchs betrafen, aber auch auf die Verbindung zwischen produktivem und reproduktivem Streik, die Frage des Rassismus und auf die historische Beziehung zwischen Marxismus und Feminismus abzielten.

Zum Abschluss der Veranstaltung bekräftigten die Anwesenden noch einmal ihre Solidarität mit dem Streik der CPPZ-Beschäftigten und entschlossen sich zu einem Solidaritätsfoto.

Details zum Buch:
Andrea D’Atri: Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus. Deutsch von Lilly Schön. Hamburg: Argument, Februar 2019. Ca. 250 S., broschiert, 15€.
© Armas de la Crítica (2004), Ediciones IPS (2013)
Deutsche Erstausgabe: © Argument Verlag 2019 (www.argument.de)
Bestellungen unter: info@klassegegenklasse.org

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