Frauen und LGBTI*

„Frauen an vorderster Front“ — Veranstaltung mit Andrea D‘Atri in Paris

Am Freitag sprachen Gelbwesten-Aktivistinnen und ehemals streikende Arbeiterinnen bei einer großen Veranstaltung mit der argentinischen Feministin Andrea D‘Atri in Paris. Ihre Berichte zeugten nicht nur von einem unglaublichen Kampfgeist, sondern auch von der Notwendigkeit, sich gemeinsam zu organisieren. Ein Gastbeitrag von Amelie Müller.

„Frauen an vorderster Front“ - Veranstaltung mit Andrea D‘Atri in Paris

Es ist Fre­itagabend in einem unschein­baren Paris­er Hin­ter­hof. Mehr als 350 Arbeiter*innen, Schüler*innen und Student*innen sind gekom­men, um einem der let­zten Abende von Andrea D’Atris Euro­pareise beizu­wohnen. Bei Ver­anstal­tun­gen im Spanis­chen Staat, in ver­schiede­nen Städten Frankre­ichs und auch in München hat sie ihr Buch bere­its präsen­tiert, in dem die Erfahrun­gen der fem­i­nis­tis­chen Massen­mo­bil­isierun­gen in Argen­tinien gegen das Abtrei­bungsver­bot, sowie das Pro­gramm für einen neuen sozial­is­tis­chen Fem­i­nis­mus im 21. Jahrhun­dert fest­ge­hal­ten sind. An diesem Abend soll sie zum The­ma « Von den grü­nen Hal­stüch­ern in Argen­tinien bis zu den Gelb­west­en in Frankre­ich — Frauen an vorder­ster Front ?” referieren. Was an diesem Abend geschieht, geht jedoch weit über eine Buchvorstel­lung hin­aus.

Die franzö­sis­che Schwest­er­seite von KGK Révo­lu­tion Per­ma­nente, die sich im Laufe der Gelb­west­en­be­we­gung als eine der wichtig­sten Infor­ma­tion­squellen für tausende Gilets Jaunes und deren Sympathisant*innen etabliert hat, hat neben Andrea auch die Streik­führerin Fer­nande Bagou und die Gelb­wes­t­e­nan­führerin Fran­cie ein­ge­laden. Fer­nande erzählt gle­ich zu Beginn von ihren Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Reini­gungskonz­ern Onet (wird iro­nis­cher­weise so aus­ge­sprochen wie “hôn­net”, zu deutsch “ehrlich”), welch­er als Unter­auf­trag­nehmer für andere Großkonz­erne (u.a. die Bah­nge­sellschaft SNCF) die prekäre Beschäf­ti­gung von 70.000 Reini­gungs- und Sicher­heit­skräften weltweit ver­wal­tet. Nach ein­er Folge von Angrif­f­en auf die ohne­hin schon unzu­mut­baren Arbeitsver­hält­nisse in der Bahn­hof­s­reini­gung gin­gen die Kolleg*innen in den Streik :

Das war meine erste Streik­er­fahrung: Während 45 Tagen haben wir den Müll liegen gelassen und stattdessen Kundge­bun­gen gehal­ten. Sie nen­nen uns “kleine Hände”, aber wir hal­ten den Laden am Laufen. Wir haben unsere Rechte einge­fordert, uns organ­isiert und den Streik let­z­tendlich gewon­nen. Allen anderen prekär Beschäftigten will ich sagen: wir müssen auf­ste­hen, kämpfen und bis zum Schluss durch­hal­ten. Wir Frauen haben uns selb­st organ­isiert, für alle Streik­enden gekocht, am lautesten Lärm gemacht. Davor wusste ich nicht, wie man an einem Mikro­fon spricht. Nach unserem Kampf habe ich vor nichts und nie­man­dem mehr Angst.

Auch drei Reini­gungsangestellte der Paris­er Luxu­shotelkette Hyatt sind an diesem Abend gekom­men, um von ihren Streik­er­fahrun­gen im let­zten Herb­st zu bericht­en:

Das bil­lig­ste Zim­mer in unserem Hotel kostet 700€ pro Nacht, das teuer­ste 3.000€ — das sind für uns zwei Monats­ge­häl­ter. Wir wur­den ras­sis­tisch und respek­t­los behan­delt und als wir uns bei der Hotelleitung beschw­ert und Forderun­gen gestellt haben, wur­den wir mit neuen Reini­gungskräften erset­zt. Die einzige Möglichkeit uns zu wehren, war, vor dem Hotel Radau zu machen. 85 Tage haben wir auf der Rue de la Paix, einem der reich­sten Boule­vards von Paris aus­ge­har­rt und es war physisch und emo­tion­al sehr anstren­gend. Die Sol­i­dar­ität der anderen Hote­langestell­ten – der Kof­fer­träger, des Küchen­per­son­als, der Rezep­tion – haben uns die Kraft gegeben, durchzuhal­ten. So ein langer Streik zehrt an der Moral. Viele von uns sind Müt­ter und wir wussten nicht, wo unser Streik hin­führen würde. Von anfangs 53 haben 41 Frauen bis zum Schluss durchge­hal­ten. An Wei­h­nacht­en wurde der Druck auf die Hotelleitung durch unseren Streik zu groß und wir wur­den unter Erfül­lung unser­er Forderun­gen wieder eingestellt. Wir Frauen müssen uns bewusst wer­den, wie stark wir sind.

Pas­ca­line, Gelb­wes­t­e­nan­führerin aus Sulz, einem 8.000-Seelendorf aus dem Elsass ist extra nach Paris gereist, um ihre Erfahrun­gen mit den Gelb­west­en­frauen auf dem Land zu teilen. Sie erzählt:

Am Ort­sein­gang unser­er kleinen Gemeinde haben wir einen Kreisverkehr – aber einen riesi­gen. Den hat die Gemein­de­v­er­wal­tung „Beginn der Men­schheit” getauft – also dachte ich, wieso fan­gen wir nicht da mit der Rev­o­lu­tion an? Meine Gruppe aus Gelb­west­en­frauen gehört zum unter­sten Rand. Wir arbeit­en als Haushalts- und Reini­gung­shil­fen, bei den meis­ten reicht es kaum bis zum Monat­sende. Viele von uns haben sich am Anfang hin­ter ihrem Mann ver­steckt, woll­ten nicht allein auf die Straße gehen. Einige haben auch mit dem Front Nation­al sym­pa­thisiert. Das haben wir im Laufe der Zeit alles über­wun­den. Bei gemein­samen Kundge­bun­gen, Frauen­ple­na, Karaoke- und Grill­par­ties auf dem Kreisverkehr haben wir disku­tiert und Frauen­sol­i­dar­ität aufge­baut. Die Män­ner mussten jet­zt akzep­tieren, dass es eine Gelb­west­en­gruppe nur für Frauen gab, die stark war und ihre eige­nen Forderun­gen stellen kon­nte. Auf ein­mal kamen von den Frauen Sätze wie: «Du bist doch Arbeit­er, du kannst doch nicht rechts sein.» Viele Wider­sprüche lösten sich mit der Zeit ein­fach auf. Wir müssen nur weit­erkämpfen und uns als Anführerin­nen mit unserem eige­nen Pro­gramm in die vorder­ste Rei­he stellen.

Torya, eine die im Früh­jahr 2018 gegen die Pri­vatisierung der SNCF unter Macron gestreikt hat, meint:

Es ist doch iro­nisch — die Regierung macht das wohl ökol­o­gis­chste Fort­be­we­gungsmit­tel, näm­lich die Bahn, durch Pri­vatisierung für uns Nor­mal­sterbliche uner­schwinglich und fordert dann eine Ben­zin­s­teuer. Ger­ade wir allein­erziehen­den Frauen sind auf bezahlbare Mobil­ität angewiesen. Aber das inter­essiert die dort oben nicht.

Nach den Vorträ­gen von Andrea fra­gen sich viele unter uns, ob und wann die pro­le­tarische Frauen­be­we­gung aus Lateinameri­ka auch in Europa ankom­men wird. Die Antwort ist: Sie ist schon längst da. Und ihr Gesicht ist migrantisch, prekär und entschlossen. Viele Rede­beiträge von jun­gen Migran­tinnen, allein­erziehen­den Müt­tern und älteren Frauen fan­den an diesem Abend eine Bühne. Ihre Klarheit, Selb­st­sicher­heit und Kampfgeist hin­ter­ließen eine beein­druck­ende Stille im Raum. Gemein­sam for­mulierten alle diese Frauen eine jahrzehn­tealte Erken­nt­nis neu: “Diejeni­gen, die am meis­ten unter dem Alten lei­den, wer­den mit der größten Kraft für das Neue kämpfen.”

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