Frauen und LGBTI*

“Bin ich Sexist oder was?” Ja, bist du. 10 Tipps für linke Männer.

Praktisch alle linken Männer erkennen an, dass es Sexismus gibt. Aber wenn man uns auf unser eigenes sexistisches Verhalten aufmerksam macht, reagieren wir oft beleidigt. Und das sollte nicht so sein. 10 Tipps für linke Männer. (Eine Antwort auf den Beitrag der Genossin Tabea Winter, die nochmal mit diesem Text geholfen hat.)

1. Akzeptieren

Patri­ar­chale Unter­drück­ung existiert seit etwa 10.000 Jahren, seit der Entste­hung des Pri­vateigen­tums. Jede zwis­chen­men­schliche Inter­ak­tion, seit­dem wir die Augen aufgemacht haben, zeigt uns die ange­bliche Min­der­w­er­tigkeit von Frauen auf. Wie soll­ten wir die Welt anders sehen als durch eine sex­is­tis­che Brille?

OK, du bist links. Du hast „Der Ursprung der Fam­i­lie, des Pri­vateigen­tums und des Staats” von Friedrich Engels gele­sen. Super! Ein großar­tiges Buch! Aber glaub­st du, dass du dich damit auf ein­mal und für immer von allen sex­is­tis­chen Vorurteilen emanzip­iert hast? Nein.

Also ja, auch du ver­hältst dich manch­mal sex­is­tisch. Akzep­tiere es und arbeite dran!

2. Zuhören

Wenn man für sex­is­tis­ches Ver­hal­ten kri­tisiert wird, ist die Reak­tion fast automa­tisch eine defen­sive: “So war es doch nicht gemeint!” “Wie kannst du das glauben!” “Ich bin doch kein Sex­ist!”

In dem Moment sollte man stattdessen tief einat­men und nach­denken: OK, es war nicht sex­is­tisch gemeint. Wieso wirk­te es trotz­dem so? Was kann ich näch­stes Mal machen, damit eine Bemerkung nicht sex­is­tisch wirkt?

Bitte ver­suche nicht Frauen zu belehren, was sex­is­tisch ist und was nicht. Über­haupt musst du Frauen nicht immer ver­suchen, die ganze Welt zu erk­lären.

3. Selbstkritisch bleiben

Und auch wenn du nicht darauf ange­sprochen wirst, kannst du dich trotz­dem fra­gen, ob du auf sub­tile Art und Weise Frauen abw­ertest: Schaue ich eine Frau komisch an? Unter­breche ich eine andere Per­son eher wegen ihres Geschlechts? Ste­he ich ein­er Frau zu nah? Habe ich Kör­perkon­takt (etwa am Arm), den sie vielle­icht nicht möchte?

Es kann auch hil­fre­ich sein, sich mit den Erfahrun­gen von Frauen auseinan­derzuset­zen. Lies doch zum Beispiel mal Berichte auf alltagssexismus.de.

4. Aufgaben bewusst verteilen

Wenn in linken Räum­lichkeit­en gekocht wer­den, melden sich oft viele Frauen “frei­willig”. Aber das hat mit ein­er bes­timmten Sozial­i­sa­tion zu tun. Um dieser Sozial­i­sa­tion ent­ge­gen­zuwirken, müssen wir Auf­gaben bewusst verteilen. Das geht auch für Kinder­be­treu­ung, Einkauf, Putzen… Aber genau­so für poli­tis­che Auf­gaben. Spricht ein Mann auf dem Podi­um, während eine Frau nur mod­eriert? Schreibt ein Mann, während eine Frau Kor­rek­tur liest. Das kannst du alles hin­ter­fra­gen.

5. … auch zu Hause

Unser Pro­gramm ist die Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit durch kom­mu­nale Küchen, Wäschereien, Kinder­be­treu­ung, etc. Es ist eine bürg­er­liche Illu­sion, die Frauen­be­freiung durch eine andere Verteilung pri­vater Hausar­beit erre­ichen zu wollen.

Aber so lange es pri­vate Hausar­beit gibt, sollte sie nicht nur von Frauen erledigt wer­den. Den Anti­sex­is­mus, den wir auf poli­tis­chen Tre­f­fen pfle­gen, soll­ten wir auch nach Hause mit­nehmen. Also wer passt auf die Kinder auf, wenn es eine poli­tis­che Ver­anstal­tung gibt? Eine gerechtere Verteilung macht es Genossin­nen leichter, sich poli­tisch zu organ­isieren.

6. Räume für Selbstorganisierung lassen

Manche linke Häuser haben beson­dere Räum­lichkeit­en für Frauen-Les­ben-Trans-Men­schen. Automa­tisch kom­men die Beschw­er­den von ver­meintlich linken Män­nern: “Ist das nicht ein­fach eine neue Form von Diskri­m­inierung?” Nein. Jed­er Raum auf dem ganzen Plan­eten ist ein Män­nerraum, in dem du dich uneingeschränkt aus­bre­it­en kannst. Auf den einen Frauen­raum kannst du verzicht­en. Eigentlich bräuchte es noch viel mehr Frauen­räume.

7. … aber keine Doppelbelastungen schaffen

Beim Kongress eines reformistis­chen Jugend­ver­ban­des gab es ein Frauen­tr­e­f­fen: Hier kon­nten weib­liche Mit­glieder unter sich disku­tieren. Eine tolle, fem­i­nis­tis­che Sache! Was haben die Män­ner während­dessen gemacht? Saßen in der Kneipe und tranken Bier. Nicht so toll.

Frauen müssen sich die ganze Zeit mit Sex­is­mus auseinan­der­set­zen, ob sie wollen oder nicht. Das darf auf keinen Fall zu zusät­zlichen poli­tis­chen Auf­gaben führen, von denen Män­ner befre­it sind. Auf beson­deren Frauen­tr­e­f­fen muss auch nicht nur über die eige­nen Erfahrun­gen als Frau disku­tiert wer­den, son­dern über alle Aspek­te der Poli­tik.

Während eines Frauen­tr­e­f­fens kön­nen Män­ner unter sich über Sex­is­mus reflek­tieren – solche Diskus­sio­nen sind oft ergiebiger, als man erwarten würde. Alter­na­tiv kön­nen sich Män­ner in der Zeit mit Repro­duk­tion­sar­beit beschäfti­gen.

8. Selbst aktiv werden

Sex­is­tis­che Bemerkun­gen kriegt man ständig mit. Ist es nicht Sache der Betrof­fe­nen, es anzus­prechen, wenn es ein Prob­lem gibt? Ja und Nein. Natür­lich müssen die Wün­sche der Betrof­fe­nen im Mit­telpunkt ste­hen. Aber man glaubt gar nicht, wie viele sex­is­tis­che Vor­fälle Frauen poten­tiell ansprechen kön­nten – lock­er 10.000 am Tag.

Und es ist nicht die Auf­gabe von Frauen, 24 Stun­den am Tag auf Sex­is­mus hinzuweisen. Immer­hin gibt es auch andere poli­tis­che The­men. (Zudem die ange­blich “harm­losen” Witze sich nicht allzu sel­ten in nack­te Gewalt umwan­deln, wenn sie kri­tisch ange­sprochen wer­den.) Deswe­gen soll­test auch du als Mann ein­schre­it­en: “Das finde ich sex­is­tisch und andere Men­schen vielle­icht auch.”

Du kannst es auch nach dem Rat von Twit­ter pro­bieren: “Den Witz habe ich nicht ver­standen. Kannst du die Pointe bitte für mich genau erläutern?”

9. Gegen sexualisierte Gewalt einschreiten

Das müsste eine Selb­stver­ständlichkeit sein, aber passiert in dem Moment viel zu sel­ten. Alle Men­schen – aber beson­ders Män­ner – tra­gen eine Ver­ant­wor­tung dafür, sex­u­al­isierte Gewalt zu stop­pen. Erst die Kul­tur des Wegschauens macht so viel Gewalt gegen Frauen möglich. „Das geht mich nichts an“, denken sich viele. Aber sex­u­al­isierte Gewalt geht uns alle an. Beson­dere Aufmerk­samkeit brauchen wir in Kon­tex­ten, wo viele Men­schen und/oder Alko­hol im Spiel sind, zum Beispiel Par­tys. Es dauert nur ein paar Sekun­den, um kurz zu fra­gen, ob sich alle wohl fühlen.

10. Keine dummen Witze!

Ger­ade die schein­bar “harm­losen” For­men des Sex­is­mus machen das Prob­lem all­ge­gen­wär­tig. “Das ist doch nur ein Witz – hast du keinen Humor?” So will sich manch­er Mann als Sex­ist und Anti­sex­ist gle­ichzeit­ig feiern lassen. Und er greift die Frauen noch ein­mal an, weil sie nicht über ihre Unter­drück­ung lachen wollen.

Mir hat es unglaublich gut getan als junger, frisch poli­tisiert­er, link­er Mann, nach einem sex­is­tis­chen Witz richtig lange aus­führlich kri­tisiert zu wer­den. Erst das unan­genehme Gefühl hat mich dazu gebracht, über die Bedeu­tung mein­er „Witze” nachzu­denken. Also ich hoffe, dass möglichst viele andere Män­ner diese Erfahrung machen kön­nen.

Fazit:

Natür­lich wer­den wir mit unserem indi­vidu­ellen Ver­hal­ten allein die Unter­drück­ung der Klas­sen­ge­sellschaft nicht über­winden. Dazu braucht es eine rev­o­lu­tionäre Massen­be­we­gung des Pro­le­tari­ats im Bünd­nis mit allen Unter­drück­ten. Aber mit einem anti­sex­is­tis­chen Bewusst­sein wer­den wir eine solche Bewe­gung bess­er auf­bauen kön­nen. Denn diskri­m­inieren­des Ver­hal­ten schließt Men­schen vom Aktivis­mus aus.

Nachtrag:

Das ist nur eine sehr kurze Liste. Bitte schreibt in den Kom­mentaren, was ich hier vergessen habe! Über het­ero­sex­uelle Beziehun­gen kön­nte man zum Beispiel noch ganz viel schreiben. Auch bezieht sich der Text nur auf Men­schen, die sich als Män­ner oder Frauen ver­ste­hen. Es gibt noch viele zusät­zliche Unter­drück­ungs­for­men und Vorurteile gegen Men­schen, die sich nicht ein­deutig einem Geschlecht zuord­nen. Zum Schluss: Mit dem Beitrag möchte ich mich auch keineswegs rein­waschen. Auch bei mir lässt sich ständig sex­is­tis­ches Ver­hal­ten erken­nen. Ich ver­suche selb­stkri­tisch damit umzuge­hen.