Frauen und LGBTI*

Euer „Anti“-Sexismus pisst mich an!

Die sexistische und Gewalt an Frauen verherrlichenden Werbung von SuperGurl rief im Internet die Ablehnung vieler hervor. Es ist aber wichtig, dass Antisexismus nicht nur im Internet stattfindet - und Männer sich bewusst machen, wie oft sie selber Sexismus produzieren. Deshalb fragt die Revolutionär-kommunistische Jugend: "All ihr Antisexisten im Internet, wo seid ihr bei Übergriffen an öffentlichen Orten und wo seid ihr vor allem in eurem Privatleben?"

Euer „Anti“-Sexismus pisst mich an!

„Rape us now“ war der Werbeslogan der Klamottenmarke SuperGurl vor etwa drei Wochen zum Black Friday Sale. Die Firma hat inzwischen eine Entschuldigung veröffentlicht. Im Internet herrscht Bestürzung und Entsetzen, wie denn mit so einem Spruch geworben werden kann. Viele Cis1-Männer sehen sich jetzt als Antisexisten, weil ihnen auffällt, dass diese Werbung nicht in Ordnung ist. Doch eigentlich wissen auch sie, dass dieser Slogan zwar ein gutes Beispiel für Rape Culture ist, aber weder etwas Neues noch etwas Unerwartetes ist.

Werbung im Kapitalismus: gewaltverherrlichend und sexistisch

Die Frage „Was haben die Leute von SuperGurl sich denn dabei gedacht?“ lässt sich leicht beantworten – sie dachten, Sexismus und Degradierung von Frauen fördern ihr Geschäft, da sie ein kapitalistisches Unternehmen sind, das ihren Profit im Sinn hat und um diesen zu maximieren auf Unterdrückungsmechanismen wie Sexismus zurückgreift. Dieser Werbeslogan kommt nicht aus dem luftleeren Raum, scheinbar funktioniert Rape Culture hervorragend als Marketingstrategie – und wurde auch nicht erst von SuperGurl entdeckt:

Unter dem Titel „15 Recent Ads That Glorify Sexual Violence Against Women“ sind ein paar Beispiele für Werbung zu finden, die Gewalt an Frauen verherrlichen. Von Dolce & Gabbana bis hin zu Peta zeigen diese Unternehmen ihr wahres abstoßendes sexistisches Gesicht. SuperGurl reiht sich hier nun perfekt ein. Gewalt gegen Frauen wird nicht nur als alltäglich, sondern als erwünscht angesehen. Die patriarchale Gesellschaftsordnung manifestiert sich unter anderem in genau solchen Bildern. Natürlich sind diese Formen der Werbung zu kritisieren, wie beinahe alle anderen: halbnackte junge, schlanke, „schöne“ Frauen in Handywerbung, weiße Familien mit lächelnden Kindern in Waschmittelwerbung… Sexismus, Rassismus und die Idealisierung der bürgerlichen Familien werden uns unausweichlich eingetrichtert. Im Artikel „Wozu dient „Sexistische Kackscheiße“?“ wird ausführlicher auf sexistische Werbung und ihren Nutzen eingegangen.

Sexistische Antisexisten oder Du bist sexistischer als du denkst!

Es ist gut und notwendig, den Slogan zu kritisieren. Doch mal ernsthaft: „OMG“, „Wie schlimm“ und „Ich kann das gar nicht glauben“ ist nicht die angebrachte Reaktion auf die SuperGurl-Werbung – zumindest dann nicht, wenn es einfach dabei bleibt. Rape Culture ist so viel mehr als sexistische Werbung und es ist nicht auszuschließen, dass einige der Männer, die sich im Internet genau so äußerten, Männer sind, die im Alltag dafür sorgen, dass Frauen sich unwohl fühlen. Das heißt nicht, dass jeder dieser Männer sexuelle Gewalt gegenüber Frauen ausübt, doch die alltäglichen männlichen Privilegien, die ausgestrahlte Dominanz und die Sozialisierung fördern das ungute Gefühl, als Frau nachts alleine auf dem Bahnhof zu warten. Diese Angst, die so viele Frauen immer wieder daran hindert, ihr Leben unbeschwert und selbstbestimmt zu leben – selbst wenn der tatsächliche Übergriff ausbleibt. Wie kommt es, dass es so leicht ist, sich im Internet antisexistisch zu geben, während die Lebensrealität von Frauen immer noch durch Sexismus beeinflusst ist?

In unserer Gesellschaft ist sexuelle Gewalt gegenüber Frauen so sehr verbreitet, dass sie uns nur auffällt, wenn wir ihr nicht ausweichen können. „Rape us now“ und das Internet steht Kopf.

Doch wenn man(n) im echten Leben sieht, wie eine Frau angefasst, verbal belästigt oder bedrängt wird, dann werden Ausflüchte gesucht: „Vielleicht will sie das ja.“, „Das ist doch alles gar nicht so schlimm“, „Ich will mich ja nicht aufdrängen“. Und dann wird viel zu oft zugesehen. Und wenn es dann noch „subtiler“ wird, wenn es darum geht dass Frauen nur als potentielle Sexpartnerinnen angesehen werden und sich nur als solche mit ihnen beschäftigt wird – da hört die Kritik dann oft auch schon auf.

Auch unbewusst wird Sexismus immer wieder reproduziert. Oft merkt man es kaum, wenn man sexistisch denkt oder handelt. Wenn Männern mehr zugehört wird und Frauen nur für emotionale Fürsorge als Expertinnen gelten. Die beschriebenen „Antisexisten“ sind meistens selbstreflektiert genug um zu wissen, dass auch sie nicht frei von Sexismus sind. Ihre Lösung bestätigt ihr Gefühl definitiv: Denn es ist sexistisch, wenn die einzige Lösung daraus besteht Frauen aufzufordern, Männer darauf hinzuweisen, wenn sie sexistisch sind. Es ist nicht die Aufgabe von Frauen den Sexismus von Männern zu reflektieren. Denn anders als Männer können Frauen sich nicht aussuchen, wann sie sich mit Sexismus auseinandersetzen wollen und haben auch nicht unbedingt Lust, immer wieder zu erklären, was an diesem und jenem Verhalten jetzt sexistisch war. Was natürlich nicht bedeutet, dass Frauen nicht auch darauf hinweisen können – aber nur, wenn sie das gerade wollen.

Rape Culture ist Teil der Justiz…

Nicht nur Männer haben sexistische Gedankengänge verinnerlicht: Auch Frauen, bei denen man ja erwarten würde, dass sie durch ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse einen anderen Blickwinkel auf Situationen haben, argumentieren mit sexistischer Logik.
Wenn meine Mitschülerin mir erzählt, dass ihre Mutter meinte: „Wenn du dich so anziehst, ist es ja kein Wunder, wenn du angefasst wirst“, ist das für mich und die meisten anderen jungen Frauen keine neue Aussage – dennoch fragt man sich, wieso Menschen, insbesondere Frauen, so denken. Victim blaming ist der Fachbegriff.

Victim blaming findet man auch in der Justiz. Falls Vergewaltigungen überhaupt angezeigt werden, was selten passiert, äußern sich die Beamt*innen oft mit Kommentaren wie „Na, warum waren Sie denn nachts alleine unterwegs?“. Das deutsche Gesetz sagt, dass eine Vergewaltigung nur dann eine Vergewaltigung ist, wenn es keine Fluchtmöglichkeit gab – sprich, das eigene Schlafzimmer ist kein Ort, in dem Vergewaltigungen stattfinden können, dabei stammen 93% der Täter aus dem Umfeld der Opfer. Unter #WhyIsaidNothing und #BeenRapedNeverReported gibt es Berichte von Frauen, die sich zu ihren Vergewaltigungen äußern (Triggerwarnung!). Die Betroffenen erhielten als Reaktion unter anderem Morddrohungen.

…aber auch Teil der Sozialisierung

Wie das Beispiel der Mutter meiner Freundin zeigt: Frauen werden so sozialisiert, dass es ihre Schuld ist, wenn sie gegen ihren Willen angefasst werden – und dass sie z.B. ihren Freund ja glücklich machen sollen, Sex nunmal dazu gehört und halt auch manchmal weh tut. Frauen, die sich sexistisch äußern, wurden ihr Leben lang so erzogen, dass die Erlebnisse, die sie haben, normal sind und ihrer „Rolle als Frau“ entsprechen.

Und sollten sie sich doch trauen sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren, sind sie entweder „hypersensibel“ und „reagieren voll über“ oder es sind „dumme Schlampen, die keinen ranlassen“.

Alltäglicher Sexismus, verbale oder physische Angriffe an öffentlichen Orten, Degradierungen, Herabsetzungen, Beleidigungen. Als Frau nichts besonderes (natürlich gibt es auch Männer, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Laut Statistiken berichtet einer von 71 Männern von Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Bei Frauen ist es eine von 5, die solche Erfahrungen berichtet) – und doch denke zumindest ich mir oft „Was, wenn die Menschen damals eingeschritten wären?“ „Was, wenn nicht alle weggesehen hätten?“. Die Antwort kenne ich.

Sexismus hebt sich natürlich nicht auf, indem man nur akut einschreitet, aber ich würde so ziemlich alles dafür geben, viele Situationen nicht erlebt haben zu müssen. Und es wäre so leicht, solche Situationen zu verhindern. Vermutlich haben die meisten gerade das Bild von dem bösen, fremden, vermummten Vergewaltiger im Kopf – und sehen nicht, dass vielleicht auch sie schon sexuelle Gewalt an Frauen ausgeübt haben – und auf jeden Fall die Angst davor erzeugt haben. Wenn sie sagt: „Nein, ich will das nicht.“ und die Antwort daraufhin lautet: „Doch, ich weiß doch, dass du es willst.“, dann ist das folgende eine Vergewaltigung.

Kampf dem Sexismus heißt Kampf dem Kapitalismus!

Allerdings sollten wir alle dafür kämpfen, dass solche Situationen nicht verhindert werden müssen, sondern gar nicht erst entstehen.

Der Kapitalismus ist ohne seine Unterdrückungsmechanismen, zu denen Sexismus gehört, unmöglich. Nur durch Unterdrückung lässt sich Ausbeutung aufrecht erhalten. Auf die Zusammenhänge von Frauenunterdrückung und Kapitalismus bzw. von Marxismus und Feminismus geht der Artikel „Eine unglückliche Ehe?“ ein. Um Sexismus zu überwinden müssen sich alle Unterdrückten und Ausgebeuteten gemeinsam organisieren und den Kapitalismus überwinden. In revolutionären Organisationen und Parteien sollten gemeinsam Mechanismen gefunden werden um Sexismen zu erkennen, reflektieren und mit ihnen umzugehen. Außerdem sollten theoretische Schulungen zu Frauenunterdrückung und Sexismus organisiert werden. Dennoch ist auch die Selbstorganisierung von Frauen ein zentraler Bestandteil im Kampf gegen diese patriarchale Gesellschaftsordnung. Wenn man in besonderem Maße unterdrückt wird, muss man auch besonders dagegen kämpfen. Diese Gruppen oder Treffen sollten Schutzräume sein – jedoch keine passiven Rückzugsorte – sondern der Ursprung für einen revolutionär-feministischen Kampf.

All ihr Antisexisten im Internet, wo seid ihr bei Übergriffen an öffentlichen Orten und wo seid ihr vor allem in eurem Privatleben?

1Cis-Personen sind Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht im Einklang steht. Im Text wird von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen. Diese Geschlechter sind gesellschaftlich konstruiert. Männlich identifizierte und sozialisierte Menschen, die im Text als Männer bezeichnet werden, genießen bestimmte Privilegien und befinden sich damit in einer dominanten Position Frauen gegenüber. Im Text sind mit „Frauen“ all die Menschen gemeint, die von der Gesellschaft als Frau wahrgenommen und deshalb besonders unterdrückt werden.

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