Frauen und LGBTI*

Eine unglückliche Ehe?

Eine unglückliche Ehe?

Als „unglück­liche Ehe“ beschrieb Hei­di Hart­mann 1981 das Ver­hält­nis zwis­chen Marx­is­mus und Fem­i­nis­mus. Und auch heute wird Marx­istIn­nen immer wieder vorge­wor­fen, Fraue­nun­ter­drück­ung nicht aus­re­ichend oder nur instru­mentell zu berück­sichti­gen. Gle­ichzeit­ig wird im dominieren­den fem­i­nis­tis­chen Diskurs die Fraue­nun­ter­drück­ung vor­rangig zu einem ide­ol­o­gis­chen Phänomen erk­lärt. Auch von reak­tionären Vorstel­lun­gen ist der offizielle fem­i­nis­tis­che Diskurs nicht frei. Angesichts des ger­ade stat­tfind­en­den gesellschaftlichen Roll­backs in ganz Europa, der gezielt die hart erkämpften Rechte von Frauen wie das Recht auf Abtrei­bung angreift, ist es deshalb Zeit, einen Fem­i­nis­mus zu schaf­fen, der auch die materielle Grund­lage der Fraue­nun­ter­drück­ung angreift.

Ins­beson­dere in den 1970er und 1980er Jahren gab es in der Frauen­be­we­gung eine bre­ite Debat­te über ein mate­ri­al­is­tis­ches Ver­ständ­nis des Fem­i­nis­mus: ein Resul­tat des Auf­schwungs ein­er kämpferischen Frauen­be­we­gung in den 1970er Jahren, aber auch der Ent­täuschung über die schnelle Insti­tu­tion­al­isierung dieser zweit­en Frauen­be­we­gung. Doch auch schon vorher, beson­ders während der Hochzeit der pro­le­tarischen Frauen­be­we­gung zu Beginn des 20. Jahrhun­derts, gab es wichtige the­o­retis­che und poli­tis­che Debat­ten über die Verbindung von Fraue­nun­ter­drück­ung und Kap­i­tal­is­mus und den Weg zur Über­win­dung von bei­dem. Deshalb müssen wir heute nicht von Null anfan­gen, um einen klassenkämpferischen, mate­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus zu entwick­eln.

Woher kommt Frauenunterdrückung?

Das Spek­trum der­jeni­gen, die sich um einen mate­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus bemühen, ist bre­it. Gemein­sam ist ihnen, dass sie aus den materiellen Bedin­gun­gen her­aus die Unter­drück­ung der Frauen erk­lären wollen. Sie fra­gen, was die his­torischen Bedin­gun­gen für die Entste­hung der Fraue­nun­ter­drück­ung waren und wie sie heute aufrecht erhal­ten wird. Aus diesen Erk­lärun­gen sollen dann Schlussfol­gerun­gen für die fem­i­nis­tis­che Prax­is gezo­gen wer­den. Mate­ri­al­is­tis­che Fem­i­nistIn­nen beziehen sich auf den Marx­is­mus, kri­tisieren Marx aber teil­weise dafür, dass seine Analyse des Kap­i­tals geschlechts­blind gewe­sen sei. Dem wird von anderen mate­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nistIn­nen ent­ge­gen gehal­ten, dass nicht Marx‘ Analyse geschlechts­blind sei, son­dern der grundle­gende Prozess der Kap­i­talver­w­er­tung und Mehrw­ert­pro­duk­tion unab­hängig vom Geschlecht der Aus­ge­beuteten und Aus­beu­terIn­nen funk­tion­iert. Allerd­ings ist im his­torisch gewach­se­nen Kap­i­tal­is­mus die Geschlechterun­gle­ich­heit tief ver­wurzelt. Schon vor dem Kap­i­tal­is­mus gab es ver­schiedene For­men der Fraue­nun­ter­drück­ung, die sich bei der Durch­set­zung der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise tief in ihre konkrete Funk­tion­sweise eingeschrieben haben. Der Kap­i­tal­is­mus, wie er sich heute weltweit her­aus­ge­bildet hat, benötigt die Spal­tung der Arbei­t­erIn­nen­klasse, die Über­aus­beu­tung der Fraue­nar­beit (Prekarisierung!) und die unbezahlte Hausar­beit, also die Fraue­nun­ter­drück­ung. Dies bildet den materiellen Nährbo­den für Sex­is­mus, der ver­schieden­ste For­men annehmen kann. Deshalb ist die Frage der Über­win­dung der Fraue­nun­ter­drück­ung untrennbar mit der Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus ver­bun­den.

Reproduktionsarbeit

Eine zen­trale Debat­te im mate­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus ist die Charak­ter­isierung von pro­duk­tiv­er und „unpro­duk­tiv­er“ Arbeit. Ob eine Arbeit pro­duk­tiv oder „unpro­duk­tiv“ ist, hängt nicht von der Art der Arbeit ab, son­dern davon, ob sie Mehrw­ert schafft – das heißt, ob sie ver­aus­gabt wird, um eine Ware zu pro­duzieren, inner­halb des Ver­w­er­tung­sprozess­es des Kap­i­tals. Arbeit ist unpro­duk­tiv, wenn sie keinen Mehrw­ert schafft, wenn sie also beispiel­sweise unbezahlt im Haushalt stat­tfind­et.

Unter dem Begriff der „Repro­duk­tion­sar­beit“ ist all die Arbeit zu ver­ste­hen, die dazu dient, die Ware Arbeit­skraft zu repro­duzieren. Also die Arbeit, die es ermöglicht, dass die Arbei­t­erIn­nen über­haupt über­leben und jeden Tag aufs Neue ihre Arbeit­skraft verkaufen kön­nen. Darunter fall­en Tätigkeit­en wie Kochen, Putzen, Einkaufen, Klei­dung waschen und flick­en, Kinder bekom­men und erziehen und auch emo­tionale und sex­uelle Für­sorge.

Repro­duk­tion­sar­beit kann als pro­duk­tive – zum Beispiel in einem Restau­rant oder ein­er Wäscherei – und als unpro­duk­tive Arbeit – in der Fam­i­lie – geleis­tet wer­den, sie kann bezahlt oder unbezahlt erfol­gen. Wie die Repro­duk­tion­sar­beit im Kap­i­tal­is­mus organ­isiert ist, ist das Resul­tat eines his­torischen Prozess­es, in dem die Bedürfnisse der Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion ein­er­seits und Kämpfe der Arbei­t­erIn­nen ander­er­seits den Rah­men der Möglichkeit­en für die Repro­duk­tion gegeben haben. Anfang des 20. Jahrhun­derts wurde ein Fam­i­lien­lohn einge­führt, der es ermöglichte, dass Frauen zu Haus­frauen wur­den, um so die Arbeit­skraft der Män­ner auf höherem Niveau wieder­herzustellen. Das entsprach einem Bedürf­nis des Kap­i­tals zu ein­er Zeit, als es auf bess­er ernährte und aus­ge­bildete Arbei­t­erIn­nen angewiesen war. Seit den 70er Jahren wur­den Kinder­be­treu­ung­sein­rich­tun­gen aus­ge­baut und Haushalt­sar­beit automa­tisiert, um mehr Frauen wieder in den Arbeit­sprozess einzu­binden. Heute find­et ein gesellschaftlich­er Rückschritt statt, der die Prekarisierung von Fraue­nar­beit weit­er vorantreibt und Frauen erneut aus der pro­duk­tiv­en Sphäre her­aus­drängt. Wie die Repro­duk­tion­sar­beit organ­isiert wird, ist also ein Ergeb­nis von Klassenkämpfen von unten und von oben.

Wer profitiert?

His­torisch hat sich eine geschlechtliche Arbeit­steilung ergeben, in der Frauen für die Repro­duk­tion­sar­beit ver­ant­wortlich sind, und zwar unbezahlt. Wer aber prof­i­tiert von dieser Kon­stel­la­tion – die Män­ner oder die Kap­i­tal­istIn­nen? Es stellt sich die Frage, ob „Fraue­nar­beit in der Fam­i­lie wirk­lich für die Män­ner ist, obwohl sie ein­deutig das Kap­i­tal repro­duziert“ (Hei­di Hart­mann) oder ob sie eine Form der Aus­beu­tung durch das Kap­i­tal ist, die als ange­blich aus Liebe geleis­tete Arbeit für den Mann ver­schleiert wird.

Grund­sät­zlich entspricht die Höhe des Lohns dem, was die Arbei­t­erIn­nen brauchen, um ihre Arbeit­skraft jeden Tag aufs Neue zu repro­duzieren – nicht nur rein physisch, son­dern auch kul­turell und sozial. Doch wenn ein großer Teil der Repro­duk­tion­sar­beit unent­geltlich geleis­tet wird, dann sinkt der Wert der Ware Arbeit­skraft, weil der/die Arbei­t­erIn für die eigene Repro­duk­tion keine Arbeit­skraft bezahlen muss. Das über­set­zt sich direkt in eine größere Mehrw­ertab­schöp­fung durch die Kap­i­tal­istIn­nen. Den­noch ergibt sich hier ein Para­dox des Kap­i­tal­is­mus, denn die Ten­denz zur Senkung des Lohns wird dadurch kon­terkari­ert, dass die Frauen, die his­torisch die Repro­duk­tion­sar­beit geleis­tet haben, durch den Lohn des Mannes mitver­sorgt wer­den müssen, was wiederum den Lohn steigen lässt. Deshalb war der in der fem­i­nis­tis­chen Debat­te häu­fig als Ver­schär­fung der Fraue­nun­ter­drück­ung ver­standene Fam­i­lien­lohn nicht so ein­deutig reak­tionär, da er über­haupt erst eine materielle Basis für eine Repro­duk­tion der Arbei­t­erIn­nen­fam­i­lie bot. Nichts­destotrotz sorgt die Exis­tenz des Fam­i­lien­lohns für eine mas­sive Unter­be­w­er­tung des Lohns für Fraue­nar­beit bis heute, worunter vor allem alle­in­ste­hende Frauen zu lei­den haben.

Im Ergeb­nis prof­i­tieren zwar dur­chaus auch Män­ner der Arbei­t­erIn­nen­klasse von der unbezahlten Hausar­beit, aber die eigentlichen Prof­i­teurIn­nen sind die Kap­i­tal­istIn­nen, die Kosten für Repro­duk­tion­sar­beit eins­paren und zugle­ich den Druck auf den weib­lichen Lohn für ihre Prof­it­max­imierung nutzen kön­nen. Gle­ich­wohl ent­ge­ht den Kap­i­tal­istIn­nen damit ein großer Markt, was ins­beson­dere in Zeit­en der Krise der Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion, wie wir sie heute erleben, prob­lema­tisch sein kann. Das erk­lärt die heutige Ten­denz zur teil­weisen Kom­mod­i­fizierung von Repro­duk­tion­sar­beit, z.B. durch pri­vatwirtschaftlich organ­isierte Sorgear­beit. Es existieren gle­ichzeit­ig jedoch viele gegen­läu­fige Ten­den­zen, die eine voll­ständig lohn­för­mig organ­isierte Repro­duk­tion­sar­beit im heuti­gen Kap­i­tal­is­mus unmöglich machen.

Bilden Frauen eine eigene Klasse?

Die Antwort darauf, wie Fraue­nun­ter­drück­ung über­wun­den wer­den kann, ist jedoch nicht nur aus der Analyse der materiellen Grund­la­gen im (Re-)Produktionsprozess abzuleit­en, son­dern bedarf eines Ver­ständ­niss­es des Sub­jek­ts der Über­win­dung. In der mate­ri­al­is­tisch-fem­i­nis­tis­chen Debat­te der 1970er und 80er Jahre ent­stand so die Kon­tro­verse darüber, ob Frauen eine eigene „Klasse“ inner­halb eines eigen­ständi­gen, neben dem Pro­duk­tion­ssys­tem ste­hen­den Repro­duk­tion­ssys­tems namens Patri­ar­chat kon­sti­tu­ieren. Diejeni­gen, die von dieser Annahme aus­ge­hen, plädieren für ein Bünd­nis aller Frauen – Aus­ge­beutete und Aus­beu­terin­nen –, welch­es gegen die Män­ner­herrschaft kämpfen soll. Eines der Prob­leme dieses Ansatzes liegt darin, dass die Herrschaft „der Män­ner“ über „die Frauen“ gar nicht so generell gilt. Beispiel­sweise sind männliche Arbeit­er eben­falls vom mas­siv­en Lohn­druck als Resul­tat der geschlechtlichen Arbeit­steilung betrof­fen – wenn auch nicht im gle­ichen Maße wie ihre weib­lichen Kol­legin­nen.

Trotz­dem ist der Begriff des Patri­ar­chats nicht unnütz, denn er kann die Exis­tenz der Fraue­nun­ter­drück­ung in ver­schiede­nen Klas­sen­ge­sellschaften beschreiben – damit wird aber auch klar, dass er keine geeignete Analy­sekat­e­gorie darstellt. Denn es ist ja ger­ade die spez­i­fis­che Art und Weise, auf die die Unter­drück­ung der Frauen in den ver­schiede­nen Klas­sen­ge­sellschaften organ­isiert ist und wie sie mit der vorherrschen­den Pro­duk­tion­sweise zusam­men­hängt, die uns Auskun­ft über die tat­säch­lichen Bedin­gun­gen der Befreiung von Frauen geben kann.

Ein klassenkämpferischer Feminismus!

Wenn wir erken­nen, dass die Fraue­nun­ter­drück­ung nicht ein ahis­torisches, unab­hängiges Sys­tem der Unter­drück­ung darstellt, son­dern dass sie immer spez­i­fisch von den materiellen Bedin­gun­gen der herrschen­den Pro­duk­tionsver­hält­nisse abhängt, dann ist es klar, dass diese materiellen Bedin­gun­gen zer­stört wer­den müssen, um die Befreiung zu erre­ichen.

Die Tren­nung von Pro­duk­tions- und Repro­duk­tion­ssphäre im Kap­i­tal­is­mus, die ein­er Tren­nung von öffentlichen und pri­vat­en Sphären entspricht, ist dabei ein Haupthin­der­nis. Jed­er Ver­such der Über­win­dung der Fraue­nun­ter­drück­ung muss deshalb die Verge­sellschaf­tung der Repro­duk­tion­sar­beit mit ein­schließen.

Die spez­i­fis­che Unter­drück­ung von Frauen im Kap­i­tal­is­mus kann aber nur im gemein­samen Kampf des Pro­le­tari­ats gegen das Kap­i­tal durch­brochen wer­den – bei gle­ichzeit­igem ide­ol­o­gis­chen Kampf auch inner­halb des Pro­le­tari­ats gegen Sex­is­mus und für eine unab­hängige Organ­isierung und Mobil­isierung von Frauen. Die pro­le­tarische Frauen­be­we­gung zu Beginn des 20. Jahrhun­derts hat in diesem Sinne viele Vor­bilder gegeben, an die ein heutiger klassenkämpferisch­er Fem­i­nis­mus wieder anschließen kann.

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