Jugend

Zwischen Instagram und Praktikum — eine Jugend in der Krise?

Der „Jugend von heute“ wird häufig unterstellt, sie sei unpolitisch, unengagiert und egozentrisch. Doch wer sind eigentlich die Studis, Azubis und Schüler*innen, die unbezahlten Praktikant*innen und Minijobber*innen, die wissen, dass sie mit ihrem Bachelor keinen unbefristeten Job bekommen werden?

Zwischen Instagram und Praktikum - eine Jugend in der Krise?

Ökonomische Situation

Aufgewach­sen unter dem Euro, der EU und Angela Merkel ken­nen in Deutsch­land groß gewor­dene Jugendliche nur eine Kan­z­lerin: ob schwarz-gelb oder GroKo, seit 2005 ist die Herrscherin der bürg­er­lichen Demokratie an der Macht. Den­noch sind die Auswirkun­gen der von rot-grün einge­führten Agen­da 2010 in ihren Eltern­häusern spür­bar: Hartz IV, Armut und schlechte, sowie unsichere, Arbeits­be­din­gun­gen der Eltern, kennze­ich­nen den All­t­ag. Wer heute 20 Jahre alt ist, hat die Wirtschaft­skrise ab 2008 als 10-Jährige*r miter­lebt. Die Prekarisierung der Eltern wirkt sich auch auf die Kinder aus. Nach Schätzun­gen des Deutschen Kinder­schutzbun­des leben unge­fähr 4,4 Mil­lio­nen Kinder mit­tler­weile in Armut. Die Folge sind Neben­jobs, um die Fam­i­lie zu unter­stützen und beengte Wohn­ver­hält­nisse, in denen das Ler­nen schw­er fällt.

Immer mehr Men­schen wach­sen mit allein­erziehen­den Eltern auf. Diese, meis­tens weib­lich, stem­men einen oder auch zwei Jobs und zusät­zlich noch die Repro­duk­tion­sar­beit. Auch in Fam­i­lien mit zwei Eltern­teilen ist es auf Grund von immer mehr Teilzeitjobs und schlecht­en Löh­nen üblich, dass bei­de arbeit­en — und das Geld trotz­dem kaum zum Leben reicht. Auch wenn Jugendliche das Eltern­haus mit 18 ver­lassen — sofern sie sich den Auszug über­haupt leis­ten kön­nen — ver­di­enen sie häu­fig zu wenig, weil Aus­bil­dungsvergü­tung, BAföG oder Ähn­lich­es nicht aus­re­icht, um die steigen­den Lebenser­hal­tungskosten zu stem­men. Wer hier keine reichen Eltern hat, muss sich mit schlecht bezahlten Neben­jobs über die Run­den ret­ten, oft auf Kosten von Studi­um, Aus­bil­dung oder sog­ar der Schule. Jugendliche, die Arbeit­slosen­geld beziehen, wer­den darüber hin­aus noch regelmäßig vom Job­cen­ter gegän­gelt und sank­tion­iert. Unge­fähr 25 Prozent der 18–25-jährigen leben heute in Armut.

(Aus-)Bildung

Bil­dungsre­for­men wie G8 (Verkürzung der Schulzeit) und die Bologna-Reform erhöhen den Druck auf Kinder und Jugendliche. Die Schulk­lassen sind über­füllt, die Schul­ge­bäude mar­o­de und es fehlt an aus­re­ichend gut aus­ge­bilde­ten Lehrer*innen. Immer häu­figer erkranken Men­schen unter 18 an Burnout oder anderen durch enor­men Stress verur­sachte Krankheit­en. Die Zahl der Schüler*innen, die pri­vate Nach­hil­fe in Anspruch nehmen, steigt stetig, vor allem bei Kindern, aus Eltern­häusern mit über­durch­schnit­tlichem Einkom­men. Abitur wird bei immer mehr Aus­bil­dungs­berufen voraus­ge­set­zt. Lück­en im Lebenslauf dür­fen nicht entste­hen, denn die Beruf­sper­spek­tiv­en sind eh schon mis­er­abel genug. So wird auch das dritte unbezahlte Prak­tikum angenom­men. Zum Arbeit­en oder Studieren ziehen viele Jugendliche in die Großstädte — das Leben auf dem Land wird abgelehnt und auch aus wirtschaftlich­er Per­spek­tive bietet das Leben auf dem Land, ins­beson­dere in Ost­deutsch­land, zum Großteil schlechte Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen. Vor allem in Branchen, die zu großen Teilen kein­er Tar­if­bindung (mehr) unter­liegen, ist die Lohn­dif­ferenz beson­ders drastisch. In den Großstädten gibt es enor­men Man­gel an bezahlbarem Wohn­raum, nicht genug Stu­di­en­plätze, über­füllte Wohn­heime und Hörsäle. Zeit für gesellschaft­spoli­tis­ches Engage­ment bleibt neben Studi­um, Job und Woh­nungssuche sel­ten.

Jugendliche dienen auf­grund dieser prekären Lebenssi­t­u­a­tio­nen oft als bil­lige Lohnkräfte für Betriebe in Deutsch­land. Aus­bil­dun­gen wer­den oft gar nicht bezahlt, kosten in bes­timmten Berufen sog­ar Geld, wie bei Physiotherapeut*innen oder vie­len Erzieher*innen-Ausbildungen oder die Aus­bil­dungsvergü­tung liegt weit unter dem Min­dest­lohn. Dazu kommt, dass Jugendliche in der Aus­bil­dung der Angst aus­ge­set­zt wer­den, später nicht über­nom­men zu wer­den. Gew­erkschaftliche Organ­isierung oder gar die Beteili­gung an Arbeit­skämpfen wer­den dadurch deut­lich erschw­ert. Auch deshalb „akzep­tieren“ die Betrof­fe­nen selb­st ihr Schick­sal, weil sie ihnen sel­ten Alter­na­tiv­en zu Prekarisierung geboten wer­den oder ihnen die Hoff­nung gemacht wird, dass es später schon bess­er wird.

„Krieg gegen den Terror“ und Arabischer Frühling

Glob­al gese­hen war das erste, bewusst erlebte, poli­tis­che Ereig­nis für viele, der Anschlag gegen das World Trade Cen­ter, am 11. Sep­tem­ber 2001 und der darauf fol­gende „Krieg gegen den Ter­ror“. Antimus­lim­is­ch­er Ras­sis­mus find­et sich in allen Schulen, es entste­hen Diskus­sio­nen, ob Schüler*innen auf dem Schul­hof nur noch deutsch sprechen dür­fen. Kuweit, Afghanistan, Sudan, Libyen, Mali, Libanon, Irak — die Liste der Aus­land­sein­sätze der Bun­deswehr seit dem Jahr 2000 ist lang. Kriege wie in Syrien, der Ukraine oder Atten­tate in Paris, Brüs­sel und Berlin, sind seit Jahren präsent.

Aber auch die Zeit des Ara­bis­chen Früh­lings haben viele geban­nt vor den Fernse­hern ver­bracht und erst­ma­lig miter­lebt, dass es wirk­lichen Massen­protest geben kann. Während es in Deutsch­land keine Masse­nauft­sände gibt,  waren beim Ara­bis­chen Früh­ling die Massen auf der Straße, um die pro-impe­ri­al­is­tis­chen Regierun­gen zu stürzen. Auch wenn die Arbeiter*innenbewegung nicht die Führung über­nahm, spielte sie doch eine wichtige Rolle. In Tune­sien war die Führung der Gew­erkschaften sog­ar am soge­nan­nten „Frieden­sprozess“ beteiligt und sorgte, durch Diszi­plin­ierung der Arbeiter*innen, für den sozialen Frieden, während die Gew­erkschafts­bürokratie mit Kap­i­tal und Regierung pak­tierte.

Doch obwohl am Ende die Reak­tion siegte, gab es auch Erfolge. So gelang es beispiel­sweise in Libyen und Ägypten die vorheri­gen Machthaber zu stürzen. Im Gegen­satz dazu kommt in Deutsch­land jede Reform der Regierung ohne größeren Wider­stand durch. Das liegt unter Anderem an der Insti­tu­tion­al­isierung der Großen Koali­tion unter Merkel. Da die SPD eng mit der Gew­erkschafts­bürokratie ver­bun­den ist, wer­den die Gew­erkschaften kaum von sich aus gegen die Refor­men der Regierung mobil­isieren oder gar zum Streik aufrufen.

Der Wunsch nach Beständigkeit

Angesichts der über­all existieren­den, schein­bar unlös­baren Prob­leme — Jugen­dar­beit­slosigkeit, Woh­nungsnot, Angst vor dem Kli­mawan­del und Umweltver­schmutzung, kommt es zu Res­ig­na­tion und Rückbesin­nung aufs Pri­vate, ein Wun­sch nach Sicher­heit. In der Zweier­beziehung und der Kle­in­fam­i­lie lässt sich etwas Ver­trautes und Sicheres find­en. Diese Beziehun­gen sind nicht immer het­ero, manch­mal auch eher in Wohnge­mein­schaften, exper­i­mentellen For­men des Zusam­men­lebens oder offeneren Beziehungs­for­men. Doch irgend­was Beständi­ges ist der Wun­sch viel­er in ein­er Zeit, wo Per­spek­tive kaum über den auf ein Jahr befris­teten Arbeitsver­trag und die Woh­nung auf Unter­mi­ete hin­aus­ge­ht. Die Arbeiter*innenbewegung ist jedoch zu schwach, um hier eine beständi­ge Alter­na­tive anzu­bi­eten, und ist, durch den Ver­rat der reformistis­chen Führung, in Ver­ruf ger­at­en.

Eine weit­er­er Aus­druck davon ist der Drang zur Selb­stop­ti­mierung, um im fortwährend Konkur­ren­zkampf beste­hen zu kön­nen und vielle­icht doch noch eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Auf­stiegs ergat­tern zu kön­nen. Diese indi­vid­u­al­is­tis­chen Lösungsan­sätze sind Aus­druck des Fehlens ein­er kollek­tiv­en Antwort, wie wir sie, als Ele­mente, im Ara­bis­chen Früh­ling gese­hen haben.

Bewegungsansätze

Doch ger­ade um diese Res­ig­na­tion zu ver­hin­dern, müssen wir uns gegen Aus­beu­tung, Sex­is­mus und Ras­sis­mus organ­isieren. Dabei ist es dur­chaus mehrheits­fähig gegen Trump und die AfD zu sein. Auch die Mil­i­tarisierung nach innen durch die neuen Polizeige­set­ze, speziell in Bay­ern, hat Zehn­tausende auf die Straßen mobil­isiert. In den vorder­sten Rei­hen standen Schüler*innen, denn ein klein­er Teil der Jugend hat sich auch an Schulen poli­tisiert. Hierin drückt sich auch ein­er der zen­tralen Wider­sprüche in der Jugend aus. Ein­er­seits die fehlende Per­spek­tive auf ein gutes Leben nach der Schule, aber ander­er­seits die Spon­tan­ität in großen Mobil­isierun­gen gegen die AfD oder gegen die Angriffe auf demokratis­che Rechte, in denen Jugendliche nicht sel­ten die Speer­spitze des Protests darstellen. Diese Mobil­isierun­gen zeigen immer wieder, dass die Jugend keineswegs all­ge­mein „unpoli­tisch“ ist und sich für nichts inter­essiert.

Ganz im Gegen­teil: Die Energie und die Radikalität der Jugend wer­den oft durch die Führung von Parteien, Gew­erkschaften und NGOs gebremst und ver­sucht in insti­tu­tionelle Bah­nen zu lenken. So wer­den spon­tane Groß­mo­bil­isierun­gen von den Parteiführun­gen nicht etwa dazu genutzt, um von dort aus eine wirk­liche Massen­be­we­gung an Schulen, Unis oder Betrieben aufzubauen – durch den Auf­bau von selb­stor­gan­isierten, gew­erkschaftlichen Struk­turen vor Ort, son­dern der Aus­gang der Kämpfe wird vor Gericht oder in den Par­la­menten, unab­hängig von der Mehrheit der Protestieren­den, entsch­ieden. So wer­den Kämpfe nicht zu Ende geführt und enden let­ztlich oft in faulen Kom­pro­mis­sen. Für die Jugend, die Migrant*innen, die Frauen und die Beschäftigten ste­ht dabei meist die Nieder­lage. Die Geschichte der linken Bewe­gun­gen nach 1990 ist deshalb lei­der auch eine Geschichte von Nieder­la­gen gegen den bürg­er­lichen Staat. Kein Wun­der also, dass immer mehr Jugendliche keine weit­erge­hende Per­spek­tive, über den Kap­i­tal­is­mus hin­aus, sehen.

Wider­stand wird zu etwas His­torischem, Ché Gue­vara-T-Shirts gibt es über­all zu kaufen und auch Marx ken­nen viele eher als Poster an der Wand, anstatt als Rev­o­lu­tionär. Es scheint ein Vor­bild für den Kampf zu fehlen. Die 68er sind 50 Jahre, ein halbes Jahrhun­dert, her, das kom­mu­nis­tis­che Man­i­fest ist 150 Jahre alt und die DDR-Ver­gan­gen­heit ver­stärkt das Bild, der Marx­is­mus hätte aus­ge­di­ent und im „real existieren­den Sozial­is­mus“ bewiesen, dass er nicht prax­is­tauglich sei.

Den­noch machen bei fast allen pro­gres­siv­en Kämpfen Jugendliche in den ersten Rei­hen schlechte Erfahrun­gen mit der Polizei und der Gewalt des Staates. Der Glaube in Staat und Staats­macht wird dadurch erschüt­tert. In den näch­sten Jahren wird immer stärk­er deut­lich wer­den, dass das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem seine eige­nen Krisen nicht mehr aufhal­ten kann. Weit­ere Ein­schränkun­gen von demokratis­chen Frei­heit­en und weit­ere Angriffe, auf die Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen, wer­den Hand in Hand gehen mit mehr Repres­sion, Polizeige­walt und Unter­drück­ung. Doch die Jugend kann kämpfen, wie in Frankre­ich bewiesen wurde.

Was tun?

Die großen Mobil­isierun­gen gegen die AfD, gegen die pogro­mar­ti­gen Het­z­jag­den in Chem­nitz und gegen die Polizeige­set­ze zeigen deut­lich, dass die Jugend bere­it ist, sich zu wehren. Ger­ade deshalb müssen wir dafür kämpfen, dass Bewe­gun­gen nicht nach ein­er Demon­stra­tion wieder abgewürgt wer­den, son­dern als Startschuss, für eine Jugend­be­we­gung gegen den Recht­sruck und gegen Prekarisierung, genutzt wer­den. Dafür müssen wir antikap­i­tal­is­tis­che Basis­struk­turen an Schulen, an Uni­ver­sitäten und in Betrieben auf­bauen, die basis­demokratisch funk­tion­ieren und unab­hängig von Partei- und Gew­erkschafts­führung arbeit­en kön­nen. Denn der Kampf gegen den Recht­sruck darf nicht getren­nt wer­den, vom Kampf für soziale Verbesserun­gen.

Deshalb fordern wir die Abschaf­fung aller Aus­nah­men beim Min­dest­lohn, ins­beson­dere für Jugendliche, Migrant*innen und Frauen. Aus­bil­dun­gen müssen so bezahlt wer­den, dass Jugendliche, auch unab­hängig von den Eltern, ihren Leben­sun­ter­halt bestre­it­en kön­nen. Außer­dem brauch es eine bedin­gungslose Über­nahme aller Auszu­bilden­den.

Darüber hin­aus brauchen wir ein soziales Pro­gramm, für die Verbesserung der Bil­dungschan­cen für Jugendliche. Dazu gehören eine bessere Ent­loh­nung für Erzieher*innen, mehr Per­son­al an Schulen, sowohl Lehrer*innen, als auch Sozialarbeiter*innen, um kleine Klassen zu ermöglichen, in denen sich Lehrer*innen indi­vidu­ell um die Bedürfnis­sen der einzel­nen Schüler*innen küm­mern kön­nen. Außer­dem muss es ein­er­seits die Möglichkeit für Migrant*innen geben, mut­ter­sprach­lich unter­richtet zu wer­den, um nicht auf­grund ihrer Sprache Nachteile in der Schule zu erlei­den und ander­er­seits aber auch ein Ange­bot an kosten­losen Deutschkursen. Wir fordern bezahlbaren Wohn­raum, durch die entschädi­gungslose Enteig­nung von Speku­la­tion­sim­mo­bilien und den Neubau von gün­sti­gen Woh­nun­gen. Wir stellen uns gegen alle Zugangs­beschränkun­gen für Uni­ver­sitäten und für ein aus­re­ichen­des Bafög für alle, unab­hängig vom Einkom­men der Eltern und der Regel­stu­dien­zeit, sowie die Ver­staatlichung pri­vater Bil­dungsin­sti­tu­tio­nen, unter Kon­trolle der Beschäftigten.

Auf den Schul­tern der Jugend wird eine Krise aus­ge­tra­gen, die das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem ver­schuldet hat. Die Reichen müssen ihre Krise sel­ber bezahlen. Die Jugend hat die Kraft, in ein­er Front mit den Frauen, Migrant*innen und Arbeiter*innen, den Recht­sruck zurück­zuschla­gen, wenn sie sich basis­demokratisch und unab­hängig organ­isiert.

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