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Streikhauptstadt Frankreichs: Studierende und Arbeiter*innen kämpfen gemeinsam in Le Havre

Le Havre ist das Herz der Streiks in Frankreich gegen die Regierung Hollande. Wir interviewen Sarah Carah, die gemeinsam mit Pariser Studierenden dorthin gereist ist, um einen intensiven Tag des Klassenkampfes zu erleben.

Streikhauptstadt Frankreichs: Studierende und Arbeiter*innen kämpfen gemeinsam in Le Havre

Im Mor­gen­grauen des 26. Mai fuhr eine Gruppe Paris­er Studieren­der in zwei Autos fast 200 km bis nach Le Havre, der mar­iti­men Stadt im Nord­west­en Frankre­ichs. Ein Weg, der sie zur „Streikhaupt­stadt“ der franzö­sis­chen Arbeiter*innenklasse brachte, wo die Hafenarbeiter*innen an vorder­ster Front ste­hen.

Sarah studiert Poli­tik­wis­senschaften an der Uni­ver­sität Paris 8 und erzählt uns mit großer Emo­tion, wie die Idee zur Fahrt ent­stand. „In Paris sind die Uni­ver­sitäten wegen des Semes­teren­des geschlossen, aber alle Studieren­den, die sich in den let­zten Monat­en mobil­isiert haben, suchen nach Wegen, mit der Mobil­isierung weit­erzu­machen und die Streiks der Arbeiter*innen zu unter­stützen. Deshalb haben wir diese Fahrt nach Le Havre vorgeschla­gen, eine sehr pro­le­tarische Stadt, die die Streikhaupt­stadt der Bewe­gung ist.“

Mit dem Ziel der Koor­dinierung zwis­chen ver­schiede­nen Städten, ver­schiede­nen Sek­toren im Kampf, zwis­chen Studieren­den und Arbeiter*innen, haben die Paris­er Studieren­den in ein­er Ver­samm­lung die Notwendigkeit disku­tiert, in diese nord­franzö­sis­che Stadt zu fahren.

„Genau in diesem Moment gab es Treib­stof­fk­nap­pheit durch den Streik in den Raf­fine­r­ien, deshalb war das kom­pliziert, aber – Sarah lacht – das war eine pos­i­tive Kom­p­lika­tion.“ Die Del­e­ga­tion bestand aus neun Studieren­den ver­schieden­er Uni­ver­sitäten und einem Mit­glied der „Gen­er­al­streik-Kom­mis­sion“ von Nuit Debout, um koor­diniert zu agieren.

„Wir fuhren aus Paris los und kamen um 5 Uhr früh an, um an dem ein­heitlichen Tre­f­fen aller Sek­toren im Kampf in Le Havre teilzunehmen. Sie hat­ten einen Tre­ff­punkt auf einem Platz aus­gemacht, um die Schritte zu debat­tieren, die sie während des Streik­tages durch­führen wollen. Wir haben uns beteiligt und die Arbeiter*innen im Kampf bei den ver­schiede­nen Aktiv­itäten den ganzen Tag über begleit­et“, erin­nert sich Sarah.

Eine Stadt wird vom Streik bewegt

Le Havre ist eine Stadt, die diejeni­gen beein­druckt, die sie zum ersten Mal besuchen. Voll­ständig durch Bom­barde­ments im Zweit­en Weltkrieg zer­stört, wurde sie danach wieder­aufge­baut. Unter der Leitung von Architekt Auguste Per­ret wurde das Stadtzen­trum neu errichtet, welch­es vor einem Jahrzehnt zum Weltkul­turerbe erk­lärt wurde. Die Stadt beherbergt den zweit­größten Hafen von Frankre­ich, ganz in der Nähe der Nor­mandiebrücke. Drei Jahrzehnte lang wurde sie von der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Frankre­ichs regiert und behielt eine tief­gründi­ge pro­le­tarische Tra­di­tion bei, die sich in diesen Tagen der Streiks und Mobil­isierun­gen neu erfind­et.

„Zum Beginn des Streik­tages haben wir mit den Arbeiter*innen die Nor­mandiebrücke direkt neben dem Hafen block­iert, eine riesige Brücke mit viel Auto- und Last­wa­gen­verkehr. Inter­es­sant war, dass an dieser Block­ade viele Arbeiter*innen ver­schieden­er Sek­toren teilgenom­men haben: die Arbeiter*innen der Raf­fine­r­ien, des Gesund­heitssek­tores, die Jugend von Le Havre, die Arbeiter*innen ein­er Tabak­fab­rik und viele andere. Die Hafenarbeiter*innen haben zeit­gle­ich den Hafen block­iert.“

Für Sarah war das Beein­druck­end­ste, wie natür­lich diese Verbindung der Kämpfe zwis­chen den ver­schiede­nen Sek­toren stat­tfand. „In Paris sind wir bish­er noch nicht auf diesem Niveau angekom­men“, erk­lärt sie. „In Paris gibt es den Streik der Briefträger*innen, der Eisenbahner*innen und ander­er Sek­toren, aber es gibt bish­er noch nicht viele Sit­u­a­tio­nen, wo sich die Arbeiter*innen ver­schieden­er Sek­toren tre­f­fen und alle gemein­sam disku­tieren, was sie an einem Streik­tag machen wollen.“

Die Kraft der Arbeiter*innenklasse

Die Demon­stra­tion begann an diesem Tag mit der Ankun­ft der ver­schiede­nen Sek­toren von Arbeiter*innen und Jugendlichen, aber alle warteten darauf, dass der Block der „Dock­er“, der Hafenarbeiter*innen, ankom­men würde.

„Das war ein großar­tiges Gefühl, das war etwas sehr starkes. Sie kamen mit ihren roten CGT-West­en, trom­melten, marschierten organ­isiert in einem großen Arbeiter*innenblock. Was uns beein­druck­te, war, dass die Hafenarbeiter*innen auf ihrem Weg Lär­m­granat­en zün­de­ten, aber um sie herum gab es über­haupt keine Polizei. Und wir aus Paris waren davon sehr über­rascht und fragten uns: ‚Was passiert hier?‘ Denn in Paris ist die Polizei bei den Demon­stra­tio­nen ein­fach über­all.“ Sarah ergänzt, dass die Kraft und Organ­i­sa­tion der Hafenarbeiter*innen zum großen Teil ver­hin­dert, dass die Polizei so agiert wie in Paris.

Der bewe­gend­ste Moment kam ein wenig später. Als die Demon­stra­tion den Haupt­platz vor dem Rathaus erre­ichte, passierte etwas Uner­wartetes. Ein Mit­glieder CGT über­gab ihnen das Mikro­fon, damit sie vor den zehn­tausenden Hafenarbeiter*innen, Raffineriearbeiter*innen und Arbeiter*innen ander­er Sek­toren etwas sagen.

„Mein­er Mei­n­ung passierte das deshalb, weil in Le Havre, aber auch in anderen Orten in Frankre­ich, ein Willen zur Koor­di­na­tion und zum Erfahren, was in anderen Städten passiert, existiert. Es gibt eine Sen­si­bil­ität in der franzö­sis­chen Arbeiter*innenklasse, die es wichtig find­et, dass die Jugend, die Studieren­den dabei sind und dass es Koor­dinierung gibt. Diese Sen­si­bil­ität existiert und ich glaube, dass sie uns deshalb das Mikro­fon gegeben haben, damit wir etwas sagen. Unsere Inter­ven­tion wurde sehr bejubelt.

„Danach luden uns die Arbeiter*innen zu ein­er Vol­lver­samm­lung aller Sek­toren der Stadt ein, wo etwa 150 Per­so­n­en debat­tierten, wie der Streik fort­ge­führt wer­den und wie die Koor­dinierung vor­angetrieben wer­den kann.“

Der Streik­tag endete mit dem Aus­tausch von Tele­fon­num­mern, um den Aus­tausch aufrechtzuer­hal­ten, und der Rück­kehr nach Paris, um dort die Erfahrung an den Rest der Studieren­den weit­erzugeben.

„Das war sehr bewe­gend. Das, was ich in dort gesagt habe, habe ich auch gefühlt: die Kraft der Arbeiter*innenklasse. Wir sind Studierende, wir kön­nen zu Demon­stra­tio­nen gehen, beset­zen, schreien – aber das wirk­lich Beein­druck­ende ist die Kraft der Arbeiter*innen im Streik. In den Uni­ver­sitäten gibt es eine the­o­retis­che Diskus­sion: Es gibt Leute, die sagen, dass die Arbeiter*innenklasse tot ist, dass die Streiks für nichts mehr gut seien. Und wir haben ein Gegen­beispiel, einen großen Beweis, dass dieser Diskurs falsch ist.“

Die Freude des Zusammenseins

Wir sprachen mit Sarah am 7. Juni. Während­dessen geht in Paris die Bewe­gung weit­er: Die Streiks der Eisenbahner*innen gehen schon eine Woche und auf jedem Bahn­hof gibt es Vol­lver­samm­lun­gen der Eisenbahner*innen. An ver­schiede­nen Orten sind Streikkomi­tees zur Organ­isierung ent­standen.

Die Studieren­den von Paris 8 befind­en sich in der Nähe ein­er Maschi­nen­werk­statt der Eisenbahner*innen und begleit­en die aktivsten Arbeiter*innen bei ihren Aktio­nen. Sie waren in der Vor­woche bei ein­er Raf­finer­ie und helfen bei der Organ­isierung ein­er Streikkasse zur Aufrechter­hal­tung des Kampfes. Sie haben gemein­sam, Arbeiter*innen und Studierende, an ver­schiede­nen Demon­stra­tio­nen, Gleis­block­aden und Mobil­isierun­gen teilgenom­men. Auch die Arbeiter*innen der U‑Bahn und die Müllarbeiter*innen sind im Streik. Zwei Müllde­pots in den Vororten von Paris sind block­iert. Das kann für die Regierung kurz vor der Fußball-Europameis­ter­schaft sehr gefährlich wer­den. Am Fre­itag wer­den auch die Pilot*innen von Air France dazus­toßen.

Die Regierung antwortet der Bewe­gung mit Dro­hun­gen, mit ein­er Het­zkam­pagne und mit viel Repres­sion. „In diesen Tagen wer­den Gericht­sprozesse gegen viele Aktivist*innen durchge­führt, jeden Tag gibt es so einen Prozess und jeden Tag gibt es ein*en Genoss*in, die Gefahr laufen, im Knast zu lan­den.“

Aber die Bewe­gung ver­langsamt sich nicht: Die Eisenbahner*innen, die U‑Bahner*innen, die Pilot*innen, die Müllarbeiter*innen, die Studieren­den – sie alle reden vom Beginn der EM und der Idee, der Regierung die Par­ty zu ver­mas­seln.

Denn die Angst der Regierung ist die Freude der Demonstrant*innen. Als das Inter­view fast zu Ende ist, teilt Sarah mit, was sie am sel­ben Mor­gen fühlte, als sie an ein­er gemein­samen Aktion mit den Eisenbahner*innen teil­nahm:

„Das Beein­druck­end­ste war die Freude, die wir spürten, weil wir alle zusam­men waren, weil es Arbeiter*innen ver­schieden­er Bahn­höfe gab, die sich nicht untere­inan­der kan­nten und trotz­dem in ein­er gemein­samen Aktion waren, etwas sehr Starkes. Ein Gefühl, dass wir zusam­men sind, dass wir viele sind, und dass wir gewin­nen wer­den.“

Am Fre­itag um 18:30 Uhr find­et in der Her­mannstraße 48 in Berlin eine Podi­ums­diskus­sion über die Streik­be­we­gung in Frankre­ich statt, bei der Sarah Carah per Videobotschaft teil­nehmen wird.

One thought on “Streikhauptstadt Frankreichs: Studierende und Arbeiter*innen kämpfen gemeinsam in Le Havre

  1. Alexander sagt:

    Wird die Ver­anstal­tung auch aufgeze­ich­net?

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