Geschichte und Kultur

Wer sind die Trotzkist*innen von Babylon Berlin?

Jemand musste Leo Trotzki verleumdet haben. Denn in der ARD-Sky-Produktion Babylon Berlin werden nur ahistorische Pseudo-Trotzkist*innen gezeigt.

Wer sind die Trotzkist*innen von Babylon Berlin?

Die ARD-Sky-Serie Baby­lon Berlin bemüht sich um eine his­torisch akku­rate Darstel­lung. Am 1. Mai 1929 sehen wir, wie Schu­pos in Neukölln mit Maschi­nengewehren um sich ballern und unschuldige „Rote“ töten. Das mag sur­re­al wirken – ist aber ziem­lich nah am „Blut­mai“.

Eine Gruppe wird hier allerd­ings komisch dargestellt: die Bande von Trotzkist*innen. Mit der kommt die Geschichte der Serie ins Rollen, wenn ein Güterzug in der Sow­je­tu­nion ent­führt wird. Der Plan: Gold aus Rus­s­land zum exilierten Anführer nach Istan­bul zu schmuggeln. Leo Trotz­ki, der einst den Pet­ro­grad­er Sow­jet und die Rote Armee geleit­et hat­te, saß im Jahr 1929 im türkischen Exil auf der Insel Prinkipo.

In der ersten Folge von Baby­lon Berlin ler­nen wir den Anführer der Berlin­er Trotzkist*innen-Filiale ken­nen. Der Russe Alex­ej Kar­dakow (Ivan Shved­off) ist tags Avant­garde-Geigen­spiel­er, dessen Gesicht auf Plakat­en von exk­lu­siv­en Tan­zlokalen prangt. Nachts wird er zum feuri­gen Leit­er der Gruppe „Rote Fes­tung“, die für den Sturz des Stal­in-Regimes ein­tritt. In einem Köpenick­er Keller druckt die Gruppe Flug­blät­ter. Auf Deutsch und Rus­sisch heißt es: „Arbeit­er! 1. Mai: Tritt her­aus und kämpfe für eine Vierte Inter­na­tionale und die Wel­trev­o­lu­tion! ‚Stal­in ist der Toten­gräber der Rev­o­lu­tion.‘ – Leo Trotz­ki“

An der Wand des Kellers hängt ein Porträt von Stal­in. Warum? Wenn die Gruppe die Nachricht bekommt, dass der ent­führte Zug erfol­gre­ich die Gren­ze über­quert hat, wer­fen die Trotzkist*innenen aus Freude Küchen­mess­er auf das Bild.

Wo soll der*die Historiker*in da anfan­gen?

Die Vierte Inter­na­tionale ist im Sep­tem­ber 1938 gegrün­det wor­den – acht Jahre nach dieser Hand­lung. In der Roman­vor­lage von Volk­er Kutsch­er ist nur von „kom­mu­nis­tis­chen Abwe­ich­lern – wie Trotz­ki“ die Rede. Die Fernsehproduzent*innenen haben sich den unmit­tel­baren Trotz­ki-Bezug selb­st aus­gedacht – und trotz 38-Mil­lio­nen-Euro-Bud­get nicht auf Wikipedia nachgeschaut.

Die „Rote Fes­tung“ sehen wir auss­chließlich beim Fälschen und Schmuggeln. Auf den glück­losen Kar­dakow wird immer wieder geschossen. Sein einziger poli­tis­ch­er Satz lautet: „Mein Land ist dem Unter­gang gewei­ht. Ich muss helfen, das zu ver­hin­dern.“ Deswe­gen geht er einen Deal mit einem armenis­chen Mafi­a­boss ein, um das Gold doch noch zu Trotz­ki zu brin­gen.

Ein bemerkenswertes Beken­nt­nis, stand Stal­in doch für die The­o­rie des „Sozial­is­mus in einem Land“. Ihm ging es um die Inter­essen des rus­sis­chen Staates. Die linke Oppo­si­tion unter Trotz­ki hielt dem ent­ge­gen, dass nur das Voran­schre­it­en der Wel­trev­o­lu­tion die junge Rätere­pub­lik ret­ten könne. Hätte Kar­dakow also Sor­gen um „sein Land“ gehabt, wäre er sich­er Stal­in­ist gewe­sen.

Was weiß der gemeine Men­sch über den Trotzk­ismus? In den Moskauer Schauprozessen hieß es, es han­dele sich um Verräter*innen, die mit Sab­o­tage und Ter­ror das Sow­je­tregime stürzen woll­ten. Bei der Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung wird fest­ge­hal­ten, dass es keine wesentlichen poli­tis­chen Dif­feren­zen zwis­chen Stal­in und Trotz­ki gab – hin­ter den Diskus­sio­nen über inner­parteiliche Demokratie habe ein per­sön­lich­er Machtkampf gesteckt. Irgend­wie hält sich auch der Mythos, bei der Vierten Inter­na­tionale gäbe es nur Klün­gel von verträumten Bohemes. All diese Ver­leum­dun­gen wer­den nun bei Baby­lon Berlin ver­mis­cht.

Die echte Geschichte ist drama­tis­ch­er. Ein Anführer der Berlin­er Trotzk­isten war Anton Grylewicz – ein deutsch­er Met­al­lar­beit­er, der mit 33 Jahren als Mit­glied der Rev­o­lu­tionären Obleute den auf­ständis­chen Gen­er­al­streik vom 9. Novem­ber 1918 mitor­gan­isierte. Später gehörte Grylewicz zur „ultra­linken“ Bezirk­sleitung der Berlin­er KPD, im März 1930 grün­dete er die erste trotzk­istis­che Gruppe in Deutsch­land, die Linke Oppo­si­tion der KPD (Bolschewi­ki-Lenin­is­ten). Grylewicz ist keine Aus­nah­meer­schei­n­ung: Der His­torik­er Mar­cel Bois hat nachgewiesen, dass die Mehrheit der Linken Oppo­si­tion aus Arbeit­ern bestand.

Die echt­en Trotzkist*innen haben geschmuggelt; aber kein Gold, son­dern Zeitun­gen und Broschüren. Sie waren eine externe Frak­tion der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale, die für eine Rück­kehr zur ursprünglichen rev­o­lu­tionären Lin­ie kämpften.

Über die Trotzkist*innen von Baby­lon Berlin erfahren wir nicht viel. Bis auf Kar­dakow wer­den alle schnell von Agent*innen der sow­jetis­chen Botschaft ermordet.

Die Ironie dabei? Stal­ins Bürokratie hat in den 1920er Jahre Oppo­si­tionelle in den diplo­ma­tis­chen Dienst geschickt, um sie von Frak­tion­skämpfen fernzuhal­ten. Der dama­lige Botschafter in Berlin, Niko­lai Krestin­s­ki, war ein­stiger Linksop­po­si­tioneller. Zu seinen Mitarbeiter*innen gehörten Sergei Bessonow und Alexan­der Gerzberg – eher unwahrschein­lich, dass diese Leute einen Massen­mord an Trotzkist*innen organ­isierten. Natür­lich haben die Stalinist*innen Atten­tate im Aus­land durchge­führt – Trotz­ki selb­st wurde 1940 von einem Agen­ten in Mexiko ermordet. Aber diese waren aufwendi­ge Geheim­op­er­a­tio­nen – kein Geheim­di­enst kon­nte so sor­gen­los in ein­er frem­den Haupt­stadt Dutzende nieder­schießen.

Es gibt wohl keine schlechte Pub­lic­i­ty. Der Trotzk­ismus lebt weit­er. In Län­dern wie Irland oder Argen­tinien sitzen trotzk­istis­che Parteien heute im Par­la­ment. Klein­er Tipp für weit­ere Staffeln von Baby­lon Berlin: Ein trotzk­istis­ch­er His­torik­er als Berater wäre sehr bil­lig zu haben. Ich kenne sog­ar jeman­den.

Dieser Artikel in Der Fre­itag

4 thoughts on “Wer sind die Trotzkist*innen von Babylon Berlin?

  1. Ilse Perlhofer sagt:

    Das ist eben die uebliche Geschicht­sklit­terungvon Dege­to und Co!

  2. wolfgang fubel sagt:

    Im Gegen­satz zur mas­siv­en Geschichts­fälschung nach 1945 von Unseren Befreiern und Poli­tik­ern,
    kann man den Mach­ern dieses Filmes Ihr Unwis­sen
    oder Ihre Schlampigkeit verzei­hen.
    Anson­sten zeigt dieser Film sehr Gut die Ver­hält­nisse der Dama­li­gen Zeit in ein­drucksvoller Art und Weise.

  3. Lisa K. Marx sagt:

    3 Fehler beim Zug:
    Eine deutsche Loko­mo­tive auf rus­sis­chser Bre­it­spur.
    Loks der BR 52 wurde erst ab 1942 gebaut.
    Das Dreilicht-Spitzensignal wurde erst 1958 einge­führt.

    1. Ralph Laumen sagt:

      Ach, das ist doch nichts beson­deres. Wenn in irgend­was mehr oder weniger His­torischem eine Eisen­bahn vorkommt, geht das doch jedes­mal schief.

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