Frauen und LGBTI*

Warum sind manche Menschen gegen Abtreibung?

Sie behaupten, dass sie „ungeborenes Leben“ schützen wollen. Was steckt dahinter? Einigen geht es in Wirklichkeit darum, Frauen zu bestrafen, die Sex genießen.

Warum sind manche Menschen gegen Abtreibung?

Vor zwei Wochen hat die taz ein verstörendes Interview veröffentlicht. „Markus Krause“, so das Pseudonym eines Manns, hat ein weirdes „Hobby“: In seiner Freizeit zeigt er Ärzt*innen an, die auf ihren Webseiten Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anbieten. So wurde die Gießener Ärztin Kristina Hänel zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilt.

(Warum „Krause“ ein Pseudonym verwendet, ist nicht ganz klar. Eine sehr ähnliche Person brüstet sich mit einer sehr ähnlichen Kampagne auf einer Webseite mit dem Impressum Klaus Günter Annen.)

„Krause“ wendet nur geltendes deutsches Recht an. Der Paragraph 219a StGB wird zur Zeit von der AfD und der CDU verteidigt. Die SPD hat ihren Gesetzentwurf zur Streichung zurückgezogen und bereitet sich auf einen Kompromiss vor, gegen Widerstand innerhalb der eigenen Reihen, vor allem an der Basis. Dennoch interessieren sich viele Staatsanwält*innen nicht für diese Diskussionen und verfolgen die Ärzt*innen munter weiter. Was motiviert einen Mann wie „Krause“? Er sagt:

Zwischen geborenem und ungeborenem menschlichen Leben zu unterscheiden ist meines Erachtens biologisch und medizinwissenschaftlich nicht haltbar. Alles menschliche Leben ist gleich viel wert. Das Lebensrecht des Ungeborenen ist nicht weniger schützenswert als das des geborenen Menschen. Und deswegen ist es auf jeden Fall meine Leidenschaft, das menschliche Leben zu schützen.

Das ist ein beliebtes Argumentationsmuster bei Abtreibungsgegner*innen. Sie nennen sich „Lebensschützer*innen“ und tragen Bilder von Babys.

Wir könnten hier eine philosophische Diskussion führen: Ab wann entsteht ein menschliches Lebewesen?

Das Oberste Gericht der USA hat mit dem Urteil Roe v. Wade im Jahr 1973 die Norm eingeführt, dass ein Mensch erst dann existiert, wenn ein Fötus außerhalb der Mutter überleben kann. Das bedeutet in der Praxis, dass Abtreibungen in den USA bis zur 24. Schwangerschaftswoche erlaubt sind. Doch mit dem Fortschritt der medizinischen Technologie verschiebt sich diese Grenze immer mehr. Inzwischen haben Föten ab der 20. oder 22. Woche eine Chance auf Überleben. In der Bundesrepublik Deutschland sind Abtreibungen grundsätzlich verboten, aber bis zu 12. Woche straffrei – eine medizinisch sinnfreie Grenze.

Doch ist eine einzige befruchtete Eizelle schon ein Mensch? Jemand wie „Krause“ sagt ja. Dabei müsste er eigentlich wissen, dass etwa 70 Prozent aller Zygoten vom Körper selbst abgetrieben werden – oft bevor die Frau Kenntnis von der Schwangerschaft nimmt. Wenn „Krause“ Abtreibung für Mord hält, dann hält er auch praktisch jede Frau für eine Mörderin.

Wenn man Abtreibungen verhindern will, dann gibt es zwei einfache, effektive und kostengünstige Methoden, um die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren:

1. Umfassender Sexualkundeunterricht in den Schulen, der sich nicht nur auf Verhütungsmittel, Krankheiten und Reproduktionsbiologie beschränkt, sondern auch Geschlechtsidentitäten, sexuelle Orientierung, Konsens und Freude in all ihren Facetten behandelt.

2. Kostenloser Zugang zu Verhütungsmitteln. Viele Abtreibungen finden statt, weil Verhütungsmittel nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Besonders Frauen auf Hartz IV werden so zu Abtreibungen gezwungen.

Jemand wie „Krause“ könnte als Hobby den Zugang zu Verhütungsmitteln verbessern. Das würde nachweislich dazu führen, dass die Zahl der Abtreibung sinkt. Aber das macht er nicht. Das machen Abtreibungsgegner*innen nie. Ganz im Gegenteil treten sie dafür ein, Sexualkundeunterricht einzuschränken. Hier in Deutschland wettern sie gegen „Frühsexualisierung unserer Kinder“, und in den USA wollen sie als Sexualkunde nur „Enthaltsamkeit“ lehren.

(Der Autor dieser Zeilen musste als Jugendlicher an „Enthaltsamkeitsunterricht“ teilnehmen und kann aus persönlicher Erfahrung die Ergebnisse zahlreicher Studien bestätigen: Das trägt nicht dazu bei, dass junge Menschen weniger Sex haben. Es hat höchstens zur Folge, dass die Leute eher ungeschützten Sex haben.)

Weiter. Im US-Bundestaat Colorado gab es ab 2009 ein öffentliches Programm, das kostenlose Verhütungsmittel zur Verfügung stellte. Innerhalb von vier Jahren konnte die Zahl der Abtreibungen in Colorado um ganze 35 Prozent gesenkt werden. Und die republikanischen „Abtreibungsgegner*innen“? Sie votierten gegen eine Verlängerung des Programms, weil es eine „falsche Botschaft“ sende, nämlich dass junge Frauen mit weniger Sorgen Sex haben könnten.

Damit wären wir schon beim Kern der Frage angekommen. Selbst ernannte „Lebensschützer“ interessieren sich überhaupt nicht für Babys. Im Gegenteil: Während Abtreibungsgegner*innen wie besessen versuchen, Frauen gegen ihren Willen zu zwingen, ein Baby zu haben, sagen sie recht offen, dass sie diesen Frauen keinerlei Hilfe bei der Erziehung des Kindes geben wollen.

In Wirklichkeit geht es darum, Frauen zu bestrafen, die Sex haben. Die patriarchale Gesellschaft, in der wir leben, versucht ständig, sexuelle Selbstbestimmung von Frauen zu untergraben. Und welche schlimmere Strafe gibt es, als wenn eine Person gezwungen wird, 18 Jahre lang für ein anderes Lebewesen, für das sie sich nicht aktiv entschieden hat, die Verantwortung zu tragen?

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