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War der Attentäter von Halle ein „Incel“?

Seit dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle rätselt das Land über die Hintergründe der Tat. Woher kam diese Wut auf Frauen, auf Juden und Migrant*innen? Ein Psychogramm des Täters wird uns nicht weiterhelfen, wir brauchen eine Analyse der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse.

War der Attentäter von Halle ein „Incel“?

Beitrags­bild von Fibonac­ci Blue from Min­neso­ta, USA — Don­ald Trump alt-right sup­port­er, CC BY 2.0

Als am 9. Okto­ber ein Atten­täter erst ver­suchte, in die Syn­a­goge einzu­drin­gen und dann eine Frau, sowie einen jun­gen Mann in einem Döner­im­biss erschoss, war das ganze Land geschockt. Im Anschluss fuhr der Mann see­len­ruhig durch die Innen­stadt und lieferte sich einzelne Schuss­wech­sel mit der Polizei.

Als nach und nach die Hin­ter­gründe der Tat bekan­nt wur­den, wurde klar, dass hin­ter der Tat ein geschlossenes recht­sex­tremes Welt­bild als Motiv steck­te. Der junge Mann glaubte, dass die Welt von ein­er jüdis­chen Ver­schwörung gelenkt wird. Den Fem­i­nis­mus ver­stand er als ein Werkzeug, um die weiße Rasse zu ver­nicht­en, in Kom­bi­na­tion mit ein­er „unkon­trol­lierten Massen­mi­gra­tion“. Daher auch sein Hass auf Frauen. Das aus­gerech­net eine Pas­san­tin dem Atten­tat zum Opfer fiel ist damit kein Zufall.

Nun wird viel darüber spekuliert, wie der Atten­täter ein solch­es Welt­bild über­haupt entwick­eln kon­nte. Auch die alte Mär von Videospie­len wird wieder her­aus gekramt. Bun­desin­nen­min­is­ter Horst See­hofer möchte die „Gamer­szene“ nun strenger überwachen. Manch ein­er nimmt gar die Mut­ter des Atten­täters in die Ver­ant­wor­tung, ganz so als hätte der Täter los­gelöst von den gesamt­ge­sellschaftlichen Ver­hält­nis­sen agiert.

Sich selb­st beze­ich­nete der Atten­täter als “Incel”, ein­er in bes­timmten Inter­net­com­mu­ni­tys benutzte Selb­st­beze­ich­nung von Män­nern, die in einem „unfrei­willi­gen Zöli­bat“ leben und dafür Frauen ver­ant­wortlich machen. Doch auch solche Erk­lärungsver­suche beg­nü­gen sich damit ein Psy­chogramm des Täters zu erstellen. Der Faschis­mus wird so zu ein­er indi­vidu­ellen Eigen­schaft verk­lärt.

Der rus­sis­che marx­is­tis­che The­o­retik­er Leo Trotz­ki charak­ter­isierte den Faschis­mus als eine „klein­bürg­er­liche Massen­be­we­gung im Inter­esse des Großkap­i­tals, mit lumpen­pro­le­tarischem Anhang“. Der Atten­täter von Halle gehört zu Let­zterem. Soweit bekan­nt ist hat­te er sich bei Bun­deswehr bewor­ben. Ver­mut­lich um an Waf­fen zu kom­men, hat seine Bewer­bung dann aber wieder zurück­ge­zo­gen.

Als deklassierte Einzelper­son hat­te er sich zunehmend im Netz radikalisiert. Dort ist das gezielte Ver­bre­it­en von Fake News über soziale Medi­en zu einem ver­bre­it­eten Phänomen gewor­den. Im Inter­net organ­isieren sich rechte „Trol­larmeen“ um bewusst Falschmel­dun­gen mit ras­sis­tis­chem Inhalt zu posten. Es gehört zur Strate­gie der Neuen Recht­en, inspiri­ert durch Anto­nio Gram­c­si, bewusst ein Gegen­nar­ra­tiv zur vorherrschen­den Mei­n­ung aufzubauen und im Jahr 2015 mit der Regime-Krise von Angela Merkel ist ihn dieser Kun­st­griff mit der mas­siv­en Lancierung von bewussten Falschmel­dun­gen geglückt. Doch so neu, wie häu­fig behauptet wird, ist das gar nicht.

Schon das anti­semi­tis­che Pam­phlet „Pro­tokolle der Weisen von Zion“ wurde bewusst von den Ver­fassern her­aus­ge­bracht, um Stim­mung gegen Juden zu schüren. Auch waren anti­semi­tis­che Zeich­nun­gen sehr ver­bre­it­et. Sie dien­ten vor allem dazu Juden zu Sün­den­böck­en für die wirtschaftlichen Missstände im rus­sis­chen Zaren­re­ich zu machen. Lediglich das Ver­bre­itungsmedi­um war ein anderes.

Neben Ver­schwörungs­the­o­rien find­en sich im Inter­net auch viele Ver­weise auf die japanis­che Kul­tur. Die Selb­st­beze­ich­nung des Atten­täters als „Niete“ kön­nte als Anspielung auf die Yakuza ver­standen wer­den, die Beze­ich­nung für japanis­che Ver­brecherban­den. Das Wort Yakuza ste­ht für eine Niete in einem japanis­chen Karten­spiel. Das Blatt ist wert­los. Sie blick­en mit Ver­ach­tung auf das Pro­le­tari­at und schreck­en auch nicht davor zurück Arbeiter*innen zu erpressen und sich von den Bossen anheuern zu lassen, um Streik­ende anzu­greifen. Zudem sind sie in Zuhäl­terei und Pros­ti­tu­tion ver­wick­elt. Im marx­is­tis­chen Diskurs würde man Lump oder Deklassiert sagen, jeman­den der außer­halb der bürg­er­lichen Gesellschaft ste­ht.

Warum kann der bürgerliche Diskurs die Tat nicht erklären?

Der Kap­i­tal­is­mus wirft täglich aufs neue Heer­scharen in das Elend hinab, ist selb­st für die Deklassierung ver­ant­wortlich. Zusam­men mit der impe­ri­al­is­tis­chen Armee und dem ruinierten Kleinbürger*innentum erzeugt er täglich aufs Neue die materielle Basis für den Faschis­mus und ist zugle­ich darauf angewiesen die Zwis­chen­schicht­en im Zweifel als Stoßtrupp gegen das Pro­le­tari­at einzuset­zen.

Daher kann er auch die materiellen Ursachen nicht erk­lären. Deshalb ist der bürg­er­liche Diskurs darauf angewiesen, faschis­tis­che Atten­täter als geistig ver­wirrte Einzeltäter darzustellen. Der Kap­i­tal­is­mus als Ursache bleibt unerkan­nt.

Doch nicht erst heute scheit­ert die bürg­er­liche Intel­li­genz daran die Ver­bre­itung anti­semi­tis­ch­er Ver­schwörungs­the­o­rien als Gegen­these zur Aufk­lärung der west­lichen Hemis­phäre zu ergrün­den und ist auf Behelf­s­lö­sun­gen angewiesen. Bis heute kann das Schreck­en der Shoa nicht erk­lärt wer­den. Selb­st Hitler – ungeachtet sein­er Ernen­nung durch den Reich­spräsi­den­ten Paul von Hin­den­burg – wird von der bürg­er­lichen Geschichtss­chrei­bung zu einem Irren verk­lärt. Aber wie kon­nte so ein Irrer 1933 mit Unter­stützung des Großkap­i­tals die poli­tis­che Macht in Deutsch­land an sich reißen? Die bürg­er­lichen Pro­fes­soren ver­s­tum­men.

Daher reicht es nicht, sich mit Gege­naufk­lärung zu beg­nü­gen. Stattdessen müssen wir ein Gegen­nar­ra­tiv auf­bauen, das auf den realen Erfahrun­gen der Massen in den Betrieben, den Schulen, Uni­ver­sitäten und auf den Straßen fußt. Nur so kön­nen wir den mas­siv­en Wider­spruch zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit begreif­bar machen und die wahren Ver­ant­wortlichen für die wirtschaftliche Mis­ere zur Rechen­schafft ziehen.

Was wir brauchen sind Volk­stri­bune, die in der Lage sind, wie Lenin sagt:

„auf alle Erschei­n­un­gen der Willkür und Unter­drück­ung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betr­e­f­fen mögen, der es ver­ste­ht, an allen diesen Erschei­n­un­gen das Gesamt­bild der Polizei­willkür und der kap­i­tal­is­tis­chen Aus­beu­tung zu zeigen, der es ver­ste­ht, jede Kleinigkeit zu benutzen, um vor aller Welt seine sozial­is­tis­chen Überzeu­gun­gen und seine demokratis­chen Forderun­gen darzule­gen, um allen und jed­er­mann die welth­is­torische Bedeu­tung des Befreiungskampfes des Pro­le­tari­ats klarzu­machen.“

 

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