Geschichte und Kultur

Sozialismus und Umweltzerstörung: Warum wurde der Stalinismus ökologischen Ansprüchen nicht gerecht?

In der Debatte über den Ausweg aus der Klimakrise geht es auch immer wieder um das historische Erbe des sogenannten Realsozialismus. Die Wirtschaftsweise in den bürokratisch deformierten Arbeiter:innenstaaten entsprach sicherlich nicht den ökologischen Ansprüchen, die nötig sind. Warum war das so?

Sozialismus und Umweltzerstörung: Warum wurde der Stalinismus ökologischen Ansprüchen nicht gerecht?
Bild: Toter Wald nahe Tschernobyl, Ukraine. Shutterstock.

Mit der Debatte über Klimaveränderung und Umweltzerstörung geht es vor allem darum einen Ausweg aus der Krise zu finden. Die zunehmende Brisanz des Klimawandels und Fridays For Future haben das Thema auf die tagespolitische Agenda gesetzt. Vielen ist klar, dass ein „Weiter so“ nicht mit den ökologischen Grenzen des Planeten in Einklang gebracht werden kann. Angesichts des zunehmenden Versagens der bürgerlichen Institutionen, der Klimakatastrophe ernsthaft etwas entgegenzusetzen, wachsen die Zweifel, ob der Kapitalismus überhaupt dazu in der Lage ist, mit den ökologischen Grenzen in Einklang gebracht werden kann. Vor allem in der Jugend wächst die Wut darüber, dass großmütige Versprechungen wie das Pariser Klimaabkommen größtenteils nur ein Stück Papier bleiben.

In der Debatte also, ob der Kapitalismus, seine Parteien und Institutionen nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind, wird die Frage nach Alternativen zunehmend diskutiert. Um den Kapitalismus als alternativlos zu präsentieren, wird häufig auf die große Umweltzerstörung in der Sowjetunion und den anderen sogenannten realsozialistischen Ländern verwiesen.

Beantwortet wird dies von Ökosozialist:innen damit, dass im „klassischen Marxismus“ ein allgemeines Fortschrittsdenken existierte. Christian Zeller argumentiert in seinem Buch „Revolution für das Klima“, eine Stelle aus Marx‘ Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie habe oft zu Missverständnissen geführt. Darin beschreibt er, dass die Produktionsverhältnisse ab einem bestimmten Moment die weitere Entwicklung der Produktivkräfte hemmen würden. Laut Zeller habe dies der stalinistischen Bürokratie als Rechtfertigung zum Raubbau an der Natur gedient.

Es ist allerdings falsch, das ganze allein auf eine Fehlinterpretation zurückzuführen. Es entsprach viel mehr den objektiven Interessen der Bürokratie in den degenerierten Arbeiter:innenstaaten, die Industrialisierung um jeden Preis voranzutreiben, um den „Sozialismus in einem Land“ aufbauen zu können. Nicht nur die zunehmende Industrialisierung, vor allem der umfassende Ressourcenabbau hatte katastrophale Folge für sensible Ökosysteme. Besonders letztere aber diente, wie auch die Kollektivierung der Landwirtschaft, der Erwirtschaftung von Devisen durch den Export in kapitalistische Länder. Zum Aufbau des Sozialismus in einem Land war die stalinistische Bürokratie dringend auf Importe aus dem kapitalistischen Ausland angewiesen.

Die These vom Sozialismus in einem Land selbst wiederum entsprach den objektiven Interessen der stalinistischen Bürokratie, um sich als Verwalterin des Mangels zu betätigen. Diese Rolle hängt eng mit dem Scheitern der Weltrevolution zusammen. Mit der Rückständigkeit der russischen Wirtschaft und durch die Isolation der Russischen Revolution, erhob die Bürokratie langsam ihr Haupt, um sich über die Massen zu erheben. Auf dem ausgetrockneten Acker der Weltrevolution nahm sie die Rolle der Verwalterin ein. Der Raubbau an der Natur zur Devisengewinnung war die Grundlage dafür, um den Sozialismus in einem Land aufbauen zu können.

Daran änderte auch der Sieg im Zweiten Weltkrieg nichts. Die stalinistische Bürokratie exportierte lediglich ihr Modell in andere Länder, wo sie Verwaltungsbeamt:innen als herrschende Kaste einsetzte, rekrutiert aus den Kommunistischen Parteien der jeweiligen Ländern, die vor dem Faschismus in die Sowjetunion geflüchtet waren. Auch hier wurde die Wirtschaft der Devisengewinnung untergeordnet, um die nötigen Importe zu beschaffen und natürlich auch, um die Bürokratie als herrschende Kaste mit Privilegien zu versorgen. Zugleich startete sie mit dem Beginn der Chruschtschow-Ära1 einen Wettbewerb der Systeme. Um mit dem kapitalistischen Westen mitzuhalten, investierte sie nicht nur in das Straßensystem und trieb die Massenmotorisierung voran, sondern lieferte sich sogar noch einen „Wettlauf zum Mond“. Gerade dieser Wettbewerb der Systeme, der aus der Rolle der Bürokratie als Verwalterin der morsch gewordenen Revolution hervorging, trieb die Umweltzerstörung in den Ostblockstaaten gnadenlos voran.

Als besonderen Ausdruck dieser Periode können wir auf das Buch „Planet des Todes“ von Stanislaw Lem verweisen. In diesem Science-Fiction-Roman beschreibt der junge Autor schon 1954, wie die Sowjetunion im Jahr 2001 damit beginnt, mit dem umfassenden Einsatz modernster Technologie die Arktis abzuschmelzen, um die dortigen Rohstoffvorkommen abzubauen. Dies wirkt vor allem aus heutiger Sicht absurd, wo es gerade die kapitalistischen Konzerne sind, die mit dieser Strategie dem Klimawandel noch etwas abgewinnen können. Vor allem die grönländische Regierung träumt von einem Wirtschaftsboom, um sich mit dem Verkauf von Förderlizenzen von der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark freikaufen zu können. Ironischerweise lagern hier große Vorkommen Seltener Erden, die gerade für die neuen „grünen Technologien“ benötigt werden. Das Kapital macht aus dem Klimawandel in doppelter Hinsicht noch ein Geschäft.

Zeller verweist in „Revolution für das Klima“ auf Trotzkis Buch „Literatur und Revolution“, in dem er laut Zeller „einer weitreichenden technologischen Machbarkeitsvorstellung“ frönt. Damit versucht er, sein Argument zu unterstreichen, dass dem klassischen Marxismus ein Fortschrittsgedanke innewohnt, indem er den schärfsten Kritiker der stalinistischen Bürokratie und der These des Sozialismus in einem Land hervorholt.

Doch die Frage ist viel mehr, unter wessen Kontrolle die Technologie steht. Im Falle des sogenannten Realsozialismus lag sie in den Händen der bürokratischen Kasten, die mit ihrer Hilfe versuchte, den Sozialismus in einem Land aufzubauen. Das erwähnte Zitat von Trotzki bezieht sich hingegen nicht auf den Stalinismus, der das Konzept des Sozialismus bis zur Unkenntlichkeit verzerrte, sondern auf den Sozialismus unter demokratischer Verwaltung durch die in Räten organisierte Arbeiter:innenklasse:

„Die jetzige Lage der Berge und Flüsse, der Felder und Wiesen, Steppen, Wälder und Küsten kann man ja nicht als endgültig bezeichnen. […] Wenn der Glaube einst versprach Berge zu versetzen, so wird die Technik die Nichts auf „Treu und Glauben“ hinnimmt, tatsächlich Berge abtragen und verschieben. […] Der Mensch wird sich mit der Umgruppierung der Berge und Flüsse befassen und wird die Natur ernstlich und wiederholt korrigieren. Schließlich wird er die Erde nach seinem Abbilde oder wenigstens nach seinem Geschmack umgestalten. Wir haben keinen Grund zu befürchten, dass dieser Geschmack schlecht sein wird.“

Er meinte damit nicht die bürokratische Kaste oder die Bourgeoisie, sondern den befreiten Menschen. Tatsächlich hat jede Zivilisation damit begonnen, selbst die urtümlichsten davon, die Welt nach ihrem Abbild zu gestalten. Sie war stets das Abbild der herrschenden Verhältnisse. Zeller sagt, dass es paradoxerweise Stalin gewesen sei, der Trotzkis utopische Vision in die Tat umgesetzt hätte, als er die gen Arktisches Meer fließenden Flüsse umleitete und gen Süden fließen ließ. Doch weit gefehlt: Stalin ging es nur darum, durch steigende Ernteerträge mehr Devisen zu erwirtschaften, um besser den Sozialismus in einem Land aufbauen zu können.

In einer in Räten organisierten sozialistischen Gesellschaft wird hingegen das fundamentale Bedürfnis der gesamten Menschheit, die Klimakatastrophe zu stoppen, ein zentrales Gewicht haben. Nur wenn die Arbeiter:innenklasse, im Bündnis mit den armen Massen des Planeten, umfassende und koordinierte Maßnahmen debattiert und umsetzt, anstatt sie dem Profitstreben und dem Zufall des kapitalistischen Marktes zu überlassen, gibt es eine Chance, den Klimawandel umzukehren. Die demokratische Verwaltung und Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter:innenklasse ist die Vorbedingung und einzige Garantie dafür, die Produktivkräfte mit den planetaren Grenzen zu versöhnen.

Natürlich wird die sozialistische Gesellschaftlich technische Hilfsmittel einsetzen, um der Umweltzerstörung und dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen. Dafür wird die sozialistische Gesellschaft nicht auf irgendwelche Wundermittel angewiesen sein. Sie wird Wälder pflanzen, Städte umgruppieren und Überquerungen bauen, um der Natur wieder den ihr gebührenden Platz wiederzugeben. Bäume wird sie in tiefe Schichten des Erdreichs verpflanzen, um den in ihn gespeicherten Kohlenstoff zu verwahren. Mithilfe der Technologie wird sie die natürlichen Kreisläufe nachahmen, um den Kohlenstoff wieder der Erde zuzuführen, so wie einst die Mayas den Boden des Regenwaldes für die Landwirtschaft urbar machten, nur im industriellen Maßstab.

Die Kapitalist:innen hingegen wollen solche Technologien nur einsetzen, um sich Zeit zu erkaufen, um ihre Profite noch weiter vermehren zu können, bevor die Klimakatastrophe wie bei einem Jojo-Effekt umso stärker wieder zurückkommt. Der Einsatz solcher Technologien zur Beeinflussung des Klimas bedeutet in den Händen der Kapitalist:innen etwas ganz anderes als in den Händen des Proletariats.

Wir haben also gesehen, wie Umweltzerstörung mit der These vom Sozialismus in einem Land und der Rolle der Bürokratie zusammenhängen. Gegen Zellers Versuch, Trotzki und Stalin beim technologischen Fortschritt auf eine Stufe zu stellen, haben wir den Einwand erhoben, dass es darum geht, wer die Kontrolle über die Technologie ausübt. Ohne dass die Macht von den Händen der Kapitalist;innen in die Hände des in Räten organisierten Proletariats – und nicht in die Hände einer privilegierten bürokratischen Kaste – übergeht, wird sich jede noch so grüne Technologie in ihr Gegenteil verkehren. Dann wird das Licht am Ende des Tunnels tatsächlich nur der Scheinwerfer des entgegenkommenden Zuges sein. Die Revolution alleine wird die Umwelt nicht retten, aber ohne sozialistische Revolution ist die Umwelt den Profitinteressen der Kapitalist:innen ausgesetzt und wird mit Sicherheit zerstört.

Fußnote

1. Parteichef der kommunistischen Partei der Sowjetunion, 1953-1964, distanzierte sich oberflächlich vom stalinistischen Personenkult, um seine eigene Verantwortung zu leugnen

One thought on “Sozialismus und Umweltzerstörung: Warum wurde der Stalinismus ökologischen Ansprüchen nicht gerecht?

  1. Günter Weihrauch sagt:

    Ich teile diese Auffassung, möchte aber hinzufügen das es nur noch darum geht den Planeten zu retten. Darum muss vor allem die Bedürfnisbefriedigung neu reguliert werden. Niemand soll ohne Arbeit am täglichen Reichtum durch eigene Arbeit Nutznießer sein. Wir Menschen brauchen eine neue Lebenseinstellung in der kommunistischen Welt

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