Hintergründe

Som­mer­aka­de­mie: Debat­ten über Kli­ma­krise, „grü­nen Kapi­ta­lis­mus“ und revo­lu­tio­näre Stra­te­gie

Im Rahmen der zweiten Revolutionären Internationalistischen Sommerakademie, die von den europäischen Sektionen der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale vom 3. bis 8. Juli in Südfrankreich organisiert wurde, behandelten zwei wichtige Workshops die Notwendigkeit einer revolutionär-sozialistischen Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels.

Sommerakademie: Debatten über Klimakrise,

Umweltprobleme sind für die Menschheit nichts völlig Neues, aber in den letzten Jahrzehnten haben sie aufgrund ihrer Ausmaße und ihrer Intensität eine neue Dimension angenommen. In diesem Zusammenhang ist es dringend erforderlich, dass revolutionäre Sozialist*innen über eine Strategie zur Beseitigung der Ursache von Klimawandel und Umweltzerstörung diskutieren: das kapitalistische System. Und das bedeutet nichts anderes, als die Perspektive des Kampfes für den Kommunismus und eine demokratisch geplante Gesellschaft zu erneuern.

Diese Perspektive wurde in zwei wichtigen Diskussionsworkshops während der zweiten Revolutionären Internationalistischen Sommerakademie debattiert, die von den europäischen Sektionen der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale vom 3. bis 8. Juli in Südfrankreich organisiert wurde.

Am Freitag, dem zweiten Tag der Debatten, gaben Jason und Irene, Aktivist*innen der Marxistischen Jugend München, zusammen mit Andrés, Mitglied der Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO) in Berlin, einen Workshop über Marxismus, Umwelt und Jugendmobilisierungen für das Klima. Zwei Tage später, am vierten Tag der Sommerakademie, sprach Diego Lotito, ein Aktivist der Strömung Revolutionärer Arbeiter*innen (CRT) in Madrid, über Klimawandel, „grünen Kapitalismus“ und kapitalistische Strategien zur Bewältigung der bevorstehenden Katastrophe für die Völker der Welt.

Der Workshop am Freitag begann mit einem Bericht über den Verlauf der ökologischen Krise und die Reaktionen darauf. Auf Initiative der jungen Schwedin Greta Thunberg begann die Fridays For Future-Bewegung vor einigen Monaten, jeden Freitag Schulstreiks zu organisieren. Die Bewegung nutzte die Methode des „Streiks“ und bestand in der überwiegenden Mehrheit aus Jugendlichen, angeführt von jungen Schüler*innen, der sogenannten Generation Z (Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren).

Die massive Ausdehnung der kapitalistischen Industrie, insbesondere seit der zunehmenden Globalisierung von Produktion, Zirkulation und Konsum in ihrer neoliberalen Phase, führt den Planeten und große Teile der Menschheit in eine Zukunft, die von Naturkatastrophen, Knappheit an grundlegenden Ressourcen und größeren Schwierigkeiten für die Arbeiter*innen und Massen der Welt geprägt ist.

Einer der Hauptgründe dafür ist der exponentielle Anstieg der Emissionen von Treibhausgasen (wie Kohlendioxid [CO2], Methan, Fluorkohlenwasserstoffe und andere Schadgase), der das Ergebnis des anarchischen Wachstums von Industrie und Verkehr in der kapitalistischen Produktionsweise ist.

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), eine Organisation, die sich auf die Überwachung und Bewertung des Phänomens spezialisiert hat, stellte fest, dass bei anhaltenden Emissionen dieser Größenordnung die Welt in den kommenden Jahrzehnten den härtesten Klimawandel der letzten 10.000 Jahre erleben würde. Ein solcher hätte verheerende ökologische und soziale Folgen beispiellosen Ausmaßes.

Schon heute ist der Klimawandel die häufigste Ursache für erzwungene Migration: Mehr als 20 Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Dürren, Überschwemmungen und Wüstenbildung, neben anderen Folgen wie die Ausbreitung extremer klimatischer Phänomene (Stürme, tropische Wirbelstürme, Taifune und Hurrikane, die wie in Mittelamerika oder Mosambik Tausende von Menschenleben fordern), übermäßige Hitze, die unkontrollierbare Brände erzeugt, die ganze Städte zerstören, massive Überschwemmungen – von denen bereits 41 Millionen Menschen in Südasien betroffen sind – oder katastrophale Dürren – wie diejenigen, die die Zwangsvertreibung von 760.000 Menschen in Somalia verursacht haben. Dazu kommt der Anstieg des Meeresspiegels durch das Abschmelzen von Gletschern oder das teilweise Abschmelzen der polaren Eisschilde mit der Folge von Überschwemmungen von Ackerland und Versalzung des Grundwassers in Küstenregionen.

Der Klimawandel und die Krise im Kreislauf von Kohlenstoff, Wasser, Phosphor und Stickstoff; die Versauerung von Flüssen und Ozeanen; der zunehmende und beschleunigte Verlust der biologischen Vielfalt; Veränderungen in den Mustern der Landnutzung und chemische Verschmutzung sind nur einige der schrecklichen Erscheinungsformen einer für die Menschheit völlig beispiellosen Situation: die Tendenz zum Zerfall ihrer natürlichen Produktions- und Reproduktionsbedingungen.

Diese umweltzerstörerische Dynamik steht in direktem Zusammenhang mit der sozialen und materiellen Verschlechterung der Lebensbedingungen von Hunderten von Millionen Menschen, die unter Elend, Arbeitslosigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen leiden, durch die der Kapitalismus seine Rentabilität und Reproduktion sichert.

Im Bewusstsein dieser Realität haben die jungen Protagonist*innen der Fridays for Future-Bewegung die Umweltfrage auf die politische Agenda der europäischen Großmächte gesetzt. Aber trotz aller Demagogie verhindern die Regierungen der kapitalistischen Staaten eine echte Debatte und vor allem ein wirksames Vorgehen gegen die Katastrophe, die uns bedroht. Wie Irene sagte: „Die Bewegung hat große Teile der Jugend politisiert, die beginnen, Erfahrungen mit dem Staat und dem System zu machen.“

In Bezug auf die Studierendenbewegung an Universitäten und Hochschulen wies Andrés darauf hin, dass „der Schwerpunkt der Bewegung zwar auf den Schulen liegt, die Studierendenbewegung jedoch in einigen Ländern wie Deutschland in einigen Städten in Erscheinung getreten ist und große Versammlungen organisiert hat, was in diesem Jahrzehnt bisher kaum stattgefunden hatte.“ Die Reaktionen der bürgerlichen politischen Kräfte waren und werden jedoch völlig unzureichend sein.

Im Kapi­ta­lis­mus gibt es kei­nen Aus­weg aus der glo­ba­len Umwelt­krise

Angesichts dieses Szenarios schwankt der Kapitalismus zwischen zwei Strategien: einerseits eine Kampagne der Leugnung wissenschaftlicher Beweise, die diese eher als „Ideologie“ statt als eine Tatsache darstellt; andererseits die Förderung eines „grünen“ oder „nachhaltigen“ Kapitalismus, bei der internationale Vereinbarungen vorangetrieben werden, die eine Farce sind. Mit dieser Strategie werben ihre Verfechter*innen für eine teilweise und begrenzte Umstellung der Produktionssysteme, während sie das Modell der kapitalistischen Akkumulation und Ausbeutung damit nur bewahren und stärken. Eine Untervariante dieser Strategie sind der Umweltreformismus oder die Vertreter*innen eines „Green New Deal“, deren Ideen vom Anstoß sozialdemokratischer Programme bis hin zu dem Vorschlag reichen, dass die für die aktuelle ökologische Krise verantwortlichen Riesenkonzerne die Infrastruktur entwickeln sollen, um aus der Katastrophe herauszukommen. Eine Politik, die gleichzeitig darauf abzielt, die Unzufriedenheit der Jugendlichen zu kooptieren, die sich organisieren, um sich den Ursachen und Folgen der Umweltkrise zu stellen.

Das Feld der Leugner*innen reicht von Trump, der Republikanischen Partei und der Tea Party in den Vereinigten Staaten bis hin zu Minderheitensektoren von Wissenschaftler*innen. Aber der harte Kern dieser Variante liegt in den großen Unternehmen, die hauptsächlich für die Emissionen von Schadgasen verantwortlich sind, die den Temperaturanstieg verursachen.

Obwohl sie diese Leugnungskampagne vorantreiben, sind sich die großen kapitalistischen Unternehmen jedoch der unvermeidlichen Folgen des Klimawandels und seiner gesellschaftspolitischen Auswirkungen voll bewusst und bereiten sich darauf vor, auf seine Auswirkungen im Bereich „Sicherheit“ und Außenpolitik zu reagieren.

Wie Diego erklärte, „führen die konzentriertesten Kapitalsektoren seit Jahren eine militarisierte Anpassung an den Klimawandel durch, die seine Auswirkungen als politische und nationale Sicherheitsrisiken für die herrschenden Klassen sieht. Tatsächlich gibt es bereits Dutzende von Studien von Militärstrategen und Unternehmen, die die verschiedenen möglichen Szenarien für eine Klimakatastrophe analysieren und Vorschläge machen, wie man sich darauf vorbereiten kann: mit mehr Armeen und privaten Sicherheitskräften, die schlussendlich die Archipele des Wohlstands inmitten der Ozeane des Elends und der Zerstörung verteidigen können.“

Als Gegenstück zur Leugnung des Klimawandels erscheint der „grüne Kapitalismus“, dessen Reihen von der US-amerikanischen Demokratischen Partei, Angela Merkel, Emmanuel Macron, über diverse und boomende kapitalistische Unternehmen, internationale Organisationen, bis zu Umweltschützer*innen und NGOs reichen.

In einer Art Verschmelzung zwischen Neoliberalismus, Neokeynesianismus und „grüner Wirtschaft“ verurteilen sie die globale Erwärmung und einigen sich auf kostspieligen Klimagipfeln auf Umweltschutzmaßnahmen, Kontrollen und große Emissionsminderungsziele, die weniger wert sind als das Papier, auf dem sie festgehalten wurden.

Eine der jüngsten Maßnahmen in diesem Bereich wurde in der Debatte von Marco von RIO erwähnt: Die Regierung Merkel will im Bündnis mit den Grünen eine Steuer auf CO2-Emissionen einführen. Diese Steuer würde – angeblich, um die Industrie zu einem ökologischen Wandel zu bewegen – zu Preiserhöhungen und damit zur Liquidierung der Kaufkraft der Arbeiter*innenklasse führen. „Wenn wir die Jugend mit der Arbeiter*innenklasse verbünden wollen – der einzigen, die die Produktionsweise umweltverträglich umwandeln kann –, können wir das nicht mit einem arbeiter*innenfeindlichen Programm tun.“

Im Bereich des grünen Kapitalismus gibt es eine reformistische Untervariante, die stark an Gewicht gewonnen hat: die sogenannten „grünen Parteien“. Auch wenn es sich um ein heterogenes Phänomen handelt, das einer Logik des institutionellen Drucks und einer mit den kapitalistischen Staaten und den Unternehmen paktierten Strategie allmählicher Reformen unterworfen ist, stellen die Grünen keine Perspektive zur Überwindung des Kapitalismus auf. In vielen dieser Parteien überwiegt zudem die Logik, dass es zur Lösung des ökologischen Problems notwendig ist, eine Perspektive der Veränderung des individuellen Verhaltens einzunehmen. Eine Logik, die nicht nur utopisch ist, sondern gleichzeitig das Credo der bürgerlichen Ideologie stärkt, die besagt, „dass die Leute für die Krise selbst verantwortlich sind“.

In diesem Kontext hat der so genannte Green New Deal (GND), der unter anderem von der jungen US-amerikanischen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez und dem Vorsitzenden der britischen Labour Party, Jeremy Corbyn, verfochten wird, in der letzten Zeit an Gewicht gewonnen. Der GND wird als eine „fortschrittlichere“ Variante dargestellt, funktioniert aber innerhalb der Koordinaten des grünen Kapitalismus und schlägt vor, dass die milliardenschweren Riesenkonzerne, die für die aktuelle ökologische Krise verantwortlich sind, die Infrastruktur entwickeln sollen, um aus der Katastrophe herauszukommen… und dass sie dafür erhebliche Subventionen erhalten sollen.

Die Idee hinter der GND-Perspektive ist, dass die Regierungen der großen Industrieländer der Welt, wenn sie sich der Situation bewusst werden, zusammen mit den Unternehmen in der Lage wären, drastische Maßnahmen zur Erhaltung der Umwelt zu ergreifen.

Aber die Illusion, dass der Widerspruch zwischen kapitalistischen Interessen und der Erhaltung der Umwelt und des Lebens von Hunderten von Millionen Menschen überbrückt werden kann, ist utopisch und reaktionär.

Obwohl sie nicht außerhalb von Naturgesetzen platziert werden kann, steht die kapitalistische Produktionsweise auf unterschiedliche Weise im völligen Widerspruch zur Natur und den natürlichen Entwicklungsprozessen. Wie Diego von der CRT argumentierte, „ist die Ursache für diese Art der umweltzerstörerischen Entwicklung keine kapitalistische Irrationalität, sondern seine inhärente Logik. Sie ist das unvermeidliche Ergebnis eines Wirtschaftssystems, dessen Motor die Profitgier der herrschenden Klassen ist, auch wenn das die Zerstörung der Umwelt und des Lebens von Milliarden von Arbeiter*innen und Bäuer*innen auf der ganzen Welt bedeutet.“

Stra­te­gie und Sub­jekt des Kamp­fes um die Umwelt

Wie sieht die Strategie der revolutionären Linken angesichts der Umweltkrise aus? Das war eine der Fragen, die die Diskussionen der Workshops durchzogen. Links vom bürgerlichen Reformismus und den demagogischen Initiativen des „grünen Kapitalismus“ gibt es eine breite linke Umweltbewegung: eine heterogene Strömung, die von der Bewegung für Klimagerechtigkeit, dem Ökologismus der Armen („Environmentalism of the poor“) bis hin zum Ökosozialismus reicht, mit wenig klaren Abgenzungen untereinander. Es sind Strömungen, die wichtige Arbeit geleistet haben, indem sie die Umweltfrage mit dem Kampf der armen Sektoren und im Allgemeinen mit einer Perspektive der Überwindung des Kapitalismus verbinden.

Bei allen Unterschieden zwischen ihnen diskutierten die Workshops jedoch besonders zwei strategische Fragen, die aus revolutionär-sozialistischer Sicht problematisch sind.

Ein zentrales Thema ist die Übernahme von sogenannten Degrowth-Perspektiven in weiten Teilen dieser Bewegung. Diese Strömung, in Deutschland meist „wachstumskritische“ oder „Postwachstumsbewegung“ genannt, betont die Notwendigkeit der Schrumpfung der Wirtschaft. Sie wurde stärker als Reaktion auf drei Jahrzehnte Neoliberalismus, die Vertiefung der klimatischen und ökologischen Katastrophe, die vom Kapitalismus beschleunigt wurde, und das Modell einer „hyperkonsumistischen Gesellschaft“ in den imperialistischen Ländern. Aber gleichzeitig positioniert sich diese Strömung als eine Kritik am Marxismus, den sie mit dem Stalinismus identifiziert, der in seinen verschiedenen Regimen wie China oder der UdSSR Umweltgräuel beging.

Der von Intellektuellen wie dem französischen Ökonomen Serge Latouche popularisierte Degrowth-Ansatz schlägt einen individuellen Wandel der Konsummuster vor, häufig ohne Rücksicht auf die sozialen Ungleichheiten zwischen den Individuen, d.h. ob es sich beispielsweise um bürgerliche oder kleinbürgerliche Menschen in den großen imperialistischen Metropolen oder um prekäre Arbeiter*innen oder Bäuer*innen in den unterdrückten Ländern handelt. Darüber hinaus könnte man sagen, dass er als vermeintliche „Antithese“ zum dem kapitalistischen System inhärenten Wachstum ein negatives Wirtschaftswachstum befürwortet, ohne zu berücksichtigen, welche Industriesektoren das menschliche Leben auf dem Planeten erleichtern und bereichern könnten.

Auch wenn einige Sektoren diese Perspektive aus einer populären, ja ökosozialistischen Sichtweise darstellen, gibt es viele ökologische Bewegungen, die eine malthusianische Sicht auf das Problem haben. Das heißt, sie gehen davon aus, dass die natürlichen Ressourcen festgelegt und begrenzt sind, weshalb für sie jegliches Wirtschaftswachstum von Natur aus schlecht ist, da es Ressourcen verbraucht, die im Laufe der Zeit erschöpft werden. Diese Bewegungen wurden stark von Paul R. Ehrlich beeinflusst, dem Begründer des Öko-Konservatismus.

Bei den Workshops wurde aus dem Publikum zu Recht darauf hingewiesen, dass in einer von den Arbeiter*innen demokratisch geplanten Wirtschaft die Entscheidung, ob ein Industriesektor mehr Entwicklung benötigt oder anderweitig reduziert werden sollte, viel einfacher und effektiver wäre. Die Nichtbeachtung des Charakters des Staates, oder welche Klasse das (negative) Wachstum fördert, ist einer der großen Mängel der Degrowth-Strategie.

Wenn wir die zentrale Frage auf den Punkt bringen, in der sich die „Postwachstumsstrategie“ und die Strategie des revolutionären Marxismus entgegenstehen, können wir sagen, dass erstere der utopische und reaktionäre Versuch ist, angesichts der sozialen Katastrophe die „Notbremse zu ziehen“ (Walter Benjamin) – und zwar nicht durch die Weltrevolution als Weg zum Kommunismus, sondern durch die Ablehnung der Fortschritte von Wissenschaft, Technologie und Arbeitsproduktivität.

In der Debatte geht es nicht um Wachstum oder Nicht-Wachstum, sondern um die Art des Wachstums – was eine Folge davon ist, wer dieses Wachstum kontrolliert. Das heißt, wer kontrolliert die Quellen der Wirtschaft? Mit anderen Worten: Das Problem ist nicht wirtschaftlich – oder nicht nur wirtschaftlich –, sondern grundsätzlich politisch: Wer kontrolliert die politische Macht und damit die Wirtschaft?

Hier kommt ein zweites Problem hinzu, nämlich die Frage nach dem Subjekt des Kampfes um die Umwelt. Insbesondere die Strömung des Ökologismus der Armen betont, dass sich indigene bäuerliche Gruppen oft nachhaltig mit der Natur entwickelt haben. Auf dieser Grundlage schlagen sie einen agrarischen oder „neo-narodnikistischen“ Ökologismus vor, auch wenn sie mehr von Umwelt- und Bauernkämpfen in Lateinamerika inspiriert sind, wie dem von Chico Mendes in Brasilien oder den mexikanischen Zapatist*innen, als vom russischen Beispiel der Narodniki, einer populistischen Strömung, die um die Jahrhundertwende 1900 einen bedeutenden Einfluss im Bauerntum besaß. Dabei handelt es sich um eine Perspektive, die mit der Postwachsumsstrategie und der Idealisierung des ländlichen Lebens und der Rückkehr zu den alten vormarxistischen utopischen Ansätzen verbunden ist, in Agrarkommunen zu leben oder gemeinschaftliche Gemüsegärten anzupflanzen.

Aus der Sicht des Kampfes gegen die Umweltzerstörung ist es unbestreitbar, dass ein wichtiger globaler Akteur in diesem Kampf die Bauernschaft und die indigenen Völker der halbkolonialen Länder sind. In den meisten Fällen sind sie direkt (in ihren Lebens- und Reproduktionsbedingungen) von den umweltzerstörerischen Aktivitäten des Kapitals betroffen. Ein Prozess wahrer „Akkumulation durch Enteignung“, um das Konzept des marxistischen Geographen David Harvey aufzugreifen. Das heißt, die Verwendung von Methoden der ursprünglichen Akkumulation, um das kapitalistische System zu erhalten.

Der Kampf gegen diese Enteignungsmechanismen verläuft nicht friedlich, weit gefehlt. Diese Bewegungen verübten Hunderte von Attentaten und erlebten wirklich radikale Kampfprozesse.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass viele dieser sozialen Sektoren in zahlreichen Regionen zu einem materiellen Hindernis für das Vorantreiben von Mega-Projekten geworden sind, die die Umwelt zerstören. Um jedoch eine integrierte und wirksame Lösung für die globale Umweltbedrohung des Kapitalismus zu finden, kann das Zentrum des Kampfes nicht auf dem Land liegen, sondern in den Städten und den großen kapitalistischen Zentren. Das zentrale Subjekt dieses Kampfes ist die städtische Arbeiter*innenklasse.

Das liegt daran, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nicht einfach nur einer von vielen Widersprüchen ist, die die kapitalistische Produktionsweise charakterisieren, sondern derjenige, der sie strukturiert. Deshalb ist das Proletariat, wenn es sich eine hegemoniale und nicht korporatistische, also rein auf ihre eigenen Interessen beschränkte, Politik gibt, die einzige Klasse, die ein wirklich antikapitalistisches Bündnis artikulieren kann. Revolutionär*innen müssen eine Strategie haben, um dieses Bündnis zu schmieden und für ein antikapitalistisches Programm zu kämpfen.

In diesem Bereich argumentiert die ökosozialistische Strömung, dass Arbeiter*innen „eine“ wesentliche Kraft für jede radikale Transformation des Systems sind. Aber eine Kraft von vielen, einfach ein weiteres Subjekt, das sich dem Rest der Bewegungen anschließen muss. Das Problem ist, dass es ohne proletarische Hegemonie – d.h. ohne dass die Arbeiter*innenklasse mit ihren Kampfmethoden und ihrem Programm das Bündnis mit dem Rest der Unterdrückten anführt – keine Möglichkeit zum Sieg gibt. Die Strategie des Ökosozialismus ignoriert das und ist deshalb utopisch.

Revo­lu­tio­nä­res Pro­gramm und kom­mu­nis­ti­sche Per­spek­tive

Angesichts einer völlig irrationalen Perspektive, die uns der Kapitalismus anbietet, ist die Notwendigkeit drastischer und dringender Maßnahmen offensichtlich. Und diese können nur aus einer rationalen Planung der Weltwirtschaft entstehen. Oder wie Marx sagen würde, durch „die Einführung der Vernunft in den Bereich der Wirtschaftsbeziehungen“.

Eine Perspektive, für die die Trotzkistische Fraktion – Vierte Internationale innerhalb der Arbeiter*innen-, Jugend- und Umweltbewegung kämpfen muss. Wir Trotzkist*innen müssen erklären, dass es angesichts der Farce der Klimagipfel und der Versprechungen des „grünen Kapitalismus“ notwendig ist, ein Übergangsprogramm aufzustellen, das auf eine vollständige rationale und ökologische Umstrukturierung von Produktion, Verteilung und Konsum abzielt.

Ein solches Programm ist im Rahmen des Kapitalismus offensichtlich unmöglich zu erreichen. Dies erfordert eine revolutionäre Strategie, die die Verantwortlichen der Katastrophe entschlossen konfrontiert. Die Jugendlichen, die heute weltweit auf die Straße gehen, um für „Klimagerechtigkeit“ zu kämpfen, müssen ihr Programm radikalisieren, um die einzige realistische Perspektive zur Bewältigung der Katastrophe zu bieten: das Vorantreiben des Klassenkampfs zum Sturz des kapitalistischen Systems und die Überführung aller Bereiche der Weltwirtschaft in die Hände der Arbeiter*innenklasse.

Diese Perspektive wird jedoch von der Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt. Nicht einmal von den Jugendlichen, die durch das Klimaproblem sensibilisiert und mobilisiert wurden. Daher war einer der politischen Aspekte, die in den Workshops der Sommerakademie angesprochen wurden, die Notwendigkeit, weiterhin ohne Sektierertum in die Fridays-for-Future-Bewegung zu intervenieren. Verschiedene Redebeiträge, die die Grenzen der Bewegung, ihr begrenztes Programm und ihre im Wesentlichen liberale oder reformistische Richtung anerkannten, unterstrichen zugleich ihren internationalen Charakter und die Macht der Jugendlichen, die durch eine so großartige Idee mobilisiert wurden.

„Das Übergangsprogramm, das wir entfalten müssen“
, sagte Andrés, „muss mit dem aktuellen Bewusstsein der Bewegung in Dialog treten und versuchen, eine Fraktion für eine revolutionäre Perspektive zu gewinnen. Es sei darauf hingewiesen, dass Greta Thunberg und andere Anführer*innen der Bewegung für den 20. September zu einem ‚Generalstreik‘ aufrufen. Wir Revolutionär*innen müssen offen sagen, dass wir, wenn wir die Welt zum Stillstand bringen wollen, um den Klimawandel zu bekämpfen, uns mit der Arbeiter*innenbewegung verbinden und die Gewerkschaftsbürokratie – eine grundlegende Säule des Imperialismus in Ländern wie Deutschland – dazu zwingen müssen, dass sie mobilisiert und zu politischen Streiks aufruft. Das bedeutet, einen starken Kampf gegen den Korporatismus zu führen, sowohl in der Studierendenbewegung als auch in der Arbeiter*innenbewegung.“

Es gibt eine große Basis für den Kampf für eine revolutionäre Fraktion der Bewegung, die gleichzeitig versucht, den Umweltkampf mit den anderen Kämpfen zu verknüpfen, die wir täglich führen: gegen den Imperialismus, rassistische Regime, gegen LGBTI- und Frauenunterdrückung oder die Kämpfe, die wir in den Gewerkschaften gegen Prekarisierung und kapitalistische Ausbeutung führen. Diese Kämpfe führen wir im Rahmen einer internationalistischen und revolutionären Strategie, deren Schwerpunkt der Klassenkampf ist. Nur so kann der Erfolg der Ziele einer Bewegung wie Fridays For Future gewährleistet werden.

Heute ist die Irrationalität des kapitalistischen Produktionssystems und seiner Produktions- und Konsummuster so weit gediehen, dass das natürliche Gleichgewicht des Planeten und damit die Existenz riesiger Teile der menschlichen Spezies und Millionen anderer Arten, die auf dem Planeten leben, ernsthaft gefährdet sind.

Viele Wissenschaftler*innen und Umweltschützer*innen bezeichnen den gegenwärtigen Moment als eine Zeit der zivilisatorischen Krise, aus der es keinen Ausweg gibt und an die wir uns irgendwie anpassen müssen. Diese Perspektive ist nicht von der Hand zu weisen. Aber selbst in diesem Extremfall bleibt das Problem dasselbe: Die Anpassung wird entweder in den Händen des Kapitals oder der enteigneten Mehrheit der Gesellschaft liegen.

Angesichts der Katastrophe sät die kapitalistische Ideologie nicht nur Angst (die die Grundlage für die oben erwähnte Sicherheitspolitik bietet), sondern leugnet auch jede emanzipatorische Perspektive. Aus Kino und Fernsehen erleben wir ein ständige Bombardement von Dystopien: Es ist einfacher, sich katastrophale Welten, postnukleare, außerirdische Invasionen und sogar Zombies vorzustellen, als eine Gesellschaft, die rational das Überleben des Planeten, der Menschheit und aller Arten garantiert.

Aus diesem Grund verwandelt die ökologische Frage den Kampf um den Kommunismus erneut in die einzige Perspektive für die Rettung der Menschheit und des Planeten. Ein Kampf, in dem sich die Arbeiter*innenklasse als hegemoniales Subjekt positionieren muss, indem sie Umweltforderungen nicht nur als Teil des Kampfes um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, sondern auch um eine progressive Lösung der zivilisatorischen Krise, die der Kapitalismus vorbereitet, aufnimmt.

* Artikel, der auf der Grundlage der in den Workshops geführten Debatten und der Präsentationen von Andrés Garcés von RIO in Deutschland und Diego Lotito von der spanischen CRT erarbeitet wurde.

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