Hintergründe

Sommerakademie: Debatten über Klimakrise, “grünen Kapitalismus” und revolutionäre Strategie

Im Rahmen der zweiten Revolutionären Internationalistischen Sommerakademie, die von den europäischen Sektionen der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale vom 3. bis 8. Juli in Südfrankreich organisiert wurde, behandelten zwei wichtige Workshops die Notwendigkeit einer revolutionär-sozialistischen Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels.

Sommerakademie: Debatten über Klimakrise,

Umwelt­prob­leme sind für die Men­schheit nichts völ­lig Neues, aber in den let­zten Jahrzehn­ten haben sie auf­grund ihrer Aus­maße und ihrer Inten­sität eine neue Dimen­sion angenom­men. In diesem Zusam­men­hang ist es drin­gend erforder­lich, dass rev­o­lu­tionäre Sozialist*innen über eine Strate­gie zur Besei­t­i­gung der Ursache von Kli­mawan­del und Umweltzer­störung disku­tieren: das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem. Und das bedeutet nichts anderes, als die Per­spek­tive des Kampfes für den Kom­mu­nis­mus und eine demokratisch geplante Gesellschaft zu erneuern.

Diese Per­spek­tive wurde in zwei wichti­gen Diskus­sionswork­shops während der zweit­en Rev­o­lu­tionären Inter­na­tion­al­is­tis­chen Som­mer­akademie debat­tiert, die von den europäis­chen Sek­tio­nen der Trotzk­istis­chen Frak­tion – Vierte Inter­na­tionale vom 3. bis 8. Juli in Süd­frankre­ich organ­isiert wurde.

Am Fre­itag, dem zweit­en Tag der Debat­ten, gaben Jason und Irene, Aktivist*innen der Marx­is­tis­chen Jugend München, zusam­men mit Andrés, Mit­glied der Rev­o­lu­tionären Inter­na­tion­al­is­tis­chen Organ­i­sa­tion (RIO) in Berlin, einen Work­shop über Marx­is­mus, Umwelt und Jugend­mo­bil­isierun­gen für das Kli­ma. Zwei Tage später, am vierten Tag der Som­mer­akademie, sprach Diego Loti­to, ein Aktivist der Strö­mung Rev­o­lu­tionär­er Arbeiter*innen (CRT) in Madrid, über Kli­mawan­del, “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” und kap­i­tal­is­tis­che Strate­gien zur Bewäl­ti­gung der bevorste­hen­den Katas­tro­phe für die Völk­er der Welt.

Der Work­shop am Fre­itag begann mit einem Bericht über den Ver­lauf der ökol­o­gis­chen Krise und die Reak­tio­nen darauf. Auf Ini­tia­tive der jun­gen Schwedin Gre­ta Thun­berg begann die Fri­days For Future-Bewe­gung vor eini­gen Monat­en, jeden Fre­itag Schul­streiks zu organ­isieren. Die Bewe­gung nutzte die Meth­ode des “Streiks” und bestand in der über­wiegen­den Mehrheit aus Jugendlichen, ange­führt von jun­gen Schüler*innen, der soge­nan­nten Gen­er­a­tion Z (Jugendliche zwis­chen 13 und 20 Jahren).

Die mas­sive Aus­dehnung der kap­i­tal­is­tis­chen Indus­trie, ins­beson­dere seit der zunehmenden Glob­al­isierung von Pro­duk­tion, Zirku­la­tion und Kon­sum in ihrer neolib­eralen Phase, führt den Plan­eten und große Teile der Men­schheit in eine Zukun­ft, die von Naturkatas­tro­phen, Knap­pheit an grundle­gen­den Ressourcen und größeren Schwierigkeit­en für die Arbeiter*innen und Massen der Welt geprägt ist.

Ein­er der Haupt­gründe dafür ist der expo­nen­tielle Anstieg der Emis­sio­nen von Treib­haus­gasen (wie Kohlen­diox­id [CO2], Methan, Flu­o­rkohlen­wasser­stoffe und andere Schadgase), der das Ergeb­nis des anar­chis­chen Wach­s­tums von Indus­trie und Verkehr in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise ist.

Das Inter­gov­ern­men­tal Pan­el on Cli­mate Change (IPCC), eine Organ­i­sa­tion, die sich auf die Überwachung und Bew­er­tung des Phänomens spezial­isiert hat, stellte fest, dass bei anhal­tenden Emis­sio­nen dieser Größenord­nung die Welt in den kom­menden Jahrzehn­ten den härtesten Kli­mawan­del der let­zten 10.000 Jahre erleben würde. Ein solch­er hätte ver­heerende ökol­o­gis­che und soziale Fol­gen beispiel­losen Aus­maßes.

Schon heute ist der Kli­mawan­del die häu­fig­ste Ursache für erzwun­gene Migra­tion: Mehr als 20 Mil­lio­nen Men­schen sind auf der Flucht vor Dür­ren, Über­schwem­mungen und Wüsten­bil­dung, neben anderen Fol­gen wie die Aus­bre­itung extremer kli­ma­tis­ch­er Phänomene (Stürme, tro­pis­che Wirbel­stürme, Tai­fu­ne und Hur­rikane, die wie in Mit­te­lameri­ka oder Mosam­bik Tausende von Men­schen­leben fordern), über­mäßige Hitze, die unkon­trol­lier­bare Brände erzeugt, die ganze Städte zer­stören, mas­sive Über­schwem­mungen – von denen bere­its 41 Mil­lio­nen Men­schen in Südasien betrof­fen sind – oder katas­trophale Dür­ren – wie diejeni­gen, die die Zwangsvertrei­bung von 760.000 Men­schen in Soma­lia verur­sacht haben. Dazu kommt der Anstieg des Meer­esspiegels durch das Abschmelzen von Gletsch­ern oder das teil­weise Abschmelzen der polaren Eiss­childe mit der Folge von Über­schwem­mungen von Ack­er­land und Ver­salzung des Grund­wassers in Küsten­re­gio­nen.

Der Kli­mawan­del und die Krise im Kreis­lauf von Kohlen­stoff, Wass­er, Phos­phor und Stick­stoff; die Ver­sauerung von Flüssen und Ozea­nen; der zunehmende und beschle­u­nigte Ver­lust der biol­o­gis­chen Vielfalt; Verän­derun­gen in den Mustern der Land­nutzung und chemis­che Ver­schmutzung sind nur einige der schreck­lichen Erschei­n­ungs­for­men ein­er für die Men­schheit völ­lig beispiel­losen Sit­u­a­tion: die Ten­denz zum Zer­fall ihrer natür­lichen Pro­duk­tions- und Repro­duk­tions­be­din­gun­gen.

Diese umweltzer­störerische Dynamik ste­ht in direk­tem Zusam­men­hang mit der sozialen und materiellen Ver­schlechterung der Lebens­be­din­gun­gen von Hun­derten von Mil­lio­nen Men­schen, die unter Elend, Arbeit­slosigkeit und prekären Beschäf­ti­gungsver­hält­nis­sen lei­den, durch die der Kap­i­tal­is­mus seine Rentabil­ität und Repro­duk­tion sichert.

Im Bewusst­sein dieser Real­ität haben die jun­gen Protagonist*innen der Fri­days for Future-Bewe­gung die Umwelt­frage auf die poli­tis­che Agen­da der europäis­chen Großmächte geset­zt. Aber trotz aller Dem­a­gogie ver­hin­dern die Regierun­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en eine echte Debat­te und vor allem ein wirk­sames Vorge­hen gegen die Katas­tro­phe, die uns bedro­ht. Wie Irene sagte: “Die Bewe­gung hat große Teile der Jugend poli­tisiert, die begin­nen, Erfahrun­gen mit dem Staat und dem Sys­tem zu machen.”

In Bezug auf die Studieren­den­be­we­gung an Uni­ver­sitäten und Hochschulen wies Andrés darauf hin, dass “der Schw­er­punkt der Bewe­gung zwar auf den Schulen liegt, die Studieren­den­be­we­gung jedoch in eini­gen Län­dern wie Deutsch­land in eini­gen Städten in Erschei­n­ung getreten ist und große Ver­samm­lun­gen organ­isiert hat, was in diesem Jahrzehnt bish­er kaum stattge­fun­den hat­te.” Die Reak­tio­nen der bürg­er­lichen poli­tis­chen Kräfte waren und wer­den jedoch völ­lig unzure­ichend sein.

Im Kapitalismus gibt es keinen Ausweg aus der globalen Umweltkrise

Angesichts dieses Szenar­ios schwankt der Kap­i­tal­is­mus zwis­chen zwei Strate­gien: ein­er­seits eine Kam­pagne der Leug­nung wis­senschaftlich­er Beweise, die diese eher als “Ide­olo­gie” statt als eine Tat­sache darstellt; ander­er­seits die Förderung eines “grü­nen” oder “nach­halti­gen” Kap­i­tal­is­mus, bei der inter­na­tionale Vere­in­barun­gen vor­angetrieben wer­den, die eine Farce sind. Mit dieser Strate­gie wer­ben ihre Verfechter*innen für eine teil­weise und begren­zte Umstel­lung der Pro­duk­tion­ssys­teme, während sie das Mod­ell der kap­i­tal­is­tis­chen Akku­mu­la­tion und Aus­beu­tung damit nur bewahren und stärken. Eine Unter­vari­ante dieser Strate­gie sind der Umwel­tre­formis­mus oder die Vertreter*innen eines “Green New Deal”, deren Ideen vom Anstoß sozialdemokratis­ch­er Pro­gramme bis hin zu dem Vorschlag reichen, dass die für die aktuelle ökol­o­gis­che Krise ver­ant­wortlichen Riesenkonz­erne die Infra­struk­tur entwick­eln sollen, um aus der Katas­tro­phe her­auszukom­men. Eine Poli­tik, die gle­ichzeit­ig darauf abzielt, die Unzufrieden­heit der Jugendlichen zu koop­tieren, die sich organ­isieren, um sich den Ursachen und Fol­gen der Umweltkrise zu stellen.

Das Feld der Leugner*innen reicht von Trump, der Repub­likanis­chen Partei und der Tea Par­ty in den Vere­inigten Staat­en bis hin zu Min­der­heit­ensek­toren von Wissenschaftler*innen. Aber der harte Kern dieser Vari­ante liegt in den großen Unternehmen, die haupt­säch­lich für die Emis­sio­nen von Schadgasen ver­ant­wortlich sind, die den Tem­per­at­u­ranstieg verur­sachen.

Obwohl sie diese Leug­nungskam­pagne vorantreiben, sind sich die großen kap­i­tal­is­tis­chen Unternehmen jedoch der unver­mei­dlichen Fol­gen des Kli­mawan­dels und sein­er gesellschaft­spoli­tis­chen Auswirkun­gen voll bewusst und bere­it­en sich darauf vor, auf seine Auswirkun­gen im Bere­ich “Sicher­heit” und Außen­poli­tik zu reagieren.

Wie Diego erk­lärte, “führen die konzen­tri­ertesten Kap­i­talsek­toren seit Jahren eine mil­i­tarisierte Anpas­sung an den Kli­mawan­del durch, die seine Auswirkun­gen als poli­tis­che und nationale Sicher­heit­srisiken für die herrschen­den Klassen sieht. Tat­säch­lich gibt es bere­its Dutzende von Stu­di­en von Mil­itärstrate­gen und Unternehmen, die die ver­schiede­nen möglichen Szenar­ien für eine Kli­makatas­tro­phe analysieren und Vorschläge machen, wie man sich darauf vor­bere­it­en kann: mit mehr Armeen und pri­vat­en Sicher­heit­skräften, die schlussendlich die Archipele des Wohl­stands inmit­ten der Ozeane des Elends und der Zer­störung vertei­di­gen kön­nen.”

Als Gegen­stück zur Leug­nung des Kli­mawan­dels erscheint der “grüne Kap­i­tal­is­mus”, dessen Rei­hen von der US-amerikanis­chen Demokratis­chen Partei, Angela Merkel, Emmanuel Macron, über diverse und boomende kap­i­tal­is­tis­che Unternehmen, inter­na­tionale Organ­i­sa­tio­nen, bis zu Umweltschützer*innen und NGOs reichen.

In ein­er Art Ver­schmelzung zwis­chen Neolib­er­al­is­mus, Neokey­ne­sian­is­mus und “grün­er Wirtschaft” verurteilen sie die glob­ale Erwär­mung und eini­gen sich auf kost­spieli­gen Klimagipfeln auf Umweltschutz­maß­nah­men, Kon­trollen und große Emis­sion­s­min­derungsziele, die weniger wert sind als das Papi­er, auf dem sie fest­ge­hal­ten wur­den.

Eine der jüng­sten Maß­nah­men in diesem Bere­ich wurde in der Debat­te von Mar­co von RIO erwäh­nt: Die Regierung Merkel will im Bünd­nis mit den Grü­nen eine Steuer auf CO2-Emis­sio­nen ein­führen. Diese Steuer würde – ange­blich, um die Indus­trie zu einem ökol­o­gis­chen Wan­del zu bewe­gen – zu Preis­er­höhun­gen und damit zur Liq­ui­dierung der Kaufkraft der Arbeiter*innenklasse führen. “Wenn wir die Jugend mit der Arbeiter*innenklasse ver­bün­den wollen – der einzi­gen, die die Pro­duk­tion­sweise umweltverträglich umwan­deln kann –, kön­nen wir das nicht mit einem arbeiter*innenfeindlichen Pro­gramm tun.”

Im Bere­ich des grü­nen Kap­i­tal­is­mus gibt es eine reformistis­che Unter­vari­ante, die stark an Gewicht gewon­nen hat: die soge­nan­nten “grü­nen Parteien”. Auch wenn es sich um ein het­ero­genes Phänomen han­delt, das ein­er Logik des insti­tu­tionellen Drucks und ein­er mit den kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en und den Unternehmen pak­tierten Strate­gie allmäh­lich­er Refor­men unter­wor­fen ist, stellen die Grü­nen keine Per­spek­tive zur Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus auf. In vie­len dieser Parteien über­wiegt zudem die Logik, dass es zur Lösung des ökol­o­gis­chen Prob­lems notwendig ist, eine Per­spek­tive der Verän­derung des indi­vidu­ellen Ver­hal­tens einzunehmen. Eine Logik, die nicht nur utopisch ist, son­dern gle­ichzeit­ig das Cre­do der bürg­er­lichen Ide­olo­gie stärkt, die besagt, “dass die Leute für die Krise selb­st ver­ant­wortlich sind”.

In diesem Kon­text hat der so genan­nte Green New Deal (GND), der unter anderem von der jun­gen US-amerikanis­chen Abge­ord­neten Alexan­dria Oca­sio-Cortez und dem Vor­sitzen­den der britis­chen Labour Par­ty, Jere­my Cor­byn, ver­focht­en wird, in der let­zten Zeit an Gewicht gewon­nen. Der GND wird als eine “fortschrit­tlichere” Vari­ante dargestellt, funk­tion­iert aber inner­halb der Koor­di­nat­en des grü­nen Kap­i­tal­is­mus und schlägt vor, dass die mil­liar­den­schw­eren Riesenkonz­erne, die für die aktuelle ökol­o­gis­che Krise ver­ant­wortlich sind, die Infra­struk­tur entwick­eln sollen, um aus der Katas­tro­phe her­auszukom­men… und dass sie dafür erhe­bliche Sub­ven­tio­nen erhal­ten sollen.

Die Idee hin­ter der GND-Per­spek­tive ist, dass die Regierun­gen der großen Indus­trielän­der der Welt, wenn sie sich der Sit­u­a­tion bewusst wer­den, zusam­men mit den Unternehmen in der Lage wären, drastis­che Maß­nah­men zur Erhal­tung der Umwelt zu ergreifen.

Aber die Illu­sion, dass der Wider­spruch zwis­chen kap­i­tal­is­tis­chen Inter­essen und der Erhal­tung der Umwelt und des Lebens von Hun­derten von Mil­lio­nen Men­schen über­brückt wer­den kann, ist utopisch und reak­tionär.

Obwohl sie nicht außer­halb von Naturge­set­zen platziert wer­den kann, ste­ht die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise auf unter­schiedliche Weise im völ­li­gen Wider­spruch zur Natur und den natür­lichen Entwick­lung­sprozessen. Wie Diego von der CRT argu­men­tierte, “ist die Ursache für diese Art der umweltzer­störerischen Entwick­lung keine kap­i­tal­is­tis­che Irra­tional­ität, son­dern seine inhärente Logik. Sie ist das unver­mei­dliche Ergeb­nis eines Wirtschaftssys­tems, dessen Motor die Prof­it­gi­er der herrschen­den Klassen ist, auch wenn das die Zer­störung der Umwelt und des Lebens von Mil­liar­den von Arbeiter*innen und Bäuer*innen auf der ganzen Welt bedeutet.”

Strategie und Subjekt des Kampfes um die Umwelt

Wie sieht die Strate­gie der rev­o­lu­tionären Linken angesichts der Umweltkrise aus? Das war eine der Fra­gen, die die Diskus­sio­nen der Work­shops durch­zo­gen. Links vom bürg­er­lichen Reformis­mus und den dem­a­gogis­chen Ini­tia­tiv­en des “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” gibt es eine bre­ite linke Umwelt­be­we­gung: eine het­ero­gene Strö­mung, die von der Bewe­gung für Klim­agerechtigkeit, dem Ökol­o­gis­mus der Armen (“Envi­ron­men­tal­ism of the poor”) bis hin zum Ökosozial­is­mus reicht, mit wenig klaren Abgen­zun­gen untere­inan­der. Es sind Strö­mungen, die wichtige Arbeit geleis­tet haben, indem sie die Umwelt­frage mit dem Kampf der armen Sek­toren und im All­ge­meinen mit ein­er Per­spek­tive der Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus verbinden.

Bei allen Unter­schieden zwis­chen ihnen disku­tierten die Work­shops jedoch beson­ders zwei strate­gis­che Fra­gen, die aus rev­o­lu­tionär-sozial­is­tis­ch­er Sicht prob­lema­tisch sind.

Ein zen­trales The­ma ist die Über­nahme von soge­nan­nten Degrowth-Per­spek­tiv­en in weit­en Teilen dieser Bewe­gung. Diese Strö­mung, in Deutsch­land meist “wach­s­tum­skri­tis­che” oder “Post­wach­s­tums­be­we­gung” genan­nt, betont die Notwendigkeit der Schrump­fung der Wirtschaft. Sie wurde stärk­er als Reak­tion auf drei Jahrzehnte Neolib­er­al­is­mus, die Ver­tiefung der kli­ma­tis­chen und ökol­o­gis­chen Katas­tro­phe, die vom Kap­i­tal­is­mus beschle­u­nigt wurde, und das Mod­ell ein­er “hyper­kon­sum­istis­chen Gesellschaft” in den impe­ri­al­is­tis­chen Län­dern. Aber gle­ichzeit­ig posi­tion­iert sich diese Strö­mung als eine Kri­tik am Marx­is­mus, den sie mit dem Stal­in­is­mus iden­ti­fiziert, der in seinen ver­schiede­nen Reg­i­men wie Chi­na oder der UdSSR Umwelt­gräuel beg­ing.

Der von Intellek­tuellen wie dem franzö­sis­chen Ökonomen Serge Latouche pop­u­lar­isierte Degrowth-Ansatz schlägt einen indi­vidu­ellen Wan­del der Kon­sum­muster vor, häu­fig ohne Rück­sicht auf die sozialen Ungle­ich­heit­en zwis­chen den Indi­viduen, d.h. ob es sich beispiel­sweise um bürg­er­liche oder klein­bürg­er­liche Men­schen in den großen impe­ri­al­is­tis­chen Metropolen oder um prekäre Arbeiter*innen oder Bäuer*innen in den unter­drück­ten Län­dern han­delt. Darüber hin­aus kön­nte man sagen, dass er als ver­meintliche “Antithese” zum dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem inhärenten Wach­s­tum ein neg­a­tives Wirtschaftswach­s­tum befür­wortet, ohne zu berück­sichti­gen, welche Indus­triesek­toren das men­schliche Leben auf dem Plan­eten erle­ichtern und bere­ich­ern kön­nten.

Auch wenn einige Sek­toren diese Per­spek­tive aus ein­er pop­ulären, ja ökosozial­is­tis­chen Sichtweise darstellen, gibt es viele ökol­o­gis­che Bewe­gun­gen, die eine malthu­sian­is­che Sicht auf das Prob­lem haben. Das heißt, sie gehen davon aus, dass die natür­lichen Ressourcen fest­gelegt und begren­zt sind, weshalb für sie jeglich­es Wirtschaftswach­s­tum von Natur aus schlecht ist, da es Ressourcen ver­braucht, die im Laufe der Zeit erschöpft wer­den. Diese Bewe­gun­gen wur­den stark von Paul R. Ehrlich bee­in­flusst, dem Begrün­der des Öko-Kon­ser­vatismus.

Bei den Work­shops wurde aus dem Pub­likum zu Recht darauf hingewiesen, dass in ein­er von den Arbeiter*innen demokratisch geplanten Wirtschaft die Entschei­dung, ob ein Indus­triesek­tor mehr Entwick­lung benötigt oder ander­weit­ig reduziert wer­den sollte, viel ein­fach­er und effek­tiv­er wäre. Die Nicht­beach­tung des Charak­ters des Staates, oder welche Klasse das (neg­a­tive) Wach­s­tum fördert, ist ein­er der großen Män­gel der Degrowth-Strate­gie.

Wenn wir die zen­trale Frage auf den Punkt brin­gen, in der sich die “Post­wach­s­tumsstrate­gie” und die Strate­gie des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus ent­ge­gen­ste­hen, kön­nen wir sagen, dass erstere der utopis­che und reak­tionäre Ver­such ist, angesichts der sozialen Katas­tro­phe die “Not­bremse zu ziehen” (Wal­ter Ben­jamin) – und zwar nicht durch die Wel­trev­o­lu­tion als Weg zum Kom­mu­nis­mus, son­dern durch die Ablehnung der Fortschritte von Wis­senschaft, Tech­nolo­gie und Arbeit­spro­duk­tiv­ität.

In der Debat­te geht es nicht um Wach­s­tum oder Nicht-Wach­s­tum, son­dern um die Art des Wach­s­tums – was eine Folge davon ist, wer dieses Wach­s­tum kon­trol­liert. Das heißt, wer kon­trol­liert die Quellen der Wirtschaft? Mit anderen Worten: Das Prob­lem ist nicht wirtschaftlich – oder nicht nur wirtschaftlich –, son­dern grund­sät­zlich poli­tisch: Wer kon­trol­liert die poli­tis­che Macht und damit die Wirtschaft?

Hier kommt ein zweites Prob­lem hinzu, näm­lich die Frage nach dem Sub­jekt des Kampfes um die Umwelt. Ins­beson­dere die Strö­mung des Ökol­o­gis­mus der Armen betont, dass sich indi­gene bäuer­liche Grup­pen oft nach­haltig mit der Natur entwick­elt haben. Auf dieser Grund­lage schla­gen sie einen agrarischen oder „neo-nar­o­d­nikistis­chen” Ökol­o­gis­mus vor, auch wenn sie mehr von Umwelt- und Bauernkämpfen in Lateinameri­ka inspiri­ert sind, wie dem von Chico Mendes in Brasilien oder den mexikanis­chen Zapatist*innen, als vom rus­sis­chen Beispiel der Nar­o­d­ni­ki, ein­er pop­ulis­tis­chen Strö­mung, die um die Jahrhun­der­twende 1900 einen bedeu­ten­den Ein­fluss im Bauern­tum besaß. Dabei han­delt es sich um eine Per­spek­tive, die mit der Post­wach­sumsstrate­gie und der Ide­al­isierung des ländlichen Lebens und der Rück­kehr zu den alten vor­marx­is­tis­chen utopis­chen Ansätzen ver­bun­den ist, in Agrarkom­munen zu leben oder gemein­schaftliche Gemüsegärten anzupflanzen.

Aus der Sicht des Kampfes gegen die Umweltzer­störung ist es unbe­stre­it­bar, dass ein wichtiger glob­aler Akteur in diesem Kampf die Bauern­schaft und die indi­ge­nen Völk­er der hal­bkolo­nialen Län­der sind. In den meis­ten Fällen sind sie direkt (in ihren Lebens- und Repro­duk­tions­be­din­gun­gen) von den umweltzer­störerischen Aktiv­itäten des Kap­i­tals betrof­fen. Ein Prozess wahrer “Akku­mu­la­tion durch Enteig­nung”, um das Konzept des marx­is­tis­chen Geo­graphen David Har­vey aufzu­greifen. Das heißt, die Ver­wen­dung von Meth­o­d­en der ursprünglichen Akku­mu­la­tion, um das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem zu erhal­ten.

Der Kampf gegen diese Enteig­nungsmech­a­nis­men ver­läuft nicht friedlich, weit gefehlt. Diese Bewe­gun­gen verübten Hun­derte von Atten­tat­en und erlebten wirk­lich radikale Kampf­prozesse.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass viele dieser sozialen Sek­toren in zahlre­ichen Regio­nen zu einem materiellen Hin­der­nis für das Vorantreiben von Mega-Pro­jek­ten gewor­den sind, die die Umwelt zer­stören. Um jedoch eine inte­gri­erte und wirk­same Lösung für die glob­ale Umweltbedro­hung des Kap­i­tal­is­mus zu find­en, kann das Zen­trum des Kampfes nicht auf dem Land liegen, son­dern in den Städten und den großen kap­i­tal­is­tis­chen Zen­tren. Das zen­trale Sub­jekt dieses Kampfes ist die städtis­che Arbeiter*innenklasse.

Das liegt daran, dass der Wider­spruch zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit nicht ein­fach nur ein­er von vie­len Wider­sprüchen ist, die die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise charak­ter­isieren, son­dern der­jenige, der sie struk­turi­ert. Deshalb ist das Pro­le­tari­at, wenn es sich eine hege­mo­ni­ale und nicht kor­po­ratis­tis­che, also rein auf ihre eige­nen Inter­essen beschränk­te, Poli­tik gibt, die einzige Klasse, die ein wirk­lich antikap­i­tal­is­tis­ches Bünd­nis artikulieren kann. Revolutionär*innen müssen eine Strate­gie haben, um dieses Bünd­nis zu schmieden und für ein antikap­i­tal­is­tis­ches Pro­gramm zu kämpfen.

In diesem Bere­ich argu­men­tiert die ökosozial­is­tis­che Strö­mung, dass Arbeiter*innen “eine” wesentliche Kraft für jede radikale Trans­for­ma­tion des Sys­tems sind. Aber eine Kraft von vie­len, ein­fach ein weit­eres Sub­jekt, das sich dem Rest der Bewe­gun­gen anschließen muss. Das Prob­lem ist, dass es ohne pro­le­tarische Hege­monie – d.h. ohne dass die Arbeiter*innenklasse mit ihren Kampfmeth­o­d­en und ihrem Pro­gramm das Bünd­nis mit dem Rest der Unter­drück­ten anführt – keine Möglichkeit zum Sieg gibt. Die Strate­gie des Ökosozial­is­mus ignori­ert das und ist deshalb utopisch.

Revolutionäres Programm und kommunistische Perspektive

Angesichts ein­er völ­lig irra­tionalen Per­spek­tive, die uns der Kap­i­tal­is­mus anbi­etet, ist die Notwendigkeit drastis­ch­er und drin­gen­der Maß­nah­men offen­sichtlich. Und diese kön­nen nur aus ein­er ratio­nalen Pla­nung der Weltwirtschaft entste­hen. Oder wie Marx sagen würde, durch „die Ein­führung der Ver­nun­ft in den Bere­ich der Wirtschafts­beziehun­gen“.

Eine Per­spek­tive, für die die Trotzk­istis­che Frak­tion — Vierte Inter­na­tionale inner­halb der Arbeiter*innen‑, Jugend- und Umwelt­be­we­gung kämpfen muss. Wir Trotzkist*innen müssen erk­lären, dass es angesichts der Farce der Klimagipfel und der Ver­sprechun­gen des “grü­nen Kap­i­tal­is­mus” notwendig ist, ein Über­gang­spro­gramm aufzustellen, das auf eine voll­ständi­ge ratio­nale und ökol­o­gis­che Umstruk­turierung von Pro­duk­tion, Verteilung und Kon­sum abzielt.

Ein solch­es Pro­gramm ist im Rah­men des Kap­i­tal­is­mus offen­sichtlich unmöglich zu erre­ichen. Dies erfordert eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie, die die Ver­ant­wortlichen der Katas­tro­phe entschlossen kon­fron­tiert. Die Jugendlichen, die heute weltweit auf die Straße gehen, um für “Klim­agerechtigkeit” zu kämpfen, müssen ihr Pro­gramm radikalisieren, um die einzige real­is­tis­che Per­spek­tive zur Bewäl­ti­gung der Katas­tro­phe zu bieten: das Vorantreiben des Klassenkampfs zum Sturz des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems und die Über­führung aller Bere­iche der Weltwirtschaft in die Hände der Arbeiter*innenklasse.

Diese Per­spek­tive wird jedoch von der Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt. Nicht ein­mal von den Jugendlichen, die durch das Klimaprob­lem sen­si­bil­isiert und mobil­isiert wur­den. Daher war ein­er der poli­tis­chen Aspek­te, die in den Work­shops der Som­mer­akademie ange­sprochen wur­den, die Notwendigkeit, weit­er­hin ohne Sek­tier­ertum in die Fri­days-for-Future-Bewe­gung zu inter­ve­nieren. Ver­schiedene Rede­beiträge, die die Gren­zen der Bewe­gung, ihr begren­ztes Pro­gramm und ihre im Wesentlichen lib­erale oder reformistis­che Rich­tung anerkan­nten, unter­strichen zugle­ich ihren inter­na­tionalen Charak­ter und die Macht der Jugendlichen, die durch eine so großar­tige Idee mobil­isiert wur­den.

“Das Über­gang­spro­gramm, das wir ent­fal­ten müssen”
, sagte Andrés, “muss mit dem aktuellen Bewusst­sein der Bewe­gung in Dia­log treten und ver­suchen, eine Frak­tion für eine rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive zu gewin­nen. Es sei darauf hingewiesen, dass Gre­ta Thun­berg und andere Anführer*innen der Bewe­gung für den 20. Sep­tem­ber zu einem ‘Gen­er­al­streik’ aufrufen. Wir Revolutionär*innen müssen offen sagen, dass wir, wenn wir die Welt zum Still­stand brin­gen wollen, um den Kli­mawan­del zu bekämpfen, uns mit der Arbeiter*innenbewegung verbinden und die Gew­erkschafts­bürokratie – eine grundle­gende Säule des Impe­ri­al­is­mus in Län­dern wie Deutsch­land – dazu zwin­gen müssen, dass sie mobil­isiert und zu poli­tis­chen Streiks aufruft. Das bedeutet, einen starken Kampf gegen den Kor­po­ratismus zu führen, sowohl in der Studieren­den­be­we­gung als auch in der Arbeiter*innenbewegung.”

Es gibt eine große Basis für den Kampf für eine rev­o­lu­tionäre Frak­tion der Bewe­gung, die gle­ichzeit­ig ver­sucht, den Umweltkampf mit den anderen Kämpfen zu verknüpfen, die wir täglich führen: gegen den Impe­ri­al­is­mus, ras­sis­tis­che Regime, gegen LGBTI- und Fraue­nun­ter­drück­ung oder die Kämpfe, die wir in den Gew­erkschaften gegen Prekarisierung und kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung führen. Diese Kämpfe führen wir im Rah­men ein­er inter­na­tion­al­is­tis­chen und rev­o­lu­tionären Strate­gie, deren Schw­er­punkt der Klassenkampf ist. Nur so kann der Erfolg der Ziele ein­er Bewe­gung wie Fri­days For Future gewährleis­tet wer­den.

Heute ist die Irra­tional­ität des kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­ssys­tems und sein­er Pro­duk­tions- und Kon­sum­muster so weit gediehen, dass das natür­liche Gle­ichgewicht des Plan­eten und damit die Exis­tenz riesiger Teile der men­schlichen Spezies und Mil­lio­nen ander­er Arten, die auf dem Plan­eten leben, ern­sthaft gefährdet sind.

Viele Wissenschaftler*innen und Umweltschützer*innen beze­ich­nen den gegen­wär­ti­gen Moment als eine Zeit der zivil­isatorischen Krise, aus der es keinen Ausweg gibt und an die wir uns irgend­wie anpassen müssen. Diese Per­spek­tive ist nicht von der Hand zu weisen. Aber selb­st in diesem Extrem­fall bleibt das Prob­lem das­selbe: Die Anpas­sung wird entwed­er in den Hän­den des Kap­i­tals oder der enteigneten Mehrheit der Gesellschaft liegen.

Angesichts der Katas­tro­phe sät die kap­i­tal­is­tis­che Ide­olo­gie nicht nur Angst (die die Grund­lage für die oben erwäh­nte Sicher­heit­spoli­tik bietet), son­dern leugnet auch jede emanzi­pa­torische Per­spek­tive. Aus Kino und Fernse­hen erleben wir ein ständi­ge Bom­barde­ment von Dystopi­en: Es ist ein­fach­er, sich katas­trophale Wel­ten, post­nuk­leare, außerirdis­che Inva­sio­nen und sog­ar Zom­bies vorzustellen, als eine Gesellschaft, die ratio­nal das Über­leben des Plan­eten, der Men­schheit und aller Arten garantiert.

Aus diesem Grund ver­wan­delt die ökol­o­gis­che Frage den Kampf um den Kom­mu­nis­mus erneut in die einzige Per­spek­tive für die Ret­tung der Men­schheit und des Plan­eten. Ein Kampf, in dem sich die Arbeiter*innenklasse als hege­mo­ni­ales Sub­jekt posi­tion­ieren muss, indem sie Umwelt­forderun­gen nicht nur als Teil des Kampfes um die Verbesserung ihrer Lebens­be­din­gun­gen, son­dern auch um eine pro­gres­sive Lösung der zivil­isatorischen Krise, die der Kap­i­tal­is­mus vor­bere­it­et, aufn­immt.

* Artikel, der auf der Grund­lage der in den Work­shops geführten Debat­ten und der Präsen­ta­tio­nen von Andrés Gar­cés von RIO in Deutsch­land und Diego Loti­to von der spanis­chen CRT erar­beit­et wurde.

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