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Revolte im Iran: “Die Polizei erwartete nicht, dass es so ernst werden würde”

Amanda Trelles Aquino, Journalistin und Aktivistin aus Berlin, im Interview mit Athena, 30, Menschen- und Frauenrechtlerin aus dem Iran, die in der Türkei lebt, über die aktuelle Revolte im Iran.

Revolte im Iran: “Die Polizei erwartete nicht, dass es so ernst werden würde”

Athena, 30, ist eine Social Media Man­agerin und Men­schen- und Frauen­recht­lerin aus dem Iran, die in der Türkei lebt. Ihre poli­tis­chen Aktiv­itäten begann sie 2008 mit der Kam­pagne für den Reformkan­di­dat­en Mirhos­sein Mousavi. Nach den Wahlen, als der langjährige Präsi­dent Mah­moud Ahmadine­jad den Sieg für sich beanspruchte, nahm sie an den lan­desweit­en Protesten, an mitor­gan­isierten Ver­samm­lun­gen und oppo­si­tionellen Reden an ihrer Uni­ver­sität in Teheran teil. In den let­zten Jahren beschränk­te sich ihre Tätigkeit im Land darauf, das Bewusst­sein für das Schick­sal der poli­tis­chen Gefan­genen und die all­ge­meine poli­tis­che Sit­u­a­tion im Iran zu schär­fen. Als Frauen­recht­lerin über­set­zt sie Büch­er und beteiligt sich an der Organ­i­sa­tion poli­tis­ch­er Kam­pag­nen für Frauen­rechte im Nahen Osten.

Im Iran gibt es seit Fre­itag, dem 15. Novem­ber einen mas­siv­en Auf­s­tand. Wie kon­nte die Erhöhung des Ben­z­in­preis­es zu solchen gewalti­gen Protesten führen?
Seit Jahren rationiert die Regierung das Ben­zin. Mit dem Preis von 10.000 iranis­chen Rials (0,27 €) pro Liter. Am Fre­itag gaben sie bekan­nt, dass der neue Preis 15.000 iranis­che Rials (0,41 €) pro Liter betra­gen wird. Dieser Preis gilt für 60 Liter pro Monat. Wenn man mehr benötigt, wird es für 30.000 iranis­chen Rials (0,82 €) pro Liter verkauft. Das ist das dreifache des ursprünglichen Preis­es. Für die meis­ten Men­schen im Iran war das eine schreck­liche Nachricht. Die schwierige wirtschaftliche Sit­u­a­tion zwang die Men­schen bere­its in die Knie. Viele Leute haben begonnen, zusät­zliche Arbeit­en für Uber-ähn­liche Taxi-Plat­tfor­men wie Snap und Tap30 zu erledi­gen – so dass dieser Preisanstieg sofort spür­bar war. In der Prov­inz Chuzes­tan, mit ein­er ara­bis­chen Mehrheit, kön­nen viele Men­schen ihr Leitungswass­er nicht trinken, anders als im Rest des Lan­des. Die Men­schen dort müssen ihr Wass­er in von Wasser­tankern kaufen. Der Preis pro Wasser­tanker ver­dop­pelte sich auf­grund des Preisanstiegs. Und das war erst am ersten Mor­gen nach der Nachricht. Für viele Men­schen würde das tägliche Leben also nur extrem teur­er wer­den – und die Men­schen geri­eten in Panik.

Wie haben die Men­schen ange­fan­gen zu protestieren?
In der Nacht der Ankündi­gung reagierten die Leute auf Social Media – auf twit­ter und auf insta­gram. Insta­gram ist eigentlich das einzige Social Media, das im Iran nicht block­iert wurde.

Einige Leute drück­ten ihre Wut aus, andere bat­en ihre fol­low­er, etwas zu tun. Die Men­schen began­nen, Botschaften darüber zu ver­bre­it­en, wie sie auf die Straße gehen wür­den und ihre Autos dort ste­hen zu lassen, inspiri­ert von Protesten in anderen Län­dern. Die ersten Videos, die ich sah, waren aus Isfa­han, wo die Leute in ihren Autos hupten und sich nicht bewegten. Dann ent­standen immer mehr Videos. Men­schen block­ierten die Straßen mit kleinen Steinen, set­zten sich auf Auto­bah­nen und so weit­er. Sie began­nen sich in den Haupt­straßen ihrer Städte zu ver­sam­meln, auch ohne ihre Autos.

Hat die staatliche Repres­sion sofort begonnen? Und gegen wen richtet sie sich?
Es war eigentlich eine kleine Über­raschung. Die Leute erwarteten nicht, dass so viele andere mit­machen wür­den, und die Polizei erwartete nicht, dass es so ernst sein würde. Zuerst ging es in den Slo­gans um Kor­rup­tion und darum, wie der Staat das Ölgeld ver­loren hat und wie er sein Geld jet­zt von den Men­schen nehmen will, unter Bezug­nahme auf die wirtschaftliche Sit­u­a­tion und all die Kor­rup­tion­sskan­dale der Regierung in let­zter Zeit. Sie riefen auch, dass die Regierung Geld nach Palästi­na schickt und dass sie wollen, dass das Geld der Bevölkerung zu Gute kom­men soll. Die Demonstrant*innen bedeck­ten ihre Gesichter nicht wie in der Ver­gan­gen­heit. Es war zunächst ein wirk­lich ruhiger und friedlich­er Protest.

Nach und nach mis­chte sich die Polizei ein und es gab ein Bild, das Men­schen zeigte, die die Verkehrskam­eras bedeck­ten. Die Gewalt begann an diesem Nach­mit­tag zu eskalieren. Eines der ersten Videos zeigt die Rev­o­lu­tion­s­garde in Mash­had. Die Per­son die filmt sagte, dass die Garde Fen­ster zer­schlu­gen, und man kann Autos mit kaput­ten Wind­schutzscheiben sehen, die von ihnen umgeben sind. Dies geschah am Sam­stagabend. Die Leute erwarteten, dass die Polizei und die Rev­o­lu­tion­s­garde anfan­gen wür­den, wie üblich zu unter­drück­en, aber anscheinend hat­ten die Leute keine Angst mehr. Sie blieben und wehrten sich, und im Gegen­zug wurde die Garde aggres­siv­er. Universitätsstudent*innen in Teheran und anderen Städten haben sich den Protesten angeschlossen, und sie wur­den ver­haftet, in Kranken­wa­gen aus der Uni­ver­sität gebracht. Wir wis­sen nicht, was jet­zt mit ihnen passiert. Die Men­schen in Shi­raz gaben der Polizei Blu­men was mit dem Ein­satz von Wasser­w­er­fern beant­wortet wurde. In Ker­man­shah, Kur­dis­tan, trieben die Men­schen die Rev­o­lu­tion­s­grade mit Steinen zurück, und wur­den mit Trä­nen­gas beschossen. Am frühen Son­ntag gab es Videos von Men­schen in Schi­raz und Sir­jan, die von den Rev­o­lu­tion­s­gar­den erschossen wur­den. Wegen der Sit­u­a­tion mit dem Inter­net ist es schw­er her­auszufind­en, wie viele Men­schen getötet und ver­let­zt wur­den. Amnesty Inter­na­tion­al hat am Mon­tag, den 18. Novem­ber, 106 Per­so­n­en gemeldet. Einige Plat­tfor­men haben bis Don­ner­stag­mor­gen mehr als 200 Tote gezählt.

Im Moment gibt es keine Möglichkeit, mit Men­schen im Iran zu kom­mu­nizieren. Wann wurde das Inter­net durch den Staat abgeschal­tet?
Ja, als die Proteste am Son­ntag weit­ergin­gen, wurde die Inter­netverbindung schwäch­er. Dann hat der Staat es kom­plett abgeschal­tet. Nur eingeschränk­te Bere­iche und einige wenige Serv­er in Teheran funk­tion­ieren und wer­den beobachtet. Die meis­ten der Nachricht­en, die wir in den let­zten Tagen haben, sind durch Anrufe bei Freund*innen im Iran ver­bre­it­et wor­den. Auch durch einige Videos, die sie über diese eingeschränk­ten Serv­er senden kon­nten. Leute, die Videos gemacht haben, wer­den jet­zt allerd­ings ver­haftet. Die iranis­che Bevölkerung wird immer isoliert­er und hil­flos­er.

Was kannst Du uns über die Ver­haf­tun­gen sagen? Welch­er Art von Repres­sio­nen und Ver­fahren sind die Men­schen aus­ge­set­zt?
Die Sit­u­a­tion für poli­tis­che Gefan­gene war im Iran immer hart. Sie wer­den meist mit falschen Vor­wür­fen angeklagt, zum Beispiel wer­den sie vom Regime als Sicher­heits­ge­fan­gene oder Spi­one für Israel oder die Vere­inigten Staat­en beze­ich­net. Sie kön­nen nicht den Anwalt ihrer Wahl haben. Es gibt nur bes­timmte Anwälte, die der Staat ihnen zuweist. Aber die meis­ten poli­tis­chen Gefan­genen wer­den ohne einen Anwalt oder die Chance auf eine tat­säch­liche Vertei­di­gung verurteilt. Viele wer­den gefoltert und gezwun­gen, im öffentlichen Fernse­hen Geständ­nisse abzule­gen. Auch die Fam­i­lien der poli­tis­chen Gefan­genen wer­den unter Druck geset­zt. Und das nicht nur für Aktivist*innen im Iran. Viele Aktivist*innen außer­halb der Gren­zen des Iran machen sich Sor­gen um ihre Fam­i­lien. Die Regierung hat in der Ver­gan­gen­heit Fam­i­lien von Exilaktivist*innen ver­haftet. So wurde beispiel­sweise in der Ver­gan­gen­heit der Brud­er von Mas­sih Aline­jad ver­haftet, um sie unter Druck zu set­zen, ihre dis­si­dente jour­nal­is­tis­che Arbeit im Aus­land einzustellen. Oder der Staat nimmt den Fam­i­lien von poli­tis­chen Aktivist*innen ihr Eigen­tum weg, um sie zu zwin­gen, in den Iran zurück­zukehren.

Die aktuellen Proteste wur­den als “führungslos­er Auf­s­tand” beze­ich­net.
Ja, dieser Auf­s­tand scheint keine Anführer zu haben, und mit Aus­nahme der Arbeiter*innen der Zuck­er­fab­rik Haft Tapeh, die in einen Streik getreten sind, gab es bei den Protesten keine Anze­ichen von Gew­erkschaften oder anderen Arbeit­eror­gan­i­sa­tio­nen. Die meis­ten Nachricht­en und Videos zeigen Men­schen­massen mit wirtschaftlichen Bedenken, die die Mul­lahs loswer­den wollen. Die Leute schreien: “Gas wurde teur­er und die Armen ärmer”, “Nieder mit dem Dik­ta­tor”, “Rohani/Khamenei lasst das Land in Ruhe”, “Akhond (mul­lahs): Ver­schwindet!”. Einige Demonstrant*innen set­zten Banken, Gerichts­ge­bäude und Reli­gion­ss­chulen in Brand.

Wie kön­nte das Inter­net ohne die Zus­tim­mung des Regimes in den Iran zurück­ge­bracht wer­den?
Die Men­schen brauchen eine sichere Möglichkeit, sich im ganzen Land miteinan­der zu verbinden, Nachricht­en und Videos zu versenden und diese Nachricht­en endlich über die Gren­zen hin­auszu­tra­gen. Es wur­den einige Net­zw­erke vorgeschla­gen, die Tele­fone ohne Inter­net über Blue­tooth und WiFi verbinden. Ein­er von ihnen ist bridge­fy, die in Hongkong ver­wen­dete App. Aber nicht viele Men­schen sind sich dieser Möglichkeit­en bewusst und wis­sen nicht, wie man sie bekommt und wie man sie nutzt.

Auf der anderen Seite haben viele Men­schen auch Angst, sie zu benutzen und ihre Iden­tität und Tele­fon­num­mer auf Plat­tfor­men zu veröf­fentlichen, zu denen die Regierung Zugang erhal­ten kön­nte. Daher wäre jedes Medi­um, das nüt­zliche Infor­ma­tio­nen und Anweisun­gen über diese Art von Net­zw­erken liefert, im Moment hil­fre­ich. Jede Art von Finanzierung für die Entwick­lung sicher­er Apps und deren Ver­sand an Iraner*innen würde helfen. Die Regierung braucht das Inter­net für ihr eigenes Geschäft, also müssen sie sich irgend­wann wieder verbinden. Aber bis dahin wird es für die Demonstrant*innen, die ger­ade ver­haftet und getötet wer­den, zu spät sein. Darüber hin­aus hat das Regime ver­sucht, ein eigenes Intranet, ein nationales Net­zw­erk, aufzubauen, den Geschäfts­be­trieb aufrechtzuer­hal­ten und die Bürger*innen für immer von den inter­na­tionalen Verbindun­gen auszuschließen. Dazu sind sie im Moment nicht in der Lage, aber es scheint wirk­lich eine Frage der Zeit zu sein. Früher oder später wer­den die Men­schen im Iran satel­litengestütztes Inter­net und Tele­fone benöti­gen, um die Iso­la­tion zu bekämpfen. Und das kann nicht ohne inter­na­tionale Unter­stützung geschehen.

# Inter­view: Aman­da Trelles Aquino ist Jour­nal­istin und Aktivistin aus Berlin. Sie hat in Südameri­ka, Europa und im Nahen Osten gelebt.
#Titel­bild: mid­dle-east-online

 

Dieser Text erschien zuerst im Low­er Class Mag­a­zine.

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