Release the Files: Ein systemischer Missbrauch namens Kapitalismus

19.11.2025, Lesezeit 6 Min.
1
Foto: Philip Yabut/shutterstock.com

Ein Blick auf die Normalisierung sexualisierter Gewalt in den 90ern – und auf unsere Zukunft.

Während ich dies schreibe, stimmt der US-Senat gerade über die Veröffentlichung eines der meistdiskutierten Themen des Jahres 2025 ab, die Epstein-Akten. Annie Farmer, eines der Opfer Epsteins, sprach heute Morgen vor der Senatssitzung und erklärte mutig, dass es sich hierbei nicht um eine „parteiübergreifende Angelegenheit“ handele, sondern um einen institutionellen Verrat, der das ganze Ausmaß der Verkommenheit im Fall verdeutliche. Ich bin fest davon überzeugt, dass die aktuellen Ereignisse auf ein tiefgreifendes systemisches Problem hindeuten, dem wir uns mutig und offener Augen stellen müssen. 

Die Normalisierung sexualisierter Gewalt in den 1990ern

Jeder, der das „Glück“ einer Geburt vor 1990 hatte, hat wahrscheinlich sehr deutliche Erinnerungen an die verbreitete und tolerierte sexualisierte Gewalt, die in diesem Jahrzehnt stattfand. Jedes junge Mädchen oder jeder Teenager lernte, dass wir bereit sein mussten, mit dem Lehrer, Professor, Chef, Direktor, CEO und so weiter Sex zu haben, um in einem Beruf erfolgreich zu sein — ob wir wollten oder nicht. Frauen und Teenager wurden bestenfalls als unterwürfige Objekte angesehen und oft als entbehrlich. Jeder weiß, dass Trump, Epstein, Clinton, Cosby und Weinstein reiche Kapitalisten sind und/oder aus reichen Kapitalistenfamilien stammen und ihre Macht genutzt haben, um großen Schaden anzurichten. Unzählbar die Menge der vulgären Kommentare über Frauen, die entweder der Erniedrigung oder als hinterhältiges Kompliment dienten. Ich bin mir sicher, dass jede von uns etwas Abscheuliches zu hören bekam. Frauen in den 90er Jahren lernten sehr schnell die missbräuchliche Macht reicher Kapitalisten und die scheinbare Notwendigkeit kennen. Ebenso lernten sie, mit ihnen zu „kooperieren“. 

Niemand hörte Frauen oder Mädchen zu, obwohl ihnen gesagt wurde, sie sollten sich jemandem anvertrauen. Frauen wurden nicht nur als Schlampen beschimpft, sondern auch dafür erniedrigt, wenn sie sich gegen Sex entschieden. Uns wurde von klein auf beigebracht, wie man andere Frauen im Umfeld erfolgreich erniedrigt, um selbst weiterzukommen. Das wohl denkwürdigste Beispiel dafür ist der Clinton/Lewinsky-Skandal von 1997/1998. Wir alle wissen, was passiert ist; wir alle wissen, dass der damalige US-Präsident und Demokrat Bill Clinton die damalige Praktikantin Lewinsky missbraucht hat, und mit ziemlicher Sicherheit auch andere; und er kam damit durch. Dies hat leider den Ruf von Frau Lewinsky enorm geschädigt und sie zur Zielscheibe von Spott, Scham und Witzen gemacht, die bis heute anhalten. 

Fast dreißig Jahre später werden die Vereinigten Staaten erneut von einem Kumpel Epsteins regiert. Donald Trump nutzt den Missbrauch Clintons, um die Menschen dahingehend zu manipulieren, seine eigenen Missbrauchshandelungen zu verteidigen. Damit hat er in seiner vorherigen Präsidentschaft nicht nur eine, sondern zwei Impeachments (Amtsenthebungsverfahren) überstanden – und Clintons Impeachment wie einen angenehmen Spaziergang am Strand an einem warmen Sommerabend erscheinen lassen. 

Das Problem geht tiefer als Epstein, Trump oder Clinton

Epsteins Taten waren nicht nur Verbrechen, sondern ein Geschäftsmodell. Epstein lebte davon und erzielte immense Gewinne, indem er seine reichen und mächtigen kapitalistischen Freund:innen gleichzeitig unterstützte und erpresste. Er baute geschickt ein internationales Netzwerk auf, zu dem unter anderem die britische Königsfamilie und der ehemalige israelische Premierminister Ehud Barak gehörten.

Es gibt niemals eine Entschuldigung für sexuellen Missbrauch oder die Ausübung sexualisierter Macht über andere Menschen. Jede einzelne Person, deren Name in diesen Akten aufgeführt ist, hat sich mit Sicherheit schwerwiegender Taten schuldig gemacht. Was ist die angemessene Reaktion? Was sagen wir den Opfern, die tief traumatisiert sind? Ich glaube, das Mindeste – das „bare minumum“ – ist, alle Akten im Zusammenhang mit Epstein freizugeben, und zwar sofort. Ich denke jedoch, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir glauben, dass die kapitalistischen Politiker:innen freiwillig die ganze Wahrheit preisgeben werden – warum sollten sie auch, wenn sie oder ihre Kolleg:innen wahrscheinlich in  Zusammenhang mit schweren Straftaten genannt werden? Dem Präsidenten, dem Senat und dem Kongress kann man nicht trauen. Sowohl Demokraten als auch Republikaner sind mit Sicherheit involviert und man kann ihnen nicht glauben, dass sie die Akten korrekt veröffentlichen werden. Die Akten müssen den Opfern, ihren Familien und Arbeiter:innenorganisationen zugänglich gemacht werden, damit die Wahrheit endlich ans Licht kommt, ohne dass Namen von Personen oder Unternehmen verschleiert werden. 

Das Problem reicht weit über Epstein, Trump oder Clinton hinaus; es geht um den systemischen Missbrauch namens Kapitalismus. Wir können niemals frei sein, solange wir uns darauf verlassen, dass bürgerliche Politiker:innen „das Richtige tun“ – das haben sie nie getan und werden es auch nie tun. Die Polizei wird uns nicht befreien, indem sie Milliardär:innen ins Gefängnis steckt, denn unter dem Kapitalismus werden einfach neue Milliardär:innen aufsteigen und die Unterdrückung fortsetzen. Wir als Arbeiter:innen müssen uns zusammenschließen und fordern, dass die kapitalistischen Medien und das Finanzkapital, die diesen Missbrauch ermöglicht haben, sei es aktiv oder durch systematisches Schweigen, unter Kontrolle der Arbeiter:innen enteignet werden. Dieses politische Problem reicht weit über Republikaner oder Demokraten hinaus. Beide Parteien haben immer wieder gezeigt, dass für sie nur der Dollar zählt. Wie Annie Farmer sagte, handelt es sich hierbei in der Tat um einen institutionellen Verrat. Die Antwort auf diesen Verrat besteht jedoch nicht darin, darauf zu vertrauen, dass kapitalistische Politiker:innen das tun, was wir wollen, oder zu fordern, dass „gute Politiker:innen“ gewählt werden. Die Antwort lautet, dass wir als Arbeiter:innen Macht über uns selbst erlangen – und die Freiheit, nicht nur etwas zu fordern, sondern auch sicherzustellen, dass wir die Kontrolle und das Recht haben, uns selbst zu regieren.

Abschließend möchte ich sagen, dass die jüngsten Wahlen und die „blaue Welle“ (der Sieg der Demokraten in mehreren Wahlen gleichzeitig) in der Tat etwas sehr interessantes gezeigt haben: nämlich wie sehr insbesondere die jungen Menschen in New York City die etablierten Kräfte satt haben. Die Wahl von Zohran Mamdani war kein Votum für die Demokraten, sondern ein klares und deutliches Votum gegen Trump und gegen das demokratische Establishment. Die Leute haben es satt, für das „kleinere Übel“ zu stimmen, wie ich auch. Sie haben genug von Republikanern, Demokraten und Kapitalismus und brauchen ihre eigene Partei, eine sozialistische Partei, die unabhängig von den gescheiterten etablierten Parteien ist. Wir haben die Verantwortung, auf ihre Stimmen zu hören, uns ihren Forderungen anzuschließen, dass genug genug ist, und uns zu weigern, weiterhin an diesem Verrat und dieser Selbstgefälligkeit teilzunehmen.

Mehr zum Thema